Dr. phil. Nanna Hucke
»Die Ordnung der Unterwelt«
Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer« und den Interpretationen seiner Deuter.
Zum Thema „psychoanalytische Literaturwissenschaft“ werden im deutschen Teil der INFC-Seite bereits zwei kritische Arbeiten von Asbjørn Tjeldflåt vorgestellt. Der norwegische Literaturwissenschaftler zeigt in seinen Beiträgen die methodischen Probleme auf, die bei der Übertragung psychoanalytischer Theoreme in die Literaturtheorie entstehen.
Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Nanna Hucke nun macht einen Vorschlag zur Lösung dieser Probleme und beschreitet im Rahmen der psychoanalytischen Literaturwissenschaft einen neuen Weg: Der Text des Interpreten selbst wird zum Deutungsobjekt. Was wissenschaftliche Interpreten und Leser im Allgemeinen unbewusst und unreflektiert an den fremden Text herantragen, stellt Hucke in den Mittelpunkt der Betrachtung und macht damit erstmals in der Geschichte der neueren deutschen Literaturwissenschaft Projektionen im psychologischen Sinne sichtbar.
Praktikabel ist eine solche Analyse von Leserprojektionen allerdings nur auf der Basis einer ebenso ausführlichen wie gründlichen Untersuchung des Primärtextes und den damit verbundenen Absichten des Autors. Hinsichtlich Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer« präsentiert Hucke eine Fülle neuer Forschungsergebnisse, die den Inhalt des Textes aus der Sicht des Autors näher bestimmen. Etliche der bisherigen Interpretationen erweisen sich vor diesem Hintergrund als auf Projektionen basierende „Science-Fictions“.
In diesem Zusammenhang übt Hucke in ihrer Arbeit auch Grundsatzkritik an der psychoanalytischen sowie der allgemeinen Methodik der Literaturwissenschaft, die sich unter hermeneutischen Gesichtspunkten als wesentlich durch die Psychoanalyse beeinflusst zeigt (siehe v.a. die Kapitel 1.3 und 1.4). Im Zentrum der Kritik stehen die etablierten Begriffe von „Übertragung“ und „Projektion“, die sowohl für die psychoanalytische wie auch die literaturwissenschaftliche Deutungspraxis ein erhebliches Problem mit sich bringen: Wie in den Augen des Analytikers der Analysand und seine Imaginationen, so stehen in den Augen des analytischen Lesers der Autor und dessen Imaginationen im Zentrum literaturwissenschaftlicher Forschungen. Lesern und Interpreten erklärte sich der Inhalt literarischer Texte bisher stets einseitig vom Standpunkt des Autors her, den sie jedoch aufgrund ihrer eigenen verzerrenden Projektionen nicht annähernd objektiv verorten konnten. Eine gründliche Überprüfung des Leserstandpunktes, die eine Verortung des Autorstandpunktes erst ermöglichen würde, nehmen Leser und Interpreten in der Regel bis heute nicht vor und sind sich ihres persönlichen Anteils am Text bzw. dessen Inhalt entsprechend unbewusst.
Huckes auf jahrelanger Selbstanalyse basierende Erkenntnisse zeigen, dass und wie Texte sich zur umfassenden psychischen und weltanschaulichen Selbstreflexion eignen: In ihrer Unpersönlichkeit gleicht die Beziehung zwischen Leser und Autor dem in der Psychoanalyse angestrebten Ideal der »tabula rasa«, d.h. der freien Projektionsfläche. Sie hat gegenüber der Beziehung zwischen Analytiker und Analysand jedoch einen entscheidenden Vorteil: Der Autor, auf den der Leser projiziert, kann weder mit Projektionen antworten noch sich zum (Fehl-) Deuter aufschwingen. Er ist zunächst das alleinige Deutungsobjekt des Lesers und bietet ihm damit die Möglichkeit, sich durch eine gründliche Analyse seiner Vorstellung vom anderen die unbewussten Eigenschaften seiner selbst zu vergegenwärtigen.
Hucke hält diese Form der Selbstreflexion des Lesers im Text für die unabdingbare Voraussetzung, um zu objektiveren Erkenntnissen über Textinhalte zu gelangen.
Die Studie ist open access und als Buch erschienen (ISBN 978-3-86582-943-6). Ihre Lektüre setzt keine Kenntnisse von Hans Henny Jahnns Werken voraus.
Zugang zum Dokument im Online-Publikations-System der Universität Konstanz
http://kops.ub.uni-konstanz.de/volltexte/2009/8775/
Nanna Hucke, geb. 1971, studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft, promovierte über Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer« und lebt als freie Autorin in Konstanz.