{"id":19,"date":"2012-04-17T07:50:30","date_gmt":"2012-04-17T07:50:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/?p=19"},"modified":"2012-04-17T09:23:57","modified_gmt":"2012-04-17T09:23:57","slug":"das-freud-archiv-und-die-library-of-congress","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/das-freud-archiv-und-die-library-of-congress\/","title":{"rendered":"Das Freud-Archiv und die Library of Congress"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong>Jaques B\u00e9nesteau<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0<span style=\"font-family: Arial;\"><strong><span style=\"font-size: medium;\">Das Freud-Archiv und die Library of Congress\u00a0 <\/span><\/strong> <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: x-small;\">(Mai 2003) W\u00e4hrend die Psychoanalyse mit Unterst\u00fctzung der Politiker in Deutschland unvermindert die \u201e<em>Lufthoheit<\/em><strong> <\/strong>\u00fcber den <em>K\u00f6pfen<\/em>\u201c besitzt (bescheiden begehrt sie SPD-Generalsekret\u00e4r Scholtz &#8222;<em>\u00fcber den Kinderbetten<\/em>&#8222;), die \u00c4rzterepr\u00e4sentanz (Deutscher \u00c4rztetag) erst k\u00fcrzlich den Anspruch der Freudianer auf wissenschaftliche Anerkennung (mit der Fixierung des Titels\u00a0 \u201eFacharzt <em> f\u00fcr Psychotherapie und Psychosomatik<\/em>\u201c) neu best\u00e4rkte, w\u00e4chst international, vor allem in den englisch-sprachigen L\u00e4ndern, doch der Widerstand. Mit seinem Buch Mensonges Freudiens (<em>Freudsche L\u00fcgen<\/em>), Mardaga, Sprimont, 2002 (ISBN 2-87009-814-6), er\u00f6ffnete ihn in Frankreich Jaques B\u00e9nesteau, Psychologe an der Kinderklinik der Universit\u00e4t Toulouse, Preistr\u00e4ger der Soci\u00e9t\u00e9\u00a0 francaise d&#8217;Histoire de la M\u00e9decine. Im Folgenden die \u00dcbersetzung einer Ansprache, mit der B\u00e9nesteau am 06.03.2003 in Toulouse eine einschl\u00e4gige Konferenz einleitete. <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;Ein betr\u00e4chtliches Volumen historischer Dokumente aus Freuds jungen Jahren bis zu seinem Tod (1856 \u2013 1939) wird in der Manuskript-Abteilung der Kongre\u00dfbibliothek der Vereinigten Staaten in Washington aufbewahrt.<\/p>\n<p>Die Library of Congess (L.O.C.) wurde 1800 auf Initiative von Pr\u00e4sident Thomas Jefferson gegr\u00fcndet. Sie ist bis heute die gr\u00f6\u00dfte dokumentarische Quelle der Welt (120 Millionen Objekte). Das politische Credo der Gr\u00fcnder war, die Archive der Menschheit zu sch\u00fctzen, sie zu verbreiten und bez\u00fcglich des gesamten Planeten alle Information allen zug\u00e4nglich zu machen. Weil die freie Zirkulation der Information die Garantie der Freiheit der V\u00f6lker ist, gibt es keine freie Welt ohne freie Information. Wie die Geschichte gezeigt hat.<\/p>\n<p>1951 nach Gr\u00fcndung der Freud-Archive fanden Verhandlungen zwischen Freuds Erben und Testamentsvollstreckern sowie der L.O.C. statt, um dort all die Archive der Bewegung und der ersten Analytiker zu deponieren. Ihr geheimes (erst 2001 gel\u00fcftetes) Ziel war, alle Informationen \u00fcber die historischen Anf\u00e4nge des Freudismus wegzusperren und sie gegen die Neugier derer, die der Freudschen Sache fernstehen, zu sch\u00fctzen (Borch-Jacobsen, 2001) &#8211; &#8222;<em>damit sie <strong>nicht <\/strong>von (unbefugten) Biographen ben\u00fctzt zu werden<\/em>&#8220; (Anna Freud an Kurt Eisler, 27.01.1951 &#8211; Hervorhebung durch uns, das Zitat r\u00fcck\u00fcbersetzt aus dem Franz\u00f6sischen). Was gebraucht wurde, war ein Banktresor, dessen Unterhalt und Schutz zu Lasten des Steuerzahlers gehen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Freud-Sammlung&#8220; stellt einen Schatz von \u00fcber 80.000 historischen Dokumenten dar, davon 45.000 Manuskripte und ungef\u00e4hr 35.000 Briefe (Roazen, 2001). Die Vorkehrungen der Wachhunde der Organisation, allesamt Analytiker, den Zugang des nicht-freudianischen Publikums zu den Dokumenten zu bremsen oder zu versagen, machen jedoch staunen. So sah etwa (der freud-kritische) Frank Sulloway den dokumentarischen Fonds just in dem Moment gesperrt, als gegen Ende der 70er Jahre der freud-orthodoxe Peter Gay ihn einsehen und die Elemente herauspicken konnte, die der Fabrikation seiner (neuen) Hagiographie zutr\u00e4glich waren (auf deutsch: FREUD, ISBN 3-596-50303-5), einer getreulichen Modernisierung des L\u00fcgengeb\u00e4udes von Ernest Jones. Zahlreiche wichtige St\u00fccke, ungef\u00e4hr 25 Prozent des Archivs, sind dem Blick und der Hinterfragung der Historiker unzug\u00e4nglich gemacht worden, teilweise bis zum 22. Jahrhundert!<\/p>\n<p>Durch die Verriegelungen der Freudianer sind die Historiker zur Unwissenheit verurteilt. Gew\u00f6hnliche Geheimnisse des Vatikans bleiben 60 Jahre lang in der \u201aH\u00f6lle\u2019. In der L.O.C. sind die als streng geheim klassifizierten Dossiers 40 Jahre f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit unzug\u00e4nglich. Die Dokumente \u00fcber das Attentat auf J. F. Kennedy (11\/63) werden Ende diesen Jahres frei. Welch schreckliche Geheimnisse also kann der Posten Dokumente enthalten, der durch die Zerberusse des Freud-Sache ausdr\u00fccklich bis zum Jahr 2113 weggesperrt ist?!<\/p>\n<p>Hinter diesen Archiven stehen &#8222;<em>die Interessen der Familie und der Sache Freuds<\/em>&#8220; (Borch-Jacobsen 2002). Ihre Funktion war immer die Zensur, die Auswahl und die Bestimmung derer, die das Recht haben sollten, Bescheid zu wissen \u2013 &#8222;<em>alles zugunsten einer sehr privaten, sehr geheimen Gesellschaft, der eben der wahren Freudianer<\/em>&#8220; (ibid: 297). Ohne diese aktive Desinformation h\u00e4tte die Psychoanalyse nie in unseren Gesellschaften ihr Bild, ihre Legende, ihre Macht aufrichten k\u00f6nnen. Ohne sie w\u00e4re ihr solcher Erfolg nie zugefallen. Freudschen Kreisen sind die Pers\u00f6nlichkeit ihres Helden und seine ideologischen Produkte Genialit\u00e4ten. Die Desinformation dient dieser doppelten Fabrikation \u2013 zumindest so lange, wie die Dokumente den allgemeinen Blicken verborgen sind. Insgeheim wird ideologische Dominanz (&#8218;Lufthoheit \u00fcber das Denken&#8216;) verfolgt durch Erzeugung einer kollektiven Illusion, die sich gegen die Wirklichkeit immunisiert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>***<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19\/revisions\/46"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}