{"id":198,"date":"2013-12-22T16:25:55","date_gmt":"2013-12-22T16:25:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/?p=198"},"modified":"2013-12-28T08:56:56","modified_gmt":"2013-12-28T08:56:56","slug":"gradiva-wahrhafte-dichtung-wahnhafte-deutung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/gradiva-wahrhafte-dichtung-wahnhafte-deutung\/","title":{"rendered":"Gradiva, wahrhafte Dichtung, wahnhafte Deutung"},"content":{"rendered":"<p>Klaus Schlagmann, Dipl.-Psych.<\/p>\n<p>Eine kritische Analyse zu Sigmund Freuds umfangreichster Literaturanalyse, \u201eDer Wahn und die Tr\u00e4ume in W. Jensens \u201aGradiva\u2019\u201c (1907), Erstver\u00f6ffentlichung von Freuds Briefen an den Dichter, sowie Hintergrundinformation zu der von Freud selbst, aber auch von seiner Gefolgschaft bis heute ignorierten Lebenswirklichkeit des Schriftstellers Wilhelm Jensen<\/p>\n<p>1902 erscheint die Novelle \u201eGradiva\u201c von Wilhelm Jensen\u00a0 (1837-1911). Ihr Inhalt: Ein junger Arch\u00e4ologe, Norbert Hanold, ist fasziniert von einem (real in einem Muse\u00adum in Rom befindlichen) antiken Reliefbild, das eine markant einherschreitende junge Frau darstellt. Er benennt die Figur \u201eGradiva\u201c \u2013 \u201edie Vorschreitende\u201c. \u00dcber mehrere Tage hinweg stellt der Arch\u00e4ologe Mutma\u00dfungen an \u00fcber die junge Frau, die dem K\u00fcnstler als Modell gedient hat. U.a. glaubt er, sie m\u00fcsse eine Pompejanerin gewesen sein. In einem Traum erlebt er, wie die Gradiva-Gestalt beim Ausbruch des Vesuvs in Pompeji im Jahr 79 durch die untergehende Stadt schreitet und sich schlie\u00dflich zum Sterben auf die Stufen des dortigen Apollo-Tempels niederlegt. Bei einer kurz darauf unternommenen Forschungsreise nach Pompeji begegnet Hanold in der Ruinenstadt einer jungen Frau mit dem charakteristischen Gradiva-Gangbild. Der schw\u00e4rmerisch veranlagte Wissenschaftler, dem die Mittagshitze zu Kopf ge\u00adstiegen ist, glaubt nun, in ihr dem Geist der in seinem Traum versch\u00fctteten Gradiva zu begegnen. \u00dcber drei Treffen hinweg mit diesem vermeintlichen Geist \u2013 jeweils zur Mittagsgespensterzeit \u2013 bleibt der junge Arch\u00e4ologe in seiner Einbildung gefangen. Am Ende ergibt sich dann eine \u00fcberraschende Aufl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Diese Novelle wird Gegenstand von Sigmund Freuds umfangreichster Literatur\u00adbe\u00adsprechung: \u201eDer Wahn und die Tr\u00e4ume in W. Jensens \u201aGradiva\u2019\u201c (1907). Die druck\u00adfrische Abhandlung hatte Freud, offenbar kommentarlos, dem Schriftsteller vom Ver\u00adlag zusenden lassen. Jensen nimmt \u2013 wohl noch am selben Tag, an dem er Freuds Schrift erhalten hat, am 13. Mai 1907 \u2013 eine kurze Korrespondenz mit Freud auf. Es kommt zu jeweils drei Schreiben auf beiden Seiten. Jensens Briefe sind seit 1929 publiziert. Freuds Briefe werden nun erstmals ver\u00f6ffentlicht. Sie waren dem Autor bei einem Treffen der Familie zum 100. Todestag von Jensen zur Publikation anvertraut worden, nachdem sie kurz zuvor im Nachlass eines Zweigs der Familie aufgetaucht waren. (Inzwischen werden sie als Leihgabe im Jensen-Archiv in Kiel aufbewahrt.)<\/p>\n<p>Freud spekuliert aufgrund der Novelle \u00fcber Jensens Lebenswirklichkeit. In der Ab\u00adhandlung selbst bleibt er noch sehr unkonkret. Er l\u00e4sst vage anklingen, dass es \u2013 im Leben der Novellenfigur, wie auch bei ihrem\u00a0 Sch\u00f6pfer \u2013 um die Verdr\u00e4ngung von etwas Anst\u00f6\u00dfigem gehe. Zu dem doch sehr zentralen Punkt, worin denn jetzt genau das Anst\u00f6\u00dfige liegen soll, bel\u00e4sst Freud seine LeserInnen im Dunkeln. Vermutlich hat er sich mit seinen Spekulationen bei der Abfassung seiner Schrift selbst noch nicht festgelegt. Von dem damals noch befreundeten C.G. Jung wird Freud un\u00admiss\u00adverst\u00e4ndlich auf die bestehende L\u00fccke hingewiesen. So spinnt Freud noch ein hal\u00adbes Jahr nach dem Erscheinen der Abhandlung seine Mutma\u00dfungen fort. Jung selbst bringt ihn auf eine Spur: Jensen sei wohl in eine Schwester verliebt gewesen. Und Freud setzt eins oben drauf: Die Schwester war wohl noch dazu mit einem Spitzfu\u00df k\u00f6rperlich behindert!<\/p>\n<p>In seinem letzten Brief vom 16. Dezember 1907 ringt Freud um eine Best\u00e4tigung dieser Hypothese durch den Dichter: <i>\u201eMeine Frage lautet n\u00e4mlich: Haben Sie zur Jugendgespielin \u2013 am liebsten ein j\u00fcngeres Schwesterchen \u2013 gehabt, das krank war u[nd] fr\u00fch starb, eventuell eine Verwandte, die Sie zur Schwester w\u00fcnschten? Und wenn ja, woran u[nd] wann starb sie? Welches war ihr Gang? War nicht gerade dieser durch ihr Kranksein beeintr\u00e4chtigt?\u201c<\/i><\/p>\n<p>Am 19. Dezember 1907 antwortet Jensen hierzu freundlich und wahrheitsgem\u00e4\u00df: \u201e<i>Nein. Eine Schwester habe ich nicht gehabt. \u00dcberhaupt keine Blutsverwandte.<\/i>\u201c Und offenbar gibt es f\u00fcr ihn keinen Anlass, auf irgendwelche Fu\u00dferkrankungen bei sonstigen Personen aus seinem sozialen Umfeld zu verweisen.<\/p>\n<p>Diese Auskunft offenbart, wie grandios sich Freud und Jung geirrt hatten. Jensen war tat\u00ads\u00e4chlich \u2013 ohne jeglichen Kontakt zu irgendwelchen Blutsverwandten \u2013 als unehe\u00adliches Kind des B\u00fcrgermeisters von Kiel und einer Dienstmagd von einer kinderlosen Pflegemutter gro\u00dfgezogen worden. Perverse Inzestneigungen gegen\u00fcber einer Schwe\u00adster inklusive einer Verkehrung ins Gegenteil \u2013 die faszinierende, sch\u00f6ne Fu\u00dfstellung der jungen Frau m\u00fcsste auf ein h\u00e4ssliches, krankhaftes Gangbild ver\u00adweisen \u2013 waren also ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Freud reagiert beleidigt, weil sich seine k\u00fchne Deutung als so offensichtlich unsinnig erwiesen hat. Gegen\u00fcber Jung berichtet er brieflich am 21.12.1907: \u201e<i>Von Jensen habe ich nachstehende Antwort auf meine Erkundigung erhalten, die \u2026 zeigt, wie wenig er solche Forschungen zu unterst\u00fctzen geneigt ist \u2026 Die Hauptfrage, ob der Gang der Urbildpersonen irgendwie pathologisch war, hat er gar nicht beantwortet.<\/i>\u201c Und im Jahr 1912 bringt er es sogar ungeniert an die \u00d6ffentlichkeit: Jensen habe die Mitwirkung bei der Deutung der Novelle versagt.<\/p>\n<p>Die Recherchen zu Jensens biografischem Hintergrund legen jedoch nahe, dass er \u2013 sehr pr\u00e4zise und bewusst \u2013 reale Erfahrungen in seine Texte einflie\u00dfen l\u00e4sst. Und diese Hintergr\u00fcnde hatte er Freud bereitwillig mitgeteilt: Er wollte offenbar geliebten Menschen eine lebendige Erinnerung bewahren.<\/p>\n<p>Jensens Lebenswerk ist sehr umfangreich: Ca. 150 Gedichtb\u00e4nde, Theaterst\u00fccke, Romane und Novellen hat er verfasst. Seine \u201eGradiva\u201c bringt dabei wohl in ge\u00adkonn\u00adtester Form sein zentralstes Lebensthema zum Ausdruck \u2013 Entsetzen und Trauer \u00fcber den fr\u00fchen Verlust einer Kindheitsfreundin, deren Tod im Alter von 18 Jahren (wohl an Tuberkulose) der 20-j\u00e4hrige Jensen hautnah miterlebt hatte: Noch wenige Stunden vor ihrem Sterben hatte Clara Witth\u00f6fft zum letzten Abschied ihre \u201e<i>todten\u00adwei\u00dfe Hand<\/i>\u201c auf das Haupt des in seiner ganzen Betroffenheit vor ihr nieder\u00adknien\u00adden jungen Mannes gelegt. So jedenfalls offenbart es Jensen selbst, mehr als drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter, in einem Brief an eine gemeinsame Freundin.<\/p>\n<p>Jensens Angeh\u00f6rigen war der biografische Bezug zu der \u201eGradiva\u201c-Novelle wohl sehr bewusst: Sie haben \u2013 offenbar mit Bedacht \u2013 f\u00fcr den zuletzt in Prien bzw. M\u00fcnchen lebenden Schriftsteller von dem M\u00fcnchner Bildhauer Bernhard Bleker nach einem in M\u00fcnchens Glyptothek befindlichen antiken Vorbild (\u201eGrabmal des J\u00e4gers\u201c) einen Grabstein gestalten lassen, der sowohl dem Gradiva-Relief, als auch der Novelle selbst eine gelungene Referenz erweist. Das Grab befindet sich auf der Fraueninsel (Chiemsee), auf der Jensen seine Gattin Marie kennengelernt hatte.<\/p>\n<p>Freuds \u201eGradiva\u201c-Abhandlung zeigt musterg\u00fcltig die Problematik seines Ansatzes. Geradezu wahnhaft versucht er, der Wirklichkeit seine Deutung aufzudr\u00e4ngen. Oft genug wird er nicht best\u00e4tigt \u2013 und er reagiert gekr\u00e4nkt und rechthaberisch. (Weitere Belege f\u00fcr diesen markanten Zug im Wesen Freuds werden im Anhang zitiert.) Freuds blinde Gefolgschaft setzt die Wirklichkeitsverleugnung fort \u2013 bis in die heu\u00adtigen Tage: Z.B. Elisabeth Roudinesco und Michel Plon (2011), die in ihrer Abhand\u00adlung zu Freuds Gradiva-Deutung im \u201eW\u00f6rterbuch der Psychoanalyse\u201c auf nur drei Text-Seiten zum Thema neun Fehlinformationen in die Welt setzen. Dabei sind l\u00e4ngst viele Einzelheiten publiziert, die Freuds falsche und verlogene Analyse kor\u00adrigieren. Aber die gl\u00e4ubige Anh\u00e4ngerschaft will sich wohl nicht von den Fakten verwirren lassen.<\/p>\n<p>In der Rezension von \u201eWahrhafte Dichtung und wahnhafte Deutung\u201c durch Professor Albrecht Hirschm\u00fcller (in: Luzifer-Amor, 26. Jg, 2013, S. 176-179), der das Werk immerhin \u2013 wegen der Erstver\u00f6ffentlichung der Freud-Briefe \u2013 in die Bibliographie der Freud-Werke (Erg\u00e4nzung, 2013) aufgenommen hat, lautet denn auch das trot\u00adzige Res\u00fcmee: \u201e<i>Schlagmanns Buch reiht sich in die Freud-Bashing-Literatur ein; die Lekt\u00fcre hinterl\u00e4sst einen schalen Geschmack.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>Dass die fundierte Analyse von Freuds grotesker Fehldeutung, an der die psycho\u00adanalytischen Kreise noch nach \u00fcber 100 Jahren beharrlich festhalten wollen, von den ewig-gestrigen Propagandisten der Freud\u2019schen Heils-Lehre nicht mit gutem Appetit aufgenommen worden ist, muss nicht weiter verwundern. W\u00e4re es anders gekom\u00admen, so m\u00fcsste wohl an der Analyse etwas Wichtiges fehlen. Und auch, wenn die Pseudo-ExpertInnen f\u00fcr anst\u00f6\u00dfige und verdr\u00e4ngte Kinderperversionen der Wahrheit nur einen \u201e<i>schalen Geschmack<\/i>\u201c abgewinnen k\u00f6nnen, so werden sie wohl doch nicht umhin k\u00f6nnen, sie zu schlucken und sie irgendwann auch zu verdauen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"left\">\u00a0<i>Klaus Schlagmann: Gradiva. Wahrhafte Dichtung und wahnhafte Deutung. Der vollst\u00e4ndige Briefwechsel von Wilhelm Jensen und Sigmund Freud, Erl\u00e4uterungen zu Jensens Novelle \u201eGradiva\u201c und ihrer Interpretation durch Freud, Jensens Lebenswirklichkeit, einige seiner Gedichte \u2013 darunter ein Spottgedicht auf Freuds Deutung \u2013 und der illustrierte Gesamttext der \u201eGradiva\u201c (unter Einbezug der Erstver\u00f6ffentlichung von 1902). Saarbr\u00fccken (Der Stammbaum und die 7 Zweige. Klaus Schlagmann) 2012, 240 Seiten, zahlreiche Abbildungen. 19,99 Euro.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>***<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=198"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":206,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions\/206"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}