{"id":29,"date":"2012-04-17T09:09:12","date_gmt":"2012-04-17T09:09:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/?p=29"},"modified":"2012-04-17T09:12:36","modified_gmt":"2012-04-17T09:12:36","slug":"brauchen-wir-psychosomatik-neben-der-psychiatrie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/brauchen-wir-psychosomatik-neben-der-psychiatrie\/","title":{"rendered":"Brauchen wir Psychosomatik neben der Psychiatrie?"},"content":{"rendered":"<div>\n<h1><strong><span style=\"font-size: large;\">Eine &#8222;Debatte&#8220; <\/span>in DNP (Der Neurologe &amp; Psychiater) 4\/06 <\/strong> \u2013 laut Redaktion<\/h1>\n<blockquote>\n<h1><em> pro und contra <strong> Psychosomatische Versorgungskette<\/strong><\/em><\/h1>\n<p align=\"center\">(die durch einen weiteren, dritten Beitrag, den des Kanadiers R. Wilcocks, erst zu einer <strong>echten Debatte <\/strong>wird).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong> Brauchen wir Psychosomatik neben der Psychiatrie?<\/strong><\/p>\n<p>Die Versorgung psychisch erkrankter Menschen in Deutschland ist zweigliedrig: Neben der psychiatrischen Versorgung durch Fach\u00e4rzte und Kliniken gibt es die mehr psychotherapeutisch orientierte Psychosomatik. Ist diese dichotome Versorgung sinnvoll, oder ist sie nur ein historisch gewachsenes Ph\u00e4nomen, dessen Aufgaben neu definiert werden m\u00fcssen?<\/p>\n<h2><strong><em>Pro: differenziertere psychotherapeutische Behandlung<\/em> (H. K\u00e4chele)<\/strong><\/h2>\n<blockquote><p><strong> <span style=\"font-size: medium;\">\u00a0<em>Psychosomatik hilft, wo Psychiatrie an Grenzen st\u00f6\u00dft<\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Psychiatrie und Psychosomatik erg\u00e4nzen sich gegenseitig. Langfristige Therapieziele sind eher die Dom\u00e4ne der Psychosomatik. Eine station\u00e4re psychosomatische Therapie erreicht zudem Menschen, die f\u00fcr eine ambulante Psychotherapie kaum zug\u00e4nglich sind.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Die Psychotherapie in Deutschland war im letzten Jahrhundert weitgehend von der Psychiatrie ausgeklammert. Zun\u00e4chst hatte sich die Psychotherapie au\u00dferhalb der Universit\u00e4ten entwickelt. 1967 wurde die analytische Psychotherapie in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen, sodass die Versorgung der Bev\u00f6lkerung durch Psychotherapie &#8211; mit psychoanalytischer Provenienz &#8211; sichergesteJlt war. Zehn Jahre sp\u00e4ter wurde dann auf Empfehlung der psychoanalytischen Gutachter auch die Verhaltenstherapie in diesen Leistungskatalog der Krankenkassen eingebracht. Parallel zum Aufbau der ambulanten Versorgung vollzog sich in den Sechzigerjahren der Ausbau der station\u00e4ren Psychotherapie im Rahmen des Rehabilitationssystems. leer stehende Krankenh\u00e4user aus der Zeit. da Tuberkulose noch ein Problem war &#8211; in den F\u00fcnfzigerjahren -, wurden dann zu Einrichtungen f\u00fcr station\u00e4re psychosomatisch-psychotherapeutische Rehabilitation umgewandelt. Es wurde also unabh\u00e4ngig und unbeeinflusst von der Psychiatrie ein Versorgungssystem entwickelt &#8211; und zwar ein ambulant-station\u00e4res Versorgungssystem, welches eine gro\u00dfartige Leistung darstellt.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Erfolge sowohl der ambulanten als auch der station\u00e4ren Psychotherapie sind vielf\u00e4ltig evaluiert. Die station\u00e4re psychosomatische Psychotherapie erreicht besonders auch Menschen, die von sich aus nur selten die ambulante Psychotherapie in Anspruch nehmen w\u00fcrden. So wird eine Einstiegsm\u00f6glichkeit gegeben f\u00fcr Menschen, die den Weg direkt nicht finden und die dann \u00fcber eine station\u00e4re Rehabilitation an das Feld der ambulanten Versorgung herangef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Neben der Fach-Psychotherapie wurde das Gebiet der psychosomatischen Grundversorgung aufgebaut, mit dem Ziel, basale Kenntnisse in die haus\u00e4rztliche Praxis einzubringen. Ambulante Psychotherapie wird derzeit durch mehr als 12000 \u00e4rztliche und psychologische Psychotherapeuten sichergestellt. Um von einer Versorgungskette sprechen k\u00f6nnen, m\u00fcssten allerdings diese Stationen noch besser miteinander vernetzt werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Patienten, die sich an unsere universit\u00e4re Ambulanz wenden, werden gut zur H\u00e4lfte von Haus\u00e4rzten \u00fcberwiesen, die anderen kommen vorwiegend aus der Psychiatrie, wo sie ihrer Ansicht nach nicht ausreichend behandelt werden konnten. M. E. ist der Umfang fachpsychotherapeutischer Leistungen in der ambulanten und station\u00e4ren Psychiatrie in den meisten F\u00e4llen immer noch recht bescheiden. Das wird gewiss nicht \u00fcberall der Fall sein, aber im Gro\u00dfen und Ganzen ist die psychotherapeutische Arbeit in der Psychiatrie begrenzt. Das Fachgebiet der psychotherapeutischen Medizin kann m. E. eine qualifizierte psychotherapeutische Versorgung leisten. In diesem Sinn besteht eher ein Erg\u00e4nzungsverh\u00e4ltnis und kein Konkurrenzverh\u00e4ltnis zwischen Psychotherapie und Psychiatrie.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist verst\u00e4ndlich, wenn ein Patient mit einer depressiven Episode zun\u00e4chst psychiatrisch behandelt wird. Aber trotz vielf\u00e4ltiger Studien zur Kurzzeit-Psychotherapie muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Effekte von medikament\u00f6ser Therapie und von kurzen psychotherapeutischen Behandlungen a la longue sehr bescheiden sind. Chronifizierte depressive Verl\u00e4ufe sollten spezialisierte psychotherapeutische Angebote erhalten, die eher eine Dom\u00e4ne der Fach-Psychotherapie sind. Sie unterscheidet sich von der Psychiatrie einfach darin, dass von der Ausstattung und vom Angebot her eine breitere und differenziertere psychotherapeutische Behandlung m\u00f6glich ist &#8211; die auf die individuellen St\u00f6rungen des Patienten abgestimmt werden kann.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr den niedergelassenen Psychiater ergibt sich folgendes Fazit: Es kann durchaus sinnvoll sein, initial eine medikament\u00f6se Behandlung anzusetzen. Wenn aber beim zweiten oder dritten Behandlungsversuch mit Medikamenten diese Strategie nicht ausreicht, muss ernsthaft erwogen werden, ob eine intensivere psychotherapeutische Behandlung angezeigt ist. um den Patienten dann ins psychosomatische Versorgungssystem wechseln zu lassen. <\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\"> Prof. Dr. Horst K\u00e4chele<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Leiter der Abteilung Psychosomatische<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Medizin und Psychotherapie<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Universit\u00e4tsklinikum Ulm<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Am Hochstr\u00e4\u00df 8, 89081 Ulm<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><span style=\"font-size: small;\"><em>Contra: Zust\u00e4ndigkeitsbereiche unklar <\/em> (M. Berger)<\/span><\/h3>\n<blockquote>\n<h4><em><span style=\"font-size: medium;\">Aufgaben der Psychosomatik gemeinsam neu festlegen<\/span><\/em><\/h4>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<div>\n<blockquote><p><em>Die Psychosomatik vereint Patientengruppen, die nur wenig miteinander gemein haben. Es muss zum Wohle der Patienten dringend gekl\u00e4rt werden, was genau die Aufgabe einer modernen Psychosomatik ist. Eine scharfe Trennung von Psychiatrie und Psychotherapie ist dabei jedoch kontraproduktiv.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>In Deutschland besteht das Problem, dass \u00fcber die Definition von Psychosomatik derzeit keine Einigkeit herrscht. Wenig sinnvoll ist es, dass der Begriff historisch interpretiert wird, d.h. dass man Psychosomatik mit Psychotherapie gleichsetzt.<\/em><\/p>\n<p><em>Wichtig ist es meines Erachtens, die Psychosomatik in den Kontext von AufgabensteIlungen und Versorgungsspektren einzuordnen. Somato-psycho-somatische AufgabensteIlungen lassen sich in vier Bereiche aufteilen:<\/em><\/p>\n<p><em>Der erste Bereich umfasst Patienten, die an schweren k\u00f6rperlichen und meist chronisch verlaufenden Erkrankungen leiden, welche sehr belastend sind, sodass die Kranken nur schwer damit fertig werden. Es entwickelt sich ein Circulus vitiosus: Einerseits f\u00fchrt die deutlich eingeschr\u00e4nkte Lebensqualit\u00e4t zu negativen psychosozialen Konsequenzen, zum anderen behindert der schlechte psychosoziale Zustand wiederum die Bew\u00e4ltigung der chronischen k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Eine zweite Gruppe von Patienten weist eine Komorbidit\u00e4t von somatischen und psychischen Erkrankungen auf. Als Beispiel w\u00e4re ein Patient zu nennen, der an einem Karzinom leidet, aber unabh\u00e4ngig davon als weiteres eigenst\u00e4ndiges Krankheitsbild eine depressive oder eine Angsterkrankung hat. Es existieren also zwei Erkrankungen nebeneinander. Dabei kann die psychische Erkrankung bereits vor der somatischen Krebserkrankung bestanden haben. Von einigen Vertretern der deutschen Psychosomatik wird diese Konstellation auch der Psychosomatik zugeordnet, w\u00e4hrend sie in anderen L\u00e4ndern in den Bereich der Konsiliarpsychiatrie f\u00e4llt. Dadurch entstehen hierzulande Probleme der Abgrenzung, und zwar nicht zugunsten der Patienten.<\/em><\/p>\n<p>Die dritte Gruppe leidet prim\u00e4r an einer psychischen Erkrankung, vor allem an Depressionen, und entwickelt dadurch somatische Beschwerden. Dabei handelt es sich beispielsweise um depressive Patienten, die in diesem Rahmen \u00fcber R\u00fcckenschmerzen, ein Klo\u00dfgef\u00fchl im Hals, Verdauungsprobleme oder Schwindel klagen. Fr\u00fcher wurde diese Konstellation als larvierte Depression bezeichnet. Die Mehrzahl der Patienten in psychosomatischen Kliniken sind so erkrankte Patienten. Im Ausland wird man diese Patienten nicht als psychosomatisch krank einstufen, sondern als Kranke, die im Rahmen ihres prim\u00e4r psychischen Leidens somatische Beschwerden entwickeln. Neben den genannten subjektiven Beschwerden k\u00f6nnen auch massive k\u00f6rperliche Manifestationen auftreten wie das metabolische Syndrom, die in schwere organische St\u00f6rungen und Erkrankungen m\u00fcnden.<\/p>\n<p><em>Die vierte Gruppe von Patienten leidet an sogenannten funktionellen Beschwerden, womit k\u00f6rperliche Symptome ohne ein nachweisbares somatisches Korrelat gemeint sind. Besonders bekannt sind dabei das \u201eReizdarmsyndrom&#8220; und die &#8222;Herzneurose\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Die genannten Bereiche werden in Deutschland nicht gen\u00fcgend differenziert, so dass aufgrund der definitorischen Unsch\u00e4rfen immer unklarer wird, wer eigentlich f\u00fcr die einzelnen Patienten zust\u00e4ndig und verantwortlich ist. Noch weniger sinnvoll ist es aber, eine scharfe Trennung zwischen Psychiatrie und Medikamentenmedizin einerseits und Psychosomatik und Psychotherapie andererseits zu vollziehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Aufspaltung ist g\u00e4nzlich kontraproduktiv. Auch bei Krankheiten wie dem Reizdarmsyndrom beispielsweise belegen gro\u00dfe Studien, dass einerseits psychologische Therapieverfahren helfen, dass aber auch Antidepressiva eine gute Wirkung haben k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Letztendlich ist f\u00fcr alle Patienten ein komplexes therapeutisches Vorgehen notwendig. Selbst die Versorgung der ersten und vierten Krankheitsgruppe, die man im engeren Sinn als psychosomatisch bezeichnen k\u00f6nnte, erfordert meiner Ansicht nach h\u00e4ufig eine Komplexbehandlung mit Pharmako-, Psycho- und Soziotherapie.<\/em><\/p>\n<p><em>Damit stellt sich f\u00fcr mich die Frage, wie in Zukunft psychosomatische Medizin zu definieren ist. Diese Kl\u00e4rung sollte nicht berufspolitisch und nicht historisch erfolgen, sondern nach dem Krankheitsspektrum und den Versorgungsnotwendigkeiten. Ein runder Tisch von \u00c4rzten f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Innere und Allgemeinmedizin, aber auch Psychologischen Psychotherapeuten scheint notwendig, um innerhalb der \u00c4rzteschaft, der Psychologen, aber auch der Kostentr\u00e4ger und vor allem der Patienten eine dringend erforderliche Kl\u00e4rung zu erzielen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Prof. Dr. Mathias Berger<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">\u00c4rztlicher Direktor der Abteilung<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Universit\u00e4tsklinikum Freiburg<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Hauptstra\u00dfe 5, 79104 Freiburg<\/span><\/p>\n<\/div>\n<p><br clear=\"all\" \/> Leser-Umfrage (von DNP)<\/p>\n<p><strong><em> <span style=\"font-size: small;\">Ihre Meinung z\u00e4hlt! Schreiben Sie uns!<\/span><\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Welche Relevanz hat die psychosomatische Medizin f\u00fcr Sie?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Redaktion DNP<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Med.Komm.-Verlag<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Neumarkter Stra\u00dfe 43<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">81673 M\u00fcnchen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Fax: 0 89\/43 72-13 60<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">E-Mail: freese@medkomm<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auf\u00a0 vorstehende \u201ePro &amp; Contra-<\/strong>(Schein-)<strong>Debatte\u201c <\/strong>zur \u201ePsychosomatik\u201c der deutschen \u201ePsycho-Professoren\u201c K\u00e4chele und Berger, die mit der ausdr\u00fccklichen Aufforderung: \u201e<em>Schreiben Sie uns<\/em>\u201c endete, schrieb Prof. em. <strong>R. Wilcocks<\/strong>, Edmonton,<strong> <\/strong>einen ausf\u00fchrlichen Leserbrief zuerst auf Englisch, eine deutsche \u00dcbersetzung ank\u00fcndigend, um erst einmal zu h\u00f6ren, ob er mit einem Abdruck rechnen k\u00f6nne. Er erhielt keine Antwort. DNP versuchte es mit Diskursverweigerung. Darauf erschien folgende gek\u00fcrzte \u00dcbersetzung des Textes im Netz:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"font-size: medium;\">Hei\u00dft das in Deutschland Debatte? <\/span> <\/strong> <span style=\"font-size: small;\">(R. Wilcocks)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>1974 stellte der amerikanische (Philosoph und W\/D) Wittgenstein-Experte in der reputierten BBC-Sendung &#8222;The Listener&#8220; die Frage: \u201eWar Freud ein L\u00fcgner?\u201c In jenen weit zur\u00fcckliegenden, \u201eunschuldigen\u201c Tagen war solch eine Frage fast eine unzul\u00e4ssige Vulgarit\u00e4t. (Cioffi konnte davonkommen, weil er Strahlkraft hat UND Amerikaner ist). Heute haben wir einen so enormen Zuwachs ernsthafter Erkundung des Archiv-Materials und an Kenntnis der verschiedenen Mythenbildungen aus den fr\u00fchen Tagen der Psychoanalyse, da\u00df Cioffis Frage umformuliert werden kann (und es hei\u00dfen sollte): \u201eSagte Freud je die Wahrheit?\u201c<\/p>\n<p>Der pro&amp;contra-\u201ePsychosomatik\u201c-Debatte von Horst K\u00e4chele und Mathias Berger stellte DNP die Aufforderung bei: \u201eIhre Meinung z\u00e4hlt! Schreiben Sie uns!\u201c In der Annahme da\u00df meine \u201eMeinung z\u00e4hlt\u201c, antworte ich auf das j\u00fcngste Beispiel eines alten Tricks, der dreistufig der deutschen \u00d6ffentlichkeit vorgesetzt wird, der Behauptung n\u00e4mlich, da\u00df (1) Freud die Wahrheit sagte und der Wissenschaft verpflichtete, ernsthafte Professoren der Medizin daf\u00fcr b\u00fcrgten, (2) da\u00df eine echte Debatte \u201epro\u201c und \u201econtra\u201c zwischen dem &#8230; redegewandten Prof. K\u00e4chele und dem als Verteidiger tradierter Psychiatrie<strong> <\/strong>auftretenden Prof.<strong> <\/strong> Berger stattfinde und (3) in Konsequenz dieser \u201epro&amp;contra-Debatte\u201c &#8211; eigentlich eines Witzes zur T\u00e4uschung Unwissender &#8211; eine vern\u00fcnftige Entscheidung erreicht sein sollte, die zur Bildung eines \u201eRunden Tischs\u201c aufrufe, an dem die Freud-Gl\u00e4ubigen neben den \u00c4rzten tradierter wissenschaftlicher Auffassung sitzen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein \u201eRunder Tischs\u201c sollte das sein? Die eine H\u00e4lfte der an ihm Sitzenden steht Evidenz-basierter Medizin fern und die andere H\u00e4lfte, die von Dr. Berger (mi\u00df-)repr\u00e4sentierten Psychiater, verschwenden ihre Zeit, um t\u00e4uschend vorzugaukeln,\u00a0da\u00df der \u201epsychosomatische\u201c Zugang f\u00fcr einen Patienten, bei dem sich die Psychiatrie als nicht zureichend erwies, hilfreich sein k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n<p>Berger gibt vor, gegen K\u00e4chele zu pl\u00e4dieren (oder zu schreiben); dabei bekr\u00e4ftigt er ihn und ist somit selbst Teil des Problems, das die deutsche Medizin im Augenblick besetzt h\u00e4lt; er unterl\u00e4\u00dft es &#8230;, K\u00e4chele da zu packen, wo er gepackt werden sollte: auf dem Boden empirischer medizinischer Wissenschaft. Dieser macht in seinen verschiedenen Publikationen zwar viel her von der \u201eempirischen\u201c Art seiner Fallstudien. Das aber ist in unseren Augen nichts anderes als Mondstaub, um uns schl\u00e4frig seinem Freudschen Menschenverst\u00e4ndnis zustimmen zu lassen. Man lese nur seine &#8230; Lobhudelei \u00fcber Freuds \u201eTraummuster\u201c (zweites Kapitel von Die Traumdeutung) in seiner j\u00fcngsten Schrift Was tr\u00e4umte Freud? &#8230;. K\u00e4chele lehrt seine Studenten an der Universit\u00e4t Ulm die \u201e<em>epochemachende<\/em>\u201c (sein Ausdruck!) Entdeckung des Traums von Irmas Injektion (o.g. Kapitel 2), das Wissen dabei \u00fcbergehend, da\u00df dieser Traumbericht ein demonstrierbar unm\u00f6gliches, seit zwanzig Jahren als solches bekanntes T\u00e4uschungsman\u00f6ver darstellt<a title=\"\" href=\"..\/..\/infc\/de\/Kaechele-Berger--Debatte.htm#_ftn1\"><span style=\"font-size: xx-small;\">[1]<\/span><\/a> (die Beweisf\u00fchrung hierzu in meinem Buch\u00a0 Maelzel&#8217;s Chess Player: Sigmund Freud and the Rhetoric of Deceit (1994)<a title=\"\" href=\"..\/..\/infc\/de\/Kaechele-Berger--Debatte.htm#_ftn2\"><span style=\"font-size: xx-small;\">[2]<\/span><\/a>. Das h\u00e4lt Spitzenvertreter deutschen Gelehrtentums nicht auf, ihren Studenten L\u00fcgen aufzutischen, als w\u00e4ren es hart erarbeitete Wahrheiten. Hoffen wir, da\u00df wirkliche Gelehrsamkeit, d.h. akkurate Untersuchung des Faktischen, die Gelehrten, Studenten, die versuchen, ein wahrheitsgetreues Verst\u00e4ndnis der von ihnen bewohnten Welt zu gewinnen, bewahren wird. Dieses neue einundzwanzigste Jahrhundert verspricht zu guter Letzt doch Aufkl\u00e4rung&#8230;<\/p>\n<p>(K\u00e4cheles) Position scheint zu sein, da\u00df wir als \u201eErben\u201c die Weisheit des Meisters interpretieren d\u00fcrfen, es uns aber nicht zuk\u00e4me, seine Schriften kritisch zu bewerten. Sind sie aber medizinisch korrekt? Sind sie menschlich \u00fcberhaupt m\u00f6glich? Harrison G. Pope, Jr. von der Harvard Universit\u00e4t und sein Team haben bez\u00fcglich der \u201eVerdr\u00e4ngung\u201c (Freuds zentraler Hypothese zur \u00c4tiologie der Neurosen (W\/D)) \u00fcberzeugend Freuds Begrenzungen im Denken des 19. Jahrhunderts aufgezeigt&#8230;<\/p>\n<p>Wie der Freud-Forscher Mikkel Borch-Jacobsen festgehalten hat, gab es in der Psychoanalyse seit Freuds Tod keine neue \u201eEntdeckung\u201c aus dem einfachen Grund, da\u00df Freud selbst nichts entdeckte. Wir hatten einige weitere, rhetorisch weniger begabte \u201eEntdecker\u201c der Psyche<strong> <\/strong>in Freuds Nachfolge<strong> <\/strong>wie etwa Otto Fenichel, (auch durch sie W\/D) aber keine neuen Entdeckungen. Am\u00fcsant ist es zu lesen \u2013 und es sollte beim aufmerksamen Leser die Alarm-Glocken schrillen lassen -, da\u00df K\u00e4chele Fenichel hohen Respekt zollt. Dieser hing so getreulich an den Freudschen Vorgaben, da\u00df er Schriften produzierte etwa des Titels: \u201e<em>The Symbolic Equation: Girl = Phallus<\/em>\u201c oder auch \u201e<em>The Psychopathology of Coughing<\/em>\u201c\u00a0&#8230; Vielleicht ist das die Art \u201eRunde-Tisch\u201c-Medizin, die nach Berger aus dem Treffen der Meinungen zwischen pro-\u201epsychosomatisch\u201c (= psychoanalytisch) und wissenschaftlich orientierten \u00c4rzten hervorgehen mag.<\/p>\n<p>Diese vorgebliche Debatte zwischen einem \u201ePro\u201c und einem \u201eContra\u201c \u201ePsychosomatik\u201c l\u00e4\u00dft sich am besten mit dem bissigen Kommentar Prof. Krafft-Ebings auf Freuds Vortrag (von 1896 &#8211; W\/K) \u00fcber die vermeintliche \u201e\u00c4tiologie der Hysterie\u201c zusammenfassen: \u201eEs klingt wie ein wissenschaftliches M\u00e4rchen!\u201c<\/p>\n<p>Robert Wilcocks, Professor em., Edmonton, Kanada<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vorstehender Leserbrief <\/strong>wurde von uns Unterzeichneten \u00fcbersetzt, dabei auf die L\u00e4nge eines f\u00fcr deutsche Fachzeitschriften \u00fcblichen Leserbriefs gek\u00fcrzt, vereinzelt erg\u00e4nzt (W\/D). Die Ausf\u00fchrungen Wilcocks\u2019 halten wir f\u00fcr so gewichtig, f\u00fcr die deutsche \u201ePsychotherapie-Szene\u201c so \u00fcberf\u00e4llig, so dringend notwendig, da\u00df wir sie und mit ihnen <strong>jetzt endlich eine echte <\/strong> <strong>Pro-und-Contra<\/strong><strong>-Debatte der \u201ePsychosomatik\u201c<\/strong> unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Scharfe Kritik ist an dem skandal\u00f6sen Lavieren der beiden Psycho-Professoren gewi\u00df angebracht, am skandal\u00f6sesten aber die jahrzehntelang erlebte Akzeptanz solcher Schein-Debatten, Schein-Therapien durch so viele unserer Kollegen und die Gesamtheit der deutschen \u201ePsycho-Administratoren\u201c.<\/p>\n<p>2. Juni 2007<em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/em>Dr. F. Weinberger, Prof. Dr. K. Dieckh\u00f6fer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"..\/..\/infc\/de\/Kaechele-Berger--Debatte.htm#_ftnref1\"> <span style=\"font-size: x-small;\">[1]<\/span><\/a> \u00c4hnlich hat Wilcocks das bereits im GEP-Rundbrief 1\/06,4.3 zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"..\/..\/infc\/de\/Kaechele-Berger--Debatte.htm#_ftnref2\"> [2]<\/a> In <em>The Complete Letters of Sigmund Freud to Wilhelm Fliess,1887-1904 <\/em> (Harvard, 1985) von Jeffrey Masson wird der Beweis nicht gef\u00fchrt. Er wird daraus von Wilcocks abgeleitet.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>***<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29\/revisions\/35"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}