Rundbrief 2/08                                                                                November-Dezember 2008

 

In der vorliegenden html-Ausgabe des Rundbriefs konnten einige bisher übersehene Druckfehler korrigiert und einige Punkte, frei vom den Begrenzungen des Seitenformats, weiter verdeutlicht, vor allem durch nachträglich noch eingegangene Informationen ergänzt, vereinzelt berichtigt werden. Diese Ausgabe ist also die AKTUELLERE, VOLLSTÄNDIGERE. Allerdings ist sie technisch nicht perfekt. U.a. ist das Hochladen von Bildern, Textfeldern ab Kapitel 4.2 teilweise mißlungen. Der von Anfang an besonders lebhaft aus aller Welt aufgesuchte Rundbrief wird deshalb auch

im  PDF-Format angeboten.

 

Inhalt                                                                                                                                                    

 

1.  Einführung

2.  Systematischer Psychiatriemißbrauch in der Diktatur, (versuchte) Psychiatrisierungen im Rechtsstaat

3.  Prominente zu politischer Verfolgung, Psychiatriemißbrauch, Psychiatrie-Gebräuchen

4.  Willeke, Praktische Theologie (Psychologie) "im Horizont des Marxismus

5.  Sollte dem Schwindel doch beizukommen sein?

6.  Summary (im englischen Teil der GEP-Homepage)

 

 

HinweiseRB + Zahl mit zwischengestelltem Schrägstrich verweist auf früheren Rundbrief, Zahl mit vor- oder zwischengestelltem Punkt auf das genaue Kapitel. In Kursivdruck stehen in der Regel Aussagen von Nicht-GEP-Mitgliedern. Alle Hervorhebungen (durch Fett-, vereinzelt auch Kursivdruck) und alle Fußnoten / Endnoten (Fn) sind, soweit nicht anders markiert, redaktionellen Ursprungs. So weit die Texte namentlich nicht besonders gekennzeichnet sind, ist ihr Verfasser als langjähriger Vorsitzender der GEP (und Nervenarzt) Dr. Weinberger.  Redaktionsschluß war am 27.11.2008, für die (verbesserte,  ergänzte) html-Netzausgabe am 16.12.2008.

 

 

 

 

1.      Einführung

Der Rundbrief geht zunächst wieder auf  Fälle politischen Psychiatriemißbrauchs in der ehemaligen DDR ein. Er beleuchtet dann vergleichbare (?) Fälle, die sich kürzlich in unserem Rechtsstaat zutrugen. Manche meinen ja, er nähere sich schrittweise einer rötlichen Diktatur an.

Werden auch viele bisher staatliche Dienstleistungen privatisiert oder korporativ übernommen, so wandern doch gleichzeitig Bereiche privater Lebensführung auch und gerade mittels Psychiatrie und Psychotherapie mehr und mehr unter staatliche Kuratel - im Hinblick auf die gerade Platz greifende Gesundheitsreform ist die Rede gar von einer "Verstaatlichungs-Orgie" (.3.3) -, verfällt das menschliche und gesellschaftliche Leben dazu einer zunehmend einseitigen Ausdeutung durch die „system-gebundenen“ Medien.

Ins Grundsätzliche wie unsere Kritik am Betrieb der heutigen „Seelen(heil)kunde“ geht vielerorts die Kritik am politischen Betrieb des „neuen Westens“ insgesamt, in den die „neue Psychiatrie“ eingewoben ist. Mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, nicht unbedingt mit ihrem Ausgang, kam grundsätzliche Kritik am „System (fragwürdiger politischer Praxis) im (jeder Frage enthobenen) System“ der Verfassung neu in Gang – Ansätze zur Besserung darin?

Der Rundbrief legt dazu viele Einzelheiten dar, die zur Kenntnis nehmen und prüfen möge, auch wer unsere weitergehenden Schlüsse nicht teilt.

 

 

 

 2. Systematischer Psychiatriemißbrauch in der Diktatur,

(versuchte) Psychiatrisierungen im Rechtsstaat - Altes und Neues

 

SPIEGEL-ONLINE berichtet am 8.12.2008:

   Chinesen wegen Kritik an Behörde in die Psychiatrie eingeliefert... .

Peking - Sie bekommen schwere Medikamente und werden im Krankenhaus festgehalten: Die Zeitung BEIJING NEWS berichtet, daß mindestens 18 Menschen nach Protesten in die Psychiatrie von Xintai eingewiesen worden seien.

Derartige Entführungen gebe es in Xintai, das in der Provinz Shandong liegt, seit mindestens 2006, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen pensionierten Verwaltungsmitarbeiter. Zugleich wurde der Leiter der Psychiatrie, Wu Yuzhu, mit den Worten zitiert, in seiner Einrichtung gebe es viele derartige Patienten. Die örtlichen Behörden bezahlten für ihre Behandlung.

In dem Bericht wird der Fall des 57-jährigen Sun Fashi vorgestellt: Sun hatte jahrelang Entschädigung für sich und seine Nachbarn gefordert, weil sich durch Bergbau der Boden in seinem Wohngebiet stark abgesenkt hatte, was Häuser und Äcker unbrauchbar machte. Er wurde demnach am 19. Oktober verschleppt, als er seine Beschwerden erneut in Peking vorbringen wollte.

Sun sei darauf in die Psychiatrie gebracht, gefesselt, unter Drogen gesetzt und von Mitarbeitern und anderen Patienten bedroht worden. "Die Ärzte sagten, 'es ist uns egal, ob Sie krank sind oder nicht -  wenn die Behörden Sie geschickt haben, dann behandeln wir Sie auch'", zitierte das Blatt den Mann. Er kam demnach am 12. November frei, nachdem er seine Klage zurücknahm...

 

2.1  DIE Welt berichtete am 29. 06.1976 (!) auf ihrer Titelseite über vier Fälle psychiatrischen Mißbrauchs in der DDR. Sie standen bisher nicht in unserem Rundbrief, weil sie sich vor der Gründung unserer Vereinigung zutrugen, die Fälle nämlich von Walter Lange aus Sonneberg,[1] Klaus Günther Bellmann aus Leipzig[2], Werner K. Nuthmann aus Brandenburg[3] und Heinz Engelhard aus Thüringen.[4]. Wir drucken sie hier (nochmals) aus, weil wir zu möglichst vollständiger Erfassung der einschlägigen Fälle auch im eigenen Land gehalten sind. (eine korrespondierende Mitteilung der SÜDDEUTSCHEn  ZEITUNG vom 3.4.76 unter  .3.2)

Die VOS (.3.3), die die Fälle der Zeitung mitgeteilt hatte, schrieb uns seinerzeit auf Anfrage: „Leider wird von Seiten der Bundesregierung in letzter Zeit auf eine Befragung der Häftlinge verzichtet. Wir sind (verständlicherweise) auch nicht in der Lage, eine vollständige Erfassung durchzuführen. Die Verantwortlichen in Bund und Ländern teilen uns weder Namen noch Adressen ehemaliger politischer Häftlinge... mit.

Der Psychiatriemißbrauch zur Unterdrückung politischen Aufbegehrens war damals insbesondere in der Sowjetunion verbreitet, war an sich aber auch dort schon ein nach-stalinistisches Phänomen. Er wurde im Westen erst nach langem Sträuben wahrgenommen. Daß er in andren kommunistischen Ländern u.a. in Rumänien vorkam, wurde kaum erwähnt. Daß es ihn sowjetähnlich auch in der DDR gab, wird unter Aufbietung aller möglichen Kniffe geleugnet. Dabei wurde er hier systematisch-„wissenschaftlich“ gar zum noch „raffinierteren“, noch breiter einsetzbaren Mißbrauch der Psychologie, zur „Zersetzung“ fortentwickelt. Nach der Wende unternahmen die verantwortlichen Instanzen in Bund wie Ländern wie auch die (halbstaatliche) Ärzteschaft alles Erdenkliche, um Mißbräuche der Psychiatrie in der DDR zu verwischen, zu verbergen. Auch von den Obengenannten (Fn 1-4) war nichts mehr zu hören.

 

2.2     Unverändert behaupten unsere staatlichen wie öffentlich-rechtlichen Instanzen, Ministerien, Ärztekammern, Ärzteverbände, es habe in der DDR systematisch-politischen Psychiatriemißbrauch nicht gegeben. Über die Motive der "Klasse" einige Ausführungen in Kapitel .2.6. Uns werden entsprechende Mißbrauchsfälle immer wieder neu bekannt. In RB 1/08,2.2 brachten wir schon einen ersten Fall aus der Praxis von Frau Dipl. Med. N. Kuchta. Im Folgenden ein weiterer. Wie viele solcher Fälle kämen wohl noch ans Licht, wenn die Kliniken und Nervenärzte (nicht nur) in den neuen Bundesländern kooperativ wären? Hier der selbständig kürzlich niedergeschriebene Bericht von D.E., geb. 1970, über den (ihren) noch in der Endzeit der DDR angetretenen

  „Leidensweg einer jungen Frau und die Folgen.

Es begann alles im Jahre 1989. Ich war 18 Jahre alt, noch frei von Vorurteilen und voller Energie, stand mit guten bis sehr guten Leistungen in der Lehre zum Wirtschaftskaufmann, Bereich Industrie, und war bereit, mein Leben selbständig zu gestalten. Mein eigentlicher Berufswunsch war bis dato nicht in Erfüllung gegangen, da mein Vater andere Pläne mit mir verfolgte. Ich hatte mich gefügt und einen Ausbildungsplatz als Wirtschaftskaufmann bei einem Wohnungsbaukombinat, einem VEB im Brandenburgischen, bekommen. Mein Eifer, weiter zu kommen und in die Richtung Kriminaltechnik zu gehen, waren Anlaß, mich um einen Studienplatz zu bewerben. Ich wurde daraufhin in einem Brief aufgefordert, der SED beizutreten, um den Platz zu bekommen.

Nebenher machte ich den Motorrad-Führerschein. Ich war mit der Theorie schon fertig. Es fehlte nur noch die praktische Prüfung.

Eines Tages rief mich mein Chef ins Arbeitszimmer und erzählte mir, dass auf verschiedenen Baustellen Essensgelder verschwunden seien. Ich möge mir die nötigen EDV-Listen herausgeben lassen, um dieser Sache auf den Grund zu gehen. Da ich frisch von der Schule kam und sehr gut die EDV-Listen lesen und verstehen konnte, begann ich voller Tatendrang, mir die nötigen Unterlagen zu besorgen. Ich ging in die andere Baracke, wo sich die Büros der Kombinatsleitung befanden. Eine neue Sekretärin, auch sehr jung und unerfahren, öffnete mir den Safe, gab mir die nötigen Unterlagen, äußerte dabei freilich Zweifel, ob sie befugt sei, sie mir zu geben. Unbedacht ergriff sie einen Stoß dieser Akten und übergab ihn mir.

In den EDV-Listen wurden in Zahlenverschlüsselungen die Ein- und Ausgänge von Waren erfasst. Ich befasste mich eigentlich nur mit dem Fall der verschwundenen Essensgelder und mir fiel auf, dass die Person, die kassierte, ganz geschickt die Anzahl der Besteller zu verkleinern versuchte, um sich ein wenig abzuzweigen. Mir lagen jetzt allerdings Unterlagen zu allen Baustellen mit den betreffenden Arbeitern vor, so daß ich schnell zu dem Schluß kam, dass die Kassiererin Unterschlagungen machte und dass ich dies anhand der Un­terlagen auch beweisen konnte. Nach einiger Zeit kam ich dann an die EDV-Listen, die die Ein- und Ausgänge von Baustoffen dokumentierten. Das heißt, sämtliche Lagerbestände wurden in den EDV-Listen festgehalten und es gab in diesen Listen viele unerklärliche Dinge wie z.B., daß große W50- (LKW-)Ladungen mit Beton oder Kies aus dem Lagerbestand als Ausgänge aufgeführt waren, hier aber bei den Eingängen unter den Artikeln keine Beträge auftauchten. Je intensiver ich die Listen betrachtete, um  so größer wurde mein Verdacht, dass hier im großen Stil Unterschlagungen vorgenommen wurden. Diese EDV-Listen sollten mein Verderben sein. Von meinen Vermutungen erzählte ich meiner Büromitarbeiterin, die voller Schock sagte, wie ich nur an diese Unterlagen gekommen sei und ob ich wüßte, daß meine Ergebnisse Konsequenzen haben würden. Ganz verzweifelt ging ich um 16 Uhr nach Hause. Die EDV-Li­sten ließ ich auf meinem Schreibtisch liegen.

Zu Hause angekommen, konnte ich nicht klar denken. Ich beschloss, meinem Vater von den Listen und meinen Ergebnissen zu erzählen. Ich suchte noch Rat, um dies möglichst ungeschehen zu machen. Statt Rat zu bekommen, setzte es eine Ohrfeige. Mein Vater sagte, ob ich ihn in Teufels Küche bringen wollte und er fragte mich, ob ich diese Listen kopiert hätte. Unter Tränen verneinte ich dies und das Unheil nahm seinen Lauf.

Der nächste Tag wurde für mich mein schlimmster. Um 7 Uhr war Arbeitsbeginn und es fiel mir auf, daß die EDV-Listen von meinem Schreibtisch verschwunden waren. Meine Kollegin begrüßte mich lächelnd. Ich konnte dies nicht erwidern. Mir war nicht zum Lachen zu Mute.

Der Chef kam gegen 9 Uhr ins Haus. Kurz vor Mittag rief er mich ins Büro. Er wollte wissen, wie weit ich, was die Essensgelder betraf, mit dem Fall war. Ich sagte, ich wäre zu einem Ergebnis gekommen. Mir seien aber die EDV-Listen vom Tisch genommen worden. Er erklärte mir daraufhin, dass er sie genommen hätte und fragte mich, wie ich an diese EDV-Listen herangekommen sei. Mir kamen die Tränen und ich erklärte ihm, dass die neue Sekretärin sie mir aus dem Safe des  Kombinatsleiters aus Versehen gegeben hätte. Er sagte, ich solle mich doch beruhigen und fragte, ob ich aus den Listen irgend etwas entnommen oder kopiert hätte.

Ich verneinte und er sagte, es würden gleich zwei Männer kommen, die mich zu diesen EDV-Listen befragen würden. Die beiden Männer waren mir unheimlich. Ich ging aber bereitwillig mit, weil ich nichts ahnte. Vor der Baracke parkte ein schwarzer Wagen, worin vorne ein Fahrer saß. Es war komisch, wie die beiden Männer sich hinten neben mich setzten, je einer rechts und links.

Im Auto fragte ich, wo es hin ginge, und ich bekam die Antwort, ich solle mich doch beruhigen. Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte ich. Sie hielten an und gingen mit mir in einen Altbau, wo sich eine Arztpraxis befand. Dort praktizierten Herr und Frau Dr. S., Fachärzte für Psychiatrie und Neurologie, was ich bis dato noch nicht wußte. Im Wartezimmer saßen viele Patienten, die Männer gingen mit mir zu Herrn Dr. Sch. hinein. Sie flüsterten vor mir leise und er fragte, ob es mir gut gehe und ich sagte: „Den Umständen entsprechend." Er gab den Männern eine Überweisung mit und nach 5 Minuten ging die Fahrt weiter.

Bald hielt der Wagen wieder und wir stiegen aus. Das Haus vor uns war alt und die Fenster und Türfenster waren vergittert. Sie klingelten und sagten zu mir, ich möchte doch bitte hereinkommen. Die Tränen rollten, weil ich nichts Gutes ahnte. Ich erklärte im gleichen Atemzug, dass ich heute Nachmittag meine Fahrstunde habe und ich nicht lange hier bliebe. Sie beruhigten mich und gaben mir etwas zu trinken.

Bis heute fehlt mir jegliche Erinnerung an das, was danach mit mir geschah. Ich wachte irgendwann auf und lag in einem Bett, hatte ein Krankenhausnachthemd an und wusste nicht, was passiert war. Ich wäre niemals freiwillig ins Krankenhaus gegangen, geschweige daß ich mich ausgezogen hätte, da ich ja am Nachmittag noch meinen Fahrschultermin hatte.

Ich versuchte aufzustehen. Mir wurde aber ganz schwarz vor Augen. Ich hatte das Gefühl, nicht hoch zu kommen. Ich war vollkommen hilflos. Als ich zum Waschbecken laufen wollte, knickten meine Beine weg und ich brach zusammen. Als ich dann wieder zu mir kam, nahm ich viele Stimmen über mir wahr. Sie sprachen über mich und drehten mich zur Seite, wo sie Spritzen in die Hüfte setzten.

Es waren sehr viele. Die erste Zeit hielten Sie mich fest, weil ich mich wehren wollte. Aber nach und nach nahm mein Wille und meine Kraft ab. Ich fragte mich, welcher Tag sei und wo meine Eltern blieben. Mir tat alles weh, besonders meine angeschwollenen, zerstochenen Hüften.

Eines Tages ging es mir ein wenig besser und mein Vater kam mich besuchen. Er kam rein und hatte Tränen in den Augen und beugte sich zu mir rüber und flüsterte mir leise ins Ohr. Halt durch, ich hol Dich hier raus. Es dürfe nur ein Angehöriger zu Besuch kommen. Mein Verlobter dürfe mich nicht besuchen, weil er noch nicht mit mir verheiratet war. Die Spritzen wurden weniger und ich erholte mich ein wenig. Ich war nur noch Haut und Knochen, aber wurde auch gefüttert und  künstlich ernährt, weil ich so schwach war.

Es ging bergauf. Meine Mutter durfte mich besuchen. Sie kam rein und sah mich liegen. So hatte Sie mich, glaube ich, noch nie gesehen. Vollkommen kraftlos und weiß und abgemagert im Gesicht. Sie weinte und fragte mich unter Tränen, wie es mir ginge und ich antwortete: "Ich habe große Schmerzen an den Hüften." Sie machte die Decke weg und ich drehte mich zur Seite. Sie hielt die Hand vor ihren Mund und sagte vollkommen schockiert, das ist ja alles zerstochen und sternhagelblau angeschwollen. Nun wusste ich, woher die Schmerzen kamen. Sie weinte bitterlich und sagte, Vati wird dich hier rausholen, halte durch. Und ging.

Von Tag zu Tag wurde mir bewusst, daß mir was Schlimmeres nie passieren konnte. Ich hatte eine ältere Frau im Zimmer, die nachts schrie und am Tage versuchte, sich umzubringen.

Da ich noch sehr schwach war, konnte ich nicht verstehen, was mit dieser Frau los war. Meine Dosierung und die Spritzen wurden weniger und von Tag zu Tag ging es mir besser. Eine Psychologin kam zu mir ans Bett und fragte mich, ob ich in der Lage wäre, ein paar Fragen zu beantworten. Ich willigte ein, wusste aber nicht, warum ich Fragen beantworten sollte.

Ich bekam 100 Fragen, auf die ich nur mit ja oder nein antworten sollte. Einige Fragen waren mir sehr peinlich. Ich verweigerte die Antwort dazu und machte einen Strich. Die Fragen waren so zweideutig, dass ich nicht als Antwort ja oder nein schreiben konnte. Der Fragebogen sollte in 1,5 Stunden ausgefüllt sein. Die Psychologin kam nach der abgelaufenen Zeit hinein und sagte: fertig? Ich nickte. Sie schaute sich den Fragebogen an und fragte, warum ich bei manchen Fragen einen Strich gemacht habe. Ich sagte zu ihr, daß mir diese Fragen peinlich und sehr persönlich sind und ich nicht darauf antworten möchte.

Daraufhin wurde wieder mit der Spritzenkur begonnen. Mir ging es sehr schlecht. Ich wusste bald kein Datum, keinen Tag, geschweige den Monat mehr. Diesen Fragebogen musste ich drei oder vier Mal machen, bis ich "Ja" oder "Nein" antwortete. Beim zweiten Mal weigerte ich mich und machte einfach überall einen Strich übers Blatt.

Die Dosierung nahm zu. Sie prüften mein Gedächtnis, bis ich den Verstand verlor. Es war für mich ein schreckliches Martyrium. Nach Wochen oder Monaten besserte sich mein Zustand und eine andere Psychologin nahm sich meiner an. Sie kam mit Kinderbausätzen und weiß-schwarzen Schnittmustern und fragte, was ich erkennen könne. Ich dachte, den selben Fehler wie bei der anderen Psychologin darfst du nicht mehr machen, sonst kommst Du hier nicht mehr lebend heraus. Sie fragte und fragte und ich antwortete wie ein Depp. Prüfung bestanden, dachte ich, jetzt wird sie mich in Ruhe lassen. Sie kam jetzt fast tagtäglich und erklärte mir, dass ich schon Fortschritte machen würde. Sie hatte doch gar keine Ahnung, was mir widerfahren war! Die Zeit verging und ich dachte, mein Verlobter kommt mich gar nicht besuchen und irgendwie wollte ich hier raus. Was war eigentlich mit der Fahrschule? Die Fragen drehten sich bei mir um ganz andere Dinge wie etwa: Was ist das: ein Dreieck oder ein Trapez? Solche Fragen hörte ich Tag für Tag und merkte auch eine richtige Antwort daran, dass es keine Spritzen mehr setzte. Mein Gedächtnis war wieder voll da, nur keiner nahm mich für voll, weil ich angeblich eine Patientin mit einer Schizophrenie war, was mir damals aber gar nicht gesagt wurde. Ich leide an politischen Wahnvorstellungen. Das las ich erstmals nach dem Wechsel zu meiner jetzigen Ärztin. Vorher war mir nie bewußt, dass ich in irgend einer Weise politisch aktiv gewesen wäre bzw. in dieser Hinsicht Wahnvorstellungen hätte.

Ich weiß nicht,  wie lange es dauerte, aber es ging mir von Tag zu Tag besser. Eines Tages bekam ich ein Frühstück und man erklärte mir, mein Vater würde mich abholen. Er kam und ich atmete auf. Sie erklärten ihm die Dosierung der Tabletten und gaben ihm den Rat, er sollte sich bei Frau Dr. Z. melden, wenn was mit mir nicht stimmt.

Ich war lebendig und lebte noch. Mein Vater legte den Arm um mich und sagte, das schaffen wir schon. Zu Hause angekommen warteten alle schon auf mich. Ich war heilfroh, endlich wieder zu Hause zu sein. Mein Verlobter erklärte mir unter Tränen, dass er nach Peenemünde zur Armee eingezogen werde und er nur noch ein paar Tage hier sei. Ich war sehr traurig und wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Die Fahrschule war abgebrochen und die theoretische Prüfung hinfällig. Meinen Job kündigte ich zum Jahresende und fing am 01.01.1990 in der „VEB BHG Frohe Zukunftals Verkäuferin zu arbeiten an.

Durch die Medikamente wurde ich noch sehr stark eingeschränkt. Ich arbeitete sehr langsam und fand keinen Anschluss. Bei den Kollegen kam ich mir wie eine Außenseiterin vor. Ich wollte einfach nicht mehr dort bleiben. Bei meinem ersten Termin bei Frau Dr. Z.. erzählte ich ihr, dass ich sehr antriebslos, sehr eingeschränkt, sehr müde und abgeschafft sei und nicht so recht mit der Dosierung klar komme. Darauf hin schrieb sie mich krank und gab mir noch andere Tabletten, die diesen Einschränkungen entgegen wirken sollten. Die Krankschreibung war von Februar bis Ende September 1990. Die Tabletten lösten sehr starken Appetit aus. Ich hatte kein Sättigungsgefühl mehr. Nach kurzer Zeit wog ich nicht mehr 47 kg sondern 97 kg. Wie ein Schwamm aufgeschwemmt und aufgedunsen sah ich aus. Im September 1990 wurde eine Ärztekommission beauftragt mich zu prüfen, ob ich eine  Invalidenrente bekommen würde. Ich war gerade 20 Jahre alt, sollte Rente bekommen und habe mich im Arbeitsleben noch nie beweisen können!

Meine beruflichen Wünsche zerplatzten wie eine Blase. Was nun?

Am 01.10.1990 wurde ich mit 20 Jahren und einem riesen Kloß im Hals Invalidenrentnerin, keine Perspektiven mehr, nichts. Mein Gedanken kreisten und ich beschloss, wenigstens ein Kind zu bekommen. Mein Wunsch wurde erhört. Zwischenzeitlich hatte ich noch sehr starke depressive Phasen. Einmal nahm ich eine Tablettendosis zu mir, weil ich keinen Sinn in meinem Leben mehr sah. Mit Blaulicht wurde ich ins Klinikum gefahren. Dort wurde der Magen ausgepumpt. Meine Eltern wurden durch die Polizei informiert, da sie zu diesem Zeitpunkt im Garten waren. Mein Vater kam ins Krankenhaus und beugte sich leicht über mich und sagte unter Tränen: Mensch, Mädchen, was machst du uns für Sorgen?

Danach wurde ich auf die geschlossene Abteilung ins alte Krankenhaus gebracht. In meiner Akte wurde vermerkt: Selbstmordgefährdet. Von früher erinnerte ich mich an eine bestimmte Ärztin, zu der ich damals Vertrauen hatte. Sie sagte, wir kennen uns schon, und wollte, dass ich auf eine andere Station verlegt würde. Ich antwortete, ich würde auf ihrer Station bleiben wollen. Das Vertrauen zu anderen Ärzten hatte ich nicht mehr. Sie fragte mich, warum ich mich aufgebe und ich erklärte ihr, daß ich nichts mehr hätte, für das ich von Nutzen wäre.

Sie sagte, Sie haben noch Eltern und Freunde, für die es sich lohnt am Leben zu bleiben. Ich erzählte ihr, dass ich mich so leer und überflüssig fühle und dass mich nur ein Kind von die­ser Leere befreien könnte.

Es kam, wie es kommen sollte. Im Jahre 1992 machte meine Freundin Ines den Vorschlag den Führerschein zu machen. Meine Ärztin war gar nicht erfreut von meiner Idee, den Führerschein zu machen. Ich redete auf sie ein und sie willigte ein. Sie änderte die Dosierung der Tabletten. Die Spritzen gab es nur noch in größeren Zeitabständen. Im April 1993 erhielt ich mit dickem Bauch den Führerschein. Mir ging es jetzt wirklich gut. Ich bekam meine erste Wohnung und mein erstes Kind. Das Kind war mein größtes Glück, ein kleiner Sohn, zart und zerbrechlich, aber es ging uns gut. Der Junge war gesund und hatte keine Schäden von Tabletten oder ähnlichem. Ich war so glücklich. Nach der Geburt wurde ich leicht depressiv und fiel wieder in ein kleines Loch. Ich wusste aber, dass es sich für meinen kleinen Sohn zu leben lohnt.

Heute weiß ich, dass ich ein riesen Glück hatte und viel Lebenskraft in mir steckte, all dies zu überleben. Nach einigen Jahren bekam ich meinen zweiten Sohn und einen netten Ehemann, der für mich immer da ist.

In beruflicher Hinsicht habe ich auch ein wenig wieder Fuß gefasst. Ich arbeite in einem Babyfachmarkt als Aushilfe und gebe in einem Gymnasium Essen an die Kinder aus. Ich habe den Sprung ins Leben zurück geschafft.

 

Objektive Daten:

D.E., geb. 1970, wurde von Mitte August bis Mitte Oktober 1989 in einer Nervenklinik im Brandenburgischen stationär behandelt. Von Fremd- oder Selbstgefährdung, wie sie bei einer „Notfall-Einweisung“ vom Arbeitsplatz weg doch vorgelegen haben müßte, ist im Entlassungsbericht der Klinik keine Re­de. Die Patientin wurde streckenweise höchstdosiert mit Neurolepticis behandelt, durchgehend letztlich bis 1995! 1990 wurde sie als erwerbsunfähig berentet. 1992 Suizidversuch mit Tablet­ten. 1994 infolge Nebenwirkungen erneut stationär unter der Diagnose „hebephrener Verlauf einer schizophrenen Psychose.“  Sie kann nicht stimmen, da eine solche Erkrankung die Persönlichkeit nie so intakt läßt, wie sie sich jetzt bei der Patientin darstellt. Als Medikationseffekt (!) kann o.g. diagnostische Eindruck sekundär aber aufkommen. 1995 übernahm Dipl.Med. N. Kuchta die Behandlung, setzte die Medizin auf Drängen der Patientin und über den eklatanten Nebenwirkungen ausschleichend ab. Zu (erneuten?) akuten Krankheitssymptomen, wie bei o.g. Diagnose zu  erwarten, kam es nicht. Im Gegenteil stabilisierte sich der Gesundheitszustand der Pa­tientin zusehends weiter. 2003 äußerte sie selbst die Vermutung, Stasi-Opfer zu sein, und beantragte bei der Birthler-Behörde Akteneinsicht – bisher vergeblich!

Kommentar: Der eindrückliche, flüssig geschriebene Bericht[5] zeigt schon, daß ihn eine ihrer Sinne mächtige Frau geschrieben hat. Bei der Einweisung wurde schon „DDR-Recht“ verletzt. Die Frau wurde einfach überrumpelt. In ihrem Abschlußbericht (Epikrise) vom 14.11.1989 gibt die Klinik keine rechtliche Grundlage der Zwangsbehandlung an und als einziges wesentliches Symptom einen „Wahn mit vorübergehend politisch-aktuellen Inhalten“. Daß solches noch in der Endphase des DDR-Systems möglich war, zeigt, daß es der Praxis entgegenkam, was den Fall wieder als systematischen Psychiatriemißbrauch ausweist (dazu mehr noch unter .2.5). Daß die Psychiatrisierung der Frau der Verschleierung gewaltiger Veruntreuungen ihrer damaligen Vorgesetzten diente, geht aus dem Bericht hervor.

Die Herren seien, so Patientin, auch heute so einflußreich, daß sie Angst um ihre Kinder habe. Sie bat, Hinweise in ihrem Bericht, die auf ihre Identität weisen könnten, möglichst zu verfremden. Hätten sich auf solchem Hintergrund in den 90ern „Psycho-Ver­folgte“ auf Aufrufe von Nachuntersuchungskommissionen in den Medien[6] melden sollen, melden können?
 

 

2.3  Unseren Lesern ist der Fall Dietrich Koch von ausführlichen Schilderungen in früheren Rundbriefen ab RB 1/97 wohl bekannt. Im Übrigen sei auf seine Bücher verwiesen. Der folgende Bericht handelt letztlich von einer privaten Fehde. Wir publizieren ihn, weil die Angelegenheit von gegnerischer Seite immer wieder öffentlich anders dargestellt wird, unser Vorstandsmitglied Dr. Koch wohl das Recht zur Selbstverteidigung hat und weil zur Eindämmung von Psychiatriemißbrauch Bewußtsein nötig ist, welche Spätfolgen er für Betroffene nach sich ziehen kann (s. auch RB 1/07,2.3). Die Fußnoten in Kochs Text vom Autor.

Millionenzüngig leckt / die lippen sich / der rufmörder

Reiner Kunze

 

Dietrich Koch 

Privater „Psychiatriemißbrauch“ im Rechtsstaat nach systematischem Mißbrauch in der DDR

Nach 1989 gab es öffentliches Interesse an dem Plakatprotest von 1968 gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche am 3. Mai 1968. Dr. Dr. Stefan Welzk, am 21. Juni 1968 „Protagonist“ bei jener Plakataktion, später mein erbitterter Widersacher,  berichtete über das tollkühne Unternehmen in einem Aufsatz  DIE Sprengung - Der Protest!  (www.paulinerkirche.de)  und 1998 im Rundfunk-Feature des MDR  „Wecker, Farbe, Fahnenstoff – Wie drei Physiker gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche protestierten“ (Heller 1998). Ich komme darin nicht vor, obwohl ich der einzige an der Sache Beteiligte bin, der deshalb verurteilt wurde und zweieinhalb Jahre in Haft und psychiatrischem Haftkrankenhaus zuzubringen hatte. Als ich 2000 mein Buch DAS VERHÖR publizieren wollte, setzte Welzk Himmel und Hölle in Bewegung, um es zu verhindern. Er wandte sich  u. a. an Gauck, Biedenkopf, Steffen Heitmann und verschiedene Verlage. Mein Buch erschien trotzdem. Ein knappes Jahr danach kam bereits eine zweite Auflage.  Und  2008 erschien NICHT GESTÄNDIG - Der Plakatprotest im Stasi-Verhör. Unbeirrt auch durch das Gutachten der sächsischen Kommission zum Psychiatriemißbrauch[7] blieb Welzk in meinem Fall wie bei früheren Gelegenheiten schon bei  Verleumdungen. 

 

(1.)  Öffentliche Anfeindungen

Am 25. Mai 2008 fragte ein Interviewer im Deutschlandfunk Welzk zum Plakatprotest: „Was ist da passiert? Es gab ja Verhaftungen und auch das, was wir erst nach der Wende wissen, es gab politischen Psychiatriemißbrauch, da wurden Leute eingewiesen. Der Fall Dietrich Koch beispielsweise.“

Welzk antwortete: „Der Fall Dietrich Koch. Das Problem ist, Herr Koch und die anderen sind verhaftet worden wegen einer denunzierten kommerziellen Flucht. Wir hatten damals versucht, Herr Koch war damals krank und ..., eine legale Ausreise für ihn zu erwirken. Damals haben sich einige engagiert und da sich das stark verzögert, da nicht absehbar war, hatten wir versucht eine kommerzielle Flucht für ihn zu organisieren und da, dieses ganze Unternehmen ist damals denunziert worden und deswegen kam es zu Verhaftungen.“

Welzks Darstellung ist im Wesentlichen falsch. Im November 1969 – ich war nach meiner Festnahme am 27. Mai 1968 vor der zur Sprengung vorbereiteten Kirche und dem folgenden Rauswurf aus dem Institut der Akademie der Wissenschaften arbeitslos – bot mir Prof. C. F. von Weizsäcker in Halle / S. an, sich für eine legale Übersiedlung von mir einzusetzen. Außerdem bot er mir Arbeit an seinem Starnberger  Institut an. RA Vogel würde auf mich zukommen. Ich nahm an.

Wenig später bot mir Dr. Otto Bach von der Psychiatrischen Universitätsklinik Leipzig eine Anstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an. Zum einen sollte ich an einem Leipziger psychiatrischen Forschungsprojekt mitarbeiten, zum anderen sollte ich als Wissenschaftsorganisator des Ministeriums für Gesundheitswesen ein DDR-weites psychiatrisches Forschungsprojekt mit einer größeren Zahl psychiatrischer Einrichtungen in der DDR betreuen. Ich nahm auch das an, unsicher, ob die Ausreise möglich würde.

Als Bernard Langfermann uns Leipziger am 4.1.1970 bei der Stasi in Ost-Berlin mit dem denunzierte, was er über den Leipziger Freundeskreis von Welzk gehört hatte und Briefe Welzks und Zettel mit Notizen aus Ge­sprächen mit Welzk übergab, lag das legale Übersiedlungsangebot C. F. von Weizsäckers erst kurze Zeit zurück, so daß von „stark verzögert“ nicht die Rede sein kann. Ich wurde – als einziger – wegen meiner Mitwirkung am Plakatprotest von 1968 verurteilt. Wegen angeblicher Fluchtvorbereitung mußte ich freigesprochen werden. Das Urteil endet: »Um dem Wiederholen derartigen Verhaltens vorzubeugen und damit die Gesellschaft vor staatsfeindlichen Angriffen zu schützen (...) ist des weiteren nach Verbüßung der Freiheitsstrafe (...) die Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Einrichtung (...) erforderlich.« (Urteil vom 13.4.1972, S. 12, in Das Verhör, Dokument 59)

Dr. Bach war nach der Wende Psychiatrie-Ordinarius und Direktor der Dresdener Psychiatrischen Universitätsklink, außerdem Vertreter der Ärztekammer in der Sächsischen Kommission zum Mißbrauch von Psychiatrie. Als ich meinen Antrag bei dieser Kommission stellte, sagte mir Dr. Bach: „Als wir Sie 1970 bei uns eingestellt haben, waren Sie gesund.“ Das Gutachten der sächsischen Untersuchungskommission zum Psychiatriemißbrauch hat 1985 für meinen Fall festgestellt: »Das medizinische Gutachten ist aus heutiger Sicht nicht vertretbar. Die Beurteilung durch Dr. Petermann war im Ergebnis methodisch ungenügend, inhaltlich falsch.«

Als ich am 30. Mai 2008 auf Einladung des Leipziger Stadtgeschichtlichen Museums in der Alten Börse zu meinen Hafterfahrungen las, riß Stefan Welzk die Diskussion an sich. Er behauptete, in meinen Büchern käme es mir nur darauf an, Stasiopfer herabzusetzen; mein Bericht zum Plakatprotest sei unrichtig. Er habe 1969/70 von B. Langfermanns DDR-Nähe nichts gewußt. Aus dem Publikum kam mehrfach starker Widerspruch gegen Welzk. Nur ein Detail: Bernard Langfermann, damals Politologiestudent am Otto-Suhr-Institut in West-Berlin, war ein bekennender DDR-Sympathisant, Mitglied des vierköpfigen Herausgeberkollektivs der DDR-nahen Zeitschrift Sozialistische Politik. Die DDR-Nähe Langfermanns war öffentlich bekannt.

 

(2.) Anfeindungen gehen auf Ereignisse 1972 zurück

 Nach meiner Abschiebung aus der DDR-Haft im Herbst 1972 wohnte ich zunächst in München in der gleichen Wohngemeinschaft wie Stefan Welzk. Den Namen Langfermann hörte ich aus Welzks Mund nicht. Welzk kümmerte sich anfangs rührend um mich. Aber von seinen politischen Aktivitäten hielt er mich fern. Eines Nachmittags verkleidete er sich mit Schirmmütze und Lederjacke wie Lenin und sagte mir: „Wo ich jetzt hingehe, das darfst Du nicht wissen.“ Und nach einer kleinen Pause: „Ich gehe zu einem Treffen der Lotta continua.“

 *Thomas *Rust (Name geändert) hatte ich das letzte Mal im Herbst 1970 bei einer Gegenüberstellung in der Stasi-Haft gesehen. Er schien mir völlig auf die Seite der Stasi übergegangen zu sein. Ein reichliches Jahr vor mir wurde er in den Westen entlassen. Jetzt war er am Weizsäckerschen Institut tätig, wo ihn Welzk untergebracht hatte.

Ich berichtete Stefan, daß die Stasi nach meinem deutlichen Eindruck in den Verhören, einen Spitzel in seiner bzw. der Nähe C. F. von Weizsäckers habe. Sogar in einem Kassiber an meine Eltern hatte ich während der Haft schon vor einem solchen Spitzel gewarnt. Am folgenden Tag sagte mir Welzk, *Thomas sei in der Haft von der Stasi angeworben worden. Und auf meine Nachfrage: Ja, er wisse davon. Weder er noch Thomas hatten Weiz­säcker etwas von dieser Anwerbung erzählt. Warum mir Welzk Thomas preisgab, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich damals nicht nach einem anderen Spitzel in Weizsäckers Nähe gesucht. Ich bestand darauf, daß Thomas sich Weizsäcker offenbare, drohte mit der Staatsanwaltschaft. Thomas ging zu von Weizsäcker. Am nächsten Tag verließ Thomas das Starnberger Institut. Er studierte Theologie und wurde Priester in einer besonderen christlichen Gemeinschaft. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Das Verhalten von Weizsäckers gegenüber Welzk wurde sehr kühl. Er tat nichts mehr für ihn, insbesondere erfolgte keine berufliche Förderung mehr. Mir gegenüber blieb von Weizsäcker weiterhin von herzlicher Hilfsbereitschaft. Als Klaus Michael Meyer-Abich eine Berufung zum Professor für Philosophie der Naturwissenschaft in Essen erhielt, vermittelte mir von Weizsäcker eine Assistentenstelle bei ihm. Später promovierte ich bei beiden Professoren mit einer Arbeit über Nichtklassischen Realismus.

1995 entnahm ich aus den Stasiakten u.a. die Verpflichtungserklärung von „Thomas Rust“, dem IM „Thomas“, zur Bespitzelung von C. F. von Weizsäcker (Das Verhör, S. 350 – 359). Seit der Bloßstellung von Thomas als Spitzel ist Welzks Verhältnis zu mir zerrüttet.

 

 (3.) Rufmord 1983 und ein Strafverfahren

 1983 fand ein Zivilprozeß statt zwischen einem Jugendfreund Welzks, der in Leipzig im gleichen Haus wie er gewohnt hatte, und dessen geschiedener Frau. Es ging um ein gebrauchtes Auto von vergleichsweise geringem Streitwert. Die Frau hatte mich als Zeugen benannt. In diesem Prozeß reichte der geschiedene Mann ein mehrseitiges Schriftstück von Dr. Dr. Stefan Welzk vom 20.9.83 über mich als Zeugen ein. Darin heißt es:

»Im Herbst 1965 unternahm ich mit Zustimmung der Ärzte der Nervenklinik eine etwa dreiwöchige Auslandsreise mit Herrn Koch in der Hoffnung diese werde seine eigenartige Fixierung auf diesen Konflikt mildern. Dabei gewann ich zum ersten Mal einen wirklichen Eindruck der Intensität seiner psychischen Störungen, die ich im Wechsel von Depressivität und Aggressivität, in Obsessionen und in völliger Kompromissunfähigkeit zu Tage treten sah. Im Zusammenhang mit Fluchtabsichten gemeinsamer Freunde aus der DDR wurde auch Herr Koch 1970 verhaftet, wurde aufgrund seiner psychischen Störungen jedoch schließlich ins Haftkrankenhaus Waldheim (Sachsen) verbracht und im Prozess als bedingt schuldunfähig beurteilt. Herr Koch wurde nach etwa zweijähriger Untersuchungshaft unter deren Anrechnung zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt – mit der Maßgabe anschließender stationärer nervenärztlicher Behandlung. (Die mit ihm Verhafteten erhielten Haftstrafen von 5 ½ – 6 Jahren). Ich konnte meinen Chef, Prof. C. F. Freiherr von Weizsäcker dafür gewinnen, sich wiederholt und schließlich beim Bundespräsidenten für eine Transferierung von Herrn Koch in die Bundesrepublik einzusetzen, die dann im September 1972 möglich wurde. Ich habe Herrn Koch im Notaufnahmelager Gießen abgeholt und ein Zimmer in der von mir mitbewohnten Wohnung in München vermittelt. Nach etwa einem Jahr ergab sich für ihn eine Arbeitsmöglichkeit in Essen. Solange ich Herrn Koch kenne, habe bei ihm die Angst wahrgenommen, wieder in eine Nervenklinik zu müssen. Zugleich hat er immer wieder mir gegenüber bezüglich mindestens einer Person seiner Umgebung auf die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden psychischen Zusammenbruches (eines „Verrücktwerdens“) hingewiesen. Ich war stets betroffen von der Intensität und Faszination, mit der er die vermeintlich bevorstehenden psychischen Katastrophen Anderer zu analysieren versucht hat. Die Frage, ob die vermutete psychische Gefährdung anderer Personen ihm Entlastung von seiner eigenen Angst verschafft, ist freilich nur von psychiatrischer Seite zu beantworten

Ich war entsetzt. An dem Welzkschen Schreiben war praktisch alles falsch. Der politische Psychiatriemißbrauch in der DDR wurde von meinem früheren Mitstreiter zu „psychischen Störungen“ meinerseits.

Aufgrund eines beruflichen Konfliktes war ich wegen einer reaktiven Depression in der Psychiatrischen Universitätsklinik Leipzig. 1967 wurde ich als gesund entlassen[8] und unternahm zusammen mit Stefan Welzk eine Reise mit Bergtouren in der Hohen Tatra und dann mit meiner Frau Eva-Maria durch die CSSR. Welzks Bemerkung „mit Zustimmung der Ärzte“ ist falsch. Ich war gesund. Welzk hat, wie mir Prof. Dr. Otto Bach 1995 versicherte, mit einem Arzt gar nicht gesprochen.

Nach der Wende sagte mir Professor Bach: „Wir haben uns damals mehr als Ihren Anwalt gesehen.“  Und Professor Klaus Weise meinte:„Was wir Ihnen da bescheinigt haben, war doch gar keine richtige psychiatrische Krankheit.“

 In dem laufenden Zivilprozeß konnte ich als Zeuge nichts gegen das Schreiben Welzks machen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör stellt einen starken Schutz für Äußerungen in einem Verfahren dar.

Welzk machte sein Schreiben daraufhin einem jungen Arzt aus der Bekanntschaft, einem Allgemeinmediziner, zugänglich. Diesen hatte ich überhaupt nur ein einziges Mal vor Jahren bei einer Geburtstagskaffeetafel gesehen. Er verfaßte auf der Grundlage des Welzkschen Schreibens eine Eingabe ans Mülheimer Gesundheitsamt mit dem Ziel meiner sofortigen Unterbringung in der Psychiatrie wegen meiner Allgemeingefährlichkeit. Das Gesundheitsamt lud mich vor.

Einerseits war die Situation da für mich ganz ungefährlich. Die Vorwürfe waren absurd. Ich lebte seit über zehn Jahren in Mülheim, ohne jemals einen Psychiater aufgesucht zu haben. An der Universität Essen arbeitete ich im öffentlichen Raum mit zahlreichen Kontakten. Andererseits wußte ich um die Gefahren des Psychiatriegesetzes Nordrhein-Westfalens.

Mein Kollege Dr. Dieter Birnbacher hatte mit mir ein Seminar für Ärzte der psychiatrischen Kliniken der Essener Universität zu ethischen Problemen ihres Faches veranstaltet. Dabei war auch das nordrhein-westfälische Psychiatriegesetz zur Sprache gekommen. Ich wußte, wie leicht man aufgrund eines Verdachtes zur Beobachtung und weiteren Abklärung in die Psychiatrie kommen kann, und daß dann falsches, etwa besonders renitentes, Verhalten unabsehbare Folgen haben kann. Außerdem hatte ich die besondere Schwierigkeit, daß über politischen Mißbrauch der Psychiatrie in der DDR in der Bundesrepublik praktisch nicht gesprochen wurde und ich keinerlei Unterlagen aus der DDR besaß, also weder das Leipziger Urteil gegen mich, noch gar das Waldheimer psychiatrische Gutachten. Ich berichtete zunächst meinem Hausarzt das Ganze. Er teilte dem Gesundheitsamt mit, daß ich bei ihm in Behandlung bin, so daß dieses zunächst keinen direkten Zugriff auf mich hatte und ich nicht bei diesem erscheinen mußte. Dann holte ich den Rat eines Anwaltes ein, der mir riet, mich an die Staatsanwaltschaft zu wenden. Vorher aber wollte ich noch einen Versuch zur friedlichen Beilegung unternehmen. Ich machte ausfindig, daß Welzk bei einer Freundin in Holland lebte und kündigte in einem Brief meinen Besuch bei ihm an. Als ich zusammen mit meiner Freundin bei ihm erschien, öffnete uns seine Freundin und sagte, wir möchten in einer Stunde wiederkommen, da sie noch etwas Dringendes zu erledigen hätten. Stefan sah ich nicht. Nach einer Stunde waren beide ausgeflogen und hatten einen Zettel hinterlassen, daß mein Besuch für Stefan unzumutbar sei. Also blieb nur noch der Weg zur Staatsanwaltschaft. Der zuständige Duisburger Staatsanwalt war durchaus verständnisvoll. Er hörte sich mein Anliegen genau an und eröffnete nach einer Vorbereitungszeit ein Ermittlungsverfahren gegen den Arzt, daß auch zur Anklage wegen Verleumdung bzw. übler Nachrede führte. Dem Rat des Staatsanwaltes, auch gegen Welzk Strafantrag wegen dieser Delikte zu stellen, mochte ich nicht folgen. Ich sagte, daß Welzk meinen Fall von Weizsäcker bekannt gemacht habe, und dies zu meinem Freikauf geführt hatte. Dem Staatsanwalt leuchtete dies nicht ein, aber es lag ein An­tragsdelikt vor. Um auch Einblick in die Akten zu erhalten, erhob ich Nebenklage. Welzk schob weitere „Belastungen“ gegen mich nach. So hätte ich in Leipzig an Autogenem Training teilgenommen und sei früher schon im Bezirkskrankenhaus St. Georg in Leipzig untergebracht gewesen, einem angeblichen psychiatrischen Krankenhaus.

Da Zeugen aus der DDR nicht vernommen werden konnten, waren eidesstattliche Erklärungen meines Bruders aus Dres­den, meiner Schwester aus Leipzig und meiner geschiedenen Frau aus Leipzig besonders wichtig. Alle Erklärungen widersprachen den Ausführungen von Welzk in jeder Hinsicht. Meine geschiedene Frau war als Psychologin an einer Psychiatrischen Klinik tätig. In ihrer Eidesstattlichen Erklärung vom 18. März 1984 schrieb Dr. Eva-Maria Patzschke:

»Ich war von 1963 bis 1969 mit Dietrich Koch verheiratet. ... Von seinem behandelnden Arzt Dr. Otto Bach wurde mir als Diagnose „reaktive Depression“ genannt. Ich habe weder „Aggressionen noch „Obsessionen“ bei ihm festgestellt, noch ist ärztlicherseits eine derartige Diagnose über ihn gestellt worden. Mein geschiedener Mann hat auch nie behauptet oder vermutet, daß andere Personen aus unserem Bekanntenkreis „verrückt“ würden. Als mein geschiedener Mann im September 1967 aus der Klinik als gesund entlassen war, unternahm er eine Urlaubsreise durch die Tschechoslowakei und Ungarn. Zunächst reiste er mit seinem Freund, Herrn Stefan Welzk, von Brünn aus reiste ich mit ihm. Weder Herr Welzk noch ich waren meinem geschiedenen Mann durch Ärzte als Begleitung zugeordnet. Ich habe an meinem Mann keinen Wechsel von Depressionen, „Aggressionen und Obsessionen“ wahrgenommen. Mir ist auch nicht bekannt, daß Herr Stefan Welzk im ersten Teil der Reise etwas derartiges festgestellt haben will. Ich halte eine derartige Behauptung des Herrn Welzk auch für unmöglich wahr, da Herr Welzk mit meinem geschiedenen Mann Bergtouren in der Hohen Tatra unternommen hat, was natürlich mit einem angeblich psychisch Kranken mit den von Herrn Welzk behaupteten Symptomen nicht möglich gewesen wäre.

Mein geschiedener Mann wurde 1968 von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Leipzig, entlassen, da gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Auflauf lief. Er war von der Polizei festgenommen worden, als Menschen, die den Vorbereitungen zur Sprengung der Paulinerkirche zusahen, festgenommen wurden. Mein geschiedener Mann wurde nicht entlassen bzw. ihm wurde nicht gekündigt, weil er seinen Chef, Herrn Professor Dr. Günter Vojta, als „psychisch krank“ oder „inkompetent“ bezeichnet hätte. Das Kündigungsschreiben enthielt keine derartigen Beschuldigungen

Meine Schwester, eine Schulkameradin von Stefan Welzk, konnte als Leipziger Ärztin einen damaligen Befund aus dem Bezirkskrankenhaus St. Georg liefern, wonach ich wegen einer physischen Erkrankung in der Medizinischen Klinik gelegen hatte, nicht aber wegen einer psychischen. Das Krankenhaus St. Georg hatte überhaupt keine psychiatrische Abteilung.

Mein Bruder Dr. Dr. sc. Eckhard Koch sagt in seiner eidesstattlichen Erklärung vom 17. März 1984: »Mein Bruder Dietrich Koch war 1967 ca. ein halbes Jahr wegen einer reaktiven Depression in stationärer Behandlung der Psychiatrischen Uni­versitätsklinik Leipzig... Mein Bruder ist nicht in mehreren Nervenkliniken behandelt worden und war nie in einer Heilanstalt. Mein Bruder war niemals wegen aggressiver Verhaltensweisen und Obsessionen in Behandlung. Eine derartige Diagnose ist nie bei ihm gestellt worden. Derartige Symptome und Phänomene sind bei ihm niemals aufgetreten. Ich wohnte damals ständig, wie er, in Leipzig, war im gleichen Institut wie er angestellt und habe deshalb lückenlose Kenntnis. Ich habe von meinem Bruder zu keinem Zeitpunkt die Meinung gehört, daß eine Person in seinem Bekanntenkreis „verrückt“ würde. Mein Bruder unternahm im Herbst 1967 eine Urlaubsreise mit Herrn Welzk durch die Tschechoslowakei und Ungarn mit Bergtouren in der Hohen Tatra. Mein Bruder war zu dieser Zeit aus der Psychiatrischen Universitätsklinik entlassen und arbeitsfähig geschrieben. Es handelte sich um einen normalen Jahresurlaub, zu dem Herr Welzk ihm nicht durch irgendwelche Ärzte als Begleitung zugeordnet war. Ich weiß dies aus direkter Wahrnehmung, da ich in meiner elterlichen Wohnung zusammen mit meinem Bruder und Herrn Welzk über die Reise gesprochen habe.

Ich war seit 1966 am gleichen Institut wie mein Bruder als Diplomphysiker beschäftigt. Mein Bruder ist nicht gekündigt oder entlassen worden, weil er seinen Chef... als psychisch krank bezeichnet hätte. Im Kündigungsschreiben, das ich selbst gelesen habe, befand sich keinerlei derartige Beschuldigung. Auch im arbeitsrechtlichen Verfahren ist eine derartige Behauptung nicht aufgestellt oder erörtert worden. Die Entlassung meines Bruders 1968 aus dem Institut der Deut­schen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Leipzig, erfolgte, da gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Auflauf eingeleitet worden war, als er mit einer Menschengruppe, die den Vorbereitungen zur Sprengung der Leipziger Universitätskirche (Paulinerkirche) zusah, von der Polizei aufgegriffen wurde

So­wohl die Erklärungen meiner geschiedenen Frau als auch die meines Bruders waren insbesondere wegen dieser Passagen zur Universitätskirche sehr mutig. Im Ermittlungsverfahren reichte ich als Nebenkläger weiterhin eidesstattliche Versicherungen meiner beiden Kollegen Dr. Wolfgang Krewani und Dr. Dieter Birnbacher ein.[9]

 Der Strafprozeß fand unter erheblichem öffentlichen Interesse mit zahlreichen Zuhörern vor dem Amtsge­richt Mülheim statt. Während der Angeklagte Manfred H. seine Vorwürfe gegen mich aufrechterhielt, tanzte Welzk auf dem Gerichtsflur mit der Freundin seines Leipziger Jugendfreundes. Welzk war so ausgelassen, als ob er meine sofortige Unterbringung in der Psychiatrie durch diesen Prozeß erwarte. Der Richter ließ kurz entschlossen meinen Hausarzt Dr. Dohmen aus seiner laufenden Sprechstunde heraus durch den Gerichtsdiener holen. Dessen Vernehmung ergab nichts, was die Ausführungen Welzks in irgendeiner Weise bestätigt hätte. Die von diesem behaupteten psychischen Besonderheiten hatte der Hausarzt nicht an mir bemerkt. Auf die Frage, warum Welzk mit mir nicht reden wollte, antwortete dieser, ich hätte so eine ausgebeulte Manteltasche gehabt, da habe er ein Tonbandgerät vermutet. Welzks Vernehmung ergab, daß er keine der wesentlichen Behauptungen gegen mich aufrechterhalten konnte, wie der Richter zusammenfassend hervorhob.

Dietrich Koch kann sich sehr gut selbst disziplinieren“, hob der Richter als Aussage Welzks hervor. Der zweitägige Prozeß erbrachte schlechterdings nichts, was die Welzkschen Behauptungen bestätigen konnte. Der Angeklagte mußte sich bei mir öffentlich entschuldigen. Der Richter erklärte, der Versuch, mich in die Psychiatrie zu bringen, war „ein Komplott zur Regelung eher alltäglicher Mißhelligkeiten“. Als entlastend für den Angeklagten nannte er, daß dieser nicht aus eigener Wahrnehmung heraus gehandelt habe, sondern daß im Hintergrund ein anderer (Stefan Welzk) gestanden hatte. Gegen einen hohen Geldbetrag, den der Angeklagte zu zahlen hatte, wurde das Verfahren nach § 153a StPO eingestellt. Ich hatte auf der ganzen Linie gegen Welzk gewonnen.

Das Vorgehen Welzks erlebte ich als eine privat in der Bundesrepublik nunmehr geführte Fortsetzung des systematischen Psychiatriemißbrauchs in der DDR.

 

 

2.4   Kürzlich ging uns aus Recklinghausen ein Fall zu, der ganz alltäglich begann: Herr Rainer Hoffmann ließ 1996 auf seinem Haus eine Solaranlage installieren. Er stellte dann fest, daß diese in keiner Weise die im Firmenprospekt ihm versprochene Energieausbeutung brachte. Er weigerte sich entsprechend die Rechnung zu bezahlen und wurde verklagt. Über weiterer Prüfung der technischen Problematik kam er zum Schluß – er  meint, dafür Beweise zu haben -, daß die Solartechnik insgesamt ihre  Versprechen nicht halte, sie nur politisch gepusht werde (mangels technischer Kompetenz enthalten wir uns der Stellungnahme. Wir halten angesichts weltweiter Energieverknappung zumindest das Bemühen um alternative Energie für berechtigt). H. hat auf seiner Webseite seine Recherchen umfangreich dokumentiert (www.solarkritik.de). Ein anderes Gericht (OLG Hamm) hatte 2001 statt auf den Firmenprospekt, der dem Vertragsabschluß zugrunde lag, auf eine spätere, korrigierte Werbeanzeige abgestellt und so gegen H. entschieden. Da sich das jetzt aktuelle Gericht auf diesen laut Hoffmann „Urteilsfehler“ stützte, bezichtigte er es der Rechtsbeugung. Darüber versuchte es 2003 schon, ihn zum Psychiater zu beordern. Das klappte damals und auch bei einem zweiten ähnlichen Versuch im November 2006 nicht, weil sich der Arbeitgeber nachhaltig für den Mann, seinen Prokuristen, einsetzte. Zur Untersuchung wurde damals vom Gericht gleich der Sozialpsychiatrische Dienst vor Ort anvisiert. Es sah aus, als dachte eine, die juristische Staatsinstanz bei der nächsten, der  psychiatrisch-psychologischen Staatsinstanz am sichersten zu erreichen, was sie erreichen wollte. Im Juni 2008 setzte der Richter erneut einen psychiatrischen Termin an. Wir baten ihn am 08.07.2008, er möge unsere Schilderung des Hergangs gegebenenfalls korrigieren. Wir würden eine Publikation gern  vermeiden. Hoffmann ließ den Termin verstreichen. Der Richter hakte da nicht nochmals nach. Er ließ H., der den Solarverkäufer weiter einen Betrüger nannte, am 21.10.08 nach einer Gerichtsverhandlung kurzerhand festnehmen: Drei Wochen Ordnungshaft.

 

 

2.5  Weiter kam uns kürzlich der Fall der 37-jährigen A.M. zur Kenntnis. „Seit fast einem Jahrzehnt“, schrieb das GÖTTINGER TAGEBLATT vom 9.9.2008, „nervt eine selbsternannte Lebensschützerin…“ Mit Postern, Flugblättern und Stickern protestierte sie gegen Abtreibung, ging dabei Beteiligte und Unbeteiligte verbal und auch mit Reizgas an oder gab ihnen, wie sie selbst meint, zurück. Die Abtreiber-Ärztin bezeichnete sie als „Kindsmörderin“. Gegen eine Moschee trat sie mit Weihwasser an. Offensichtlich wird ihr Vorgehen von ihrem streng katholischen, verabsolutierend alles andere verwerfenden Glauben getragen. Frau M. wurde darüber wegen „Volksverhetzung“ angeklagt, zwangsbegutachtet und Anfang 2008 interniert, zuletzt ins forensisch-psychiatrische Landeskrankenhaus Moringen verlegt. Es droht ihr dort jetzt ein jahrelanger Freiheitsentzug. Zugespitzt kam die Frage auf: Kommt man in der Bundesrepublik Deutschland über dem Protest gegen die liberale Abtreibungspraxis heute schon ins Irrenhaus?

Selbst in der Abtreibungsfrage nicht direkt engagiert,[10] verneinten wir das in einer ersten Antwort an einen uns befragenden Abtreibungsgegner.  Nachträglicher Einschub: Nach langer Weigerung der Staatsanwaltschaft, auch bevollmächtigten Vertrauenspersonen der A.M. Einsicht in den Urteilstext zu geben, ging  dieser uns kürzlich doch zu. Die ursprüngliche Wertung des Falls und damit der ursprüngliche Text dieses Kapitels waren jetzt zu korrigieren. Auch wenn für uns einige Punkte noch unklar sind, liegt Psychiatriemißbrauch hier wohl nicht vor, vor allem kein „systematischer“.

Gewiß bleibt den Vertrauenspersonen der aus „Karl-Marx-Stadt“ stammenden A.M. aufgegeben, auch ihre Version über die Vorgänge zu notieren – genauer vielleicht, als das Gericht es tat. Und es wird ihnen zukommen, weiter auf die Verhältnismäßigkeit der jetzt zum Einsatz kommenden Maßnahmen und Mittel zu achten.  Aber der Protest der A.M. war nicht nur „nervig“. Er ging über das Maß hinaus, die der Rechtsstaat dem Protest allgemein einräumt. Protest behelligt etwa bei Streiks Unbeteiligte oft gravierend. Man denke auch an das viele Verständnis, mit dem der Protest der 68er aufgenommen wurde. Rigoros, streng (neo-)marxistisch ging er verabsolutierend über alle anderen Gesichtspunkte hinweg und geriet über entsprechende Drohungen hinaus tatsächlich zu Mord und Totschlag. Gerade läuft ein neuer Film, der die RAF respektvoll in Erinnerung ruft. Gewiß aber hat auch der Protest gegen die Abtreibung, das Töten Ungeborener, da seine Grenzen, wo die körperliche Unversehrtheit Geborener beginnt.

Insbesondere aber gibt es Grenzen zum systematischen  Psychiatriemißbrauch.

Dieser war und ist einer, der sich

1.) im Rahmen vorherrschender Ideologie und Machtverhältnisse,

2.) im Zusammenspiel von Justiz und Medizin,

3.) unter Verbiegung von Wissenschaft und Recht und

4.) häufiger in ähnlicher Weise abspielt, wobei diese Bedingungen, insbesondere letztere nicht immer vollständig erfüllt sein müssen.

Daß sich nach vergeblichen Ermahnungen auch die katholische Kirche, deren Lehren die Frau ernst nahm, von ihr abwandte, ihr Priester ihr Kirchenverbot erteilte, ist von eigener Art. An der Reform von Psychiatrie und Psychotherapie, der Psychiatrie-Enquête (1970-75) hat die Kirche über ihre Caritas rege mitgewirkt (RB 1/08,6.6). Von den Sirenentönen der Christa Meves betört, halfen selbst eifrigste Abtreibungsgegner, die „neue Psychiatrie“ und Psychotherapie aufzurüsten. Die liberale Abtreibungspraxis haben einige ihrer prominentesten Vertreter auf das entschiedenste angefordert und mit durchgesetzt. Wie dem Zeitgeist ergebene deutsche Amtswalter der Lehre Christi beitragen, daß sie als Wahngebilde gewertet und christlich-ethische Positionen weiter zerbröselt werden, kommt in späteren Teilen dieses Rundbriefs noch zur näheren Darstellung.

Daß allgemein ins Paranoische gerückt wird, wer auch sonst Zeitgeistwidriges äußert, hörten wir des öfteren schon (s. auch .3.5). Es könnte auch für sie noch ernster werden. Den Aufblähungen der roten Psychiatrie in fragwürdigste Richtungen hinein blieb strikter noch als einigen verwegenen Finanzkonstruktionen gegenüber das gesamte konservative Lager jahrzehntelang gänzlich desinteressiert. Immer deutlicher wird, warum die politisch-publizistisch Verantwortlichen, die roten wie die schwarzen,[11] gelben und grünen, schon von den sowjetischen Psychiatriemißbräuchen der 70er Jahre nichts wissen wollten, von denen der DDR dann noch weniger, und warum sie uns, die wir sie aufzeigten, ausgrenzten.


 

2.6       Der Fall Vera Stein, alias Waltraud Stork

In RB 1/07,2 vom September 2007 streiften wir bereits diesen Fall. Ende Oktober 2008 machte uns eines unserer Mitglieder auf das Buch Diagnose „unzurechnungsfähig“, VAS, Frankfurt/ M., 2006 aufmerksam. Stein beschreibt darin ihren jahrelangen Leidensweg durch die rechtsstaatliche deutsche Psychiatrie und ihren dann folgenden, kaum weniger strapaziösen Kampf gegen Ärzte, Kliniken und Gerichte, der in ihrem Bemühen um Rehabilitierung und Schadensersatz schließlich beim Europäischen Gerichtshof mit ihrem Sieg endete! Zustande kam dieser wohl nur, weil sich Ihre Schwester Daniela, selbst Rechtsanwältin, ihrer Sache annahm. Stein faßt auf S. 264 ihres Buches ihre Erfahrungen wie folgt zusammen:

In den vier Prozessen waren insgesamt sechs Gerichtssachverständigengutachten erstellt worden, fünf an Unikliniken und eines am Bezirkskrankenhaus. Diese Kliniken befanden sich in drei verschiedenen (alten) Bundesländern. Von allen Kliniken wurde die Herausgabe der Krankenakten verweigert, verzögert, der Inhalt der Akten schließlich unvollständig und / oder verändert bzw. mit falschem Inhalt herausgegeben. In keinem Verfahren wurden uns Beweiserleichterungen zugestanden. Wir hatten drei Gutachten in Auftrag gegeben, außerdem eine ärztliche Erklärung eines PPS[12]-Experten. Darin wurden die Fehler der Kliniken klar dargelegt. Obendrein konnten wir sie anhand der Krankenunterlagen und der wissenschaftlichen Fachliteratur nachweisen.

Mit den Klagen in F. und B. waren insgesamt befasst 5 Gerichte mit insgesamt 24 Richtern (sie haben teilweise gewechselt), 13 Rechtsanwälte (gegnerische und unsere).

Und mit den Klagen in W. und M. waren es 7 Gerichte mit insgesamt 33 Richtern (die ebenfalls teilweise gewechselt haben), 13 Rechtsanwälte (gegnerische und unsere), und auch hier die zusätzlichen Mitarbeiter. Es wurde in mehreren Fernseh- und Hörfunksendungen, Printmagazinen, regionalen und überregionalen Tages- bzw. Wochenzeitungen über den Fall berichtet... Keine der angeklagten Kliniken und Ärzte hatten öffentlich Stellung genommen.

Wir hatten uns an 6 Menschenrechtsorganisationen gewandt. Keine befand sich für zuständig, uns zu unterstützen. Auch wenn Fehlbehandlungen in diesem Ausmaß“  -

selten wären, meint Stein, seien es doch keine Einzelfälle. Recht hat sie da. Sie macht eine Reihe von Vorschlägen, die einer Wiederholung ihres grausamen Schicksals vorbeugen sollen, manche davon gewiß beherzigenswert. U.a. schlägt sie mehr „Patientenbeteiligung“ im Gesundheitswesen vor. Nicht-Ärzte waren aber gerade bei der vielgerühmten Psychiatrie-Reform und der sie im Detail planenden Psychiatrie-Enquête der 70er ganz wesentlich beteiligt. Werden Patientenvertreter heute nicht bei allen gesetzlichen Veränderungen im Gesundheitswesen befragt? Herzlich wenig hat das in Steins eigenem Fall bewirkt. Und wenig bewirkt es wohl im Allgemeinen. Auch Patientenvertreter sind Kinder des Zeitgeists, den Täuschungen durch andere, „multi-disziplinäre“, ideologisch um so mehr gleichgeschaltete „Psycho-Profis“ (Psychiater, Psychologen, Sozial-Pädagogen, Sozialarbeiter usw.) oder Medien, den Täuschungen auch ihrer eigenen Sinne ausgeliefert, wenn nicht gar den Interessen derer, die sie delegieren.

 

Leider endet Steins Buch zuletzt in schlichter Antipsychiatrie - der Autorin freilich fast nicht zu verdenken. Sie kommt mit der Behauptung, „für psychologische (gemeint: psychiatrische) Diagnosen[13] gäbe es „keine externen Bewertungskriterien“. Psychische Krankheiten gäbe es gar nicht. Sie seien Erfindungen der Medizin, von der „pharmazeutischen Industrie organisiert.“ Anleihe nimmt Stein / Stork da beim kommunistischen Psychiater-Antipsychiater Kipphardt und seinem Bühnenstück "März". Ernstliche psychische Krankheiten sind aber häufig so lärmend, für die Betroffenen undExterne“ so quälend und die in jüngerer Zeit entwickelten Mittel der Pharmazie oft so überzeugend hilfreich, daß besagte Kritik wohl für die meisten Menschen als schlicht unsinnig und verleumderisch erkennbar ist und deshalb weithin auch nicht ernst genommen wird. Just deshalb hat die antipsychiatrische Kritik an vielen der beklagten Mißstände, insbesondere an den Machtsturkturen im Fach über Jahrzehnte nichts geändert. Deshalb wohl nimmt die etablierte Psychiatrie diese Kritik auch meist leicht, meist widerspruchslos hin. Ja, es äußern sie in all ihrer Unsinnigkeit mitunter gar manche ihrer renommiertesten Vertreter, insbesondere „Sozialpsychiater“ (wie Kipphardt, Dörner & Co.), machen sie damit "hoffähig", so daß auch renommierte Medien sie nachbeten können. Über den Unsinn der Antipsychiatrie lesen ja viele Menschen hinweg. In manchen Vierteln aber bringt der Anschein „kritischer“ Distanz zum Fach den Anti- bis Sozialpsychiatern (in Kliniken wie Redaktionsstuben) gar Nimbus ein, ohne ihr Renommee, ihre Macht und/oder die ihrer (staatlichen) Oberen zu schmälern.[14] Den Links-Touch des Faches verstärkt er.

Fehldiagnosen gibt es in ihm wie in anderen medizinischen Fächern vor allem, weil es Übergänge zwischen Gesundheit und (wirklicher) Krankheit gibt und somit leicht, besonders aber bei ungenügender, schlampiger, wenn nicht gar böswilliger Diagnostik leichte Täuschungsmöglichkeiten.

In Fällen wie dem der Vera Stein / Waltraud Stork stehen sich auch gar nicht unbedingt hie Patienten, da Ärzte, Richter etc. gegenüber. Kaum weniger heftig als sie haben wir als Ärzte gegen „das Establishment“ der Machthaber angekämpft, wurden von ihnen, besonders den Medien, dafür um einiges noch schlechter behandelt.[15] Bis zum Frühjahr 2007 haben wir von Steins / Storks Schicksal nichts gewußt. Sie könnte umgekehrt von unserer Vereinigung nichts erfahren haben. Seit mehr als dreißig Jahren kämpfen wir gegen Psychiatriemißbräuche, primär systematische, durchaus aber auch solche vom Steinschen Kaliber, werden von der "politisch-publizistischen Klasse" nur totgeschwiegen. Offen bleibt freilich auch, ob Stein / Stork bei besagten Meinungsunterschieden mit uns Verbindung aufgenommen hätte.[16] Vorurteile trotzen auch bei Mißbrauchsopfern mitunter den Gegebenheiten. Selbst bei Opfern systematischen Psychiatriemißbrauchs kommen sie vor.

Ob sich Frau Stork an der Psychiatrisierung anderer stoßen wird? Zeigen nicht die verschiedenen von uns vorgestellten Fälle, aus wie unterschiedlichen Gründen und wie gern „die Gesellschaft“ ihre „Störer“, wo immer sie stören, sei es auf öffentlichen Plätzen, sei es im trauten Familienkreis, „in die Psychiatrie entsorgt“ und wie leicht und locker da die Medien mitmachen? Die Psychiatrie ist und bleibt halt „der Mülleimer der Gesellschaft“. Wer da einmal drin ist, den „unterstützen keine Menschenrechtsorganisationen“, keine Kirchen, keine Medien etc. (Die multi-disziplinären "Psychis" interessieren sich für sie nur insoweit, als sie an ihnen verdienen.) An ihnen „die Finger schmutzig machen“ mag sich niemand mehr.

Der Lärm, den die "politisch-publizistische Klasse", Politiker aller etablierten Parteien und allE Medien, auch so angesehene wie die FAZ (s. auch Fn 22), zur Zeit der Psychiatrie-Enquête in den 70ern um Mißstände im Fach veranstalteten, laut und immer wieder dessen Reform fordernd und ihre Humanität beteuernd, diente doch immer der Ablenkung von den eigentlichen, viel grundsätzlicheren Problemen, war auch und vor allem ihr feiner Trick, das Fach aufzublähen und mit ihm und in ihm ihre Macht über Mensch und Gesellschaft um so rigoroser durchzudrücken. Dazu wurde, wer wie wir die Realität kompetent aufzeigte, radikal ausgegrenzt -  von unseren ums Geschäft besorgten Psychiater-Kollegen gewiß, primär aber doch von „der Gesellschaft“ selbst und ihren politischen und medialen Führern. Zu ihrer Unanfechtbarkeit, ihrem besseren Leben brauchen sie ihren „Mülleimer“, einen stattlichen, großen. Und brauchen, ihn zu füllen, zupackende, nicht allzu kritische "Müll-Männer".


 

2.7  Bei dem im Folgenden besprochenen Fall Eberhart Herrmann, zu dem uns auch eine Presseerklärung des Landgerichts München I sowie verschiedene, teils hervorragende, teils durchsichtige Gutachten vorliegen, enthalten wir uns vorerst eines längeren Kommentars. Das Urteil, von dem die Zeitung berichtet, ist noch nicht rechtskräftig. Die Sache geht in die nächste Instanz.

 

aus SÜDDEUTSCHE ZEITUNG / Ressort München

vom 21.08.2008 (Bericht gekürzt)

 

Bizarres Gutachten - "Ich sehe, daß Sie geisteskrank sind"

Auf Initiative seiner Ehefrau sollte ein Münchner Kunsthändler für verrückt erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen werden. Das dazu notwendige Attest stellte Hans-Jürgen Möller, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität aus - praktisch ohne Untersuchung. Um diesen bizarren Vorgang wurde elf Jahre lang zivilrechtlich gestritten. Nun wurden Möller und der Freistaat Bayern zur Zahlung von 5000 Euro Schmerzensgeld verurteilt.

Bizarr erschien Beobachtern nicht nur der von zahllosen Beschwerden und Richterablehnungen geprägte Mammutprozeß, sondern auch die Geschichte, die dahinter steht. Ein ehemals in München angesehener und wohlhabender Kunsthändler, Spezialist für antike Teppiche, führte einen Rosenkrieg mit seiner Ehefrau. Eines Tages (1994) erschien - wohl auf deren Initiative - ein vermeintlicher Kunde in seiner Galerie... Schon kurze Zeit später stand für diesen "Kunden" fest: Das Verhalten des Kunsthändlers ist "krankhaft"

Als Kunde getarnter Psychiater

Der Besucher war ein (...) Psychiater, der seine Diagnose umgehend der Ehefrau des Kunsthändlers anvertraute. Er schrieb ein "Fachpsychiatrisches Attest" zur Unterbringung in der Psychiatrie, das er ausdrücklich "zur Vorlage bei der zuständigen Polizeibehörde" deklarierte. Bei dieser Diagnose wurde der (...) Arzt von einem (...) pensionierten Psychiater unterstützt, der den Kaufmann ebenfalls als Kunde getarnt aufgesucht hatte.[17]

"Du bist geisteskrank", offenbarte die Ehefrau daraufhin ihrem geschockten Gemahl, "du hast einen schweren Hirntumor." Sie drängte ihn, deshalb den renommierten Uni-Psychiater Möller aufzusuchen. Der Teppichexperte zögerte, ließ sich zunächst von einem Schweizer Fachmann untersuchen, der ihm auch psychisch eine gute Gesundheit bestätigte. Erst dann ging er zu dem Münchner Professor. Der aber soll ihm ohne große Umschweife lapidar erklärt haben: "Wenn ich in Ihre Augen schaue, dann weiß ich, daß Sie geisteskrank sind."

Tatsächlich fertigte Professor Möller nun … ein "Fachpsychiatrisches Attest" auf Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, das ... er ausdrücklich "zur Vorlage bei der zuständigen Polizeibehörde" deklarierte. Darin stufte er den Kunsthändler als psychisch krank sowie selbst- und fremdgefährlich ein - die sofortige Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik sei erforderlich. In diesem Attest ist  unter anderem die Rede von einem absurden finanziellen Gebaren und enthemmten Verhalten im Straßenverkehr - typisch für Maniker… Möller (schickte) dieses Papier nicht vorschriftsgemäß an die zuständige Kreisverwaltungsbehörde, sondern gab es der Ehefrau...

Das Stigma der Geisteskrankheit

Schier panisch räumte der Kaufmann seine Galerie und floh aus Angst vor der drohenden Unterbringung Hals über Kopf in die Schweiz.[18] Das Stigma der Geisteskrankheit habe seinen Ruf zerstört und den Wert seines Warenbestandes dramatisch reduziert, sagte er später. Da seine Ehefrau gegen ihn eine Strafanzeige veranlaßt hatte - weil er angeblich als Sicherheit hinterlegte Teppiche habe außer Landes schaffen wollen -, wurde er bei einer Stippvisite in München festgenommen.

Doch beim Medizincheck im Untersuchungsgefängnis Stadelheim bescheinigte ihm ein Facharzt für Psychiatrie, "normal" zu sein. Auf die Rückfrage des Kunsthändlers, ob es denn überhaupt möglich sei, einen Menschen ohne persönliches Gespräch für verrückt zu erklären, soll ihm der Arzt geantwortet haben: "Nein - es gibt nur einen Fall in der Geschichte der Psychiatrie, das ist unser König Ludwig II."

Der Anwalt des Teppichfachmanns konnte kurz darauf auch den Staatsanwalt davon überzeugen, daß es keinen strafrechtlichen Grund gebe, seinen Mandanten länger festzuhalten. Der Kunsthändler klagte nun vor dem Landgericht München I und forderte, daß Möller und dessen Dienstherr, der Freistaat, alle Schäden infolge des fragwürdigen Unterbringungsattestes ersetzen sollen - angeblich zig Millionen,

Ärztliche Schweigepflicht verletzt

Nach vielen oft extrem spannungsgeladenen Verhandlungstagen verkündete die 9. Zivilkammer…  nun das Urteil. Die Richter stellten fest, daß der Professor die Atteste auf dem Briefpapier der Klinik ausgestellt und als "Direktor der Klinik" unterzeichnet hatte. "Somit ist er nach außen in seiner Eigenschaft als Klinikdirektor und damit als Organ und Beamter des beklagten Freistaats tätig geworden. Zwar ließen die Richter die Frage offen, ob Möllers damalige Diagnose vertretbar gewesen sei. Doch weil er die Atteste an die Ehefrau sandte, habe er seine ärztliche Schweigepflicht und damit das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Klägers verletzt. "Die ärztliche Schweigepflicht besteht grundsätzlich auch gegenüber dem Ehegatten des Patienten - nur in Ausnahmefällen darf der Arzt die Verschwiegenheit dem Ehegatten seines Patienten gegenüber lockern", meinten die Richter.

Und weiter: Wenn der Professor tatsächlich von einer so erheblichen Fremd- und Selbstgefährdung des Betroffenen ausgegangen sei, daß eine Unterbringung erforderlich war, hätte er nicht die Frau, sondern die nach dem Bayerischen Unterbringungsgesetz zuständigen Behörden informieren müssen. "Hiermit wäre auch ein geringerer Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Klägers verbunden gewesen, da er dann nicht vor seiner Ehefrau hinsichtlich einer möglichen psychischen Erkrankung bloßgestellt worden wäre, sondern die Information allein an eine zur Amtsverschwiegenheit verpflichteten Stelle gelangt wäre, die weitere Maßnahmen hätte ergreifen können ", heißt es in der Urteilsbegründung....

 

Auf den Fall hingewiesen wurden wir von der scientology-nahen KVPM, deren Aktivitäten wir sonst als antipsychiatrisch (.2.6) und so meist als kontraproduktiv werteten.


 

3.  Prominente zu politischer Verfolgung, Psychiatrie-Mißbrauch, Psychiatrie-Gebräuchen

 

3.1 So leben wir: Ohne Haftbefehl oder medizinische  Rechtfertigung dringen vier Polizisten und zwei Ärzte in die Wohnung eines gesunden Mannes ein. Die Ärzte erklären ihn für verrückt und der Polizeimajor brüllt: ‚Wir sind die Organe der Vollstreckung’... Sie drehen ihm die Arme auf den Rücken und schleppen ihn ins Irrenhaus...

Mit diesen Worten Alexander Solschenizyns eröffneten wir im Frühjahr 1976 in einer Annonce im Deutschen Ärzteblatt unseren Kampf gegen den (damals speziell aus der SU gemeldeten) Mißbrauch des Fachs zur Unterdrückung Andersdenkender, die Kollegen zur Unterstützung aufrufend (meist vergeblich). Am 3. August 2008 ist Solschenizyn, der „unerbittliche Streiter für Menschenrechte und Menschenwürde“ (R. Dutli, FAZ vom 5.8.08) verstorben, in Ost und West als moralische Instanz anerkannt.

Über besagtes Eingangsthema hinaus blieben wir Solschenizyn und seiner MaximeNicht mit der Lüge lebenverbunden. Für sein phänomenales politisches, historiographisches und literarisches Werk, die Überwindung des Sowjetregimes, mit ihm des systematisch zur Unterdrückung politischen Aufbegehrens angelegten Psychiatriemißbrauchs zog er die Kraft aus seinen national russischen und orthodoxen Ursprüngen, die uns und vielen anderen gewiß verschlossen sind, mit denen er gleichwohl zu universaler Bedeutung kam. Über die Befreiung der überlebenden Opfer hinaus betrieb er unbeirrt die „Enttarnung des kommunistischen Regimes“ (H.-P. Riese, FAZ), verfolgt nicht nur von dessen Haß, sondern nach seiner Abschiebung aus der UdSSR 1974 vielfach auch westlichem. Erzkonservativ sei er, hieß es, ja antisemitisch.[19] Mit seinem Tod erfuhr sein Werk aber nochmals in aller Welt hohe Würdigung.

Wie wir mit Solschenizyns Worten die Arbeit unserer Vereinigung begannen, kamen wir auch vom Jahrhundert-Thema politischer Verfolgung nicht mehr los, genauer: von der neuen Repression, die das rote Regime als System einführte, der heilkundlich drapierten. Auch der Verstorbene kam auf sie immer wieder zurück. Mit seinem Tod nahm mancher von uns seine Bücher neu oder wieder zur Hand. In seinem in den 70ern geschriebenen, erst 2005 auf deutsch erschienenen Buch ZWISCHEN DEN MÜHLSTEINEN erfahren wir u.a. mehr über die Differenzen unter den russischen Dissidenten,[20] ehemaligen Weggefährten, wie auch wir sie bitter kennen lernten.

Anfeindungen trafen Solschenizyn im Westen, wie gesagt, genug. Man hatte hier, so schreibt er, „dem eigenen frommen Wunsch entsprechend, einen Vertreter des ‚moralischen Sozialismus‘“ erwartet. „Und dann stellte sich heraus, er ist gar kein Sozialist“. Und „schon ergossen sich die Beschimpfungen der westlichen Presse über mich.“ Die links-liberalen deutschen Medien vorne mit dabei. Ihre Attacken kommentiert Solschenizyn an einer Stelle: „Wie früher der STERN[21] mir ins Gesicht gespuckt hatte, so tat es jetzt der SPIEGEL“. Solschenizyn schildert eine üble Auseinandersetzung mit Augstein und fragt: „Wie sollte man unter solchen Monstern leben[22] – ohne ein Wort der Wahrheit?“ Unterwegs nach Stockholm zum nachzuholenden Empfang des Nobelpreises fand er im Dezember 1974 bereits, an einen Mitreisenden gerichtet: „Die Bundesrepublik Deutschland ist fast schon ein kommunistischer Staat, lange bevor hier das Leugnen des Psychiatriemißbrauchs der DDR gang und gäbe wurde,  die (ehemalige SED, dann PDS, jetzt) Linke in etlichen deutschen Parlamenten saß und die ehemalige Aachener Direktkandidatin des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands) Schmidt Bundesgesundheitsministerin, die ehemalige FDJ-"Sekretärin für Agitation und Propaganda" Merkel Kanzlerin waren und das Gesundheitswesen unter ihrer Regie vollends in "Verstaatlichungs-Orgien" (.3.3) abglitt.

 

3.2   Es sterben jetzt auch hierzulande diejenigen weg, die die Schrecken der real-sozialistischen Diktatur am eigenen Leib erfuhren, davon Zeugnis gaben und nach der Wende oft vergeblich Interesse dafür zu finden hofften.

Als „prominentester Wortführer der DDR-Opposition“, „Symbol der Zivilcourage“ wird hier der 1982 verstorbene  Robert havemann herausgestellt, so in dem 2003 herausgekommenen Buch entsprechenden Titels, Ullstein, 2003. Auch wir haben Grund zu Anerkennung. Nun läßt das von Katja H., der Witwe, und dem Journalisten J. Widmann geschriebene Buch - Untertitel: WIE SICH DIE DDR ERLEDIGTE - auch andere Eindrücke insbesondere von Havemanns Umgebung aufkommen. Der 1982 Verstorbene saß als Kommunist, von Freisler zum Tod verurteilt, jahrelang in Nazi-Haft. Er überlebte nur knapp. Daß er sich danach stalinistisch als IM betätigte, auch die Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 begrüßte, wird vielleicht dadurch aufgewogen, daß er schließlich zum (neo)marxistischen Dissidenten mutierte und als solcher unter Honecker manch mutigen Einsatz für Verfolgte leistete.

Dafür hatte er einige Freiheitseinschränkungen hinzunehmen, relativ leichte. Das Buch stellt aber auch die Geschichte anderer bekannter DDR-Bürgerrechtler vor, die die „politische Klasse“ und die etablierten Medien ständig als überragende Freiheitskämpfer und Erringer der deutschen Einheit verklären, und stellt sie in ihren Rahmen - von Rainer Eppelmann, der als CDU-Prom von sich als von „uns Linken“ spricht (RB 2/07,3.6), bis zu Wolf Biermann und vielen anderen, weithin gläubige Sozialisten bis Kommunisten, manche gewiß à priori der Repression abhold und zuletzt allemal in Opposition zu den Machthabern, viele aber lange, wenn nicht bis heute Anhänger der Ideologie, die der Welt die verbreitetste, blutigste Diktatur und auch ihnen selbst ihr viel beklagtes Ungemach brachte.

Lobesam aufgeführt wird im Buch Rudi Dutschke, der kurz vor dem Mauerbau 1961 in den Westen gelangte und hier Anführer der rot-grünen Kulturrevolution wurde, in den Himmel gehoben der Bänkelsänger Biermann, Kommunist von Kindesbeinen an. Das Buch tut, als hätte die Opposition in der DDR ausschließlich aus Marxisten bestanden und seien diese auch die einzigen, die als Oppositionelle Erwähnung zu finden verdienen. Sie waren zu DDR-Zeit und erst recht danach anscheinend gut vernetzt, was ihnen immer noch einen gewissen Schutz gab. Für den inhaftierten Siegmar Faust etwa setzte sich Havemann bei Honecker ein als für „einen leidenschaftlichen Streiter für den Sozialismus“. Wer für geleistete Hilfe und bis wohin auch immer gehenden Dissens staatliche Repression erlitt, dem gebührt Respekt. „Die DDR erledigte sich“ aber gewiß nicht von selbst.

Die Wende war wohl eher Frucht der Standhaftigkeit derer, die Gulag oder DDR-Zuchthäuser bis zur Neige erlebt, mit ihren Berichten die Welt aufgerüttelt, und die Machthaber in die Knie gezwungen haben, Frucht eher auch derer, die sich bei den Montagsdemonstrationen bei vollem Risiko der Staatsgewalt entgegenstellten, als daß in halbkommodem Hausarrest geträumte Träume oder gar im Westen gerissene Sprüche von einem neuen, besseren Sozialismus sie gewonnen hätten. Besagte Vernetzung wirkt in genanntem Buch fast, als sei sie politisch arrangiert, zumindest geduldet worden. Wär‘ es so, die SED-Mächtigen, zumindest einige Vorausschauende, hätten damit dem Marxismus im Westen neue Strahlkraft, neue Anhänger und im Fall ihrer Entmachtung für sich selbst neue Fürsprecher beschafft. Havemanns Vertraute werden als große Helden gefeiert. Teilweise waren sie es wohl. Beigeschmack aber hinterläßt, daß ausschließlich bei ihnen und ihren geistig Anverwandten heute die offizielle Aufarbeitung der „real sozialistischen“ Schandtaten liegt, die des DDR-Psychiatriemißbrauchs bei Dr. Sonja Süß, Schülerin des ehemalige Lehrbeauftragten für Marxismus-Leninismus an der ehemaligen Karl-Marx-Universität Leipzig und selbst Kandidatin des linken Flügels des Demokratischen Aufbruchs. Gauck, Süß’ Auftraggeber, kommt wie Birthler aus der Partei der grünen Neomarxisten. Mitglied der (staatlichen) „Stiftung Aufarbeitung“  ist Prof. H. Weber, Schüler von Walter Ulbricht. Dessen Vorsitzender ist der genannte Rainer Eppelmann, der damit die Opferverbände finanziell unter dem Daumen hat.

Landauf, landab wird solches hingenommen. Die Opfer, die zur Überwindung des Systems wahrlich zu erbringen waren, werden vergessen oder der eigenen Fraktion zugeschlagen, die Früchte des Kampfes um die Freiheit in jedem Fall genossen. Das Volk der Psychiater, das seinerzeit „weder eine rechtliche Kompetenz noch eine reale Möglichkeit“ sah, gegen den Mißbrauch ihres Faches in der Sowjetunion Stellung zu nehmen (RB1/88, S. 59) und über den Mißbrauch in der DDR hinwegging, sonnt sich im Glanz seiner Positionen als Ordinarien, Klinikdirektoren oder Praxis-Inhaber und natürlich darin, daß es mit der westlichen, der Weltpsychiatrie diesmal im Einklang ist. Derweilen häufen sich unter ihnen neue, ausgewachsene „Psycho-Skandale“. Ärzte wie Psychologen aber ducken sich weg und tun, als ginge sie’s nichts an. Am Ende überziehen sie Kritiker, die das anmerken, noch mit übler Nachrede (RB 2/07, 2.10). Und „Monster“ von Medien, die über Jahr und Tag mitgelogen, zumindest mitgeschwiegen haben, sind auch heute die Hauptstützen des westlich gewandelten Lügensystems.

Nun lösen auch Rußlands Dissidenten, Solschenizyn einer von vielen, den Alp gewiß nicht auf, den 70 Jahre Kommunismus hinterlassen haben. Dem in Orwells „1984“ gezeichneten östlichen Schreckbild gegenüber gewinnt jedoch das der westlich Schönen neuen Welt Huxleys mit dem Abbau aller ethischen Grenzen, der Akzeptanz jedweden „eleganten (Psycho-)Unsinns“ als Wissenschaft (RB 2/07, 2.9) und dazu der so oft und immer wieder aufkommenden Verniedlichung sozialistischer Verbrechen fast schon aktuelleren Bedrohungsgehalt. Daß diesem „neuen Westen“ und seinen nicht nur hierzulande aktiven Verdummungsmedien machtpolitisch mit Rußland erneut ein ernst zu nehmendes Gegengewicht erwächst, kann beinah gut sein.

 

3.3  FREIHEITSGLOCKE, das Internet Magazin von VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus) und BSV, zitierte in 8/08 den ehemaligen stellvertretenden DDR-Generalstaatsanwalt Bauer: „Kaum jemand von uns ist angeklagt, geschweige denn verurteilt worden für seine Tätigkeit in den DDR-Justiz-, Strafvollzugs- und Untersuchungsbehörden“, meinte ... Bauer. Auf die Frage des Reporters „Spricht das nicht für das humane Strafverfolgungssystem der Bundesrepublik?“, antwortete Bauer: „Nein, das spricht für das System der DDR.

Der Chef der DDR-Grenztruppen Baumgarten war, wie kürzlich FOCUS schrieb, über Jahre Mitglied im Deutschen Bundeswehrverband.

Immerhin scheiterte am 3.11.2008 an vier aufrechten Sozialdemokraten der Versuch der SPD, Hessen ähnlich wie Berlin mit Hilfe der SED-Nachfolgepartei zu reiten.

Wolfgang Böhmer, CDU, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, Arzt, sagte im August, demokratische Parteien – gemeint war Die Linke – müßten grundsätzlich koalitionsfähig sein. Der Landeschef der Partei wertete das als schöne „Anerkennung“, die Landeschefin der FDP als „Armutszeugnis“, wobei „Hochmut der westlichen Geburt“, den Böhmer Kritikern gern unterstellt (FAZ, 26.11.08), gewiß nicht mitspielte. „Auch was die Opferverbände betrifft“, so der Professor, „wenn man denen nicht alles so sagt, wie sie es sehen, daß sie dann anfangen, sich aufzuregen. Auch da denke ich, wäre eine gewisse Gelassenheit vernünftiger.“ Hätte ein Unionsvertreter über Opfer des Nazi-Regimes je so gesprochen, hätte er’s politisch überlebt?

W. Stiehl, Autor des besagten VOS-Magazins, zu den Äußerungen Böhmers: „Für die SPD gab es eigentlich nie eine wirkliche Schamfrist in der Zusammenarbeit mit der Linken. Doch jetzt bröckelt es auch bei der CDU.“ Anfang Oktober beklagte freilich auch Böhmer den „zum größten Teil lückenhaften Kenntnisstand der Schüler über die gemeinsame Vergangenheit im geteilten Deutschland“. In der Schule werde über sie „kaum gesprochen“. Große Aufregung gab‘s, daß ein Großteil nicht nur der Jugend, sondern der Bevölkerung insgesamt in den neuen Bundesländern das DDR-System verklärt (z.B. Die Welt vom 1.9.2008: „Die DDR ist quicklebendig“). Wer im Land aber ist, um nur bei den Nachwachsenden zu bleiben, für die Schulen verantwortlich?

Böhmers Partei, zu deren Selbstverständnis als "Block-Partei" es nach Birthler zur DDR-Zeit gehörte, die SED zu stützen (FAZ s.o.), stützt bezüglich der Psychiatrie, ja des gesamten Gesundheitswesens seit Jahrzehnten auch im Westen linken Kurs, spielt so heute auch bei besagter "Verstaatlichungs-Orgie" (so der bayerische AOK-Chef H.  Platzer) mit und in Ost und West de facto mit der SED-Nachfolgepartei zusammen. Im Verwischen des DDR-Psychiatriemißbrauchs war Sachsen-Anhalt immer vorne mit dabei (Fußnote 6). Wir machten dort schon in RB 1/96,13 den Fall der Waltraud Krüger aus. Die Potentaten aber mit Ihresgleichen in anderen Bundesländern im absoluten Einklang. Allgemein wird vom Kommunismus eigentlich nur der Stalinismus übel vermerkt, der nachstalinistische Psychiatriemißbrauch der DDR wohl schon deshalb nicht beachtet. An Lenin und Trotzki[23], obwohl kaum minder blutig, wird kaum gerührt, ebenso wenig an andere rote Machthaber nach Stalin. Auf dessen Verbrechen wird nur gern angespielt, wenn dem heutigen Rußland angelastet werden soll, was neu-westliche Konzepte stört, kürzlich etwa der russische Einmarsch in Süd-Ossetien.

 

3.4   Im Spätsommer beschlossen die Bundestagsparteien (mit Ausnahme just der Linken) einmütig eine Ehrenpension für die Minister der letzten DDR-Volkskammer von mindestens € 650 (zusätzlich) für eine Dienstzeit zwischen vier Tagen bis maximal fünfeinhalb Monaten. Ende Oktober unterzeichnete Bundespräsident Köhler das Gesetz. Zugute kommt die Zuwendung u.a. dem seinerzeitigen Justizminister Wünsche, der als solcher schon unter Ulbricht und Honecker diente. Drei weitere Herren sind, wie aus der Fraktion der Grünen im Sächsischen Landtag verlautete „in besonderer Weise stasi-belastet“. Begünstigter ist auch P.-M. Diestel, seinerzeit Innenminister, der kürzlich das Buch der alten Stasi-Generäle DIE SICHERHEIT mit einem Vorwort schmückte. Die Herren hätten freilich, meinte der sächsische MdB Arnold Vaatz (CDU), der sich gern als Anwalt der Verfolgten geriert, „eine Leistung erbracht, die die Mehrzahl ihrer Kritiker weder ermessen noch erbringen können.“ Kritiker waren und sind u.a. die Stasi-Opfer, die, sofern bedürftig, mit € 250.- Opferrente abgespeist werden, und ist insbesondere Carl-Wolfgang Holzapfel, der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni 1953. Um die Psycho-Opfer kümmert sich ohnedies niemand.

 

3.5  In Horch & Guck 1/08, der von der (Bundes-)“Stiftung Aufarbeitung...“ gestützten „Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur“, dem vornehmsten, bestausgestatteten (systemnächsten?) Blatt der „Aufarbeiter“, nahm R. Engelmann von der Birthler-Behörde Stellung zu Ausführungen eines anderen hochkarätigen Autors, Dr. J. Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin, in HuG 2/07. Er warf ihm „krude Verschwörungstheorien“ und „Phantasien“ vor, „die jeglichen Bezug auf die Realität vermissen lassen, dafür bemerkenswerte Einblicke in seine Weltsicht“ gäben. Die Anheftung „kruder Verschwörungstheorien“ ersetzt im öffentlichen Diskurs oft die einer Paranoia, um Andersdenkende zu erledigen. Die feine Form der Psychiatrisierung von Widerspruch wird dem Anschein nach auch in der Gauck-Birthler-Behörde üblich. Die seinerzeitige Behörden-Mitarbeiterin Süß versuchte sie auch schon bei uns (Psycho 8/99 - RB 2/00,2.1). Dem Anwurf Engelmanns gegenüber blieb Staadt gelassen: „Schlechte Fußballspieler“, kommentierte er ihn auf Anfrage, „gehen, wenn sie den Ball nicht treffen, auf den Mann.“ In einem persönlichen Telephonat brachte er sein Bedauern darüber zum Ausdruck, wie vorschnell die Thematik des  Psychiatriemißbrauchs der DDR durch Süß begraben worden ist.

Auch Solschenizyn bekam u.a. von der großen WASHINGTON POST eine „Paranoia“ angehängt.[24] Er besaß Standfestigkeit genug, sich der Verleumdung zu erwehren. Die Art der Diffamierung scheint im Westen zum Standardvorgehen gegen ernsthafte Gegner roter Diktatur zu werden.

Als Die Linke Ex-Kanzler Schmidt ob einiger klarer Worte Mitte September „senil“ nannte, löste das aber doch noch verbreiteten Unwillen aus.

 

3.6   Der Weltverband für Psychiatrie (WVP) hielt vom 20. bis 25.09.2008 unter den Auspizien des tschechischen Staatspräsidenten (und nachLogo of the World Congress in Prague Czech Republicdrücklichen EU-Skeptikers) Václav Klaus seinen 14. Weltkongreß in Prag ab. Das Motto:„Science and Humanism: For a Person-Centered Psychiatry, das Emblem darüber als spiritus rector oder als „Lokal-Matador“ u.a. den im mährischen Freiberg, jetzt Pribor, geborenen Freud zeigend.

Zwischen 1977 und 1999 nahmen wir an mehreren dieser Kongresse teil, um mit anderen zusammen dem damals aus der Sowjetunion neu bekannt gewordenen, neu ins Methoden-Repertoir politischer Repression getretenen Psychiatriemißbrauch zu wehren. Um eine  Verurteilung dieses bald unstrittigen systematischen Mißbrauchs durch den WVP zu erreichen, brauchte es beim Weltkongreß in Honolulu 1977 angesichts des zähen, internationalen Widerstands vieler Spitzenvertreter des Faches, auch vieler deutscher (vgl. Rundbriefe von 1977 an), allergrößte Anstrengungen –  u.a. durch uns.

Seinen Menschenrechtspreis, den mit 20.000 Euro dotierten Geneva Award, verlieh der WVP jetzt an Dr. Semjon Glusman aus Kiew (Fn 18). Er und Dr. Anatolij Korjagin waren die einzigen Psychiater im weiten Sowjetland, die gegen die „seelenheilkundliche“ Verfolgung Oppositioneller seinerzeit opfervollen Widerstand leisteten. Entschieden trat Korjagin, „der leidgeprüfte" (Fn24), Glusman freilich entgegen, als dieser nach der Wende den alten Tätern schön zu tun begann (RB 2/92,6). Dem ähnlich agierenden WVP warf Korjagin seine Ehrenmitgliedschaft über der Wiederaufnahme dieser Täter beim Weltkongreß 1989 in Athen schon vor die Füße (RB 2/89,5.24). Den Psychiatriemißbrauch der DDR leugnete der WVP 1999 dann beim Weltkongreß in Hamburg, die Falschmeldung von Süß & Co. übernehmend (RB 4/99, 13,1).

Den mit 40.000 Euro dotierten Jean-Delay-Preis, benannt nach dem ersten Präsidenten des WVP und Entdecker des Chlorpromazins, des ersten Neurolepticums, verlieh der Verband an Prof. H.-J. Möller, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt in der Psychopharmakologie liegt. BILD berichtete zuerst. Kurz zuvor hatte die SZ ganz anders berichtet (.2.8). Möller, derzeit „Nr. 1 der deutschen Psychiater“, steht voll auch zu Freud.  

Der 2. Präsident des WVP war ab 1961 Prof. D. Ewen Cameron, der, so Wikipedia, „bekannt ist für seine maßgebliche Rolle bei den Psycho-Experimenten der CIA, dem MK ULTRA-Programm“, den in den 1950ern und 60ern mit dem Ziel der Bewußtseinsmanipulation heimlich unter Einsatz u.a. von LSD durchgeführten Experimenten, die 1975 Anlaß zu einer Untersuchung durch den US-Kongreß gaben. Senator E. Kennedy sprach von „mindestens einem Todesopfer“.

Vizepräsident des WVP war von 1966 bis ‘71, nicht zu vergessen, Professor Walter von Baeyer, unser Mitgründer und Ehrenpräsident, der sein Herzblut für die Redlichkeit des Faches gab. Die Geschichte des WVP ist reichlich gemischt. Immer waren auch hoch ehrenwerte Leute in ihm tätig.

Wissenschaftlich gibt es in der Psychiatrie, letztlich einem kleinen Fach, so viel Neues gar nicht, daß es alle drei Jahre Weltkongresse bräuchte. Welch anderes medizinisches Fach benötigt sie? Ihre Abhaltung zeigt eher, wie politisch „aufgemotzt“ die Seelen(heil)kunde doch ist. Bei wiederholten Teilnahmen verdichtete sich in uns der Eindruck, es seien Imponierveranstaltungen der Verbandsführer, das psychiatrische Fußvolk – „right or wrong“ - noch fester an ihre Leine zu nehmen. Wie sie schon den nachwachsenden Ärzten in der Weiterbildung, von den Nazi-Gräueln abgesehen, „die Leichen im Schrank“ des Fachs verbergen und regelrechte Shows vor ihnen und der Öffentlichkeit abziehen, zeigt, daß und wie sie, zumindest viele von ihnen, mehr gleich gesinnte als verantwortlich-selbständig denkende Kollegen nachzuziehen suchen.

 

3.7  Wie beim Thema politischer Verfolgung die Opferverbände selbstverständlich und notwendig die ursächlichen wie umgebenden Faktoren in Politik und öffentlichem Leben besprechen, so ist es bei der Behandlung der „Psycho-Verfolgung“ und ihrer Verleugnung durch Politik und Medien notwendig, auch auf die Strukturen der „Seelen(heil)kunde einzugehen (auf einige Inhalte dann im nächsten Kapitel 4).

 

36 britische Psychiater unter Führung von Prof. Nick Craddock aus Cardiff erhoben kürzlich im British JOURNAL OF PSYCHIATRY Klage, es kämen infolge neuer Reformen im sozialisierten Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) des Landes durch mehr „psycho-sozial“ das Gespräch und andere „alternative“ Behandlungen betonende „Versorger“ Patienten direkt zu Schaden (THE GUARDIAN vom 9.7.08). Eine „schleichende Entwertung gesicherten ärztlichen Wissens“  finde statt nicht zuletzt infolge „des Mitspielens, zumindest schweigenden Hinnehmens durch Psychiater“ (s. google: Wake-up call for British psychiatry). Sofort brach der Protest der „multi-disziplinären“ Team-Anhänger los, darunter vieler Spitzenvertreter des Fachs („the top of our profession“). Biologistische Verengungen, Dominanz-Streben usf. warfen sie besagten Kollegen vor. Ein Fortschritt ist, daß die Argumente der beiden lange schon kritisch sich gegenüber stehenden Lager endlich einmal offen zur Sprache kamen.

Das „multidisziplinäre Team“ war hierzulande, wie in RB 1/08, 4.5 breiter dargelegt, immer Kernforderung der politisch bestellten Psycho-Reformer, Kernforderung all derer, die auf unterschiedlichsten Ausbildungsniveaus mit allerlei „psycho-sozialen“ Theorien (Fn 31) unter dem Dach einer „sozialen Psychiatrie“ Unterschlupf suchten, Kernforderung auch vieler Psycho-Ordinarien, der von Zerssens (Fn 17), Möllers etc. Ihre Dominanz sticht ja in „multi-Teams“ nur noch mehr hervor. Daß letztlich hier aber "die Politik die Grundlage für die interdisziplinäre Zusammenarbeit geschaffen", ja  - wem zu Nutz? - sie verfügt hat, die schlauen "tops of our profession" nur billige Claqueure waren, darin hat Ulla Schmidt schon Recht (NPZ 11/08).

 

Berufspolitisches war und ist immer wieder aufzugreifen, weil es für die (unabhängige) Krankenversorgung und Begutachtung Rechtsuchender größte Bedeutung hat.

 

3.8   Kürzlich aber erschien überraschend in ÄP Neurologie / Psychiatrie 3/08 der im Folgenden auszugsweise wiedergegebene Artikel – (Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags):

Ruth Sharp

Unter Wettbewerbsflagge in die Staatsmedizin?

Die Politik fordert mehr Wettbewerb. MVZ, Gesundheitsfonds und Gatekeeper aber sprechen eine andere Sprache, findet Kollege Kai Treichel. Selektivverträge, Gesundheitsfonds, neue Versorgungsformen - das Gesundheitswesen ist im Umbruch. Mehr Wettbewerb ist das erklärte Ziel der Gesundheitspolitik. Dr. med. Kai Treichel vom Referat "Young Psychiatrists" der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde(DGPPN) hat jedoch eine ganz andere Vermutung, wohin die Reise gehen soll. Nach drei Jahren Arbeit als "Consultant" für den National Health Service (NHS) in England ist Treichel überzeugt: Ulla Schmidt hat ein staatsfinanziertes Gesundheitssystem nach englischem Vorbild im Sinn, wenn sie von "Gatekeeper" und "Gesundheitsfonds" spricht. Was das für deutsche Psychiater, Neurologen und Nervenärzte bedeuten könnte, erläuterte Treichel vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in England auf dem 6. Deutschen Neurologen- und Psychiatertag Anfang Mai in Köln.

Ein staatsfinanziertes System bedeutet demnach das Ende jeder freiberuflichen ärztlichen Tätigkeit. Es bedeutet aber auch Einkommenssicherheit. "In England wird (unter den Ärzten) keine Sekunde darüber diskutiert, wie man vergütet wird. Alles wird bezahlt, was immer Sie tun, was immer Sie verordnen.“ Als Beamter bekomme jeder Arzt 60000 bis 70000 Pfund, berichtete Treichel... Die Frage ist: Wollen Sie das?", warf er ins Auditorium. Eine Frage, die Politiker den  Ärzten über kurz oder lang stellen würden.

Staatlich reguliert sei dann aber nicht nur das Gehalt, sondern auch das therapeutische Vorgehen, denn: Wer zahlt, will mitreden. So hätten Leitlinien und Standards in England Gesetzescharakter. Ärzte, die beim Verordnen nicht den Vorgaben des National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) folgten, riskierten empfindliche Regresse. Therapiefreiheit existiert damit genauso wenig wie die freie Arztwahl. Die Patienten müssen sich an die für sie zuständigen Hausärzte wenden, und zwar mit allen Beschwerden. Diese Gatekeeper entscheiden dann, ob ein Facharzt konsultiert werden muss - auch bei psychischen Erkrankungen. Für die Beurteilung aber fehle den Hausärzten in der Regel die Qualifikation. Die Folge im englischen System: Viele ernsthaft psychisch Kranke bekommen laut Treichel keinen Psychiater zu Gesicht. In einem unterfinanzierten System ist das vielleicht politisch gewollt. Und Unterfinanzierung ist nach Treichels Ansicht ein Merkmal staatlich finanzierter Systeme. So liege England bei den Gesundheitsausgaben unter europäischem Durchschnitt, und staatliche Kliniken seien regelmäßig überbelegt... So wenig vorteilhaft ein staatsfinanziertes Gesundheitssystem für Ärzte und Patienten sein mag - verantwortlichen Politikern kommt es entgegen, glaubt Treichel.... Natürlich werde dies niemand öffentlich zugeben. Aber überrascht habe ihn doch, "dass alles, was ich Ihnen heute erzähle, hier unter dem Aspekt des Wettbewerbs diskutiert wird…" 

 

3.9  Treichels Kritik der englischen Verhältnisse mit ihrer sozialisierten Psychiatrie ist für ein deutsches Psycho-Journal ein absolutes Novum. Über Jahrzehnte haben all diese Journale wie auch die Spitzenvertreter des Fachs Team-Behandlung als das Non-plus-ultra moderner Seelenheilkunde gelobt und gegen die Nervenarztpraxis ausgespielt. Wie warme Semmeln haben die deutsche Fachgesellschaft DGPPN, aber auch der Weltverband für Psychiatrie sie zur Freude deutscher wie internationaler, östlicher wie westlicher Politiker angepriesen. Kaum eine kritische Silbe konnte ihr hier­zulande entgegengesetzt wer­den. Daß „Team-Behandlung“ Kranken und Gesunden, der „Gesellschaft“, mehr Sicherheit vor Mißgriffen, mehr Humanität brächte, war der durchgehende Werbespruch, ohne daß es dafür irgendein näheres Indiz gab. Ein Wust verwegener Theorien, Ideologien brach mit der Psycho-Reform über die Seelen(heil)kunde herein und nicht nur über sie.

Spät besannen sich besagte britische Kollegen. Spät und leider auch erst ansatzweise scheint die deutsche Ärzteschaft jetzt zu bemerken, was sie, im 68er Troß mithinkend – für den Enquête-Bericht sprach sie 1977 „Dank und Anerkennung“ aus (RB 1/08, 4.5) –, im Psycho-Bereich angerichtet hat: Unterversorgung psychisch Schwerkranker, immense Geldverschwendung und unabsehbare Konflikte unter den Leistungserbringern. Nachdem sie über mehr als dreißig Jahre alle Warnungen in den Wind geschlagen hat, merkt gar die Kassenärztliche Bundesvereinigung nunmehr, daß im Psycho-Bereich Umsteuerungen dringend geboten sind (DÄ 46/08). Die DGPPN und die in ihr tonangebenden Psycho-Ordinarien aber scheinen mit obigem Artikel jetzt suggerieren zu wollen –Treichels Beitrag korrespondiert mit der Gruppe um Craddock auffällig -, nicht sie seien es gewesen, die statt notwendiger Verbesserungen den Aberwitz der Psychiatrie-Reform, die Chaotisierung von Strukturen und Inhalten des Fachs angerichtet haben, die dringend jetzt "Umsteuerungen" erheischen. Oder rührt die deutsche Fachgesellschaft, die über Jahrzehnte blindlings den britischen Verhältnissen nacheiferte, angesichts des Rumorens dort und unter ihren niedergelassenen Kollegen hierzulande tatsächlich ein spätes Gewissen?

Ein einziger Artikel bewirkt bekanntlich gar nichts. Erst das, was immer wieder an vielen Stellen geäußert wird, wirkt sich bewußtseinsbildend aus. Von der Fachzeitschrift PSYCHO­NEURO wurde kürzlich immerhin der Abdruck eines Artikels gar des Autors zugesagt, der, an den Vortrag in der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle anlehnend (RB 1/ 07,2), u.a. den Fall der Vera Stein (.2.6) berührt. Sollten nach über dreißig Jahren der Ausgrenzung und Unterdrückung spät ein offener Meinungsaustausch in der Seelen(heil)kunde noch möglich werden?

 

4.   Die folgenden Ausführungen sind in der katholischen Monatsschrift Theologisches 1-2 und 2-3/08 erstmals erschienen. Der Pädagoge R. Willeke stellte hier die Lehren Jakob L. Morenos näher dar, die er in seinem großen Beitrag zur Gruppentherapie / Gruppendynamik in unserem Rundbrief 1/03,3 bereits streifte. Diesmal liegt der Akzent auf der Tatsache, daß und wie die verstiegenen Perspektiven des Arztes und Psychotherapeuten Moreno just von kirchlichen Institutionen gedeckt und gefördert werden. Willeke rezensiert das Buch des Diplom-Theologen und „Psychodramatikers“ Dr. Christoph Hutter, eine innerhalb der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster verfaßte, im LIT-Verlag, Münster-Hamburg-London, 2002 erschienene Dissertationsarbeit. Sie wurde und wird von den Professoren G. Collet (Institut für Missionswissenschaft, Münster), N. Mette (Lehrstuhl für Religionspädagogik, Dortmund), U. Schmälzle (Seminar für Pastoraltheologie, Münster) und H. Steinkamp (Seminar für Pastoraltheologie, Münster) herausgegeben, wird so von ihnen verantwortet.

Als „eigentliches ideologisches Zentrum“ der (neo-)marxistischen (Kultur-)Revolution charakterisierte 1977 der damalige Kardinal Ratzinger die theologischen Fakultäten. Und weil „Verwirrung und Unsicherheit“ stiftend, verbannte er als Papst jetzt „gruppendynamische Rollenspiele“ etc. aus der Priesterausbildung (RB 1/08,6.8). Was aber gilt das Wort des deutschen Papstes bei den Seinen? Auf dem Katholikentag in Osnabrück im Mai 2008 gab es sechs „Auftritte“ zu Gruppendynamik und Bibliodrama, drei mit Hutter. An der Katholischen Fachhochschule (KFH) Münster wird das Psychodrama laut Vorlesungsverzeichnis gelehrt als „eine lebendige, interpersonale und handlungsorientierte Methode, die sich in psychotherapeutischen, pädagogischen und sozialen Arbeitsfeldern ... bewährt hat.“ Niemand von den deutschen Bischöfen, niemand auch von den renommierten katholischen Geistesgrößen, etwa den Professoren K. Hornung, N. Lobkowicz, K. Löw, R. Spaemann u.a., fand ein kritisches Wort zu den bewußtseinsglättenden Umtrieben auf dem Psycho-Terrain je für angebracht. Ein alter Schulmeister zeigt nunmehr hier die nötige Courage (und das Wissen).

Wir können nur hoffen, daß unsere geschätzten Leser die Ausführungen Willekes aufmerksam lesen, selbst wenn sie seine konfessionelle Grundhaltung nicht teilen. Wir, die Herausgeber des GEP-Rundbriefs, fühlen uns jedenfalls gehalten, sie, so viel in unserer Kraft steht, zu verbreiten, weil sie ein realistisches Bild von der derzeitigen Verfassung nicht nur der katholischen Kirche in Deutschland zeichnen (der evangelischen nicht minder), sondern auch ein Bild der etablierten Psychotherapie, es zumindest ergänzen. Was Freudschem Grund entwachsene Psychotherapien sonst noch darbieten, weicht von den Ideen Morenos ja nicht wesentlich ab.

Die beigestellten, eingeklammerten Zahlen verweisen auf die Seiten in Hutters Buch. Kursivdruck hebt hier Fremdzitate des Autors hervor, der der GEP nicht angehört.

 

4.1 Rudolf Willeke

Praktische Theologie "im Horizont des Marxismus" für die "therapeutische Gesellschaft/Weltordnung“,

eine Besprechung des Buches von Christoph Hutter, Psychodrama als experimentelle Theologie – Rekonstruktion der therapeutischen Philosophie Morenos aus praktisch-theologischer Perspektive,

Münster, LIT 2000, 416 Seiten ISBN-13:978-3-8258-4666-4

Dem Autor geht es darum nachzuweisen, daß das Morenosche Psychodrama Gesprächspartner und solidarischer Weggefährte der (kath.) Praktischen Theologie ist (21), daß sich "weitgehende Gemeinsamkeiten zwischen therapeutischer Philosophie und Praktischer Theologie" ergeben (353) und daß das Psychodrama "theologische Erfahrungen zugänglich macht" (24).

Er will also, kurz gesagt, aus Moreno gewissermaßen einen Fundamental-Theologen der Praktischen Theologie und der Pastoralpsychologie machen (30-31).

Hutters Studie wird von H. Steinkamp (s.o.) als "außergewöhnliche Bereicherung für die Praktische Theologie" beurteilt, weil sie zum einen ein "interdisziplinäres Modell", zum anderen ein "pastoralpsychologischer Forschungsbeitrag" sei, ein "gelungener Versuch, Moreno als relevanten Gesprächspartner für die Theologie als Ganze entdeckt und erwiesen zu haben" (375).

Der Verwalter des geistigen Nachlasses von Moreno, F. Buer, Professor für Moreno-Forschung und Pychodrama-Theorie, der "dankbar die Entstehung dieser Studie begleiten durfte," stellt besonders heraus, daß Hutter mit seiner Studie "den verloren geglaubten Schlüssel (zu den Schatzkammern Morenos R. W.) wiedergefunden" habe und uns zeige, welche Schatztruhen und Schätze darin abgestellt und zum Gebrauch bereitgestellt seien (Vorwort, 6).

 Dieser Schlüssel sei ein "religiöser", der nur von einem Theologen gefunden werden konnte. Die katholische Theologie erweise sich als "weise", wenn sie dieses Geschenk (von Moreno/Hutter) ,,freudig aufnimmt und sich folgenreich beglücken läßt," denn es seien "Schätze hoher religiöser Potenz" (Vorwort, 6). Nicht allein die katholische Theologie, sondern jeder, der Orientierung sucht, wird hier "Schätze entdecken, deren Wert sich schon bald als unschätzbar erweisen könnte..." (Vorwort, 7)

Jakob Levy Moreno (I889-1974) ist einer der kreativsten Gestalter der psychotechnischen Methoden und Förderer der weit ausgreifenden gruppendynamischen Bewegung. Die heute einflußreiche Bewegung verdankt ihm vor allem

(I.)  die Soziometrie,

(2.) das Psychodrama / Bibliodrama,

(3.) die Gruppenpsychotherapie und

(4.) das revolutionäre Programm der therapeutischen Umwandlung des Individuums, der Gemeinschaften, der Weltordnung und der Religion - von der "therapeutischen Philosophie" zur "therapeutischen Weltanschauung" und zum "therapeutischen Weltstaat."

Die Philosophie Morenos, die ganz im Sinne der marxistischen Philosophie die Welt nicht beschreiben, sondern sie ver­ändern will, wurzelt zum einen in der hebräischen Thora-Schule (Sabbatei Zwi und Bals Schems), die Moreno zu Baruch Spinoza und Martin Buber führte (35), zum anderen (von Hutter mit 260 Anmerkungen auf den Seiten 49-99 belegt) in der Philosophie F. Nietzsches, K. Marx', S. Freuds und N. Bergsons, also im Atheismus, Nihilismus, Materialismus der "Wiener Moderne", der Moreno während seines Studiums der Medizin, Psychologie und Philosophie in Wien von 1909 bis 1917 begegnete. Schon früh marxistischen Theorien "ausgesetzt", fühlte sich Moreno von Jugend an dem Kommunismus in kritischer Solidarität verbunden (337, Fn 18). Er sah im Marxismus das Urbild einer therapeutischen Weltordnung.

Die experimentelle Theologie Hutters gründet auf dem "nachmetaphysischen Denken" (J. Habermas) der Ära nach dem "Tode Gottes" (F. Nietzsche, D. Sölle), auf der "Politischen Theologie" (J.B. Metz, P. Eicher, N. Mette, H. Peukert), der "Christen für den Sozialismus" (356, 369) sowie von K. Füssel (Rahner-Schüler, Kommunist, DKP, PDS lt. H. Vorgrimler) sowie auf der "Befreiungstheologie" (L. und C. Boff, E. Arens). Zwischen dieser (parteilichen) Theologie "im Horizont des Marxismus" (369) und der Marxismusrezeption durch Moreno beste0hen tatsächlich "weitgehende Gemeinsamkeiten" (353).

Moreno nennt sein Gesamtwerk ein "triadisches System," das (1.) die Soziometrie, (2.) das Psychodrama / Bibliodrama und (3.) die Gruppenpsychotherapie umfaßt.

 

Soziometrie (1.) - Soziogramm - Soziatrie

Die Soziometrie befaßt sich mit der Messung von zwischen­menschlichen Beziehungen. Moreno betrachtet sie nicht als Methodenarsenal, sondern als "solides Fundament seines Denkens," als parteiliche Theorie, und er feiert sie als "seinen größten wissenschaftlichen Beitrag" (263). Durch den soziometrischen Test werden (an der Oberfläche und in der Tiefe) Beziehungsstrukturen innerhalb der Gruppe erkundet, im Soziogramm sichtbar gemacht und durch Psychotechniken verändert, umstrukturiert. Diese Beziehungsstrukturen sind durch "Anziehung und Abstoßung", durch Sympathie, Vertrauen, Zuneigung und Antipathie, Mißtrauen, Haß geprägt. "Soziometrie beinhaltet sowohl die Erforschung und Offenlegung sozialer Strukturen als auch deren Veränderung und Heilung" (270). Bei der "Heilung" geht es nicht um (organische oder psychische) Wiederherstellung einzelner Personen oder Gruppen, sondern über diese hinaus um Veränderung der Gesellschaft und der "gesamten Menschheit" bis hin zur "Einheit der Menschheit." Heilung der Gesellschaft behandelt Moreno unter dem Begriff "Soziatrie[25].

Noch genauer und unmißverständlich: "Ziel des soziometrischen Experiments ist es, die alte soziale Ordnung (der bürgerlichen Gesellschaft R.W.) in eine neue soziale Ordnung (der klassenlosen / kommunistischen Gesellschaft R. W.) umzuwandeln, falls nötig, die Gruppen so umzugestalten, daß ihre formelle Ordnungsstruktur soweit wie möglich der Tiefenstruktur entspricht."

Für Moreno ist der soziometrische Test nämlich eine "revolutionäre Untersuchungskategorie, denn er stürzt von innen her die Gruppe und ihre Beziehungen zu anderen Gruppen" um (285); auf der Mikro-Ebene bewirkt er eine soziale Revolution. Sein Leitmotiv ist, die Makro-Revolution auf Millionen MikroRevolutionen zu fundieren und dadurch vor weiteren Mißerfolgen zu bewahren.

Man kann Moreno gar nicht mißverstehen: "Ziel dieser bereits mehrfach angeklungenen soziometrischen Revolutionen ist, die Menschheit mit einem neuen Wertsystem zu durchdringen, das im Einklang mit soziometrischen und soziatrischen Gesetzen steht" (289). Diese Kulturrevolution soll die staatlichen Strukturen ebenso wie die der Religionsgemeinschaften (Kirchen) um­stürzen.

Während K. Marx die sozio-ökonomische Revolution anstrebte, die eine politische nach sich ziehen sollte, hat Moreno die sozio-psychologische Revolution im Visier, beide nicht auf nationaler, sondern auf internationaler (Welt-) Ebene.

Morenos Parole: Soziometrische Proletarier aller Institutionen vereinigt (emanzipiert) euch!

 

Das Psychodrama / Bibliodrama (2.)

Mit seinem soziometrischen Instrumentarium will Moreno in erster Linie die "soziale Realität," die Oberflächen- und Tiefenstruktur von Gruppen und Kollektiven erforschen, mit dem Psychodrama primär die "Heilung dieser Realität" untersuchen und darstellen (38).

Das analytisch-therapeutische Geschehen bei S. Freud vollzog sich in der Dyade zwischen dem Analytiker und dem Analysanden / Klienten auf der Couch.

Im Stegreiftheater und Psychodrama auf der (improvisierten) Bühne wird der Analytikertherapeut durch die Gruppe, die Mehrzahl von "Zuschauern" vor der Bühne ersetzt.

Ihnen gewährt der Protagonist/Klient durch sein "freies Reden" und Agieren Einblick in die Tiefenstruktur. Er macht seine Psyche transparent, durchsichtig wie eine brennende Glüh­birne.

Im gruppenpsychotherapeutischen Prozeß (3) ist der Analysand nicht eine einzelne Person, sondern eine Gruppe, ein Team oder eine Gemeinschaft. Therapiert / verändert wird die Oberflächen- und Tiefenstruktur des Kollektivs mit gruppendynamischen Methoden (Soziodrama, Rollen-Spiel, Encounter). (333) Das Stegreiftheater bringt Moreno um 1922 ins Spiel: Es gibt keine festgelegten Rollen, kein Thema, die Bühne ersetzt die Couch. Der Regisseur stellt den Kontakt zwischen Bühne und Publikum her, und er greift selbst in die Handlung ein, wie auch die Zuschauer jederzeit in das Geschehen auf der Bühne eingreifen dürfen. Inhaltlich geht es weniger um die Bearbeitung psychischer Probleme als "aktueller politischer Situationen", die z.B. in Sketchen komischen, ernsten oder schockierenden Inhalts dargestellt werden, um die freie Gestaltung durch Protagonisten-Rollenspieler herauszufordern.

Morenos Stegreiftheater bildet eine Alternative zur Couch und "einen Gegenpol zur klassischen Schauspielbühne." Was sein politischer Mitstreiter K. Marx der Religion vorwirft, kritisiert er verschärft am Schauspiel: es sei "Opium für das Volk" (254).

Die Stegreifbühne ist dagegen "Praxisort seiner (Morenos R.W.) gesellschaftlichen Utopie" (253), sie ist "Abbild und Avantgarde der Gesellschaft," also Grundschule zur Übung des neuen Bewußtseins, Verhaltens, Wertsystems, der neuen Regeln des Zusammenlebens in der therapeutischen Gruppe, Gesellschaft, Weltordnung.

"Zentrale Aufgabe des Stegreiftheaters“ ist es, "Ort des geseIlschaftlichen Konflikts und der Kritik zu sein." Als Stätte institutionalisierter Gesellschaftskritik wird es zum "Rückzugsort für revolutionäres Potential," zum "Sammelplatz von Unzufriedenen und psychologischen RebelIen" des sog. soziometrischen Proletariats und zur "Wiege einer kreativen (neuschaffenden) Revolution" (255). Moreno schafft es, mit religiösen Formeln (mit semantischer Strategie), an die tiefenpsychologische Lunte der Freudianer den revolutionären Funken der Marxisten anzubringen.[26]

Gruppenpsychotherapie (3.)

Den Begriff führt Moreno 1932 in die Fachdiskussion ein (171). Mit Gruppenpsychotherapie ist zunächst die "Gruppe als Handlungsort," später als "Ort der Heilung" angesprochen. "Heilung" steht bei ihm für Ermöglichung von Begegnung (= Heilung des Sozialatoms), für Erwerb eines angemessenen Rollenverhaltens = Heilung des kulturellen Atoms) und für Einübung in spontanes und kreatives Handeln (= Heilung des kreativen Zirkels).

Die Heilung sozialer Systeme hat bei ihm immer Vorrang vor der Analyse sozialer Gesetzmäßigkeiten (269), d.h. sein geseIlschaftsveränderndes Interesse rangiert vor dem gesellschaftsanalytischen.

Durch die Gruppenpsychotherapie, die sich verschiedener Psychotechniken als Instrumente bedient, wird im Rahmen der "geheilten" Gruppe "ein Mitglied zum therapeutischen Helfer des anderen und, analog in der Gesellschaft, eine Gruppe für die andere" zum therapeutischen Helfer. Wenn Moreno von "Gruppe" spricht, meint er immer sowohl den "Zusammenschluß soziokultureller Atome“ - Mikroperspektive - als auch einen Ausschnitt aus einem psychosozialen Netz­werk - Makroperspektive - (193).

Ihn interessieren nur Handlungen und Beziehungen zwischen Sozialatomen, nicht dagegen Fragen nach dem Wesen des Menschen, diese weist er als "Scheinfragen" zurück (47). Gruppenpsychotherapie versteht er als Therapie in der Gruppe, durch die Gruppe, für die Gruppe und als Therapie der Gruppe. Der therapeutische Philosoph hat immer das "Heil des einzelnen, der Gruppe und der Gesellschaft in ihren je eigenen Bezügen und Beziehungen" als zentrales Anliegen seiner Theorie und Praxis im Visier (191).

 

Der Dritte Weg: Die "therapeutische Gesellschaft / Weltordnung"

Moreno macht sich über die Zukunft der Gesellschaft und der Welt Gedanken: Die westlichen Gesellschaften leiden seiner Auffassung nach nicht nur an einer Selbstverwirklichungs­schwäche des einzelnen, sondern an Interaktionsstörungen:

Mit den Säkularisierungsprozessen: "Gott ist tot" ist es zum allgemeinen „Verlust einheitlicher Weltdeutung", zur "Verkümmerung von Spontaneität und Kreativität" sowie zum "Kohäsionsmangel in der Gesellschaft" gekommen (334). Das Gefahrenpotential, das von "Kranken" und "Abnormalen" ausgeht, läßt sich durch die professionelle Psychotherapie sowie durch "Wegschließen in Gefängnisse, Krankenhäuser, Psychiatrien, Asyle" beherrschen. Es ist für die Gesellschaft deshalb "verhältnismäßig harmlos" (335).

Gefährlich für die Gesellschaft ist dagegen die Ignoranz gegenüber der "Pathologie der Gesunden." Nach Moreno sind "Kriege und Revolutionen Produkte normaler Durchschnittsgruppen."[27]

Hier setzt Moreno sein gesellschaftsveränderndes /-therapeutisches Konzept an, hier beginnt der Übergang von der nichttherapeutischen zur therapeutischen Gesellschaft. Dieser Praxisentwurf entspricht seiner therapeutischen Philosophie / Theorie und ist eng verbunden mit seinem Heilungs-/Katharsis-Verständnis.

"Ein wirklich therapeutisches Verfahren darf nichts weniger zum Objekt haben als die gesamte Menschheit" und weiter, "der therapeutische Imperativ des 20. Jahrhunderts" lautet: Über­windung der "individualistisch verengten Pathologiekonzeption," d.h. bei Moreno Verzicht auf Behandlung konkreter Gruppen, Ver­fassungen, Gesetze, moralischer Regeln.

Als heilendes Potential, als Garanten einer neuen globalen Gesellschaftsordnung stehen Religion, Wissenschaft und Politik nicht mehr zur Verfügung.

Der Niedergang der Religionen ist als Tatsache anzuerkennen, die Wissenschaft hat es nicht geschafft, "Sinngebung und Weltdeutung" zu entwickeln und Verantwortung für das gesellschaftliche Leben zu übernehmen. Die Politik schließlich hat nur zwei pathologische/pathogene Systeme anzubieten.

Zusammen mit seinem Gesinnungsgenossen K. Marx brandmarkt Moreno den ausbeuterischen Kapitalismus als pathologisches System, das verschwinden muß.

Überraschender Weise erklärt er auch das sozialistisch-kommunistische System für "gleichermaßen pathologisch", weil dieses die "individuelle Initiative auf ein Minimum reduziert," den soziometrischen Bedürfnissen der Gesellschaft nicht entspricht und das  „soziometrische Proletariat[28] nicht zu retten“ vermag (337). Moreno stellt seine „therapeutische Gesellschaft“ und zukünftige Weltordnung als „Synthese“ zwischen die „These“ Kapitalismus und die „Antithese“ Kommunismus in Kontrast zur religiösen Weltordnung der Vergangenheit und der politischen Weltordnung der Gegenwart.

"Das endgültige Ziel (der gruppenpsychotherapeutischen Bewegung R.W.) ist es, eine therapeutische Gesellschaft in einer Welt zu schaffen, in der es sie früher nicht gab. In einer sol­chen Gesellschaft wird das Leben selber therapeutisch sein (. . . ) Es ist die bescheidene Meinung des Autors (Moreno R.W.), daß sich die Geschichte unwiderruflich auf dem Weg zu einer therapeutischen Gesellschaft befindet" (339).

In dieser Gesellschaft analysiert jeder jeden, therapiert jeder jeden und sanktioniert (straft, belohnt) jeder jeden permanent.

Dieser langfristige revolutionäre Wandlungsprozeß, der tiefgreifende, radikale Veränderungen in der bestehenden sozialen Ordnung ansteuert, nicht nur "kurzfristige Systembekämpfung" oder Errichtung von Provisorien bedeutet, muß sich als Totalveränderung auf alle Sektoren der Gesellschaft, auf Ökonomie, Wertsystem, Kultur und auf psychosoziale Faktoren beziehen.

Moreno beschreibt die Psycho-Revolution durchgehend in Kategorien der Marx'schen Theorie: Subjekt der Revolution ist das soziometrische Proletariat, er proklamiert die "Revolution aller Klassen" (340) und nimmt für sich in Anspruch, "Protagonist einer dritten, psychiatrischen Revolution" zu sein.

Die Hoffnung auf eine lebenswürdige Gesellschaft gründet in der tiefgehenden Wirkung, die von Lernprozessen kleiner Gruppen ausgeht.

Die Veränderung der Gesellschaft muß (!) in Millionen dieser Mikro-Revolutionen fundiert sein, wenn sie nicht wie die hoffnungslosen "großen" Revolutionen der letzten drei Jahrhunderte immer wieder scheitern soll.

Moreno stellt seine Psycho-Revolution tatsächlich auf die gleiche Stufe wie die großen politischen Erschütterungen 1789 mit Robespierre, 1917 mit Lenin / Stalin, 1949 Mao / Pol Pot. Und er bilanziert seine Anstrengungen mit der ,Siegesmeldung": "Ich habe die Menschen gelehrt, Gott zu spielen" und "Ich habe versucht, die Saat der schöpferischen Revolution zu säen. Es gibt nur einen Weg, das Gottessyndrom auszumerzen, (nämlich) das Rollen-Spiel in der Gruppe." (J. Steinbacher)

Seinen Anhängern stellt er sich als "Prophet", als "Gott,“ - als Schöpfer einer "Religion neuer Art mit veränderten göttlichen Eingebungen und Techniken" vor, er nennt seine Schöpfung "Religion der Begegnung", in der "auf keinen Fall die durch Marxismus und Freudianismus hervorgebrachten Einsichten“ fehlen dürfen.

Man darf Moreno als den Schöpfer der freudomarxistischen therapeutischen "Religion" bezeichnen, die keinen Gott kennt, die nur dem "Gott Moreno" huldigt.

Dieses Konzept einer psychiatrischen Weltrevolution, das in einen schrankenlosen Totalitarismus mündet, kommt nicht erst mit der Studie Hutters an die Öffentlichkeit: In den USA ist es seit 1947 ("Soziometrie und Marxismus"), in Deutschland schon seit den frühen 1960er Jahren bekannt: Bemerkenswert ist, daß der Theologe Hutter die massive Kritik ("Gewisses Frösteln") gegenüber der globalen Psychothera­pie, die Warnung vor einer Vision, "die wie jeder religiöse Fanatismus ungeheure Vernichtungspotentiale legitimiert," vor einer gesellschaftlichen Umwälzung nach dem Motto: "Wer nicht therapeutisch denkt, geht freiwillig ins Irrenhaus" kurzerhand mit dem Hinweis auf Morenos guten Absichten zurückweist (346).

Ließe Hutter das Totalitarismus-Argument gelten, könnte er schwerlich seine "experimentelle Theologe" und seine "Solidarität" mit der therapeutischen Philosophie (21) begründen und rechtfertigen.

 

Experimentelle Theologie in Skizzen

Auf den letzten 19 (von 374) Seiten legt Hutter seine Skizzen zu einer experimentellen Theologie auf der Grundlage der therapeutischen Philosophie Morenos vor.

Die­se Philosophie setzt bei F. Nietzsche, "dem letzten modernen Apostel der Gottlosigkeit", an und übernimmt dessen Formel: "Gott ist tot und Gott bleibt tot" (307) , es verbleibt nur der "Geruch göttlicher Verwesung und in letzter Konsequenz die "Heraufkunft des Nihilismus." Psychotherapeutisch gesehen, steht der Menschheit bevor, daß "Gott, der große Therapeut" allmählich durch Millionen kleiner Therapeuten, die die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, überall ersetzt wird. (310) Der Gedanke "Gott ist tot" führt Moreno zu der Forderung der spielerischen Belebung des Gottesgedankens (311), weil Gott nicht real existiert, muß er auf der psycho-/ bibliodramatischen Bühne gespielt werden, um Schein und Sein zu versöhnen (159).

In einem Anflug von Anmaßung und Größenwahn stellt Moreno sich selbst als "Gott", als "Mythos allen Daseins" sowie als "zum Therapeuten der Weltbevölkerung Berufener," als "Gott-Spieler" vor (314, 324-332). Gänzlich zu Recht hat H. Ried diese Selbstdarstellung als "wahnhaft" bezeichnet. In der Tat ließ sich Moreno von seinen Anhängern als Gott-König feiern.

Hutter definiert: Praktische Theologie ist parteiliche politische Theologie mit der befreiungstheologischen "Option für die Armen," und Praktische Theologie ist, weil Moreno es so bestimmt, "experimentelle Theologie" mit herrschaftskritischem und emanzipatorischem Potential (367). "Praktische Theologie (wird) nur dort ihrer Aufgabe, christliche Praxis zu orientieren, gerecht, wo sie real gesellschaftsverändernd wirkt" (369). Der Theologe Hutter muß eingestehen, daß Moreno nicht "solidarischer Weggefährte" der (kath.) Praktischen Theologie sein kann, weil fundamentale Divergenzen zwischen beiden Denksystemen nicht zu übersehen sind (353). Denn in der the­rapeutischen Philosophie ist Gott der "große Therapeut", der "kreative Funke", gegenwärtig in jedem spontan-kreativen Akt des Individuums (Sozialatoms, Rollenträgers, Hilfs-Ichs).

Moreno hält die Begegnung mit Gott im Rollentausch für möglich, er verabschiedet sich vom personalen Gott der jüdisch-christlichen Tradition, und er überschreitet die unüberwindbare Grenze zwischen Mensch und Gott in seiner "gänzlichen Andersheit" (353). Überdies überschreitet Moreno eine von einer christlichen Theologie tolerierbare Rede von Gott. Schließlich setzt er seine Philosophie und Praxis (Soziometrie, Psychodrama, Gruppenpsychotherapie) erklärtermaßen in "Konkurrenz," in Negation zur jüdisch-christlichen Tradition. Hutter vermeidet Begriffe wie "katholische" Theologie oder "röm.-kath." Lehre.

Moreno und die gruppenpsychotherapeutische Bewegung in Kirche und Gesellschaft sozialisieren, vergesellschaften Gott. Mit den aufgezeigten Divergenzen ist der Praktischen Theologie Hutters das metaphysische Fundament entzogen, wird Theologie zur Soziologie, zur "Theorie Kommunikativen Handelns" (J. Habermas) oder "Handlungstheorie" (J. L. Moreno), werden alle Bezüge des Menschen horizontalisiert, alle vertikalen ignoriert und ausgeblendet.

Die noch verbleibenden "weitgehenden Gemeinsamkeiten" zwischen der Philosophie Morenos und der Praktischen Theologie (353) sieht Hutter (1) in der "Heilung der Situation“, (2) in den "konkreten Erfahrungen konkreter Menschen" und (3) in der therapeutischen "Gruppe als Handlungsraum." (354). Seine Theologie zielt auf die Verwirklichung der therapeutischen Ideen in kirchlichen Gruppen, Gemeinden, Institutionen.

 

 (1) "Heilung der Situation"

Morenos Denken kreist um die Frage, wie "Heilung einer Situation" möglich ist, und er sieht die Heilung im Instrument des psychodramatischen Handelns mit dem Ziel der "Katharsis" (Heilung, Integration): „Psychodramatisches Handeln heilt, indem es das Stellen der Sinnfrage ermöglicht, ja einfordert" (363).

In der Praktischen Theologie der jüdisch-christlichen Tradition geht es allerdings weniger um Heilung von Situationen oder gesellschaftlichen Zuständen als um Heiligung von Menschen, um Heilung der Beziehungen bzw. des Verhältnisses zwischen konkreten Menschen und Gott, um das (ewige) Heil der Seele(n).

Die Divergenz zwischen den "Möglichkeiten heilen und geglückten Lebens" (355) der Philosophie Morenos und der (nichttherapeutischen) Praktischen Theologie erscheint unüberwindlich.

 

(2) Konkrete Erfahrungen konkreter Menschen durch Begegnung

Diese Erfahrungen "müssen Ausgangs- und Bezugspunkt praktisch-theologischen Handeins" sein. Begegnung ist "meeting" und "encounter" (100), ein Interaktionsgeschehen innerhalb einer dialogischen Struktur, ist ein mehrdimensionales Geschehen, das zumindest die physische, psychische, emotionale, soziale und kosmische Dimension des Lebens umgreift.

Begegnung ist, so gesehen, konsequent horizontal gedacht, Begegnung zwischen konkreten Menschen (82).

Zugleich ist sie eine "religiöse Kategorie," sie zielt immer auf die "Begegnung zwischen dem Menschen und der Gottheit" ab (41, 82). Begegnung ist (theologisch interpretiert), der Versuch des Menschen, "die Einheit mit dem Universum wiederzugewinnen", das Psychodrama ist die Essenz der Begegnung (82,87).

Nach der Lehre der Kath. Kirche läßt sich die "Begegnung" (sinnliche Erfahrung) mit der Gottheit der Katholiken, mit der Trinität aus Vater, Sohn und Hl. Geist, weder bewirken noch durch Psychotechniken unterstützen: "Gottes Geist weht, wo er will."

Von Gemeinsamkeit kann hier nicht die Rede sein, speziell die "Katharsis" Morenos (als das nicht abschließ­bare Heilwerden des Protagonisten, der Gruppe, der Gesellschaft und des Kosmos hat nichts Gemeinsames mit Bekenntnis der Schuld, mit "Absolution" oder mit Seelenheil des sündigen Menschen durch praktische Theologie.

 

 (3) Therapeutische Gruppe

Die "Gruppe" ist bei Moreno wie Hutter "Ort" für alles: Ort des Gruppenprozesses (des Rollentauschs, des Spiegelns, der Wandlung), Ort der Heilung, der "heilsamen Ressourcen," der heilenden und selbstheilenden Kräfte (177).

Gruppe ist Ort der Auseinandersetzung mit "Erfahrungen von Unheil" und "Sehnsucht nach Heil," sie ist "Schutzraum" und "Fluchtpunkt vor ungewählter Herrschaft" (240), Ort der wohl radikalsten Form kommunikativer Praxis und radikalsten Beschädigung des Protagonisten.

Gruppe ist "Ort der Koinonia-Erfahrung" (371, 373). Eine ähnliche Struktur wie die Gruppe hat das "Gott-Volk," paraphrasiert unter Verwendung des Gruppenbegriffs: "wenn Gott wieder auf die Welt käme, würde er nicht als Individuum inkarniert, sondern als Gruppe, als Kollektiv" (175).

Moreno und die Gruppen-Bewegungen vergöttlichen (divinisieren) die Gruppe, das Kollektiv, die Gesellschaft, das Universum mit einem Übermaß an "Unschärfen in den Formulierungen" und "nicht trennscharfen Begriffen."

Gegenüber einer Theologie, die die „therapeutische Gruppe“ als Ziel und Mittel der Heilung der Gesellschaft und der Weltgesellschaft im Auge hat, die aber gegenüber der starken Tendenz zum Totalitarismus die Augen verschließt, sollte jede christliche, katholische, nicht­therapeutische Theologie die kirchliche Gruppe (etwa die Ministranten- oder Pfadfinder­Grup­pe, die Kolping-Familie oder den Kirchenchor) als letzten Schutzraum oder Fluchtpunkt vor ungewählter (totalitärer, therapeutischer) Herrschaft, als letzte Insel der Freiheit, des Rechts und der Humanität im Ozean der Barbarei und Rechtlosigkeit verteidigen und zu retten versuchen.

Der katholische Pastoraltheologe H. Steinkamp hält diese "waghalsige" Studie für eine "außergewöhnliche Bereicherung" der Praktischen Theologie, für einen "gelungenen Versuch", J.L. Moreno als relevanten Gesprächspartner für die Theologie als Ganze erwiesen und die "heilende Kraft der Gruppe" (wieder-)entdeckt zu haben. Insgesamt - Ertrag der Studie – können die Überlegungen Hutters zur "Gruppe als Koinonia-Erfahrung" aktuelle pastoraltheologische Diskurse (Kooperative Seelsorge) um "wichtige Aspekte" bereichern, meint H. Steinkamp (375-377).

 

 

Die Verbindung des Drucks von außen (der Massenmedien etwa) und der geistigen Kapitulation von innen hat die christlichen Kirchen in die größte Krise seit ihrer Gründung gestürzt.“ Caspar von Schrenck-Notzing, ZUKUNFTSMACHER, Seewald, Stuttgart,1968. Unter den Druckmachern hat dieser Autor auch viele „Psycho“-Strategen beleuchtet - um auf halbem Weg dann stecken zu bleiben.

 

 

4.2  1925 war Moreno von Wien nach Amerika emigriert. Auf freudisch vorbereitetem Boden (RB2/07,3) hatte er dort Anfang der 1950er großen Einfluß. Wohl weil er sich mit seinen Allüren mit vielen Weggefährten, u.a. den ansässigen Freudianern überwarf  – ihnen allen wie auch Marx und Freud dünkte er sich überlegen, schon als Kind spielte er „Gott“ – schmolz sein Einfluß wieder. In unserem Land, wo in 68er Folge jeder Psycho-Unfug Blüten treibt, wird das Psychodrama zwar an vielen Plätzen auch zur Therapie angeboten und in der Fachpresse „seriös“ beworben. Die Akzeptanz blieb bisher aber doch bescheiden. Daß Moreno innerhalb der katholischen Kirche nun Furore machen kann – die kirchlichen Beratungsdienste, die „pastorale Psychotherapie“ (RB 2/07, 6.6) bieten dafür eine Plattform -, zeigt wohl an, bis wohin sich die Verwirrung ausgebreitet hat. Wie Freud hat Moreno an „Heilung“ viel behauptet, nur nichts belegt. So notwendig das klärend-orientierend-bestärkende Gespräch in der Therapie oft ist, gibt es zu einer „psychotherapeutischen Wissenschaft“ bis heute – dies das Dilemma - nicht mehr als Ansätze.

Als wissenschaftlich gesicherte Therapien anerkannt wurden von der  Ärzteschaft, genauer: der „politischen Klasse“, noch genauer: dem „Gemeinsamen Bundesausschuß (G-BA)“ die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie. Was an „Therapie“ sich nennenden, de facto gleich luftigen Psycho-Gespinsten sonst noch herumschwirrt, läßt sich darunter leicht subsumieren, das Psychodrama gewiß. In einem „Erhebungsbogen Psychotherapie“ führte die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) das Psychodrama schon 1997 als zwar noch „außerhalb der Psychotherapie-Richtlinien“ stehendes, aber doch ehrenwert praktikables Gruppenpsychotherapie-Verfahren auf. Der Schwindel kennt kaum noch Grenzen. Braucht man sich über einzelne Fälle von Fehlpraktiken wie den vorgestellten (.2.1-7) zu wundern, wenn ein ganzes Lehrgebäude, das insbeson­dere in den letzten Jahrzehnten als plumper Schwindel ausgewiesen wurde und im Ausland weithin schon erledigt ist, von der deutschen Ärzteschaft zum offiziellen ärztlichen Fachgebiet erhoben  wurde? Ist man sich in diesen Kreisen bewußt, welch demoralisierende, korrumpierende Wirkung davon auf das ganze Volk ausgeht?

 

4.3  Kürzlich hatte der Verfasser das "Vergnügen", bei einem ZIST-Kongreß in Garmisch die vielfach als schrägste Vögel in der Psychoszene geltenden „Humanistischen Psychologen“ versammelt zu sehen, unter ihnen den Sozialpsychiater Dörner (Fn 14), laut Kongreßprospekt Autor des „meist verkauften Psychiatrielehrbuches Irren ist menschlich“[29], den Benediktiner Spiritualisten Dr. Anselm Grün, laut Prospekt Autor der „meist gelesenen christlichen Werke der Gegenwart“, „Gestalttherapeuten“, „Bioenergetiker“, „Systemaufsteller“, „Neuro-Linguisten“, „Räucherexperten“, „Schamanen, Heiler und Zeremonienleiter“, „Tibetologen“, Anhänger des Dalai Lama etc., Damen zumeist und alle überzeugt, die „Seele – in dieser Welt“ (so das Kongreß-Motto) hier zu erfahren, zu ergründen und sie weiterzugeben, alle Gauben und Wissen verwechselnd, alle aus der Orientierungslosigkeit der Zeit schöpfend und, ungeachtet manch kluger Worte, die gewiß auch Freud mitunter von sich gab, sie weiter vertiefend.[30]

 

 

4.4  Daß die katholische Kirche den in allen Variationen so schlichten wie betrügerischen, dabei durchwegs antichristlichen Lehren „der“ Freudschen und Freud-abkömmlichen Psychotherapien beigegeben hat (RB 2/02, S.3ff), ist gewiß einer der wesentlichen Gründe für den anstandslosen Durchmarsch der 68er durch staatliche und nicht-staatliche Institutionen, ihre Übernahme des einst christlichen Abendlandes und seine fast lautlose Überleitung in den „(neuen) Westen.“[31] Hierzulande hat wesentlich dazu Christa Meves beigetragen (RB 1/08,6). Vereinzelt rührt sich nun aber wie auf katholischer, so auch auf evangelischer Seite Widerstand. Mitwissen Mittun 2008, ein Organ evangelikaler Abtreibungskritiker um den Teilchen-Physiker Prof. H. Schneider, Heidelberg, brachte aus unserem Rundbrief 1/08 das große Kapitel 3 „Aufstieg und Fall Freuds – drüben (und hüben)“ neu heraus, dazu „The Frink Affair“ (RB 1/08,7.7). Was an den Psychogespinsten ist, könnte sich doch noch herumsprechen.


 

5.  Sollte der Betrügerei doch noch beizukommen sein?

5.1  Auf unserer Web-Seite www.psychiatrie-und-ethik.de  konstituierte sich Ende 2003 auch das INTERNATIONALE NETZWERK DER FREUD-KRITIKER, ihr Erscheinungsbild (homepage) den Lesern dieses Rundbriefs im Netz bekannt.

In allen drei Teilen der INFC-Site, des englischen, französischen und deutschen Teils, stehen gewichtige Beiträge reputierter Autoren, die die Lehren Freuds und vieler seiner Schüler und Nachfolger / Nachahmer als Blendwerk ausweisen. Manche der Beiträge sind auch in anderen Medien, einer, der Beitrag von Nils Wiklund („Freud und der Nobel-Preis“, RB 1/07,6.2) in der Süddeutschen ZEItung vom 25.07.2007 (“Wie viel er auch dichtete“) erschienen. Psychoanalytische Positionen widerlegende Arbeiten erscheinen zahlreich auch außerhalb des INFC.

Unsere Partner in INFC sagen uns, in der angelsächsischen Welt sei Freud bereits passé. Geben wir uns aber keinen verfrühten Hoffnungen hin. Der Schwindel sitzt gewiß nicht nur in Deutschland fest noch im Sattel. Freudisch orientierte Psychotherapeuten, psychosomatische Kliniken werden weiter etabliert, weiter beworben.[32] Unzählbar die einschlägigen „Therapien“, die Bücher, die sie anpreisen. Um die „anerkannte“ Psychoanalyse und Verhaltenstherapie ranken sich all die Verzweigungen ins „Soziale“ hinein, viele von „anerkannten“ Professoren, auch „seriösen“ Seelsorgern begleitet. Mit den „Traumatisierten“ entstand gar ein neuer Zweig auftrumpfenden (Pseudo-) Expertentums und üppiger Geschäftemacherei. Die Masse derer, die, nachdem tradierte Orientierungen brüchig geworden sind, in den Psycho-Gefilden ihr Glück, ihren Lebenssinn suchen, wie auch die Menge derer, die solche Suche ausbeuten, zu groß, als daß dagegen aufzukommen wäre. Dennoch ist es sinnvoll, daß an einigen Stellen, nicht zuletzt unserer, die Realität aufgezeigt wird. Manchen Verzweifelten zumindest werden Auswege gewiesen, manche  Menschen  vor Enttäuschung bewahrt.

5.2  Das Durchdringen der Gesellschaft schafften Freud und sein Anhang letztlich und vor allem mit zwei Tricks, 1.) damit, daß sie seine Kritiker „psychiatrisierten“, ihnen, ja allen, die sich ihnen nicht unterwerfen wollten, neurotische Widerstände anhängten und ihnen, wenn das immer noch nicht half, 2.) antisemitische Motive unterstellten (etwa Freud S., 1925, Die Widerstände gegen die Psychoanalyse).

Der erste Trick, so schlicht er ist, tat weithin schon seine Wirkung. Gegen den zweiten aber gab’s insbesondere nach 1945 kein Halten. Kürzlich, am 1.9.2008 zeigte Alfred Grosser in der FAZ, reale Beispiele inakzeptabler antisemitischer Äußerungen anführend, daß sich hinter dieser Verdächtigung öfters doch „brutale Zensur eines unbequemen Inhalts“ versteckt. „Man breitet den Schleier des Antisemitismus über das Gesagte aus, um nicht die dargestellten Fakten widerlegen zu müssen.“ Die Verdächtigung war im Fall der Freud-Kritik immer rasch zur Stelle, oft zu Recht, nicht weniger oft auch zu Unrecht. Die dezidiertesten Freud-Kritiker waren wie K. Jaspers „philosemitisch“ oder wie A. Aschaffenburg selbst jüdischer Herkunft, wie es zu mehr als der Hälfte auch Freuds Wiener Kollegen waren, deren Ablehnung dieser ebenfalls mit Antisemitismus erklärte. „Die dargestellten Fakten“ der Kritik konnten die Freudianer so bis heute übergehen, ihre Irreführungen und das resultierende seelische Elend damit perpetuieren (RB 2/07,6.6 Kasten).

In Deutschland stehen zur Psychoanalyse erstrangige Vertreter der Seelenheilkunde, auch solche, die als biologisch orientiert firmieren (.3.6), von ihren „psychodynamisch“ orientierten Kollegen und den Heerscharen der Psychologen, Sozialarbeiter, Sozial-Pädagogen ganz abgesehen – (vor-) letztere heute übrigens die stärkste Gruppe praktizierender „Psycho-Profis“.[33] Wie sich die Freudianer in geschilderter Weise gegen Kritik über Jahrzehnte feiten, so machen’s jetzt ihre deutschen Parteigänger, Ärzte und Nicht-Ärzte, alle. Und die politisch-publizistische Klasse deckt den Schwindel und schweigt die Kritik daran tot.

Besagte Tricks waren und sind gewiß nicht der alleinige Grund für Freuds mancherorts noch anhaltende Geltung. Beigetragen haben dazu fraglos sein schriftstellerisches Talent, vor allem aber seine Nähe zu mächtigen politischen Strömungen und seine Nützlichkeit für sie. Sie freilich blieben lange kaschiert und konnten gerade dadurch in der Gesellschaft wirksam werden (RB 1/08,3). Die „politische Klasse“, gewichtige, im übrigen schwer abgrenzbare Gruppierungen, steinreiche Leute zumeist, waren und sind es, die auch und gerade für den seelenkundlichen Bereich die Weichen stellten, mit Freud und verwandten Geistern de facto den Freud-Marxismus pushten.

5.3  Wie sie von hohen Etagen aus seit den 1960ern die Kulturrevolution und mit ihm den „neuen Westen“ schufen, welche Beiträge die „Seelen(heil)kunde“ dazu leistete und warum diese von ihnen so nachhaltig gestützt und Hinweise auf deren oft fragwürdige Rolle so gnadenlos zurückgedrängt wurden und werden, dazu vermitteln die wiederholt schon vorgestellten Worte des G.B. Chisholm wohl einen Eindruck. Aber völlig geklärt werden die leitenden Motive und Ziele vielleicht nie. Es lohnt sich schon festzuhalten, was offen liegt.

Vielfältig eingedrungen ins Erziehungssystem und die Medien, wahrlich eine „Sozial­Pädagogik“, dienten die Lehren der „neuen Psychiatrie“ und Psychotherapie, letztere besonders, der Etablierung eines neuen Werte-Kanons, der nachhaltig dann unter der Fahne der „68er“ festgemacht hat. Umfassend wurde er im Grunde schon in den 1930ern von Aldous Huxley in seiner Schönen Neuen Welt vorgestellt (RB 3/01,5). In den Köpfen mancher Utopisten spukte er sogar schon früher. Während im Kommunismus eher Orwell Konzept 1984 seine Realisierung erfuhr, kam Huxleys Plan im Westen erst danach voll zur Geltung. Erst seit kurzem ist ja das Repertoire der genetischen wie psychologischen Manipulation ausreichend entwickelt, kann damit auch das wissenschaftlich konzipierte One-World- Konzept weiter umgesetzt werden. Psychiatrie und Psychotherapie geben in ihm die neue säkulare „Einheitsseelsorge“ ab, die sozial­pädagogische Kontrollinstanz dazu. Fernab von seinem hippokratisch-ärztlichen Auftrag läuft solcher Einsatz des Faches klarerweise auf systematisch-politischen Psychiatriemißbrauch hinaus.

5.4  Unsere Regierungen, die Medien etc. hängen, scheint es zumindest, von einer übergeordneten „politischen Klasse“ ab, die sich als Gipfel der Rationalität empfindet und ihnen sagt, wo’s lang geht - Regierungen auf nationaler, Landes-, oder Bezirksebene, vielleicht auch UNO, WHO, Unesco etc., nicht zuletzt der WVP, der Weltverband für Psychiatrie, ihre Proklamations- und Ausführungsorgane. Diskussionen über Diktatur und daraus resultierende politische (und „polit-psychiatrische“) Verfolgung und Verfolgte stören da nur.

Gerade liegt das globale Finanzsystem am Boden, wohl weil sich die Finanz-leistungen von realen, ehrlichen Leistungen und Beständen gelöst und – ganz ähnlich wie die globale Psychiatrie - in irreale Konstrukte abgehoben haben. Die Situation gibt neuen Grund, verstärkte globale Kontrollen zu fordern und einzuführen. Selbst die neue Gesundheitsreform, die in diesen Monaten und Wochen gegen breiten, anhaltenden Widerstand Gestalt annimmt - der bayerischer AOK-Chef spricht von einer "Verstaatlichungs-Orgie", rückte da unter Drittrangiges.

Rechtfertigte die „Klasse“ die Gesundheitsreformen jahrein, jahraus mit der Begründung, anders seien die Kosten im Gesundheitswesen nicht in den Griff zu bekommen, die Beiträge nicht stabil zu halten, so sagen Merkel, Schmidt und Co, diesmal gleich vorab und ohne zu erröten, daß eine Beitragssteigerung zum Einheitsbeitrag der neuen Reform klar dazugehört. Die erste dieser Reformen passierte in den 1970ern auf psychiatrischem Gebiet (mit dem KVWG 1978) und wurde, so sehr auch sie bereits in sozialistische Richtung lief und teurere, vergesellschaftete Behandlung etablierte, initiativ von den Unionsparteien, letztlich aber „global“ betrieben (RB 1/08,4.5). Regierungen auf Bundes- und Landesebene können sich den Diktaten des One-World-Systems und seiner Organe UNO, WHO, Unesco etc. vielleicht auch nicht entziehen.

 „Schöne neue Welt“ impliziert gewiß manche Annehmlichkeiten, sexuelle Freiheiten, gender-main­streaming[34] etc., ist aber nun einmal als (sanfte) Diktatur geplant und eine solche war für die Mehrheit noch nie das reine Honiglecken. Verwunderlich also, daß heute die Schere zwischen Reich und Arm auseinandergeht, Hunger und Verelendung in der Welt zunehmen, Verarmung auch hierzulande? Schöne Deklarationen gehen natürlich nicht aus.

Gewiß haben sich die erwähnten „oberen“ Organe mitunter bewährt. Nur sind sie menschlicher Fehlbarkeit nicht enthoben. Zu der Feststellung haben wir, ein kleiner, u.a. mit Problemen der Gesundheit befaßter Verein, jedenfalls um so mehr Grund, als viele Unternehmungen und Erklärungen der Organe just an der Gesundheit ansetzen. Gesundheit definierte die WHO 1978 in der Deklaration von Alma-Ata, UdSSR, als „Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens“ („Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ –  im Jahr 2008 schon eher ein Hohn). Andersdenkende saßen damals derweil in sowjetischen Irrenanstalten. Die liefen zwar auf die gleiche Entrechtung und Entwürdigung hinaus wie sie manche mitunter im Rechtsstaat Deutschland erfahren (V. Stein), waren aber doch um einiges verbreiteter und unbequemer.

Dem Kommunismus standen und stehen Uno, WHO etc. immer nahe. Mit ihm verträgt sich auch „freie Wirtschaft“ durchaus - China das Beispiel[35]. Nie vergessen auch, daß Trotzki 1917 zur Auslösung und Gestaltung der Oktoberrevolution und ihrer Befestigung, u.a. der Gründung der Roten Armee mit einem amerikanischen Paß und einem Schiff voller Geld von New York aus nach Rußland reiste. Es gab wohl im Westen, in ganz unverdächtigen Kreisen, immer Unterstützer von kommunismusnaher Diktatur. Wohl nicht von ungefähr auch rieten höchste „Worldcontroller (Huxley) seinerzeit von allzu deutlichen Verurteilungen des Sowjet-Psychiatriemißbrauchs ab (RB 2/07,8.2). Anders als totalitär – und sei es mittels demokratisch verbrämter Mittelchen und Mittelsleute, etwa NGOs, gepäppelter non-governmental organizations, läßt sich die (Gesamtheit der) Welt, lassen sich auch übernationale Staatsverbände wie die Europäische Union vielleicht nicht administrieren. 85 Prozent der deutschen Gesetze werden heute, heißt es, in Brüssel von einem Apparat (vor)gefertigt, der demokratischer Kontrolle enthoben ist.

Im Zug der Entwicklung wird dabei alles „Weltinnenpolitik“, selbstredend eine „des Westens“, freilich des „neuen“, „schön-neu-weltlichen“ Westens. Wer sich solch westlicher „Weltinnenpolitik“ wie etwa die „einheimische Bevölkerung“ manch islamischer, demnächst vielleicht auch anderer östlicher Länder widersetzt, könnte die „psychologische Kriegsführung“ [36] dieses neuen Westens, wenn nicht erneut eine handfestere zu spüren bekommen. Ist eigentlich schon diskutiert worden, warum der Islam in jüngerer Zeit so aggressiv geworden ist?

Aus Huxleys[37] und Orwells totalitären Stücken gemischt ist das System, scheint es mitunter, das besagte Welt-Organisationen einschließlich des WVP verfolgen, einen mit manch sozialistischen Einschlüssen, einen in jedem Fall, der „im Menschen nichts als eine Mischung aus sozialen und biologischen Kräften sieht“ (vorige Seite, Kasten), Raum zwar zu manchen Freiheiten gibt, ansonsten „politische Korrektheit“ fordert und mit zunehmender genetischer und psychologischer Manipulation einem neuen diktatorischen System nahe kommt. Wohl nicht von ungefähr sind die seelen(heil)kundlichen Fächer in einem Weltverband UNO-ähnlich organisiert (.3.7).

Im Schönreden der Dinge war die „politisch-publizistische Klasse“ immer Klasse. Insbesondere die Segnungen der Globalisierung predigt(e) sie oft überzeugend. So mächtig sind aber ihre Fürsprecher und Betreiber nicht, daß es nicht doch vielerorts vielerlei Widerstand gibt. Es gab das Nein der Franzosen, der Niederländer, zuletzt der Iren, im Grunde aller Europäer, die sich überhaupt äußern konnten. „Nein“ aber sagten sie nicht zu Europa, sondern zu der Art von Administration, die ihnen „von oben“, von Politikern  und den Medien untergeschoben werden sollte. Mehr und mehr stehen sich auch im Westen westlich ausgebildete Eliten und einheimische Bevölkerung“ kritisch gegenüber.[38] Internationalen Widerstand gibt es sogar, so international Wissenschaft auch ist, gegen fragwürdige Teile der „globalen Psychiatrie“. Die Welt-Bevölkerung ist wohl auch mit Freudscher Pseudowissenschaft seelisch nicht gleich und/ oder platt zu machen. Was an Grausigkeiten von hochmögenden internationalen “Seelenexperten“ schon verbreitet wurde, könnte Warnung genug sein.

5.5  Natürlich stützt auch die „Global-Psychiatrie“ WVP die ONE-World mit ihren Mitteln. Der WVP kämpft bekanntlich gegen Stigmatisierung durch psychische Krankheit. Daß Globalisierungskritikern „Verschwörungstheorien“ angedichtet, sie so ins Paranoische(.3.5), ins nicht mehr Ernstzunehmende gerückt werden (Usus auch in den USA - Paranoid Shift - RB 1/04,5), solch willürlich-diffamierende Stigmatisierung durch angedichtete Krankheit kümmert den WVP nicht. Die verschiedenen Abteilungen des Global-Systems gehen sich gegenseitig an die Hand. Und die Medien decken es.[39]

Manche werden hier vielleicht wieder zögern und einwenden, daß dies doch vom Ursprungsthema zu weit weg ginge. Üblicherweise aber wird für das Zustandekommen übler Entwicklungen nach Ursachen und Bedingungen gefragt. Warum soll beim Mißbrauch und anderen Verbiegungen der Seelen(heil)kunde und der auffälligen Verleugnung ihrer Wirklichkeit durch Politik und Medien nicht gefragt werden?

Grundsätzliche Kritik am System fragwürdiger Praxis inmitten eines allerbesten Verfassungssystems kommt auch über vielen anderen Themen hierzulande wie im Ausland auf, nicht zuletzt in Amerika. Dort hat einiger Frust gerade wieder zu einem Wechsel („change“) geführt, wie ihn „das System“ vorsieht, wie ihn trotz verbreiteten Jubels nur manche nicht sehen. Die Hoffnung lebt natürlich am längsten. Es werde alles beim Alten bleiben, meint etwa Ron Paul, ein Kinderarzt, der, von den Medien geschnitten, als Präsidentschaftskandidat natürlich keine Chance hatte, als Kongreßabgeordneter der Republikaner in Texas immerhin wieder gewählt worden ist. „Die Präsidentschaftswahlen sind ein gut inszeniertes Affentheater“, meinte er. Sie sollen „uns glauben machen, wir hätten eine Wahl. Dabei (stimmen) beide Parteien und ihre Kandidaten in Fragen der Außenpolitik, der Geld-Politik, (des Schutzes) der Privatsphäre oder der staatlichen Wohlfahrtspflege de facto überein. Die konstitutionell verankerte Beschränkung der exekutiven Gewalt ignorieren beide...

„Das System“ konzertierter Unwahrheit, mit ihm leider auch einer flunkernden Ärztevertretung, könnte überall weiter gehen. Auf Stimmen wie die von Paul können wir im Augenblick auch nur so viel geben, als sie zeigen, daß fundamentaler Widerspruch auch von anderen anderenorts vorgetragen wird und Zuspruch findet. Paul hat bei den Vorwahlen überraschend gepunktet, in Idaho 24 % der republikanischen Stimmen gewonnen. Wohl wird dieser Widerspruch vorerst nicht viel ausrichten. Wichtig genug bleibt er. Vor allem lehrt er, daß Widerspruch – fundamentaler als der von Paul kann solcher kaum sein – in einer demokratischen Gesellschaft seinen Platz hat.[40] Zumindest auf längere Sicht könnte er gar wirksam werden.

5.6  Ein „Schüler“ von Baeyers, Prof. H. Häfner, kam kürzlich mit dem Buch heraus EIN KÖNIG WIRD BESEITIGT (C.H. Beck, München, 2008), in dem er darlegt, daß und wie Ludwig II. von Bayern durch ein Falschgutachten aus der psychiatrischen Universitätsklinik München (.2.7) 1886 gestürzt wurde - nicht weil er geisteskrank, sondern weil er homosexuell und, in seinem Sozialverhalten auffällig[41], als König für den Staat und die Familie untragbar geworden war. Dazu konnte „man“ damals die neu zugewachsene Psychiatrie benützen. „Das ist ein trauriges Kapitel unserer Disziplin“, meint Häfner dazu in einem Interview im MÜNCHNER MERKUR vom 21.11.08.[42] Nach ihm fällt solches Vorgehen letztlich aber in den natürlichen, irgendwie unabweisbaren Auftrag des Fachs. Nicht von ungefähr widersetzte er sich in den 1970ern bis 80ern zäh jeder Kritik am Psychiatriemißbrauch der SU. Das aber war einmal. Mit dem Zynismus einiger Politiker und einiger Psychiater müssen wir uns nicht endgültig abfinden (vgl. den Disput Dieckhöfer-Häfner in RB 2/01,2.2).

Ausgrenzung beschädigt vor allem die Ausgrenzenden. Wie sehr hat sich die deutsche Psychiatrie doch „ins eigene Bein geschossen“, indem sie solche Kritik über mehr als dreißig Jahre abwimmelte? Wie dringend braucht gerade sie Offenheit für eigenständige Meinungen, um sich, vor allem aber ihren Patienten schmerzliche Sackgassen zu ersparen. Auch in den „seelen(heil)kundlichen“ Fächern, die den Machthabern so oft zu Diensten waren, rührt sich nicht nur hierzulande Kritik an den "oberhirtlichen" Verfehlungen, Versteigungen und Lügen.

5.7  Es ist schließlich bereits gelungen, Breschen in ihr Dickicht zu schlagen. Mit aller Macht hält es das „Establishment“ noch aufrecht. Die westlichen Machthaber scheint nicht abzuschrecken, wie sich schon die Sowjets damit blamierten. Die „seelen(heil)kundlichen Fächer wollen sie, scheint es, partout für ihre Zwecke nützen - zur Erledigung „nervender“ Unbequemer (.2.5), zur Verbreitung aber vor allem von „geistigem Schrott“, der die Bevölkerung verwirrt ihren Direktiven um so eher folgen, allenfalls sie auf Pseudo-Alternativen abfahren läßt. Dagegen wird aber immer noch aufzukommen sein. Die Situation erscheint heute jedenfalls nicht mehr so aussichtslos wie zu Beginn unserer Arbeit vor mehr als dreißig Jahren.

Ganz abgesehen aber davon, was wir im Großen erreichen konnten oder können – zum Sturz des Evil Empire beigetragen zu haben (RB 1/08,4.9), war und ist auch etwas -, bleibt uns und denen, die uns über Jahrzehnte unterstützten, die Befriedigung, daß wir in Einzelfällen, denen sonst niemand mehr zuhören wollte, Bedrängte schützen und ihnen ein wenig doch wieder zu ihrem Recht verhelfen konnten.

 

6. Summary (im englischen Teil der GEP-Site einzusehen)

 

 

Unsere Gesellschaft hängt von der Unterstützung

ihrer Mitglieder und Freunde ab,

von denen manche ihr seit über dreißig Jahren angehören,

andere auch erst in jüngerer Zeit hinzu gestoßen sind.

Nur durch ihre Unterstützung konnte und kann die schwierige

Arbeit der GEP für Gesunde und Kranke,

für die Achtung menschlichen Geistes, menschlicher Würde

und einer auf Freiheit und Verantwortung basierenden Gesellschaft

über die Jahre wahrgenommen werden.

Für ihre Unterstützung dankend,

bitten wir unsere Mitglieder und Freunde, sie uns weiter zu erhalten.

Durch sie wie die ehrenamtliche Tätigkeit der Vorstandsmitglieder

kann der Rund­brief auch an Adressaten versandt werden, die

mit der Psychiatrie zu tun oder

Interesse für die menschen­rechtlichen Probleme in ihr oder

für Probleme der ärztlichen Ethik allgemein bekundet haben oder

bei denen auf Grund ihrer beruflichen Stellung

solches Interesse vorauszusetzen ist.

Durch sie ist auch der Unterhalt einer Web-Seite möglich,

die aus aller Welt rege aufgesucht wird.

Wieder ergeht die Bitte, die Schrift im Bekanntenkreis weiter­zu­reichen.

Weitere Exemplare, auch früherer Ausgaben des Rundbriefs,

können nachbestellt werden.

Rückäußerun­gen sind immer willkommen.

 

Der jährliche (steuerbegünstigte) Mitgliedsbeitrag beträgt 60 Euro.

Auch für kleinere Spenden sind wir dankbar.


 

Endnoten:

[1]  Es heiß da, W.L. befände sich  seit dem 19.10.1971 in der psychiatrischen Klinik Leipzig-Doesen..., erstmals 1961 verhaftet wegen Protests gegen den Bau der Mauer. Mehrere Fluchtversuche... Kurz vor der Einweisung in die Psychiatrie hatte L. die Ausreise in die Bundesrepublik beantragt. Im Juni 1976 "Gefangener des Monats von ai.“

[2] Von ihm, einem Leipziger Arzt, hieß es, er sei im Februar zu einer psychiatrischen Untersuchung in einer Klinik vorgeladen worden, „weil er sich über Mißstände in einem Leipziger Krankenhaus ausgelassen hatte. Seitdem sei er verschollen.

[3] Von ihm und seiner Frau, damals 25-jährig, hieß es, am 18.4.74 hätte das Paar auf dem Ostberliner Alexanderplatz für eine freie Ausreise protestiert. Nach Verhören wurde W.-K.N. in die Bezirksklinik Brandenburg eingeliefert, nach einer Woche aber mit seiner Frau nach West-Berlin abgeschoben.

[4]  Er, laut Welt der älteste Fall“, verlor, 16-jährig, 1966 bei einem Fluchtversuch durch eine Mine beide Beine. Er wurde dann in die Nervenklinik Stadtroda eingeliefert. Dort wurde ihm gesagt: „Du bist hier, weil du geisteskrank bist. Erst, wenn du deine verrückte Aussage widerrufst, unsere Grenzsoldaten hätten auf dich geschossen, nachdem du auf die Mine getreten bist, kommst du aus der Klapsmühle heraus.“ 1975 durfte der Invalide „ausreisen“. 

[5] Der herzerweichende „Bericht aus der Schlangengrube“ gemahnt an Zustände in manchen psychiatrischen Krankenhäusern auch der alten Bundesrepublik. Zur Zeit der Psychiatrie-Reform / Psychiatrie-Enquête der 1970er Jahre gab es viele ähnliche Berichte in den Medien, die auf eine Besserung der Verhältnisse hinwirken sollten, es teilweise auch taten - was etwa die Baulichkeiten, kaum freilich, was das Regime in ihnen und die Konsequenzen für die Patienten betrifft. Vor allem brachte die Reform erweiterte staatliche Reglementierungen in der Versorgung der Kranken, weitere Einschränkungen ihrer Freiheit (RB 2/07,2.2).

[6] Dies die Methode, mit der etwa die Regierung von Sachsen-Anhalt Mitte der 90er besagte Nachuntersuchungen anging (Mitteilung des Ministerialen Dr. Dr. Nehring, eines Psychologen vom Magdeburger Gesundheits- und Sozialministerium, RB 1/04,1.3), um dann zu verkünden, es habe hier auf dem Boden des Landes zur DDR-Zeit keinen politischen Psychiatriemißbrauch gegeben.

[7] Die Kommission – eine derer, die in verschiedenen Bundesländern offiziell der Frage vordem in der DDR stattgehabter Psychiatriemißbräuche nachgingen, hatte meinen Fall als einen solch realen Fall anerkannt.

[8]Bei dem Pat. lag ein reaktiv depressiver Verstimmungszustand vor, dessen Ursachen in verwickelten beruflichen Schwierigkeiten zu suchen  sind, die sich ihrer Natur nach einer Lösung durch den Patienten allein entzogen.“ (Krankengeschichte  Dr. med. Bach, Dr. med. Weise). Ein Disziplinarurteil gegen mich wurde „wegen Banalität“ (Leipziger Akademie-Verwaltungsdirektor Funke) niedergeschlagen.  Den Arbeitsrechtsprozeß gewann ich vollständig. Die Vorgänge sind detailliert dargestellt in DAS VERHÖR; S. 505 ff. Daraus ein paar weitere Zitate: Mein damaliger Arzt Dr. Otto Bach hielt über ein Gespräch mit der Berliner Akademieleitung fest:

»Wir weisen nochmals darauf hin, daß wir uns nicht damit einverstanden erklären können, daß die ganze Sache zu einer Angelegenheit charakterlicher Schwierigkeiten des Herrn K. gemacht werden könne.«

Über ein Gespräch mit der zentralen Arbeiter- und Bauerninspektion der DDR, einem gesellschaftlichen Kontrollorgan, dem Vizepräsidenten der DAdW und meinen Ärzten steht in der Krankengeschichte:

»Es wurde nach längerer Diskussion folgende gemeinsame Grundhaltung der Angelegenheit gegenüber herausgestellt. Die vergangene Angelegenheit muß als erledigt angesehen werden. Es gibt eigentlich keinen Kern der ganzen aufwendigen Angelegenheit.«

[9]  In dieser Eidesstattlichen Erklärung vom 17. April 1984 nennt Birnbacher Welzks Vorgehen einen „nicht anders denn als niederträchtig zu be­zeichnenden Rufmord“, den er u.a. in „Rachsucht, Rivalität und Mißgunst“ begründet sieht.

[10]  Wenn „psychiatrische Forensik in Maßen“ hülfe, so meinten  wir, das rechtswidrige Verhalten der Frau mit der gesetzlichen Ordnung wieder in Einklang zu bringen, wäre sie nicht zu beanstanden. Wir rieten, auf Patientin mäßigend einzuwirken, sich insgesamt aber auch in ihren rechtlichen Belangen weiter um sie zu kümmern. Niemand kann und darf sich im Rechtsstaat über die Gesetze, auch wenn er diese als unmoralisch hält, hinwegsetzen.

[11]   Den jetzt behandelnden Arzt trifft kein Vorwurf. Er ist offen, tut wohl sein Bestes.

[12]  PPS = „Post-Polio-Syndrom“, eine nicht seltene Spätfolgeerkrankung nach durchgemachter Kinderlähmung.

[13]  Ärztliche Psychiatrie und nicht-ärztliche Psychologie werden von Antipsychiatern (und den Medien!) gern und immer wieder verwechselt – womöglich bewußt verwechselt zur besseren Verwirrung der Leser und weiteren Verschiebung der Machtverhältnisse nach links im Sinn des Heinar Kipphardt.

[14]  Glaubt wer, es sei etwa im Gütersloher Landeskrankenhaus des bekannten „Sozialpsychiaters“ Prof. Dörner (.4.3) weniger restriktiv zugegangen, es seien dort weniger Psychopharmaka eingesetzt worden als anderswo?

[15]  Wenn die Medien Kritik an „der Psychiatrie“ üben, dann in der Regel antipsychiatrische, die ob ihrer Unsinnigkeit letztlich an den Machtstrukturen nichts ändert. Dies wohl der Grund, warum Stein/Stork zuletzt große publizistische Beachtung fand.

[16]  Am 30.09.08 sandten wir der Autorin Stein/Stork über den Verlag o.g. Rundbrief. Bis Redaktionsschluß keine Antwort.

[17] In dem Artikel ging dem SZ-Schreiber einiges durcheinander, dieser und der übernächste Absatz von uns korrigiert (Klammern). Uns erscheint vorrangig, mit dem Bericht wenigstens die Umrisse des Vorgangs „herüberzubringen“. Neben Prof. Möller wirkte als „pensionierter Psychiater“ Prof. Dr. Detlev von Zerssen, ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Klinik des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, mit. 1973 konnte er Einblick in die Sowjetpsychiatrie nehmen, deren politisch motivierte Mißbrauchspraktiken weltweit bekannt geworden waren. Von Zerssen befand sie als ganz untadelig. Sein Report steht ausgedruckt im Anhang des Enquête-Berichts, drs 7/4201, Seite 1002.

[18]  Die „Flucht“ in die Schweiz war für Herrmann in der Situation doch gut erwogen, existentiell vielleicht gar überlebenswichtig. Worauf will die eigenwillige Darstellung der SZ hier hinaus? Weiteres zu Prof. Möller, Mitglied ihres Gesundheitsforums, unter .3.6.

 [19]  Nicht zuletzt verriß so die FAZ das Buch 200 Jahre zusam­men – Die Juden in der Sowjetunion, in dem Solschenizyn u.a. forderte, über die für Rußland empfindliche „jüdische Frage nicht im Flüsterton und ängstlich zu sprechen, sondern klar, deutlich und begründet. Ohne glühende Leidenschaft, sondern mitfühlend, sowohl das ungewöhnliche und nicht einfache jüdische Schicksal begreifend als auch unsere Jahrhunderte, die (für Rußland) ebenfalls voller großer Leiden sind. Dann werden sich ... Vorurteile verflüchtigen und eine ruhige Nüchternheit wird einkehren“.  S. erinnert, daß der Widerstand gegen den Kommunismus nach den antisemitischen Ausfällen des alten Stalin in den 60ern wesentlich von Juden initiiert wurde und erinnert, „jene verfluchte sowjetische Psychiatrie“ und einige ihre Träger streifend, daran, daß gegen sie Semjon Glusman (.3.8) tapferen Widerstand leistete.

[20] Unter ihnen auch viele der ehemaligen Opponenten gegen den Psychiatriemißbrauch. Sie gingen selbst von der „Arbeitskommission...“ (RB 1/08,2.10) aus bald verschiedene Wege. Die Differenzen zwischen ihnen wurden bei und nach dem Weltkongreß für Psychiatrie 1989 in Athen noch deutlicher (RB 2/89,5, 1/90,2 und 2/92,6) -s. auch .3.8.

[21]  vgl. dazu RB 2/01, Fn 6, wo wir an einen Bericht des Stern erinnerten, der den damals „psychiatrisierten“ General Grigorenko verriß und die roten Weißkittel-Schergen weiß wusch.

[22] Der FAZ-Korrespondent C.-E. Langen, der lang in unserem Vorstand saß, versuchte 1991 gar die Gesellschaft zu spalten, als wir den Mißbrauch des Fachs in der DDR und weitere Fragwürdigkeiten in ihm und um es herum angingen.

[23]  Vom Oktober 1917 an gab es den roten Terror, von da an bis 1945 (kriegsunabhängig also) laut A. Jokoblew, eines früheren Weggefährten Gorbatschows, kriegsunabhängig 32 Millionen Ermordete. In einem Bild Lenins sah S. das des „fleischgewordenen Satans“.

[24]  Solchenizyn A., MEINE AMERIKANISCHEN Jahre (LangenMüller, 2007)

[25]  Wie dieser Begriff in der „Reform-Psychiatrie“ hochkochte, wurde in RB 1/08, Fn 26) näher dargelegt.

[26]  Wir meinen, entsprechende Funken haben an Freuds Lunte viele seiner Adepten gelegt, letztlich auch er selbst.

[27]  Dies ein beliebtes Argument aller „Soziater“, Sozialpsychiater,  Sozial-Pädagogen, Sozialarbeiter usw.  Den Nachweis größerer Friedfertigkeit der  von ihnen „Therapierten“ haben sie nie angetreten.

[28]  was immer das sein mag.

[29] So „human“ der Titel, ist er allein schon eine Irreführung. Psychische Krankheit ist leider doch etwas anderes als schlichtes menschliches „Irren“, zu dessen Behebung einfühlende, gar  Freudsche Gespräche genügten.

[30] Auf den Büchertischen Unmengen entsprechender „Fach“-Literatur und Werbebroschüren. Beim Stöbern darin, etwa in KURSKONTAKTE 10-11/08, fiel u.a. ein Bericht, mehr ein Schwärmen über die „Zeit des Aufbruchs“, die 68er, ins Auge. „Befreiung“ fühlten sie (H. Haring: „Wie die Doofen sind wir mit der Mao-Bibel rumgerannt“) und folgten "anti-autoritär" statt der alten mit Marx und Marcuse, Freud und „Dr. Sommer“ von BRAVO neuen Autoritäten. „Big Money“ und die Medien immer dabei. In Psycho-Zirkeln lebt die 68er Suche nach Aussteiger-Lust und -Liebe fort. Ob heute mehr da ihr Ziel erreichen, als seinerzeit auf den Straßen? „Big Money“ und die Medien  zumin­dest erreichten ihr Ziel noch festerer Kontrolle.

[31] Kürzlich gingen uns Unterrichtsunterlagen der Katholischen Fachhochschule (KFH) Münster zu, an der u.a. Sozial-Pädagogen ausgebildet werden. Im Fach „Sozialphilosophie“ werden ihnen, de facto der heute wohl stärksten Fraktion tätiger Psychotherapeuten, den Haupt-Abnehmern auch des genannten Dörnerschen „Psychiatrielehrbuchs“, an katholischen Lehreinrichtungen demnach Marx und Engels, Freud, Nietzsche, Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas nahe gebracht. Jaspers, Sartre, Kierkegaard, Heidegger, Marcel, Gadamer - manchen von ihnen käme in psychologisch beratenden Berufen eher Gewicht zu - stehen noch im Unterrichtsmaterial, wurden den Unterstreichungen der ehemaligen Studentin zufolge im Seminar aber nicht näher behandelt. Das hätte sie wohl überfordert. Gepäppelt werden die später nicht nur an katholischen Beratungsstellen tätigen „Gesellschaftserzieher allein mit antichristlichem Neo-/Freud-Marxismus. Besagte ehemalige Studentin, die, in der DDR sozialisiert, dort nur die beiden Erstgenannten kennen gelernt hatte, empfand die Münsteraner Lehren natürlich als Erweiterung ihres Horizonts.

 [32] Sie kombinierten, sagen sie (so eine im Kreis Starnberg, dem früheren beruflichen Wirkungsbereich des Autors, angesiedelte "Psychosomatische Klinik") in stereotyp üblichen Reklametexten, „bewährte tiefen­psychologisch und verhaltenstherapeutisch orientierte Therapieverfahren  zu einem ganzheitlichen Therapiekonzept“ (Münchner Merkur, 24.10.2008). Als „bewährt“ gilt ihnen natürlich alles "Psycho".

 [33] Im Deutschen Ärzteblatt 38/08 erst kürzlich wieder ein Lobpreis Alexander Mitscherlichs, des Hauptpropagandisten Freuds in Deutschland nach ’45. Sein oft ausgespieltes Motto: „Die(se) extrem naturwissenschaftliche Konzeption der Medizin ist gescheitert“. An seine Stelle vermochte er, anfangs an der Seite E. Niekischs, E. Jüngers, V. v. Weizsäckers, nach ’45 dann bei Freud angesiedeltes Gedöns zu schieben. So haltlos das Motto, werden Meinungsführer wie das Deutsche Ärzteblatt doch nicht müde, es zu plakatieren. Die Erfolge der Medizin beruhen seit über hun­dert Jahren jedoch just auf dieser ihrer (wieso „extrem“?) „naturwissenschaftlichen Konzeption“. Gewiß braucht es in der Heilbehandlung dazu Einfühlung, menschliches Verständnis. Ideologien, faule Sprüche aber braucht es nicht.

 [34]  Vgl. dazu RB 2/07,4. Anfang September beschloß das Europäische Parlament, tradierte Rollenbilder in der Werbung zu verbieten; Geschirr spülende Hausfrauen seien als geschlechtsspezifische Klischees eine „Diskriminierung der Frau“.

[35] One world – one dream: das Motto der Pekinger Olympiade.

[36] Regierungsnahe „Neocons“ in den USA wie Michael Ledeen preisen „zufällige“ Ereignisse wie etwa Pearl Harbour, die das Land aus verträumter Lethargie heraus zum Kriegseintritt mobilisierten. Um Großes zu vollenden, sei’s, wie Machiavelli fand, Staatsführungen erlaubt, ‘to enter into evil.

[37]  Ob Aldous H. wirklich das ausgefeilte Konzept der sanften One-World-Diktatur entwerfen wollte, bleibe dahingestellt. Sein Bruder Julian, der erste Generaldirektor der UNESCO schildert ihn eher als verträumten Mystiker. An Diktatur stieß auch Julian sich nicht; Stalins Sowjetunion erschien ihm als „noch immer tolerant“ (EIN LEBEN FÜR DIE ZUKUNFT, dtv, 1981). Auffällig genug bleibt in Aldous‘ „Roman“ schon die Vollständigkeit dessen, was den „neuen Westen“ ausmacht, die umfassend entwickelten Methoden genetischer wie psychologischer Manipulation des Menschen, der „seine Knechtschaft liebt“, weil er ihrer gar nicht mehr inne wird.

[38]  In der FAZ vom 8.9.08 wandte sich Ex-Bundespräsident Prof. Roman Herzog gegen die autoritäre Selbstermächtigung des Europäischen Gerichtshofs: Die „EU-lastige Rechtsprechung des EuGH (führt) dazu, daß die Felder, auf denen er Recht sprechen kann, ...wachsen, so daß sein eigener Einfluß ständig zunimmt. An diesem Befund ändern auch zurückhaltende Urteile des EuGH nichts, die bisweilen bewußt eingestreut werden, um den wachsenden Unmut in den Mitgliedstaaten vorübergehend zu dämpfen.“ Ein Trick wird da beschrieben, mit dem viele Unternehmungen der Globalisierung vorangekommen sind.

[39]  1985 sprang der FAZ-Mann Langen (Fn 22) dem Verfasser ins Ge­sicht, als er diese Dinge in Zeitenwende für die ärztliche Ethik im Deutschen Ärzteblatt 8/85 (Nachdruck in RB4/99,5) öffentlich zur Sprache brachte. Dabei war Langen der einzige Journalist im Land, der wenigstens am sowjetischen Mißbrauch des Faches immer wieder Kritik übte. So weit aber waren wir damals schon, daß Journalisten, die doch der Information dienen sollen, wichtige, ihren Tellerrand übersteigende Information wütend abwehrten.

[40] Via Internet ist um Ron Paul eine „Graswurzel-Bewegung“ entstanden, die über die Wahlen hinaus gegen „das System im System“ löckt, gegen das gekapert krumme politische im geraden Verfassungssystem. Wir übersehen von hier aus die Einzelheiten von Pauls weiter wirkender „Camapign for Liberty“, natürlich nicht ausreichend.

[41] Er habe an einer Sozialen Phobie (RB 1/05,3.2) gelitten, einem oft genug schweren, laut Häfner dabei „heute sehr gut behandelbaren Leiden“, das entgegen seinem Bramarbasieren freilich erst in den 1980ern in der Psychiatrie angekommen ist – weil sich hier doch alles auf eingefahrenen Gleisen bewegt, eher Dogmen als Fakten Glauben schenkt und einer vom anderen abschreibt.

[42] Im bayerischen Oberland wird der „Märchenkönig“ bekanntlich immer noch sehr verehrt.