{"id":39,"date":"2012-04-17T09:14:27","date_gmt":"2012-04-17T09:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/?p=39"},"modified":"2013-01-14T22:09:19","modified_gmt":"2013-01-14T22:09:19","slug":"kritik-der-psychoanalyse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/kritik-der-psychoanalyse\/","title":{"rendered":"Kritik der Psychoanalyse"},"content":{"rendered":"<h2><\/h2>\n<h2>Karl Jaspers<\/h2>\n<h1>Zur Kritik der Psychoanalyse<\/h1>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Nachdruck zuerst in M\u00fcnchner \u00c4rztliche Anzeigen Nr. 24 \/ 1978 mit Genehmigung des Piper Verlages, M\u00fcnchen, aus Karl Jaspers, Rechenschaft und Ausblick, Reden und Aufs\u00e4tze 1951, S. 260 ff.\u00a0 Anla\u00df zum Nachdruck waren die seinerzeit laufenden Diskussionen um die Einf\u00fchrung eines \u201eFacharztes f\u00fcr Psychotherapeutische Medizin\u201c in die \u00e4rztliche Weiterbildungsordnung. 1992 wurde er Realit\u00e4t, heute unter der Bezeichnung des Facharztes \u201ef\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie\u201c.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Karl Jaspers war in Deutschland \u00fcber Jahrzehnte der gewichtigste Gegner dieser Entwicklung. Nicht nur seiner epochalen ALLGEMEINEn PSYCHOPATHOLOGIE von 1913, sondern auch seiner politischen Haltung wegen bleibt er eine Lichtgestalt der Seelenheilkunde in Deutschland und der Welt. Jaspers hat als Psychiater wie als Philosoph Marxismus, die Rassentheorie (Nazismus) und die Psychoanalyse \u00fcber sein ganzes wissenschaftliches Leben hindurch mit gleicher Folgerichtigkeit und gleichem Nachdruck bek\u00e4mpft, vor allem aber rechtzeitig &#8211; vgl. sein Buch DIE GEISTIGE SITUATION DER ZEIT (1931).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">F. Weinberger, 03.11.2004<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kaum m\u00f6glich, von der Psychoanalyse als einer Einheit zu reden, es sei denn, da\u00df alle Psychotherapeuten, die sich ihrer bedienen, an Freud sich orientieren &#8211; in orthodoxer Gefolgschaft oder in kritischer Ablehnung. Es ist kein Zweifel, da\u00df Freud der \u00fcberragende Kopf ist. Das Gewicht seines Wesens, die Radikalit\u00e4t, mit der er bis zum Absurden geht, sein Bezug auf die Krisis eines verlogenen Zeitalters, sein Stil und seine Eigenwilligkeit wirken st\u00e4rker, als irgendeiner der Nachfolger es vermochte. Alle grundlegenden Erkenntnisse stammen von ihm. Seine Befangenheit in naturwissenschaftlichen Begriffen, ohne eigentlich\u00a0 naturwissenschaftlich zu forschen, seine Abh\u00e4ngigkeit vom psychologischen Denken der Art Herbarts geh\u00f6ren dem Manne des 19. Jahrhunderts. Seine eigent\u00fcmliche K\u00e4lte, ja sein Ha\u00df befl\u00fcgeln die Weisen seiner Untersuchung. Es ist l\u00e4ngst durch Kritiken gezeigt worden, was in seinen Schilderungen, Deutungen, Thesen Erkenntnisbedeutung hat, was pseudowissenschaftliches Verfahren, was in der Folge nicht etwa Fortschritt einer haltbaren Theorie, sondern blo\u00dfer Wandel der Einf\u00e4lle des Autors ist. Freud nimmt nicht teil am Sinne moderner Wissenschaft. Er bewirkt mit seinen Entschleierungen selber neue Verschleierungen. Er macht in der Geistesgeschichte aufmerksam auf unbeachtete M\u00f6glichkeiten, aber kommt immer schnell zu ahnungslosen, ja frechen Gedanken (wie im Mosesbuch u. a.).<\/p>\n<p>Heute gibt es innerlich unabh\u00e4ngige Psychotherapeuten, die den Menschen lieben und ihm helfen m\u00f6chten. In je einmaliger pers\u00f6nlicher Gestalt tun sie vern\u00fcnftig das M\u00f6gliche. Sie benutzen auch psychoanalytische Methoden, ohne ihnen zu verfallen. Sie organisieren und technisieren nicht, was f\u00fcr immer Sache der geschichtlichen Kommunikation einzelner Menschen bleibt. Sie sind naturwissenschaftlich klares Erkennen gew\u00f6hnt und haben es stets als die Grundlage aller Therapie gegenw\u00e4rtig. Von ihnen soll hier nicht die Rede sein.<\/p>\n<p>Vielmehr m\u00f6chte ich wieder einmal hinweisen auf einen, wie es scheint, immer st\u00e4rker werdenden Zug innerhalb der psychoanalytischen Bewegung, auf das, was den Glaubenscharakter in diesem Denken ausmacht. Dieser Glaube wird m\u00f6glich und gef\u00f6rdert durch einige sachliche Irrt\u00fcmer, von denen folgende formuliert seien:<\/p>\n<p>1. Es wird verwechselt das Sinnverstehen mit dem kausalen Erkl\u00e4ren. Sinnverstehen vollzieht sich in Gegenseitigkeit der Kommunikation. Kausalit\u00e4t ist sinnfremd, in Distanz als ein Anderes zu erkennen. Durch Verstehen bewirke ich nicht, sondern appelliere an Freiheit. Durch kausales Erkl\u00e4ren werde ich f\u00e4hig, in gewissem Umfang rational berechenbar einzugreifen in das Geschehen im Sinne erw\u00fcnschter Ziele. Verwechsle ich aber die Verstehbarkeit von Sinn im Raume der Freiheit und die kausale Erkl\u00e4rbarkeit, so taste ich die Freiheit an. Dann behandle ich sie wie ein Objekt, also ob sie erkennbar da sei, wodurch ich sie erniedrige. Und dazu vers\u00e4ume ich kausale M\u00f6glichkeiten, die wirklich bestehen.<\/p>\n<p>2. Die Weise der therapeutischen Wirkung ist fragw\u00fcrdig. Man wei\u00df, da\u00df alle psychotherapeutischen Verfahren in der Hand wirksamer Pers\u00f6nlichkeiten Erfolge haben, durch die Jahrtausende hindurch. Man sieht, da\u00df psychoanalytische Verfahren ebensoviel Erfolge und Mi\u00dferfolge haben wie andere Methoden. Die Befriedigung mancher Patienten an der eingehenden Besch\u00e4ftigung mit ihnen und ihrer gesamten Biographie ist nicht gut als Heilung zu bezeichnen. W\u00e4hrend in der eigentlichen Medizin durch die Erkenntnisse der letzten anderthalb Jahrhunderte gewaltige, fast m\u00e4rchenhafte Heilerfolge m\u00f6glich geworden sind, so da\u00df sich das Leben des abendl\u00e4ndischen Menschen um durchschnittlich 20 Jahre verl\u00e4ngert hat, sind die psychotherapeutischen Erfolge allem Anschein nach nicht gr\u00f6\u00dfer geworden. Sie k\u00f6nnen es der Natur der Sache nach kaum werden. Was hier Therapie hei\u00dft in der Unbestimmtheit und Beliebigkeit des Sinns von Heilung, ist an dem Worte eines namhaften Psychoanalytikers von 1933 zu erkennen: die gr\u00f6\u00dfte psychotherapeutische Handlung sei die Wirkung Adolf Hitlers.<\/p>\n<p>3. Was man Neurose nennt, ist nicht charakterisiert durch die verstehbaren Inhalte der Erscheinungen, sondern durch den Mechanismus der \u00dcbersetzung von Seelischem in K\u00f6rperliches, von Sinn in sinnfremdes leibliches Geschehen oder in psychische Erscheinungen von Zwangsneurosen, Schizophrenien u. a. Nur eine prozentual geringe Zahl von Menschen leiden an diesen Mechanismen, an dieser Begabung oder diesem Verh\u00e4ngnis, da\u00df eigene geistige Vollz\u00fcge, Akte ihrer Freiheit, ihnen in leiblichen und psychischen Umsetzungen als ein Fremdes begegnen, dessen sie nicht Herr werden. Die meisten Menschen dagegen verdr\u00e4ngen, vergessen, lassen unerledigt, leiden und dulden das \u00c4u\u00dferste, ohne je dadurch zu leiblichen oder psychischen Umsetzungen zu kommen.<\/p>\n<p>Diese und andere Irrt\u00fcmer sind als solche wissenschaftlich fa\u00dflich. Hier l\u00e4\u00dft sich untersuchen, unterscheiden, pr\u00fcfen. Anders liegt es bei den psychoanalytischen Grundanschauungen, die man Glauben nennen darf. Dieser Glaube ist charakterisiert durch folgende Z\u00fcge:<\/p>\n<p>1. Alles, was dem Menschen und im Menschen geschieht, hat Sinn. Die Verabsolutierung des Bedeutens und die Nivellierung dieses Bedeutens auf eine einzige Ebene von Sinnverstehen bedeutet eine &#8222;Weltanschauung&#8220;, der alles Symbol wird, aber von der Art des Symbols, das deutbar ist. Von faktischen hysterischen Symptomen und anderen greifbaren Krankheitserscheinungen wird das Deuten auf alle Krankheiten, auf die gesamte Biographie des Menschen ausgedehnt. Dabei ergeben sich endlose M\u00f6glichkeiten des Deutens und Umdeutens, des entgegengesetzten Deutens, des Weiterdenkens und \u00dcberdeutens, das kein Ende hat und Kriterien f\u00fcr richtig und falsch verliert. Erkennbarkeit, in das Flie\u00dfen der endlosen Deutung und Umdeutung gebracht, ist nicht mehr Erkennbarkeit.<\/p>\n<p>2. Es erw\u00e4chst der Anspruch eines Totalwissens vom Menschen, von seiner eigentlichen Substanz, die noch vor der Scheidung in Leib und Seele liegt. Diese Totalisierung der Menschenauffassung ist wissenschaftlich unm\u00f6glich. Sie ist als Denkstruktur dem Totalitarismus in der historisch-soziologischen Auffassung analog. Sie beruht auf der Verwechslung von Erkennbarkeit und Freiheit. Freiheit, zum Gegenstand gemacht, ist nicht mehr Freiheit.<\/p>\n<p>3. Krankheit wird zur Schuld. Was in begrenzten Bereichen ein m\u00f6glicher Standpunkt gegen\u00fcber Krankheitserscheinungen ist &#8211; in keinem Falle ein \u00e4rztlicher Standpunkt -, das wird mehr oder weniger deutlich auf alle Krankheiten aus-gedehnt. Eine falsche und in Ihren Folgen Inhumane Philosophie verdirbt den Sinn und das Ethos \u00e4rztlichen Helfens.<\/p>\n<p>4. Es entsteht, mehr oder weniger bewu\u00dft, eine Vorstellung von menschlicher Vollkommenheit, die Gesundheit genannt wird. Die Einheit des Menschen, die Einheit der Wissenschaft, die Einheit der Medizin werden pathetisch betont &#8211; aber gemeint als Unterwerfung unter die fragw\u00fcrdigen Glaubensgehalte der schlechten, schwankenden, in verwirrenden dialektischen Kreisen unklar sich bewegenden Philosophie.<\/p>\n<p>5. Es ist eine verborgene, fanatische und zerst\u00f6rerische Tendenz am Werk. Sie wird selten ausgesprochen, deutlich aber einmal von Viktor von Weizs\u00e4cker. Er hat die &#8222;Sorge&#8230;, da\u00df wenn einmal die psychotherapeutische Aufl\u00f6sung und Heilung einer schweren Organkrankheit gelingt, im Gefolge ein Zustand auftreten kann, der an eine Psychose grenzt. &#8230;, wenn die Krankheit also gleichsam eine Materialisierung des Konflikts ist, dann ist mit ihrer Spiritualisierung auch der Konflikt wieder da&#8230; die gelungene Psychotherapie ist dann eine Neuproduktion eines Konflikts. &#8211; Wenn aber der Konflikt nun zu vorher unerh\u00f6rten Gedanken, zu gr\u00f6\u00dferen Taten f\u00fchrt, dann wird es eine Umwelt geben, welcher das gar nicht gef\u00e4llt. Ob Ehescheidung, politischer Umsturz oder religi\u00f6se Revolution &#8211; allemal wird der so Geheilte zum Gegner gewohnter Ordnung werden und sein Arzt&#8230; mi\u00dfbilligt werden. Was ich hier ausspreche, ist zur H\u00e4lfte Prophetie, zur anderen H\u00e4lfte aber Beschreibung von bereits Geschehendem.&#8220; &#8211; &#8222;Die recht verstandene psychosomatische Medizin hat einen umst\u00fcrzenden Charakter&#8230; Aber allerdings, wo das Leben ein sinnvoller Widerspruch ist, da soll es, da mu\u00df es auch die Therapie sein&#8230; Therapie, d.h.: \u00e4rztliches Handeln beteiligt sich am Krankheitsvorgang, begleitet ihn, vermischt sich mit ihm, wirkt mit am Verlauf.&#8220;<\/p>\n<p>Was hier vorliegt, ist offenbar. Wer es nicht sieht, f\u00fcr den bed\u00fcrfte es der Interpretationen, die hier viel zu lang geraten m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>In diesen Glaubensmotiven liegt eine Wahrheit, aber eine in solchen Formen verkehrte Wahrheit. Es ist die Wahrheit, da\u00df f\u00fcr den Arzt &#8211; wie f\u00fcr jeden Beruf im Umgang mit Menschen &#8211; es nicht gen\u00fcgt, das wissenschaftlich Erkennbare gelernt zu haben und anzuwenden. Die sittliche Pers\u00f6nlichkeit des Arztes bedeutete von jeher mehr. Was die Idee seines Berufes ist, in der die anwendbare Wissenschaft nur als ein Werkzeug dient, das ist nicht selber Gegenstand der Wissenschaft, sondern Sache der Selbsterziehung in innerem\u00a0 Handeln im Raum von Philosophie und Religion. Wenn etwa Th. Bovet von der &#8222;Psychohygiene&#8220; spricht und sagt: &#8222;Wer sie lehrt, mu\u00df sie pers\u00f6nlich verk\u00f6rpern&#8220;, dann meint er wohl dies und sagt manches Gute. Er spricht von Beratung und Hilfe in seelischer Not und meint: man &#8222;kann niemanden weiterbringen als man selber steht&#8220;, &#8211; oder &#8222;wer die Ehe nur als eine spezielle Form neben anderen m\u00f6glichen Formen betrachtet, der hat von der Ehe nichts oder wenig verstanden und taugt nicht zum Seelen-Hygieniker&#8220; &#8211; oder: &#8222;wer den religi\u00f6sen Glauben als Suggestion oder Illusion abtut, soll sich nicht mit Psychohygiene befassen&#8220;.<\/p>\n<p>Man fragt sich, ob die Psychoanalyse der Weg sei zur Reife, zum Lebensgehalt, zum wahren Glauben zu gelangen. Oder ob hier nicht vielmehr durch verkehrten, bodenlosen Glauben, der sich fanatisch festh\u00e4lt, der Weg verlegt wird zum eigentlichen Menschsein, das sich durch Bezug auf Transzendenz gewinnt.<\/p>\n<p>Der Glaube von Psychoanalytikern kann mit skeptischen Wendungen auftreten, wenn etwa Jung seine Ansichten nur als &#8222;Vorschl\u00e4ge und Versuche zur Formulierung einer neuartigen naturwissenschaftlichen Psychologie&#8220; betrachtet. Denn er ist der Meinung, &#8222;da\u00df die Zeit zu einer Gesamttheorie&#8230; noch l\u00e4ngstens nicht gekommen ist&#8220;, h\u00e4lt diese also grunds\u00e4tzlich als m\u00f6gliches Ziel fest und entwirft in der Tat st\u00e4ndig Schemata einer solchen f\u00fcr ihn denkbaren Gesamttheorie.<\/p>\n<p>Das medizinische Kleid f\u00fcr unmedizinische Anschauungen, das \u00e4rztlich-therapeutische Kleid f\u00fcr un\u00e4rztliche Behandlungsmethoden im Umgang mit Leiden und N\u00f6ten schafft eine Verwirrung der Grundhaltung, die den Boden bereitet f\u00fcr eine Orthodoxie. Was mit dem Bannstrahl Freuds gegen abtr\u00fcnnige Sch\u00fcler begann, bedeutet eine in der Sache gelegene Tendenz. Diese Tendenz ist st\u00e4rker geworden. Was m\u00f6glich werden wird, deute ich an: Psychoanalytiker gr\u00fcn den seit Jahrzehnten Gesellschaften. Diese erstreben das Recht zur Verteilung von Diplomen auf Grund der Organisation eines Lehrbetriebs. Sie appellieren wie Sekten an Solidarit\u00e4t. Nicht wissenschaftlich bestimmte Diskussion auf dem Boden einer alle verbindenden Vernunft, sondern eine &#8211; in ihren Formulierungen flie\u00dfende, aber in der Haltung kenntliche &#8211; Totalanschauung vereinigt die Glieder.<\/p>\n<p>Schon ist der Schritt zur Z\u00fcchtung von psychoanalytisch orthodoxen Psychotherapeuten in Sicht durch einen radikalen Unterschied in den Voraussetzungen einer \u00e4rztlichen und der geplanten psychoanalytischen Approbation: Die \u00e4rztliche Approbation erteilt auf Grund von Kenntnissen und Fertigkeiten, die ich mir im wissenschaftlichen Bewu\u00dftsein allgemeing\u00fcltig durch Erkennen, an der Hand jederzeit wiederholbarer Beobachtungen und Experimente, erworben habe. Dagegen soll die Approbation als Psychoanalytiker dar\u00fcber hinaus die sog. Lehranalyse voraussetzen. Das ist ein Vorgang durchaus analog den Exerzitien, in denen nicht durch allgemeing\u00fcltiges Erkennen, sondern durch Ein\u00fcbung in der Behandlung des eigenen\u00a0 Bewu\u00dftseins die Wahrheit erworben wurde. Die Lehranalyse pr\u00e4gt die Glaubensanschauungen im Zusammenhang mit dem eigenen Dasein so tief ein, da\u00df sie, im Falle des Gelingens, verl\u00e4\u00dflich festsitzen und den so Gez\u00fcchteten zu einem geeigneten Glaubensmitglied der geplanten Zunft machen. Ein argentinischer Entwurf der Ausbildungsvorschriften, in einer deutschen analytischen Zeitschrift mit offenbarer Zustimmung abgedruckt, gibt dar\u00fcber Aufschlu\u00df: Zulassung auf Grund des Lebenslaufs und der R\u00fccksprache mit zwei Lehranalytikern, also Eignungspr\u00fcfung &#8211; Minimum von 350 Sitzungen der Lehranalyse &#8211; Mitarbeit an einer von einem Mentor geleiteten Studiengruppe &#8211; wenn reif, Zulassung zu 2 Kontrollanalysen in einem Jahr, d. h. Analysen des angehenden Analytikers an 2 Patienten unter Kontrolle eines Erfahrenen schlie\u00dflich Berichte des Lehranalytikers, des Kontrollanalytikers und des Mentors &#8211; aber nun das Kennzeichnendste:<\/p>\n<p>Wenn nach Ansicht des Lehranalytikers die Lehranalyse nicht in zufriedenstellender Weise fortschreitet, kann der Lehranalytiker einmal gewechselt werden &#8211; wenn es wieder scheitert, r\u00e4t man von Fortsetzung der Laufbahn ab -, d. h. es hat sich gezeigt, da\u00df der Betreffende nicht begabt zu dem notwendigen Glauben ist. Durch Wiederholung in den langen Analysen wird der Glaube fest, brauchbar ist der so Einschulbare. Zwar ist nie von Gehorsam die Rede, aber er ist die verborgene Forderung, die schon Freuds Bannstrahl bedeutete. Die Qualifikation wird verwirkt durch ernstlichen Zweifel und Frage, durch die Freiheit der Vernunft.<\/p>\n<p>Hier ist &#8211; freilich ohne Bewu\u00dftsein seiner Bedeutung \u2013 ein au\u00dferordentlicher Schritt getan. Die Lehranalyse kann wissenschaftlich nicht als methodisch einwandfreie Erkenntnisquelle gelten &#8211; obgleich bei ihr Erfahrungen stattfinden, die wissenschaftliches Interesse gewinnen k\u00f6nnen. Aber die Lehranalyse mu\u00df der Vernunft als w\u00fcrdelos erscheinen. Der existentielle Proze\u00df der Selbstdurchleuchtung und der Selbstwerdung im inneren Handeln, die Freiheit selber ist im Ernst nicht m\u00f6glich vor einem anderen Menschen, es sei denn in der Lebensgemeinschaft existentieller Kommunikation, in der jeder er selbst wird, indem der andere er selbst wird. Was am Leitfaden der hohen philosophischen \u00dcberlieferung von den Stoikern, Augustin bis zu Kierkegaard und Nietzsche, an der Hand der Dichter und Weisen allein durch eigenen Vollzug erworben werden kann, das mu\u00df verlorengehen in einem technisierten Proze\u00df der Analyse durch einen sog. Sachkenner. Hier gibt es f\u00fcr das Urteil keine Halbheit. Es handelt sich nicht mehr um Wissenschaft, sondern um Vernunft und Freiheit selbst (ganz abgesehen von der F\u00fclle von Albernheiten, die in der psychoanalytischen Literatur mitschwimmen und denen nicht ausgesetzt zu werden, niemand gewi\u00df sein kann, der sich auf wirkliches Mitmachen als Objekt einer Lehranalyse einl\u00e4\u00dft).<\/p>\n<p>Eine Frage wird durch diese Forderung der Lehranalyse \u2013 und nur durch sie &#8211; unausweichlich: Kann eine Hochschule, welche freie Forschung pflegt, allen Erkenntnism\u00f6glichkeiten, also auch der Psychoanalyse ihren Raum \u00f6ffnen, damit in freier Diskussion und objektiv pr\u00fcfbarer Leistung bew\u00e4hrt werde, was da herauskomme, &#8211; kann eine Hochschule, die dabei nur eine Voraussetzung macht, die der Liberalit\u00e4t und Wissenschaftlichkeit und Unbefangenheit ihrer Glieder, kann sie Institute errichten, die f\u00fcr ihre Z\u00f6glinge zur Bedingung eine Lehranalyse machen in mindestens 300 oder 150 oder wieviel Sitzungen? Mir scheint: nein, solche Institute sind nur zul\u00e4ssig ohne die Bedingung, wenn auch mit der Erlaubnis der Lehranalyse. Hier ist eine Grenze erreicht. Die Hochschule k\u00f6nnte auch kein Institut brauchen, das durch buddhistische Meditationstechniken in Stufen der Bewu\u00dftseinsverwandlung h\u00f6here, \u00fcbersinnliche Erkenntnisse schaffen wollte. In dieser Frage scheint mir Klarheit unerl\u00e4\u00dflich. Jedem, der es will, ist es erlaubt, es zu versuchen und an sich eine Lehranalyse machen zu lassen. Aber es kann nicht Bedingung werden, ohne den Sinn der wissenschaftlichen Forschungshaltung zu verkehren. Wo die Lehranalyse zur Bedingung eines Forschungsweges gemacht wird, ist die freie Wissenschaft verneint. \u00dcbrigens hat Freud an sich keine Analyse machen lassen.<\/p>\n<p>Die Lehranalyse ist, wie alle Experimente am Menschen, keine indifferente Sache. Zwar ist sie keine Gefahr f\u00fcr Leib und Leben, aber Gefahr f\u00fcr die Reinheit, Freiheit und das Hell der Seele. Wo das Experiment am Menschen, an sich selbst, zur Bedingung einer Approbation gemacht wird, da ist die Humanit\u00e4t verletzt. Zwar ist noch Freiheit, denn niemand braucht ja jene Approbation zu erstreben und kann heute noch ohne sie Psychotherapie treiben. Aber die Gesinnung ist sichtbar. Und zweifellos w\u00fcrde aus dieser Gesinnung \u00e4rztliche Psychotherapie ohne jene autorit\u00e4re Approbation untersagt werden, wenn sie die staatliche Macht dazu h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Blickt man auf alle diese Erscheinungen, von denen ich nur an wenige erinnert habe, und sieht man dann, wie etwa auf dem Wiesbadener Internistenkongre\u00df 1949 solche Dinge ernst genommen wurden, so kann man wohl in Staunen geraten. Das Ma\u00df der Anerkennung in der Diskussion seitens der Nichtanalytiker, die Vorsicht, als ob etwas daran sein k\u00f6nne, die Sorge, durch radikale Verwerfung von Unwissenschaft sich zu blamieren, zeigt, wie tief die Wirkung dieser Glaubensweisen geht. Es k\u00f6nnte hier, wo mit der Wissenschaft zugleich Freiheit und Menschlichkeit und der Ernst des Unbedingten bedroht sind, eine Reaktion zur notwendigen Selbstbesinnung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Denn seit 100 Jahren ist wohl das \u00e4rztliche Wesen unter Vergessen seiner Berufsidee bei gewaltiger Steigerung des technischen K\u00f6nnens immer mehr an dieses blo\u00dfe K\u00f6nnen verfallen. Nun ist f\u00fcr den Arzt beides notwendig:<\/p>\n<blockquote><p>1. die Naturwissenschaft und das durch sie begr\u00fcndete K\u00f6nnen und damit das klare methodische Bewu\u00dftsein von den kausalen Wirkungen und ihren Grenzen, das saubere Denken und Handeln im Rahmen des durch Wissenschaft M\u00f6glichen;<\/p>\n<p>2. aber mu\u00df dieses K\u00f6nnen Werkzeug bleiben, das unter F\u00fchrung des Ethos des Arztes steht. Nicht in den naturwissenschaftlich begr\u00fcndeten Mitteln, wohl aber in der Weise ihrer Anwendung, im Einverst\u00e4ndnis mit dem Kranken und in seiner Mitwirkung liegt das grunds\u00e4tzlich Andere der Aufgabe, Tiere oder Menschen zu behandeln. Dieses Andere ist nicht Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, sondern Sache der sittlich reif werdenden humanen Pers\u00f6nlichkeit. Die echte Wissenschaftlichkeit und diese Pers\u00f6nlichkeit aber sind untrennbar. Die Wissenschaftlichkeit selber wird unzuverl\u00e4ssig, wenn die letztere versagt. Die Pers\u00f6nlichkeit gen\u00fcgt nicht, wenn sie das Werkzeug nicht beherrscht: gute Leute, aber schlechte Musikanten sind nicht zu brauchen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Psychoanalyse in denjenigen ihrer Erscheinungen, an die hier gedacht wurde, ist ruin\u00f6s f\u00fcr das eigentlich \u00e4rztliche Wesen. Aber sie ist wie ein Fanal zur Beschw\u00f6rung der \u00e4rztlichen Selbstbesinnung. Man darf diese Selbstbesinnung sich nicht zu leicht machen. Die Unwahrheit des alles echte Arzttum zerst\u00f6renden Gegners wird nicht bek\u00e4mpft durch selbstzufriedene Wissenschaftlichkeit, sondern nur durch das Ganze des Ethos, in dem auch die Wissenschaftlichkeit selber erst zuverl\u00e4ssig wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>***<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":183,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions\/183"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}