Rundbrief 2/04                          

Liebe Mitglieder, sehr geehrte Damen und Herren!

Weil die Möglichkeit eines  Fortwirkens der GEP lange wieder in Frage stand[1], aber auch weil der Her­aus­geber des Rundbriefs, F. Weinberger, von einigen Um­stellungen betroffen ist (Beendigung der nervenärztlichen Praxis­tätigkeit, Umzug an neuen Wohn­­ort, an den auch unser Sekretariat mit­wandern soll –  s.u.), kann in die­sem Jahr nur noch ein verkürzter Brief auslaufen. Er stützt sich großenteils zudem auf anderenorts schon Publizier­tes, ist erneut streitbar, nicht sehr weihnacht­lich, ist aber notwen­­dig und erfüllt nun doch noch das fast schon tra­di­tionellen GEP-Maß zweimal jährlicher Mitteilungen.

Wir bringen den offiziellen Bericht der Akademie für politische Bildung Tutzing über die Tagung zur „po­li­ti­schen Psych­iatrie“, über die wir in RB 1.04 schon berichteten. Wir tun es, obwohl wir natürlich nicht jedes Wort unterschreiben. Es scheint darin aber, wie bei der Tagung selbst, zum ersten Mal eine wahrheitsgemäße Behandlung der Mißbrauchsthematik durch eine Main­­stream-In­­sti­tution auf. Es wurden hier zum anderen auch die verschieden politisch motivier­ten Vergehen im Fach, die erst kurz zurück­liegenden wie die länger schon vergangenen, endlich einmal ins Ver­hält­nis, in den Zusammenhang  gebracht, die letzte­ren dabei fraglos die monströseren, alle aber gleichermaßen Menetekel. Daß aber so viele Experten hier reden und dort schwei­gen, hinterläßt immer mehr den Goût, es werde

Ende Dezember 2004

in Deutsch­land nur geredet, wo’s gefahrlos ist und dem Zeitgeist entspricht.

Im Weiteren geben wir noch eine kürzlich im Deut­schen Ärzteblatt erschienene Würdigung unseres verstorbenen Ehrenpräsidenten wieder, des großen  Aus­nahmemenschen (eines der wenigen) unter den deutschen Psych­­ia­trie-Ordinarien, Prof. Walter Ritter von Baeyer. Leider enthielt sie wieder einige grund­­sätz­li­che Verzeichnungen. Um­gehend reichten wir einen Leserbrief ein, der nach anfänglichem Widerstand kurz vor Weihnachten doch erschien (.3.1). Un­ab­hän­gig von der Jahreszeit konnten wir die Richtigstellung nicht auf die lan­­­ge Bank schieben. Die aufregendsten Dinge passieren, die skandalösesten Fälschun­gen machen sich breit, ohne daß sie breitere Beachtung finden. Daß sie nicht ganz das Feld be­haup­­ten, dafür steht die Walter-von-Baeyer-Gesell­schaft.

Nur am Rande gehen wir heute auf den Zusammenhang der Fehlentwicklungen im Fach mit solchen im allgemeinen Gesellschaftsleben ein. Um Korrekturen zu erreichen, braucht es An­­­strengung, hier nicht weniger als dort.

Die Rundbriefe bilden immer nur einen kleinen Teil unseres jetzt bald über dreißig Jahre gehenden Bemühens ab, das angesichts der Schrecken, die es in dem Fachbereich schon gegeben hat, nicht aufgebbar ist. Viel Kraft kosten auch die Veröffentlichungen in anderen Publikationsorganen, be­sonders im Internet. Für sie besteht international weiter wachsendes Interesse. Vielleicht wird die Entpflichtung von den Obliegenheiten der nervenärztlichen Praxis dem Herausgeber demnächst mehr Zeit lassen, die Angelegenheiten der GEP nachhaltiger noch wahrzunehmen.

Die Hervorhebungen und Fußnoten in den folgenden Texten sind redaktionellen Ursprungs.



2.  Im Folgenden der von der Akademie für politische Bildung Tutzing publizierte Bericht über den Verlauf ihrer Tagung im April 2004, deren DDR-relevanten Teil wir schon in RB 1.04 beleuchteten. Wir bringen den Ar­tikel des Akademie-Mitarbeiters Dr. Manfred Schwarzmeier zur Gänze. Wie schon bei der Tagung selbst wurde hier ja von einer main­stream-Ein­rich­­­tung hier erstmals den in den Medien oft behandelten, bei­nah abgedroschenen, von uns auch deshalb eher vernachlässigten, ob ihres Horrors natürlich nie ge­nug zu be­kla­gen­den Verbrechen in der nationalso­ziali­sti­schen Psych­iatrie die neueren Mißbräuche des Fachs in „real-sozialistischen“ Gesellschaften an die Sei­te ge­stellt. Die fortbestehenden, dem Fach vielleicht gar inhärenten Gefahren werden so erkennbar. An­gemerkt sei, daß der Bericht inzwischen auch im Organ der niedergelassenen Nervenärzte NeuroTransmitter 11/04 erschienen ist.

Die Zerstörung des Menschen - Psychiatrie im Dienste totalitärer Herrschaft

Bereits einige Male war das Thema "Diktaturvergleich" Gegenstand von Akademietagungen. Dabei stand bisher vor allem die Analyse der Gleichschaltungs- und Repressionsmechanismen und –ap­parate in ihrer vielfältigen Ausgestaltung im Vordergrund. Diese Perspektive wurde nun wesentlich erweitert: Wie wurde die Psychiatrie als "Magd der Macht" durch Nationalsozialismus und SED-Dik­tatur ge- bzw. mißbraucht? Die Antworten der Experten zeigten drei Dinge. Erstens: der Aufarbeitungs­prozeß ist noch keineswegs abgeschlossen; zweitens: die Antworten müssen sehr differenziert ausfallen; und drittens: es erscheint dringend notwendig, "die medizinhistorische Forschungsdiskussion mit der allgemein historischen stärker zu vernetzen", wie Tagungsleiter Heinrich Oberreuter betonte.

Textfeld:  Sehr pointiert griff der Berliner Historiker Götz Aly die Frage auf, wie „die Deutschen zur Zwangssterilisierung und Eu­tha­nasie standen“. Seine Antwort ließ an Deut­lichkeit nichts zu wün­schen übrig: „Die Deutschen haben der Ermordung ihrer Angehörigen im Wesent­lichen zugestimmt." Ein Urteil, das in der Diskussion nicht unwidersprochen blieb. Als Hauptindiz führte Aly ins Feld, daß es z.B. bei der Er­wach­seneneutha­nasie durchaus möglich gewesen wäre, Fa­milienangehörige vor dem Tod in der Gas­kam­mer oder der Giftspritze zu be­wahren. Die Fälle massi­ver Intervention blie­ben al­lerdings vereinzelt. Die Gründe für dieses Verhalten lagen Aly zufolge zum einen darin, daß die Diskussion um "un­wertes" Leben nicht erst 1933 begann, sondern schon erheblich früher den Zeitgeist prägte. Die NS-Bewe­gung, die ein "Jugend­pro­jekt" war, trieb das Denken in "wert-unwert"-Dicho­tomien auf die Spitze. Ins­ge­samt, so Aly, sei durchaus von einer "still­schweigenden Über­einkunft zwischen der Ge­sellschaft und dem, was wir als Dik­ta­tur be­zeich­nen", aus­zugehen. Zum anderen wirkte ein psychologischer Mechanis­mus: Die "Volks­ge­nossen" mußten, obwohl die Euthanasieaktion allgemein bekannt war, „dadurch, daß sie es nicht wissen durften, nicht Rechenschaft ablegen. Sie mußten einfach nur nichts tun.[2]

Der letzte Schritt

Der Düsseldorfer Historiker Uwe Kaminsky wies ebenfalls darauf hin, wie sehr doch Sozial-darwinismus und Rasse-Gedanken in den Köpfen vieler Wissenschaftler verankert waren. Bereits 1895 betonte Adolf Lost in seinem Buch "Das Recht auf den Tod": "Der Wert eines Menschen kann auch negativ werden!" Die Erschütterung und Relativierung der Werte infolge des Ersten Weltkrieges sowie die wirtschaftliche Krise der Weimarer Republik trugen zu weiteren Tabubrüchen im Denken der Menschen bei. Während des Nationalsozialismus wurde schließlich der letzte Schritt vom "Ausschluß aus der Fortpflanzungsgemeinschaft" (Eugenik) zum "Ausschluß aus der Lebensgemeinschaft" (Euthanasie) gemacht. Die psychiatrische Forschung im NS-Staat war darauf ausgerichtet, die schwindenden Mittel auf die "heilbar" Kranken zu konzentrieren und die "Unheilbaren" zu eliminieren. Im Zentrum der damaligen Forschung, so der Dachauer Psychiater Gerrit Hohendorf, stand die Frage: "Vererbung oder Erkrankung?" Der Irrglaube, die Antwort auf diese Frage in den Gehirnen der Betroffenen finden zu können, führte dazu, daß vereinzelt Patienten "auf Bestellung" der Pathologen getötet wurden. Ethische Grenzen waren hierbei nicht mehr zu erkennen. Die Opfer der NS-Euthanasie haben der Einschätzung Hohendorfs zufolge bisher keinen angemessenen Platz in der deutschen Erinnerungskultur gefunden. In den Familien wird kaum über dieses Thema gesprochen, rechtlich wurden sie bisher anderen Opfergruppen nicht gleich gestellt.

5000 Opfer der Kindereuthanasie

Dem Thema "Auslese und Ausmerzung: Kindereuthanasie" widmete sich der Kinder- und Jugendpsychiater Jan Nedoschill (Erlangen). 1939 begann die Kindereuthanasie, der bis 1945 etwa 5000 Säuglinge, Kinder und Jugendliche zum Opfer fielen. Von 1939 an waren Hebammen und Ärzte verpflichtet, behinderte Kinder dem "Reichsauschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und krankheitsbedingter schwerer Leiden" zu melden. Auch durch Androhung des Sorgerechtsentzugs wurden die Kinder in eine der 30 "Kinderfachab­teilungen", die dem Zweck ihrer Beobachtung und schließlich Tötung dienten, eingewiesen. Gemordet wurde mit Luminaltabletten, die einen Dauerschlaf mit Lungenentzündung verursachten. Die Eltern wurden über den "natürlichen Tod" ihrer Kinder unterrichtet, allerdings erfolgte deren Einäscherung so schnell, daß sie nicht mehr Abschied nehmen konnten.

 "Entmenschlichung" der Patienten

 Am Beispiel der bayerischen "Heil- und Pflegeanstalten" demonstrierte Hans-Ludwig Siemen (Erlangen) Ausmaß und Wirkungsweise nationalsozialistischer Euthanasie. Auch er ging historisch einen Schritt zurück in die Zeit ab 1914. Die Anstalten dieser Zeit waren nichts anderes als " Verwahranstalten" ohne therapeutische Perspektive. Auf einen Arzt kamen im Schnitt 150 bis 200 Patienten, Ruhigstellung war an der Tagesordnung. Der Anspruch des Arztes, den Patienten zu helfen, wurde durch die Realität des "Kerkermeisters für Kranke" konterkariert.[3] Auch aus dieser Frustrationsquelle speiste sich eine gewisse "Anfälligkeit für Heilsversprechen" in dieser Berufsgruppe. Ab 1933 wurden die Zustände in den Anstalten immer bedrückender: immer mehr Patienten wurden zwangseingewiesen, Ernährungs- und Pflegesituation wurden indes immer schlechter. Mit Beginn des Krieges setzte dann eine "Radikalisierungswelle" ein, die in der T4-Tötungsaktion gipfelte, die in Bayern etwa 7700 Menschen das Leben kostete. Welche Patienten in den Anstalten wurden von den Ärzten vor allem für die Gaskammer und die Giftspritze ausgewählt? Es waren die "Nicht-arbeitsfähigen, die Aufmüpfigen, die ohne so­ziale Kontakte und die Pflegefälle." Weitere 11000 starben an gezielter Unterernährung ("Hungererlaß"). Die Euthanasie - so Siemen resümierend - war nur möglich auf der Grundlage der schon lange vor 1933 einsetzenden "Entmenschlichung" von Patienten. Die Tötungen, die durch einen "wohl-funktionierenden bürokratischen Apparat" organisiert wurden, wurden als das Beste für die deutsche Volksgemeinschaft dargestellt, weil so Kosten eingespart werden konnten.

Nicht nur in Westdeutschland, sondern auch in der SBZ und späteren DDR wurden die Täter der NS-Eu­tha­nasie unterschiedlich stark zur Rechenschaft gezogen. Die Berliner Historikerin Annette Weinke hat mit ihren Forschungen verschiedene Phasen herausgearbeitet: Nach der Periode der "antifaschistisch-demo­kra­tischen Umwälzung" 1945-47 mit dem Euthanasieprozeß in Dresden als Höhepunkt des „justiziellen An­tifaschismus", wurde ab 1948 die Strafverfolgung zunehmend in den Dienst der Systemauseinandersetzung gestellt. Von da an stand die Skandalisierung der west­deutschen Aufarbeitungsgeschichte im Vordergrund. Die Waldheimer Schnellprozesse markierten, abgesehen von einigen Prozessen in den 60er Jahren, das Ende der Aufarbeitung.

 Umstrittene Rolle der DDR-Psychiatrie

 Wurde die Psychiatrie in der DDR politisch mißbraucht? Diese Frage nahm sich die Berliner Psychiaterin Sonja Süss vor. "Mißbrauch", so Süss, „fand nicht in dem Sinne statt, daß Dissidenten und sonstige Regimegegner wie in der Sowjetunion systematisch ,psychia­trisiert' wurden." Ihre Untersuchungen zeigen, daß die Gutachten der Ärzte über eingelieferte Patienten in der Regel nicht politisch-ideologisch gefärbt waren. Daß sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) natürlich psychologischer Zersetzungsmethoden im Sinne der "operativen Psychologie" bediente, steht außer Zweifel. Auch kam es regelmäßig vor, daß ohne geltende Rechtsgrundlage "potentielle Störer zur Verwahrung in psychiatrische Anstalten" gebracht wurden. Wofür die Stasi offensichtlich Psychologen für besonders ge­eignet hielt, war ihr Einsatz als Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Etwa ein Drittel bis die Hälfte dieser Fach­rich­tung waren IMs, die insbesondere Fluchtabsichten von Kollegen ins westliche Ausland aufklären sollten. Auch Reinhard Nehring (Magdeburg), Mitglied der "Gutachterkommission zu Verstößen in der Psychiatrie in den Landeskrankenhäusern des Landes Sachsen-Anhalt" (1991 / 92), sah den Vorwurf des systematischen Psychiatriemißbrauchs als nicht erwiesen an. Was es gegeben habe, so betonte er, waren Verletzungen der ärztlichen Schweigepflicht.

Der Diplomphysiker Dietrich Koch (Essen) kam in der abschließenden Diskussionsrunde ,,'Zersetzung der Seele' auf der Suche nach der Wirklichkeit" anhand seines eigenen Schicksals zu einer anderen Einschätzung der DDR-Psych­iatrie. Als Mitglied einer Gruppe zum Wiederaufbau der 1968 gesprengten Leipziger Universitätskirche verhaftet, wurde er wegen staatsfeindlicher Grup­penbildung angeklagt und 23 Monate lang verhört. Die Verhöre wurden nicht nur mittels Androhung von Ge­hirn­wäsche,[4] sondern auch durch die Gabe von Psycho­phar­maka durchgeführt. Diese Mittel wurden verabreicht, um ihn ständig in Unruhe zu halten, die Nachwirkungen sind heute noch spürbar. Schon deshalb sprach Koch von "direktem Psychiatrie­mißbrauch". Verurteilt zu lebenslänglicher Unterbringung in einer geschlos­senen Anstalt, wurde er schließlich nach Waldheim verlegt. Seiner Beobachtung nach war "der größte Teil der im dortigen Haftkrankenhaus Einsitzenden psychiatrisiert."

Kochs Einschätzung fand Zustimmung beim Vorsitzenden der "Walter-von-Baeyer-Ge­sellschaft für Ethik in der Psychiatrie", Friedrich Weinberger (Starnberg). Er erinnerte besonders an die subtilen Formen der syste­matischen Zersetzung, die auch ohne direkte Beteiligung von Psychiatern ihre oftmals verheerende Wirkung bis hin zum Selbstmord entfalteten.

Die Frage, ob es in der DDR systematischen Psychiatriemißbrauch gab oder nicht, konnte nicht abschließend beantwortet werden. Die umstrittene Klärung, was unter „Psychiatrie“ und „systematisch“ zu verstehen ist, machte deutlich, daß sich die Erforschung dieser Themen noch im Anfangsstadium befindet.[5]

NeuroTransmitter druckte vordem in seiner Nummer 1.04 einen Teil des Aka­demie-Be­­­richtes, seine letzte Seite (folgenden Text), isoliert aus. Es schien schon, als wollte das Journal wieder das Problem selektiv im mainstream-Stil verkürzen, wie es die Medien landauf, landab tun, bis dann doch noch die unverkürzte Ab­hand­lung des Themas auch im Organ des nervenärztlichen Berufsver­bandes (in Heft 11/04) erschien (s.o.).

Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland

Beschweigen als Therapie?

Textfeld:  Erst seit 15 Jahren untersuchen Medizinhistoriker und interessierte Psychiater die problematische Rolle der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Dritten Reich. Sie be­mühen sich, endlich Licht ins Dunkel von Schweigen und  Geschichts­klitterung zu bringen. In einer Fachtagung der Akademie für Politische Bil­dung Tutzing wurden diese Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert.

Im Nachkriegsdeutschland stand das "Beschweigen" der Vergangenheit nicht nur am Anfang des Wegs der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu einem eigen­ständigen Fach­gebiet. Tagungsleiter Rolf Castell, München, wies darauf hin, daß der Fachverband sich 44 Jahre - bis 1989 - Zeit gelassen hatte, das The­ma Kinder­eutha­nasie im Nationalsozialismus und die Rolle der Psych­iatrie da­­bei offiziell zu diskutieren.

Castell räumte ein, es habe natürlich den Nürnberger Ärzteprozeß und einige weitere Verhandlungen in den 60er Jahren gegeben, die auch Euthanasie­ver­brechen zum Gegenstand hatten. Deren Resonanz blieb aber be­grenzt. An­son­sten dominierte die Selbst­zensurschere im Kopf der Ärzte. Castells Re­sümee: "Man mußte in den 40 Jahren nichts unterdrücken, aber aktiviert wurde seitens des Fachverbandes auch nichts!"

Auch Ärzte folgten dem Zeitgeist

In erster Linie als Zeitzeuge sprach der Stuttgarter Psychiatrieprofessor Dr. Reinhart Lempp, Jahrgang 1923, der 1942 das Abitur ablegte und nach dem Krieg Medizin studierte. "Dachau war uns ein Begriff; auch Grafeneck war uns ein Begriff als Ort, an dem unheilbar Kranke ,erlöst' wurden." Wiederholt wies Lempp auf den damaligen Zeitgeist hin, der alle Gesellschaftsschichten durchdrang. Das alles überlagernde Ge­bot "Du bist nichts, Dein Volk ist alles!" können wir heute, da der Wert des Individuums der bestimmende Maßstab ist, nur noch schwer nachvollziehen.[6] Aus diesem Geist ergab sich eine Anfälligkeit,  "...wie auch heute die Menschen anfällig sind, wenn man ihnen sagt, daß sie besser seien als andere, daß sie bedroht sei­en, daß sie einem ,Führer' folgen sollten, der dies alles weiß und der die Lösungen kennt", mahn­te Lempp. Im Übrigen habe sich die Art der Menschen, zu denken und zu reden mit der Kapitulation nicht sofort gewandelt. Er machte dies am Beispiel psychiatrischer Fachtermini deutlich: So sprachen und schrie­ben Fach­leute beispielsweise noch lange nach 1945 "minderwertig" und "Menschenmaterial".

Durch die Auswertung der Krankenakten der Charite hat Thomas Beddies, Berlin, zusammen mit KollegInnen versucht, die Rolle dieser Vorzeigeklinik nachzuzeichnen. Dabei wurde deutlich, daß aus den Patientenakten der "Kinder-Kranken- und Beob­ach­tungs­station der Charite "... keine Hinweise auf systematische Tötungen - auf die T4- Aktion" zu finden waren. Nicht ausgeschlossen werden kann aber, daß Kinder, bei denen keine Aussicht auf Besserung ihres psychischen Zustandes bestand, in landespsychiatrische Einrichtungen überstellt wurden. In eigens geschaffenen "Kin­derfachabteilungen" wurden als "minderwertig" und "unheilbar" klassifizierte Kinder und Säuglinge beobachtet und getötet. Die Charite, so Beddies, sollte sich vor allem um die "heilbaren" Patienten kümmern.

Mitläufer im weißen Kittel

Wie schwierig der Grad der persönlichen Schuld einzelner Ärzte zu taxieren ist, machte Dagmar Bussiek, Kassel, am Beispiel Hermann Stuttes (1909-1982) deutlich. Stutte, ab 1954 der erste Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland, hatte im Nationalsozialismus Karriere gemacht. Als Partei­mitglied der NSDAP - wie übrigens 45 % aller Mediziner! - galt er als angepaßter Zeitgenosse. "Insgesamt", so Bussiek, "war er sicherlich kein Held im weißen Kittel; er war eher unpolitisch, ein fleißiger Arbeiter". Die Einstufung als „Mitläufer" ermöglichte ihm die Fortsetzung seiner Karriere nach dem Krieg.

Es waren vor allem persönliche Kontakte unter Kollegen, die ab etwa 1950 die Basis für die Reintegration der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie in das internationale Umfeld schufen. Medizinern wie dem französischen Psychiater Georges Heuyer oder dem Schweizer Moritz Tramer kam hierbei eine zentrale Bedeutung nicht nur als Türöffner zu, sondern auch als "Identifikationspersonen für das Fach insgesamt" (Rolf CasteIl).

Wie Oliver Kratz, Erlangen, hervorhob, vollzog sich die Annäherung der bundesdeutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie vor allem an die französischen Kollegen parallel zur großpolitischen Annäherung der beiden Staaten. Großen Anteil daran hatte auch Werner Villinger. Dieser "Altmeister" der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie war nach der Einschätzung von Jan Nedoschill, Erlangen, 1940 in Wien maßgeblich bei der Gründung der deutschen Fachgesellschaft[7] beteiligt. Nach dem Krieg als „entlastet" eingestuft, lei­tete er zwischen 1949 und 1961 den Fachverband, die Deutsche Vereinigung für Jugendpsychiatrie.

Das „Dunkel von Schweigen und Geschichtsklitterung“ bezüglich der nazistischen Kinder- wie Erwachsenenpsych­iatrie bestand, obwohl es an Dokumentationen darüber nicht fehlte. Laut Th. Payk (PSYCHIATER, Kohlhammer, 2000) legten solche bald nach Kriegs­ende vor W. Leibbrand (1946), E. Kogon (1947), A. Pla­ten-Haller­vor­den (1948) usw. Wie auch A. Mit­scherlichs MEDIZIN OHNE MENSCH­­LICH­KEIT blieben sie nur lange so unbe­achtet, wie es unseren Dokumentationen der sowjetischen wie der DDR-Mißbräuche erging. Daß Mitscherlich heute vielfach als er­ster und quasi einziger „Bewältiger“ der nazistischen „Psycho-Ver­stri­ckun­gen“ gilt (s.u.), liegt daran, daß die Freudianer, von denen einige wie Viktor von Weizsäcker Hitler gut über­lebten, die braunen Ver­bre­chen immer wieder schamlos der „klassischen Psychiatrie “ anlasteten, sie so „weichklopften“ und sie so weithin ihrer Ideologie, dem Freudismus unterwarfen - s. folgendes Kapitel.
3.  Im Deutschen Ärzteblatt vom 05.11.2004, erschien unter der Rubrik Themen der Zeit ein zwei­sei­tiger Artikel, der unter dem neutralen Titel Geschichte der Medizin: Psychiatrie im Umbruch unserem verstorbenen Ehrenpräsident „die Ehre gab“. Bei genauerem Besehen stießen in ihm freilich wieder einige grobe Ver­zeich­nungen auf, die zurecht­zurücken uns wohl zukommt. Ein Leserbrief, den wir umgehend dazu bei der DÄ‑ Re­daktion einreichten, wurde zuerst abgefedert, auf Intervention Prof. Dieckhöfers am 20.12.2004 aber doch publiziert. Von Baeyers Wirken und Streben vor Mißbrauch zu schützen, kommt der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft wohl zu. Zuerst aber der Originalbeitrag.

3.1  H. Kretz, Geschichte der Medizin - Psychiatrie im Umbruch

Von Walter Ritter von Baeyer (1904–1987) gingen wesentliche Impulse für die Entwicklung der deutschen Psychiatrie nach 1945 aus.


Textfeld:  Es war eine Sternstunde für die Me­dizinische Fakultät der Heidelberger Universität, als zu Beginn des Win­tersemesters 1955/56 der neu berufene Ordinarius für Psychiatrie, Prof. Dr. med. Walter Ritter von Baeyer, sein Amt antrat und zum Direktor der Psychiatrischen und Neurologischen Uni­­ver­si­täts­klinik Heidelberg ernannt wurde. Die Mitbegründer der „Heidelberger Schule“ – Richard Siebeck und Viktor von Weizsäcker mit ihren Schülern und Mitstreitern Paul Vogel, Herbert Plügge, Alexander Mitscherlich, Paul Christian, Hans Schäfer, Wilhelm Kütemeyer, Heinrich Huebsch­mann – hatten in von Baeyer einen Psychiater für die Fakultät gefunden, der endlich auch in der Psychiatrie einen neuen Anfang setzen sollte und wollte. Denn unter dem 1955 emeritierten Kurt Schneider war die Methode phä­no­me­no­logisch-deskriptiver Psycho­pathologie zwar vollendet worden, zugleich aber auch an einem Endpunkt angelangt.

Die Verwicklung gerade der Heidelberger Universitäts-Psych­­­iatrie im Dritten Reich in die Verbrechen der „Euthanasie“, die Ermordung der den Psychiatern anvertrauten Kranken unter dem SS-Professor Carl Schneider, wurde verschwie­gen, verleugnet. Eine Bewältigung war mit den Mitteln der so genannten klassischen Psychiatrie nicht möglich. Mit­scherlich beklagte noch 1960, dass durch den Fluchtversuch der Verdrängung, durch eine gigantische Beseitigung der Spuren der Versuch einer Schuldentlastung erfolgt sei. Nach dem Suizid Carl Schneiders und den Urteilen im Nürnberger Ärzteprozess gegen die Haupt­schuldigen ging die Psychiatrie nicht nur in Heidelberg, sondern in ganz Deutschland wieder zur Tagesordnung über. Garant für einen neuen Anfang in der Heidelberger Psychiatrie war von Baeyer, der zusammen mit der Heidelberger Schule anthropologischer Medizin den Wandel initiierte.

Walter Ritter von Baeyer entstammt einer Gelehrtenfamilie: Der Großvater erhielt für die Entdeckung der Indigosynthese den Nobelpreis, ein Onkel war Professor für Physik in Berlin, der Groß­vater mütterlicherseits Professor der Rechtswissenschaften in Göttingen, der Vater der erste Ordinarius für Or­thopädie an der Universität Heidelberg. Nach Abitur und Me­dizinstudium verbrachte von Baeyer vier Assistentenjahre an der Heidelberger Klinik (1929–1933) bei seinem Lehrer Karl Wilmanns. Er studierte intensiv die Schriften Freuds und sei­ner Schüler und stieß sich schon damals an den Grenzen einer begrifflich isolierenden, leib- und gesellschaftsfernen, kühl-objektivierenden Forschungsrichtung; er bedauerte deren Mangel an Verständ­nis für die psychoanalytische Erschließung des Unbewussten und für anthropologisch übergreifende Aspekte, vor allem aber ihre therapeutische Unergiebigkeit.

Textfeld:  Als sein Lehrer Wilmanns 1933 sofort aus dem Amt gejagt und inhaftiert wurde und dessen Nachfolger Carl Schneider mit Hitlergruß und SS-Uniform den ärztlichen Konferenzen vorsaß und nationalsozialistische Ideologie predigte, verließ von Baeyer, wie viele seiner Lehrer und Kollegen, die Klinik und musste als von den nationalsozialistischen Rassegesetzen Betroffener – von Baeyers Vater verlor 1933 deshalb sein Amt –, diskriminiert und schikaniert, in einer Ni­sche als Sanitätsoffizier das Dritte Reich zu überleben versuchen.

Nur wenige Wochen nach Kriegsende wurde er zum Chefarzt der Psychiatrischen und Nervenklinik der Stadt Nürnberg ernannt, einige der ganz wenigen in Deutschland damals existierenden psychiatrischen Abteilungen an einem großen Allgemeinkrankenhaus. Diese Organisationsform, in der von Baeyer zehn Jahre wirkte, wurde für die von ihm wesentlich mitgestalteten sozialpsychiatrischen Reformen ab den 60er-Jahren und bis heute beispielgebend. Bereits 1947 hielt er einen Vortrag zum Thema „Sozialpsychiatrie“ – die Geburtsstunde dieser Fachrichtung in Nachkriegsdeutschland. Als einer der ersten deutschen Psychiater nach 1945 wurde von Baeyer 1949 von der US-Militärre­gie­rung zu einer dreimonatigen Studienreise in die USA eingeladen. Sein Be­richt über diese Reise zeigt, wie beeindruckt von Baeyer von der Situation der Psychiatrie in den USA war. Die Erfahrungen dort gaben Anstöße für die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Deutschland und insbesondere für die beispielgebenden Reformen an der von ihm geleite­ten Klinik, die er in den 60er-Jahren entgitterte und wei­testgehend öffnete, an der er therapeutische Teams bil­dete und die therapeutische Gemeinschaft einführte. Von Baeyers Klinik war die erste deutsche Universitätsklinik, an der in allen Bereichen gemischtgeschlechtliche Stationen etabliert wurden. Ohne die grundlegenden Impulse von Baey­­ers und das Engagement seiner Mitarbeiter, unter denen Karl Peter Kis­ker und Heinz Häfner erwähnt werden müs­sen, ist die stürmische Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Deutschland ab Mitte der 60er-Jahre nicht denkbar.

Als Fundament für die sozialpsychiatrischen Reformen diente eine durch von Baeyer entscheidend geformte anthropolo­gische Psychiatrie. Denn unter den Psychiatern, die sich die­ser Thematik widmeten, spielte von Baeyer eine herausragen­de Rolle. Mit der Studie „Der Begriff der Begegnung in der Psychiatrie“ (1955) wurde seinen Widersachern in der restaurativen deutschen Psychiatrie nach 1945 deutlich, daß von Baeyer den obsolet gewordenen Dualismus zwischen So­matikern und Psychikern überwunden hatte und sich daraus erhebliche Konsequenzen zum Verstehen und Be­han­deln auch von Psychosen ergaben; nun war der bisherige Endogenitätsbegriff nicht mehr zu halten. Ohne diese mit­menschliche Grundhaltung („Heilung aus der Begegnung“) ist heute keine Behandlung in der Psychiatrie denkbar.

Und noch für einen weiteren Bereich kann von Baeyers Wirkung nicht hoch genug eingeschätzt werden: Für das weite Feld der heutigen Traumalehren, für die Psychotraumatologie. Die zusammen mit Häfner und Kisker vor 40 Jahren er­schienene Monographie „Psychiatrie der Verfolgten“, zum Zeitpunkt des Beginns des Frankfurter Auschwitz-Pro­zesses, mit dem die von Mitscherlich beklagte Verdrängung und Spu­renverwischung auch im medizinischen Bereich entlarvt wur­de, erschütterte nachhaltig und unwiderruflich die bis dahin geltende Lehrmeinung der klassischen deutschen Psychiatrie: nämlich dass seelisch-situative (Extrem-)Be­lastungen ohne somatische, insbesondere zerebrale Substanzschädigung allein keine krankhaften Dauerfolgen bewirken können. Das Studium der Extrembelastungen in den Konzentrationslagern mit der dort betriebenen grauenhaften „Annihilierung“ (ein Begriff von Baeyers) der seelisch-so­zi­alen Substanz des Menschen führte zu einem Paradigmenwechsel, der übrigens auch die entschädigungsrelevante Entwicklung von Psychosen ein­bezog. Während sich von Baeyer deswegen in Deutschland auch wissenschaftlich disqualifizierender Angriffe deutscher Psychiater erwehren musste, konnte er mit diesem Paradigmenwechsel, der für die Psychiatrie eine Bewältigung ihrer Verstrickung in die nazistische Ideologie einleitete, der deutschen Psychiatrie wieder internationale Geltung verschaffen: Beim vierten Weltkongress für Psychiatrie in Ma­drid 1966 wurde von Baeyer für fünf Jahre zum Vizepräsidenten der Weltvereinigung für Psychiatrie gewählt

Von Baeyers Bedeutung für die Entwicklung der Psychiatrie bis heute ist jedoch mit diesen Hinweisen keineswegs erschöpft. Herausragende Studien aus den 50er- und 60er-Jah­ren zum Freiheitsraum in der Krankheit, zur Freiheitsfrage in der forensischen Psychiatrie, zu willenphänomenologischen Fragen, zum humanen Sinn- und Seinsverständnis psychopathologischer Erscheinungen, über Freiheit und Ver­antwort­lichkeit des Geisteskranken sind heute so aktuell wie zum Zeitpunkt ihrer Publikation. In den 70er-Jahren hat sich von Baeyer in führender Position mit vollem Einsatz en­ga­giert in der Anprangerung des Missbrauchs der Psychiatrie, als die in der Sowjetunion geübte Praxis der „Psych­ia­tri­sie­rung“ undurchschnittlicher Verhaltens- und Erlebensweisen die Psychiatrie wieder einmal schwer in Misskredit brachte. Die ganze Fülle der von von Baeyer vertretenen Psychiatrie ist heute wohl kaum mehr zu erreichen.

Es wäre für von Baeyer eine ganz besondere Genugtuung gewesen, wenn er in den 90er-Jahren noch hätte miterleben können, dass Christoph Mundt, sein Nach-Nachfolger auf seinem Lehrstuhl, vor dem Eingang seiner Klinik einen Ge­denkstein enthüllte, um die in der Nazizeit ermordeten Kranken zu ehren.


3.2  Gedenksteine enthüllen auch die gern, die gegenwärtigen Opfern von Unrecht und Betrug Hilfe versagen. Im Folgenden zu obigen Ausführungen unser Leserbrief, der in DÄ 51/52  nun doch erschien (s. 1.) – hier geringfügig noch geändert, ergänzt.


So erfreulich die Würdigung Walter Ritter von Baeyers großenteils war, so be­darf sie an­ge­sichts seiner Bedeutung für die deutsche Nachkriegspsychiatrie doch klei­ner Er­gän­zun­­gen und Kor­rekturen. Der Autor Dr. Kretz führte die berühmte „Heidelberger Schule“ an, schlug ihr u.a. Alexan­der Mit­­scher­­lich und Viktor von Weizsäcker zu und machte unter der Hand auch aus von Baeyer einen von deren An­hän­gern und einen Geg­ner der „so ge­nann­ten klassischen Psych­­ia­trie“. Von der (wahren) „Heidel­berger Schu­le“ wird die­se ge­prägt. „Klassisch“  war sie auch in den 50ern keineswegs „an einem End­punkt“ an­­­ge­langt. Heu­te ist sie, um von Baey­ers ge­wich­tige „an­thro­po­lo­gi­sche“, bes­ser: mensch­­liche Ak­­­zen­tu­ie­run­gen, um neue, hoch wirk­same Heil­­­mit­tel, wesentliche Beiträge der „klassischen“ Psychologie und die allgemein bes­seren Lebens­be­din­gun­­gen be­­rei­chert, die mo­dern­­e, the­ra­peu­tisch ergiebige und auch forensisch immer noch zutreffendste Psych­ia­trie. Kein Alexander Mit­scher­­lich, kein Internist / Neu­rologe von Weizsäcker, son­dern just die großen Ver­tre­ter jener „Hei­delberger Schu­le“, Emil Kraepe­lin, Karl Jas­pers, Karl Wil­manns, Arthur Kron­feld, Kurt Schnei­­­­der und an­dere ha­ben da­zu den Grund gelegt, un­ter ihnen die pro­fun­de­sten Kri­­tiker der Psy­cho­ana­­lyse und anderer Versteigungen in un­se­­rem Land. Auch von Baey­er stand Mit­scherlich zu­min­dest in sei­nen spä­ten Jahren höchst di­stan­ziert ge­gen­über.

Mit den Mitteln“ der klassischen Psychiatrie sei, so Kretz, nach 1945 „eine Bewäl­ti­gung“ des Nazi-Grauens „nicht möglich“ gewesen. Mit welchen „Mitteln“ sollte das nach­­­­träg­lich mög­­­lich gewe­sen sein? War „für die Psychiatrie“ die Annähe­rung an die Freud­sche Ideo­lo­gie das Mittel, die Be­wältigung ihrer Ver­strickung in die na­zi­stische Ideo­logie ein­zu­leiten“ oder tappte sie mit ihr nicht eher von einer Ideologie in die nächste? Im Wider­stand gegen den Nazismus waren nicht nur nach  ‘45, sondern vor 1933 schon einige (leider we­­nige!) „klassi­sche Psych­­ia­ter“ von Weizsäcker und Mitscher­lich nicht nur eben­bür­tig, son­­­­­­­dern um einiges vor­aus, be­sag­ter Karl Jaspers zu­vörderst. Eine vernichtende Freud-Kritik aber hat heute in eng­lisch- und franzö­sisch­spra­chigen Ländern ihren Schwerpunkt.

Gewiß hat von Baeyer „herausragende Studien zum Frei­heits­raum in der Krankheit, zur Frei­heits­frage in der forensischen Psychiatrie,“ zur „Psychotraumatologie“ etc. beigetragen. Nur mit Freuds (frühkindlich-sexuellen) „Trau­men“ als Grund aller Psychopathologie hatte er nichts im Sinn. Gewiß engagierte er sich bei „sozialpsychiatrischen Reformen ab den 60er Jah­­­r­en“. Klinik-Fen­ster wa­ren in Zei­ten bruchsi­che­ren Glases unschwer zu entgittern. Für die zuneh­mende Ver­staat­­li­chung des Faches und seine Freud­sche Ideo­­lo­gi­sie­­rung, wie sie die „Re­form“ als Ergeb­nis jetzt ab­wirft, kann von Baeyer gleich­wohl nicht in An­­spruch ge­nom­­men wer­­­den. Frei­heits­räume er­schloß er. Daß die Psych­­iatrie menschen­ge­­recht werde, menschenfreundlich sei, darum ging es ihm und nur dar­um kann es ge­hen. In ein Elysium ver­wandeln sie auch unsere freud-marxistischen Kollegen nur mit dem Mund.

Daß sich Walter von Baeyer „in füh­render Position“ als Vize-Präsident des Welt­ver­bands für Psych­iatrie, bald auch als Mit­gründer und Ehren­präsident unserer Gesell­schaft bis zu seinem Tod „mit vol­lem Ein­satz“ gegen den sowjeti­schen Mißbrauch des Faches engagiert hat –  die Mißbräuche in der DDR waren in seinen Tagen noch nicht bekannt -, bleibt fraglos sein be­son­de­res Verdienst - um so mehr, als nicht nur das Gros der „klas­sischen“ deut­schen Psych­iater, sondern auch der internationalen Psycho­the­ra­peu­ten von die­sen neuen po­li­tisch veranlaßten Untaten in der „See­­len­heil­kun­de“ weg­sah...

(Dr. F. Weinberger, Prof. Dr. K. Dieckhöfer)


3.3  Nach einigem Zögern, einigem Widerstand kam die Replik im „Organ der Ärzteschaft“ jetzt doch zum Abdruck. In der allgemeinen Ärzteschaft gibt es mitunter doch noch freie Meinungsäußerung. In der Psychiatrie ist es um sie lan­­ge schon geschehen. Dem brutalen Psychiatriemißbrauch der Sowjetunion war nur mit größter Mühe mehr ent­gegenzutreten. Noch unerbittlicher aber bekam das Wort verwehrt, wird ausgegrenzt, wenn nicht „psychiatrisiert“, wer das freud-marxi­sti­sche Reformgestelze der Staatspsychiater, der Ordinarien und ihres Anhangs, ihre Aufblähungen und Fälschungen zurückweist. Auf nur wenig mildere Mißbrauchsformen läuft es hinaus. Jene Damen und Herren - Kretz’ Aufsatz  ist ein Mu­­ster­bei­spiel - scheuen sich auch nicht, unseren verstorbenen Ehrenpräsidenten ein­zu­span­­nen, über den und dessen Vor­lagen sie, solange er lebte, hinweggingen, wie über alles, alle andere(n) von uns. In seinem Buch THe GREAT BE­TRAY­AL: Fraud in science (ISBN 0-15-100877-9), Seite 463, schrieb dieser Tage Horace F. Jud­son, Chef­redakteur der altehrwürdigen Ärz­tezeit­schrift the lan­cet, es sei „allgemein bekannt, daß Sigmund Freud viele der Fallstudien, auf die er seine psychoanalytischen Theorien und seine Kar­riere baute, fabriziert hat.“ Der bri­ti­sche Internist Prof. Peter Medawar (Nobelpreis 1960) nannte die Ana­ly­­se das „gewaltigste intellektuelle Täuschungs­ma­nö­ver des 20. Jahr­hun­derts“ („the most stupendous intel­lectual confidence trick of the twentieth century“). Der französische Psych­iater, Philosoph und Psychologe Prof. Jaqcques Corraze nennt sie (in seinem Vorwort zu J. Bénesteaus Buch Mensonges freudiens) „Betrügerei“ („piperie“) und „Gau­ne­rei“ („escro­querie“). Ähnliche Einschätzungen vielerorts und wohl begründet.

Die Re­prä­sen­taten der deutschen Psychiater, oft auch der Ärzte schämen sich aber nicht, den Flop der Bevölke­rung als ehr­same Heil­kunde anzudienen. Ungeachtet der Hypothek, die auf der deutschen Medizin schon lastet, gehen sie über die Fülle der Fakten, die hinter besagten Anklagen steht, bedenkenlos hinweg. Sie glauben da­mit durchzukommen wohl, weil die Freudsche Schwindelwissenschaft von der „Welt-Elite“ als bekömmlicher „Be­wußt­seinsstoff“ für die Welt-Bevöl­ke­rung, als intimstes Mittel ihrer Gängelung geschätzt, der Freud- oder Neo-Mar­­­xis­mus so von der gesamten „politisch-publizistischen Klasse“ gestützt wird, des systematisch-po­li­ti­schen Psych­ia­trie­miß­brauchs „schön-neu-westl­iche“ Variante. Daß sie ob ihrer Mithilfe dabei, ob der Unterlassung je­der ernst­haften Wirksamkeitsprüfung, ob der jahre-, jahrzehntelangen Unterdrückung jeder kri­tischen Diskus­si­on, ob ihres Ver­ra­tes am Arzttum – Kritikwürdiges ist auch an der biologisch orientierten Psychiatrie ge­nug - von Kollegen öffent­lich selbst jetzt der Gaunerei bezichtigt werden – wel­che Verzweiflung muß sich in Ärzten verdichtet haben, um gegen „ihre Vertreter“, Kollegen jedenfalls, solches Kaliber aufzufahren? -, macht den Repräsentanten speziell der „Seelenheilkunde“ nichts aus. Die Massenmedien halten dicht. Die Sache dringt nicht ins Bewußt­sein der breiten Öffentlichkeit. Zu­min­dest ist sie hier bisher nicht eingedrungen. Mitunter knackt das Eis unter den Füßen der Psycho-Spit­zen dennoch schon vernehmlich. In Ame­­rika haben die „Psycho-Freud-Marxi­sten“ weithin schon verspielt, haben „wir“ den Kulturkampf beinah schon gewonnen. Ungeachtet des entsetzlichen, völkerrechtswidrigen US-Krie­ges im Irak gibt die gei­stige Situation in den Staaten zur Hoffnung wieder Anlaß.

Die Hintergründe, aus denen vom „Beschweigen“ des politischen Psychiatriemißbrauchs an all die unerhörten Fäl­schungen im Fach passieren, aus denen sie allein erklärbar sind, ihre Einbettung ins allgemein-politische, kulturrevolutionäre 68er Konzept haben wir wiederholt an­gesprochen. Heute ist nicht Zeit und Raum, sie weiter auszubreiten. Solches geschieht vielfältig im Netz. Die interne Situation der GEP ist in jedem Fall wieder gesichert. Einige Umstellungen (Fn 1) werden demnächst ausgestanden sein. So werden auch wir bald wieder die Vereinsdinge in ganzer Breite wahrnehmen können.

Manche Widrigkeiten werden sich wohl ins neue Jahr hineinziehen. Unsere Erfolgschancen stehen gleichwohl nicht schlecht.  Es sind doch viele, es ist vor allem die Wahrheit auf unserer Seite. Ihnen, sehr verehrte Mitglieder und Freunde der GEP, alles Gute im neuen Jahr. Und nochmals herzlicher Dank für Ihre ideelle und materielle Unterstützung.

Ihr F. Weinberger



[1] Der Aufruf Prof. Dieck­höfers vom September 2004 hat doch einige großzügige Spenden locker gemacht. Den Spen­dern herzlicher Dank. Spendenquittungen kommen noch. Das Fort­wirken der GEP ist fürs erste wieder gesichert. Zahl und Engagement derer, die die spezifische, auf „die Integrität psych­iatrischer Wissenschaft und Praxis“ ge­richtete Arbeit der GEP (§1 unserer Satzung) als uner­setz­lich erkennen, sind doch weiter groß genug, daß wir nicht aufgeben müssen.

[2]  Die Entrüstung, die in Auslassungen zum Nazi-System und seinen Unmenschlichkeiten anklingt, nimmt sich oft seltsam aus angesichts dessen, daß das Töten (ungeborener) „Angehöriger“ auch heute hingenommen wird, jetzt gar gesetzlich geregelt ist, und auch heute „eine stillschweigende Übereinkunft zwischen der Gesellschaft und dem, was“ als neue (schön-neu-weltliche) Diktatur sich abzeichnet.

[3] Dagegen ist zu halten, daß den Ärzten auch so gut wie nichts zur Verfügung stand, womit sie therapeutisch hätten helfen können. Unrealistische „Heilsversprechen“ aber kommen leider oft aus leeren wie aus vollen ärztlichen Händen.

[4]  Gehirnwäsche meint an sich etwas anderes. Koch machte seine Feststellung stattgehabten „direkten“,  ja „systematischen“ (!) Psychiatriemißbrauchs auch nicht nur an medikamentös-manipulativ unterlegten Verhören fest, sondern vor allem an dem Umstand, daß er mit Gerichtsurteil vom 13.03.72 „um dem Wiederholen derartigen Verhaltens vorzubeugen“,  „staatsfeindlicher Hetze“ nämlich, „unbefristet“ psychiatrisch in­terniert worden ist.

[5]  Eine Tagungsteilnehmerin immerhin hat die Thematik und die auch dort versuchten Ablenkungen von den neuen totalitären Miß­bräuchen und Mißbrauchsmöglichkeiten der Psychiatrie immerhin so bewegt, daß sie – um auf Fußnote 1 nochmals zurückzukommen  - unsere Aktivität weiter unterstützt.

[6]  Eigenartig mitunter die Berufung auf den Zeitgeist. Demnächst werden sich die (mainstream-)Psychiater wohl wieder auf ihn hinausreden als Erklärung dafür, daß sie (fast) alle die Thesen der Psychoanalyse nachgeschwätzt haben.

[7] und eben als (laut Payk (s.o. ) ein „sabotierend arbeitender“) Gutachter (Schreibtischtäter) an der Kindereuthanasie, am nazistischen Kranken-Massenmord beteiligt. Vorne dran war die Deutsche Gesellschaft für Kinderpsychiatrie bald bei der Integration der Psychoanalyse in die Medizin.