Liebe Mitglieder, sehr geehrte Damen und Herren,
Das zweite Rundschreiben in diesem Jahr fällt wieder kurz aus. Auf fast allen behandelten Gebieten sind die Entwicklungen gegenläufig. Was unsere kleine Gruppe ihnen, etwa aktuellem Psychiatriemißbrauch, der mangelhaften Aufarbeitung stattgehabter Mißbräuche*, dem ausufernden Schwindel der Psychoanalyse etc. entgegensetzen und für eine ethische „Seelenheilkunde“ und eine menschenwürdige Gesellschaft leistet, leisten kann, ist bescheiden. Daß unsere mageren finanziellen Ressourcen unsere Veröffentlichungen schon auf das Dringendste einschränken, wissen Sie längst. Noch aber ist die Fortsetzung der Arbeit möglich, sinnvoll ohnedies.
* Wie die wahrheitsgemäße Aufarbeitung des DDR-Psychiatriemißbrauchs, die Klärung selbst tödlich ausgegangener Fälle der „Polit-Psychiatrie“ von den zuständigen deutschen Instanzen ausgebremst werden, dazu empfiehlt sich u.a. ein Blick in eine unabhängig von uns erstellte Webseite: www.medienfabrik-b.de/beta01/text.html.
Kürzlich konnten wir bei einem Beraterseminar des Bundes der stalinistisch Verfolgten (BSV) unsere Themen, besonders das des Mißbrauchs von Psychiatrie und Psychologie in der ehemaligen DDR ausführlich darlegen. Daß unsere GEP aus öffentlichen Mitteln, wie sie zur Aufarbeitung der von deutschen Diktaturen begangenen Verbrechen sonst zur Verfügung stehen, über drei Jahrzehnte nicht einen Groschen erhalten hat, rief Erstaunen hervor. Offensichtlich wird menschenrechtliches Engagement, das ohne öffentliches Geld auskommt, weithin für gar nicht möglich gehalten. Der Vortragstext soll im nächsten (größeren) Rundschreiben erscheinen.
Der weiteren Aussendung des letzten Rundbriefs 1/05 über den Kreis der Mitglieder und Freunde hinaus mußten wir übrigens folgende Notiz noch beilegen:
Als wir den Rundbrief Ende September ins Netz stellten, löschten wir das Kapitel 5.6. Es war uns von nahestehender Seite mitgeteilt worden, das Buch, dem es entstammte, weise doch antisemitische Tendenzen auf. Solche liegen uns fern. Wir halten sie hier gar für besonders deplaziert. Die neue Freud-Kritik ist streng wissenschaftlich und wird großenteils von jüdischen Gelehrten getragen. Ihnen ist die wissenschaftliche Welt zu großem Dank verpflichtet. Daß die Vorgänge um die Psychoanalyse wie andere Unregelmäßigkeiten in der „Seelenheilkunde“ nüchtern in allen Aspekten ausgeleuchtet werden, bleibt unverändert geboten. In Frankreich ist Anfang September ein LIVRE NOIR DE LA PSYCHANALYSE (Schwarzbuch der Psychoanalyse) erschienen – laut FAZ vom 27.09.05 ein „Bestseller“. Langsam kommt die Wahrheit doch voran.
Nun enthielt die Notiz unvermeidlich Unfertiges. Jacques Bénesteau, dessen großes, wiederholt vorgestelltes Buch MENSONGES FREUDIENS (Freudsche Lügen) im Jahr 2002 schon die Freud-Kritik in Frankreich eröffnete, blieb aus dem 40-köpfigen Radaktionsteam des SCHWARZBUCHs ausgeschlossen - wegen angeblicher rechts-extremer Neigungen. Da üble Nachrede selten ungestraft bleibt, erhoben Freudianer, „Lacanier“ bald solche Vorwürfe („politisch anrüchig“, „faschistisch“ etc.) auch gegen das (links-gestützte!) Schwarzbuch selbst. Spritzer davon erreichten auch uns. Wegen der guten Worte, Segenswünsche, die uns Erzbischof Cordes einmal zukommen ließ (RB 2/03,5.6), unterstellte man, wir seien ein Ableger des Vatikans. Auch Verbindungen zur Scientology wurden uns ja schon angehängt. Die Anwürfe beeinträchtigen zur Zeit wohl etwas den Elan der Kritiker, die Wirkung der Freud-Kritik, von der freilich in Deutschland ohnedies kaum etwas zu merken war. Inhaltlich steht sie auf unverändert festen Füßen. Sie wird sich durchsetzen. Daß wir aber seit 30 Jahren ein eminent humanitäres Anliegen vertreten und nichts anderes, das kann und wird uns niemand nehmen. Bénesteau stellte bei Gelegenheit einer Neufassung der Einführung zur französischen INFC-Webseite folgende Erklärung voran:
„Geschichtlich gesehen, ist unsere“ (auch französische) „ INFC-Website ein Sproß der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft... Die GEP widmet sich seit langem ethischen Fragen psychologisch-psychiatrischer Gesundheitspflege... Im Bewußtsein der Verbrechen der Nazi-Psychiater hielten es (ihre Mitglieder) für unerläßlich, ähnlichen Vorgehensweisen gegenüber politischen Dissidenten entgegenzutreten, die seinerzeit in der Sowjetunion aus der Lehre etwa von einer „Schizophrenie ohne Symptome“ herrührten. Aus ihrer wissenschaftlichen und ethischen Position heraus gelangten die Mitglieder der GEP dazu, sich gegen das Eindringen von Pseudowissenschaften auch in die westliche Psychiatrie zu wenden, so gegen die Psychoanalyse...“
Mit Stolz können wir die zwar nicht häufig, aber doch immer wieder auch im Ausland ausgesprochene Würdigung unserer Arbeit verbuchen.
Den Verfall der westlichen Gesellschaft beklagen viele. Viele Gruppen und auch einzelne erlauchte Gelehrte gibt es im Land, die da das verbreitete Einknicken vor dem Kommunismus, dort das sich ausbreitende Verbrechen, die Hinnahme der Abtreibung, die Verkümmerung der Schule (Pisa), die Ausbreitung von Schundliteratur etc. beklagen und doch allesamt 1.) das jeweilige Gebiet als allein gefährdet behandeln, 2.) als alleinige Tugend-Hüter auftreten und 3.) kaum je die historischen, ideellen und organisatorischen Zusammenhänge in all den Umbrüchen berühren. In jüngster Zeit erst, so scheint es, bequemen sich manche tiefer zu schürfen, nennen etwa als Hauptgrund für die „Transformation“ der Gesellschaft zur „Spaß“- oder doch eher schon Kummergesellschaft die 68er Kulturrevolution und nennen als einen Hauptgrund für deren Erfolg die weitgehende Kapitulation der Kirche. Selbst die aber, die solche Wahrheit aussprechen (**) haben in dem Verfall über Jahrzehnte das eigentliche Wirkmoment ignoriert, die Psychoanalyse. Vielfach haben sie sie gar mit gefördert. Das gesamte bürgerliche Lager blieb dieser schillernden, heilkundlich verbrämten, ärztlich gestützten Schwindel- und Zerstörungsmacht, der westlichen Variante des systematisch-politischen Psychiatriemißbrauchs gegenüber gebannt, gelähmt. Wir haben wohl tiefer als andere an die Wurzel der Übel gerührt, sind ihr fast beigekommen. Tief genug waren wir wohl immer noch nicht. Wer aber half uns, wirklich auf den Grund zu kommen?
** Dr. A. Häußler in MITWISSEN MITTUN Nr. 15: "..leider hat man sich kirchlicherseits kaum gegen die Kulturrevolution zur Wehr gesetzt... Der Verdacht, daß auch katholische Verbände seit 1968 von den verdeckt arbeitenden Kulturrevolutionären unterwandert wurden, ist daher nicht ganz auszuschließen...“
Wie aktuell auch der „klassische“ Psychiatriemißbrauch, unser altes, „ewiges“ Thema, weiterhin ist, möge Ihnen eine Meldung der britischen Wochenzeitung The Guardian Weekly vom 28.09. 2005 zeigen. Üble Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan - die Bundesregierung unterhält dort den Militärstützpunkt Termes - melden deutsche Zeitungen immer wieder. So weit wir sehen, hat keine über folgenden Vorfall berichtet.
„Usbekische Menschenrechtsaktivistin in psychiatrischem Gewahrsam
Eine führende Menschenrechtsaktivistin in Usbekistan wurde – Widerhall sowjetischer Praxis – in ein psychiatrisches Krankenhaus gesperrt, nachdem sie gegen die Regierung gerichtete Flugblätter verteilt hatte. Diese beleidigten nach Ansicht der Strafverfolgungsbehörde das Staatswappen. Elena Urlajewa hatte vordem Präsident Islam Karimow wegen des Massakers im Mai 2005 in Andijan kritisiert, bei dem Regierungstruppen angeblich Hunderte unschuldiger Protestierer erschossen.“
Auch diese kurzen Zeilen könnten Ihnen zeigen, wie notwendig die Arbeit der GEP weiterhin ist, die Arbeit der tatsächlich einzigen Gesellschaft im Land, die Unrecht im Umkreis der „Seelenheilkunde“ aufgreift. Daß die Arbeit an allen verschiedenen Schwerpunkten in jedem Fall schwierig bleiben wird, steht fest. Auf den letzten inhaltsreichen Rundbrief hin sind sehr wenige Spenden eingegangen. (Zur Erinnerung: Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt E 60.-). Nach dem Kassenstand des Vereins wäre die Arbeit längst einzustellen. Mehr aber noch als von Ihrer finanziellen Unterstützung wird das Fortwirken der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft von Ihrer ideellen Mithilfe abhängen. Daß die Beraterversammlung eines anderen Verbandes unsere Darlegungen für seine Mitglieder als hoch relevant angenommen hat, stellt eine in 30 Jahren noch nicht dagewesene Erweiterung unseres Wirkradius dar, ist Ermutigung und Verpflichtung zugleich.
Mit bestem Dank für das, was Sie an Hilfe im vergangenen Jahr geleistet haben, der Bitte, uns Ihre Unterstützung auch im neuen Jahr weiter zu geben und mit den besten Wünschen für Sie im Jahr 2006
Dr. F. Weinberger Prof. Dr. K. Dieckhöfer
Vorsitzender 2. Vorsitzender