{"id":49,"date":"2012-04-17T09:35:29","date_gmt":"2012-04-17T09:35:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/?p=49"},"modified":"2012-04-17T09:35:29","modified_gmt":"2012-04-17T09:35:29","slug":"der-hermetische-zirkel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/der-hermetische-zirkel\/","title":{"rendered":"Der hermetische Zirkel"},"content":{"rendered":"<p>Asbj\u00f6rn Tjeldfl\u00e5t, Bergen, Norwegen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Labyrinth der Begriffe<\/strong><\/p>\n<p>Zur Freuds Psychoanalyse und ihrer Rezeption<\/p>\n<p>in der neueren deutschen\u00a0 Literaturwissenschaft (2000)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der hermetische Zirkel<\/strong><\/p>\n<p>Zur Praxis der psychoanalytischen Literaturwissenschaft<\/p>\n<p>und ihrer theoretischen Grundlage (2004)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Zusammenfassung<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gemeinsames Thema der beiden Arbeiten sind die theoretischen und methodischen Probleme, die bei der \u00dcbertragung der Freudschen Psychoanalyse auf die Literaturwissenschaft entstehen. Im Mittelpunkt meiner Kritik steht die Analogie von Traum und Dichtung, die f\u00fcr die psychoanalytische Texttheorie und ihren analytischen Begriffsapparat grundlegend ist: Wie der Traum, w\u00e4re auch der literarische Text die bearbeitete, &#8222;manifeste&#8220; Form &#8222;latenter&#8220; Trieb\u00adw\u00fcnsche\/Phantasien und nach den Regeln der Traumdeutung zu erschlie\u03b2en.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Auffassung vom Text und seiner Interpretation wird mit der Begr\u00fcndung zur\u00fcckgewiesen, da\u03b2 1) Freuds Traumtheorie veraltet ist und von der Struktur literarischer Texte eine irrt\u00fcmliche Vorstellung erzeugt, und 2) da\u03b2 es f\u00fcr das Konzept der \u00dcbersetzung des &#8222;Manifesten&#8220; ins &#8222;Latente&#8220; keine Regeln gibt und die Interpretation sich deshalb jeder Kontrolle entzieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus dem heute verf\u00fcgbaren Wissen \u00fcber das Tr\u00e4umen ist es nicht m\u00f6glich, ein Strukturmodell literarischer Texte abzuleiten und eine eigene &#8222;tiefenhermeneutische Methode&#8220; zu begr\u00fcnden. Traum und Dichtung sind grundverschiedene Texte. Die Literaturwissenschaft, der man durch die Applikation der Psychoanalyse zur neuen Einsicht verhelfen wollte, hat in Wirklichkeit einen schweren R\u00fcckschlag erlitten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur akademischen Vita des Verfassers (geb. 1939):\u00a0 Wissenschaftliche Ausbildung in den Studienf\u00e4chern Deutsch (Hauptfach), Englisch und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Bergen und als DAAD-Stipendiat an der Freien Universit\u00e4t Berlin.\u00a0Nach Abschlu\u00df des Studiums drei Jahre lang wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut.\u00a0 Seit 1970 hier t\u00e4tig als als Dozent (Amanuensis) f\u00fcr neuere deutsche Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier jetzt die k\u00fcrzere Arbeit von Asbj\u00f8rn Tjeldfl\u00e5t<\/p>\n<h1 align=\"left\">(die erstgenannte, l\u00e4ngere Arbeit abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.ub.uib.no\/elpub\/2000\/a\/505001\"> http:\/\/www.ub.uib.no\/elpub\/2000\/a\/505001<\/a>)<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 align=\"center\"><span style=\"font-size: small;\">Der hermetische Zirkel<\/span><\/h1>\n<p align=\"center\">Zur Praxis der psychoanalytischen Literaturforschung und ihrer theoretischen Grundlage<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei den folgenden \u00dcberlegungen zur Praxis der psychoanalytischen Literaturforschung und ihrer theoretischen Grundlage soll zun\u00e4chst die Frage ihrer Verfahrensweise, die sog. tiefenhermeneutische Methode, er\u00f6rtert werden, die sie im Selbstverst\u00e4ndnis dieser Disziplin als eigenst\u00e4ndige Wissenschaft vom Text legitimiert und ihr besonderes Erkenntnisziel realisiert: die dem literarischen Text zugrundeliegenden\u00a0 unbewu\u03b2ten Zusammenh\u00e4nge freizulegen und uns dadurch ein volles Verst\u00e4ndnis seiner Sinnstruktur zu erm\u00f6glichen. Die Aufdeckung dieser Dimension des Textes gilt als ihre besondere Leistung und zeichnet sie<strong>, hei\u00dft es,\u00a0 <\/strong>vor der herk\u00f6mmlichen hermeneutischen Verfahrensweise aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich werde zeigen, da\u03b2 die tiefenhermeneutische Methode diesen Anspruch nicht erf\u00fcllt, weil sie an der Forderung der Kontrollierbarkeit ihrer Ergebnisse scheitert. Zu ihrem ambiti\u00f6sen Ziel gelangt die psychoanalytische Literaturforschung nicht auf methodischem Wege; es wird vielmehr von der Theorie abgeleitet und dem Text unterschoben. Die Theorie ist der Schl\u00fcssel zum Text und die Ergebnisse lassen sich an der Sprachgestalt des Textes weder widerlegen noch best\u00e4tigen. Der hermeneutische Zirkel wird hermetisch abgeschlossen. Wie wir im <strong>F<\/strong>olgenden sehen werden, handelt es sich dabei um ein \u00dcbersetzungsproblem, das sich aus der Zweiweltenthese von &#8222;unten&#8220; und &#8222;oben&#8220; ergibt, die der psychoanalytische<strong>n <\/strong> Konzeption von Literatur zugrunde liegt und das durch den Mechanismus der Transformation des &#8222;Latenten&#8220; ins &#8222;Manifeste&#8220; seine besondere Signatur erh\u00e4lt: Weil der Text, den wir interpretieren, durch die &#8222;Kunstarbeit&#8220; bearbeitet worden ist und somit &#8211; wie der manifeste Traum &#8211; von seinem &#8222;eigentlichen&#8220; Sinn nichts verr\u00e4t, kann er nicht auf Grund von sprachlich-formalen Merkmalen in seinen Subtext \u00fcbersetzt werden. Ebenso wenig kann der Subtext durch die Interpretation rekonstruiert werden, weil seine Inhalte durch die n\u00e4mliche Kunstarbeit in transformierter Gestalt in den Text eingegangen sind. Da wir hier vor einem unentwirrbaren Beziehungsgeflecht stehen, haben wir keine M\u00f6glichkeit, die Kluft zwischen dem unbewu\u03b2ten Antrieb der Textproduktion und seiner Realisation im Text zu \u00fcberbr\u00fccken und anhand von Regeln die \u00dcbersetzung der manifesten Sprache des Textes in die latente seines Subtextes &#8211; das anvisierte Ziel der psychoanalytischen Interpretation &#8211;\u00a0 zu kontrollieren. Damit haben die Regeln, die Freud zur Deutung von Tr\u00e4umen entwickelte <strong>und<\/strong> auf die man sich <strong>jetzt <\/strong>in der Literaturwissenschaft beruft, auch bei der Analyse literarischer Texte keinen praktischen Wert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Anschlu\u03b2 an diese Kritik werde ich &#8211; unter Berufung auf Freud selber &#8211; einen Hinweis auf eine m\u00f6gliche L\u00f6sung des Methodenproblems der psychoanalytischen Literaturforschung geben und mindestens ansatzweise zeigen, wie sie auf der Grundlage der herk\u00f6mmlichen Hermeneutik einen legitimen Beitrag zum Verst\u00e4ndnis von Literatur liefern k\u00f6nnte. Mit der dabei entstehenden Frage, was dann von der psychoanalytischen Literaturwissenschaft noch \u00fcbrigbleibt, werde ich mich abschlie\u00dfend befassen, indem ich einige der f\u00fcr sie zentralen Aspekte der Freudschen Psychoanalyse, vor allem seine Traumtheorie, im Licht moderner Forschung untersuche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem der Kontrollierbarkeit soll kurz an einer Interpretation von Heines &#8222;Loreley&#8220;-Gedicht erl\u00e4utert werden, an dem W. Sch\u00f6nau im Kapitel \u00fcber die Rezeption literarischer Texte in seiner <em> Einf\u00fchrung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft<\/em> (1991) &#8222;die unbewu\u03b2te Kommunikation&#8220; demonstriert, die sich im Verh\u00e4ltnis von Autor und Text bzw. Leser und Text abspielt und die f\u00fcr die Sinnstruktur des Textes von grundlegender Bedeutung sei. Dem liegt folgende Argumentation\u00a0 zugrunde: Bei der Gestaltung des Textes sind es unbewu\u03b2te, verdr\u00e4ngte Triebw\u00fcnsche, die dem Autor die Feder f\u00fchren und seinem Text jenen \u00fcberindividuellen, prototypischen Charakter verleihen, dem er seine \u00fcberzeitliche Wirkung verdankt und der \u00fcber die Faszination des Lesers entscheidet. In W. Sch\u00f6naus eigenen Worten: &#8222;Das Inspirationserlebnis erscheint in psychoanalytischer Sicht als Fusion mit einem fr\u00fcheren sch\u00fctzenden Mutterbild [&#8230;] Rein gef\u00fchlsm\u00e4\u03b2ig bedeutet die Rezeption fiktionaler Dichtung eine Wiederholung der Fusion mit dem fr\u00fchen Mutterbild, eine partielle und virtuelle R\u00fcckkehr in die Phase der Subjekt &#8211; Objekt \u2013 Verschmelzung<strong>\u201c<\/strong> (W. Sch\u00f6nau 1991, S. 40). Dem Interpreten schlie\u03b2lich, ist es vorbehalten, die unbewu\u03b2te Kommunikation ins Licht der Erkenntnis zu heben und den Leser \u00fcber den eigentlichen Grund seiner Faszination aufzukl\u00e4ren. Auf Heines &#8222;Loreley&#8220;-Ballade appliziert, gelangt W. Sch\u00f6nau zum folgenden Ergebnis: &#8222;Die unbewu\u03b2te Kommunikation verl\u00e4uft also etwa folgenderma\u03b2en: Heine bringt in dem Loreley-M\u00e4rchen seine narzi\u03b2tische Kr\u00e4nkung durch das Amalien-Erlebnis zum Ausdruck. (Nach W. Sch\u00f6nau ist das Gedicht auf der Ebene des Bewu\u03b2tseins &#8222;die mythische Verkleidung&#8220; der ungl\u00fccklichen Liebe Heines zu seiner Kusine Amalie). Dieses Erlebnis aber reaktiviert in ihm die verdr\u00e4ngten \u00f6dipalen Gef\u00fchlskonstellationen. Im Leser weckt die Loreley-Figur\u00a0 \u00e4hnliche verdr\u00e4ngte Phantasien und W\u00fcnsche zum neuen Leben. Beide, Autor und Leser, wissen aber nicht, warum sie so traurig sind&#8220; (ebd. S. 44f.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesen \u00dcberlegungen zum Heines Gedicht, die das Grundmuster psychoanalytischer Erforschung von Literatur darstellen, interessiert uns vor allem die Rolle des Interpreten. Wie gelangt er zu seiner Einsicht in den latenten Sinngehalt des Textes? Da\u03b2 das Amalien-Erlebnis in Heine &#8222;verdr\u00e4nge \u00f6dipale Gef\u00fchlskonstellationen&#8220; reaktiviere, die sich an der Loreley-Figur im Leser immer wieder entz\u00fcnden und seine Faszination durch diesen Text erkl\u00e4ren, ist alles andere als evident. In der Tat gibt es daf\u00fcr im Gedicht keine Anhaltspunkte. Ist das Verfahren, durch welches hier der Text auf seinen Subtext zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, von Regeln gesteuert? Wie man unschwer erkennt, ist die konzeptuelle Vorstellung vom literarischen Text und seiner Auslegung, die den Ausf\u00fchrungen zum Heines Gedicht zugrunde liegt, an Freuds <em>Traumdeutung<\/em> modelliert: hier wie dort sind es unbewu\u03b2te Triebw\u00fcnsche, die durch die &#8222;Kunstarbeit&#8220; bzw. &#8222;Traumarbeit&#8220; \u00fcberarbeitet werden, so da\u03b2 der Leser wie der Tr\u00e4umende ihren wahren Charakter nicht erkennen, von seiner Wirkung aber gebannt sind. Aufkl\u00e4rung bringt erst der Interpret bzw. der Traumdeuter. Folgerichtig mu\u03b2 auch die Auslegung literarischer Texte nach den selben Regeln erfolgen wie bei der Deutung von Tr\u00e4umen. Wie sehen diese Regeln aus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie Freud sowohl in der <em>Traumdeutung<\/em> wie auch in sp\u00e4teren Arbeiten betont, entsprich die Differenz zwischen dem manifesten Trauminhalt und dem latenten Traumgedanken derjenigen, die zwischen einem entstellten, l\u00fcckenhaften Text und seiner\u00a0 urspr\u00fcnglichen Sprachgestalt besteht. Bei der Deutung wird somit der Traum in sein Original zur\u00fcck\u00fcbersetzt. F\u00fcr ein zuverl\u00e4ssiges Resultat sollen bestimmte Deutungsregeln b\u00fcrgen. In seiner umfassenden Arbeit \u00fcber Freuds Psychoanalyse &#8211; <em>Freud Evaluated<\/em> (1997) &#8211; hat M. Macmillan auch diese Frage er\u00f6rtert und nachgewiesen, da\u03b2 die Analogie von Traum und Sprache irrt\u00fcmlich ist, weil Freud, im Unterschied zum Philologen bzw. \u00dcbersetztungswissenschaftler, sich auf keine Regeln berufen kann. Macmillan f\u00fchrt hierf\u00fcr drei Gr\u00fcnde ins Feld, auf die im folgenden eingegangen werden soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcrs erste scheitert die Analogie am Wesen des Traums, der sich nach Freud von sprachlichen \u00c4u\u03b2erungen darin unterscheidet, da\u03b2 er keine Kommunikation ist und nicht verstanden werden will. W\u00e4hrend jene &#8222;zur Mitteilung bestimmt sind, d.h. darauf berechnet, [&#8230;] verstanden zu werden&#8220;,\u00a0 so gehe &#8222;gerade dieser Charakter dem Traum ab. Der Traum will niemandem etwas sagen, er ist kein Vehikel der Mitteilung, er ist im Gegenteil darauf angelegt, unverstanden zu bleiben&#8220; (St. A. Bd. I S. 234). Zwar wird der Traum durch den Bericht des Tr\u00e4umers in eine Kommunikation verwandelt, aber das ist, wie Freud betont, eine Wiedergabe des Traums durch &#8222;ungeeignete Mittel&#8220;, denn der Traum ist an sich keine soziale \u00c4u\u03b2erung, kein Mittel der Verst\u00e4ndigung&#8220; (ebd. S. 252). Durch die Deutung bzw. \u00dcbersetzung beansprucht Freud dennoch, den Traum in eine Kommunikation zu transformieren, aber wie, so fragt Macmillan, ist das m\u00f6glich, wenn der manifeste Inhalt nicht kommuniziert? K\u00f6nnen die freien Assoziationen des Tr\u00e4umers, die dabei eine wesentliche Rolle spielen, den Traum in eine Mitteilung verwandeln? Sind sie nicht gleichfalls &#8222;ungeeignte Mittel&#8220; der Traumwiedergabe? Die freien Assoziationen sind nicht nur interpretationsbed\u00fcrftig, wie man gemeint hat (vgl. J. Hagestedt 1988, S. 84); sie k\u00f6nnen die Funktion, die ihnen Freud zuschreibt, grunds\u00e4tzlich nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum zweiten zerbricht die Analogie von Traumdeutung und \u00dcbersetzung, weil es bei der Entschl\u00fcsselung von Tr\u00e4umen keine semantischen Regeln der Substitution gibt, die f\u00fcr eine ann\u00e4hernd korrekte und kontrollierbare \u00dcbersetzung b\u00fcrgen k\u00f6nnten. Das ist allenfalls nur bei einigen Symbolen mit festem Sinn m\u00f6glich, die Freud beanspruchte, entdeckt zu haben und die, wie er schreibt, &#8222;fast allgemein eindeutig zu \u00fcbersetzen sind&#8220;, wie z.B. K\u00f6nig und K\u00f6nigin f\u00fcr die Eltern, Zimmer zur Darstellung von Frauenzimmer, die Ein- und Ausg\u00e4nge derselben bezeichnen K\u00f6rper\u00f6ffnungen, starre Gegenst\u00e4nde\u00a0 das m\u00e4nnliche Genitale, Schr\u00e4nke und Schachteln den Frauenleib\u00a0 usw.\u00a0 (Vgl. St. A. Bd. I, S. 697). Aber einerseits ist nach Freud die Zahl solcher Symbole begrenzt, weshalb die freien Assoziation des Tr\u00e4umers bei der Deutung unerl\u00e4\u03b2lich sind. Andererseits sind die Symbole nicht immer Symbole; vielmehr &#8222;kann ein Symbol oft genug im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinn zu deuten sein&#8220; (St. A. Bd. II, S. 347; vgl. auch Bd. I, S. 231). Damit ist es in der Tat v\u00f6llig offen, was ein Traumelement zu bedeuten hat, weil keine Kriterien angegeben sind, nach denen wir entscheiden k\u00f6nnen, ob ein Element symbolisch oder nicht-symbolisch zu verstehen ist. Auf diese grunds\u00e4tzliche Offenheit der Sinndetermination aber gr\u00fcndet Freud die Deutungsregel, &#8222;da\u03b2 jedes Element des Traums f\u00fcr die Deutung auch sein Gegenteil darstellen kann, ebensowohl wie sich selbst&#8220; (St. A. Bd. II, S. 454). An einer anderen Stelle fa\u03b2t er die Lage des Interpreten bzw. \u00dcbersetzers mit folgenden Worten zusammen: &#8222;Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements zweifelhaft, ob es: a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatzrelation); b) historisch zu deuten ist (als Reminizenz); c) symbolisch, oder ob d) seine Verwendung vom Wortlaut ausgehen soll&#8220; (ebd. S. 337). Die Symbolsprache ist somit weit davon entfernt, einen semantisch einheitlichen Text zu bilden, der uns erlauben w\u00fcrde, auf den eigentlichen Sinn des verschl\u00fcsselten manifesten Trauminhalts zu schlie\u00dfen. Hinzu kommt noch das f\u00fcr eine adaeqate \u00dcbersetzung un\u00fcbersteigbare Problem, das sich aus den Transformationen des latenten Traumgedankens durch die Traumarbeit ergibt. Indem etwa die &#8222;Verdichtung&#8220; eine F\u00fclle von Elementen aus dem umfangsreicheren latenten Traum ausl\u00e4\u03b2t, ist der manifeste Traum nach Freud nicht eine &#8222;getreue \u00dcbersetzung oder Projektion Punkt f\u00fcr Punkt der Traumgedanken, sondern eine h\u00f6chst unvollst\u00e4ndige und l\u00fcckenhafte Wiedergabe derselben&#8220; (St. A. Bd. II, S. 284). Wie sind solche L\u00fccken zu schlie\u00dfen, wenn nicht eine zweite Schrift zum Vergleich herangezogen werden kann? \u00c4hnliche unl\u00f6sbare Probleme entstehen durch die anderen Mechanismen der Transformation, wie etwa die &#8222;Aufspaltung&#8220;, bei der ein latentes Traumelement durch mehrere manifeste vertreten ist und der manifeste Traum somit umfangsreicher ist als der latente, oder bei der &#8222;Umkehrung&#8220;, wo das Gegenteil von dem gemeint ist, als was auf der manifesten Traumebene erscheint, und schlie\u03b2lich bei der &#8222;Verschiebung&#8220; im Sinne von \u00dcbertragung psycho-sexueller Vorstellungen auf eine auf der manifesten Ebene nur scheinbar wichtige, in Wirklichkeit aber unwesentliche Figur, so da\u03b2 Affekt- und Vorstellungsbreich dissoziieren. Wenn nach Freud die Lage des Intepreten dadurch gekennzeichnet ist, &#8222;da\u03b2 keine einfache Beziehung zwischen den Elementen dort und hier bestehen bleibt&#8220; (Bd. I, S. 181), dann ist es nicht m\u00f6glich, die Substitution eines Elements durch ein anderes zu kontrollieren und Konsensus dar\u00fcber zu erzielen, was der Traum &#8222;eigentlich&#8220; bedeutet. Die Entscheidung hier\u00fcber ist in der Tat willk\u00fcrlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcrs dritte\u00a0 scheitert die fragliche Analogie an der Abwesenheit grammatisch-syntaktischer Regeln bei der Produktion von manifesten Elementen durch die Traumarbeit. Wenn sie daf\u00fcr sorgt, da\u03b2 der urspr\u00fcngliche logisch-kausale Zusammenhang unter den Traumgedanken aufgehoben wird, indem die einzelen St\u00fccke dieses komplexen Gebildes &#8211; Freud nennt es auch &#8222;Text&#8220; &#8211; &#8222;gedreht, zerbr\u00f6ckelt und zusammengezogen werden&#8220; (Bd. II, S. 310), so hat das u. a. zur Folge, da\u03b2 die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Rede und Schrift erforderlichen Konjunktionen, wie &#8222;wenn&#8220;, &#8222;weil&#8220;, &#8222;gleichwie&#8220;, &#8222;obgleich&#8220;, &#8222;entweder- oder&#8220; usw. (falls sie nicht durch bildhafte Darstellung ersetzt werden) im manifesten Traumtext ihre normale Funktion einb\u00fc\u03b2en und syntaktische Zusammenh\u00e4nge erzeugen, in denen die Beziehung zwischen den Elementen aus den Fugen ger\u00e4t und es deshalb unm\u00f6glich ist, Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten. Nach Freud bleibt es &#8222;der Deutungsarbeit \u00fcberlassen, den Zusammenhang wiederherzustellen, den die Traumarbeit vernichtet hat&#8220; (ebd. S. 311). Das w\u00e4re aber nur dann m\u00f6glich, wenn er die beiden Texte mit einander vergleichen und die syntaktischen Entstellungen identifizieren k\u00f6nnte. Diese M\u00f6glichkeit hat er aber nicht. Wie er das Problem &#8222;l\u00f6st&#8220;, mag die Deutungsregel bei der Alternative &#8222;entweder-oder&#8220; im Traumbericht verdeutlichen: &#8222;Es war entweder ein Garten oder ein Zimmer usw., da kommt in dem Traumgedanken nicht etwa eine Alternative, sondern ein &#8222;und&#8220;, eine einfache Anreihung vor &#8230; Die Deutungsregel f\u00fcr diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der scheinbaren Alternative sind einander gleichzusetzen und durch &#8222;und&#8220; zu verbinden&#8220; (Bd. II S. 315).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnen wir mit Macmilllan konkludieren: &#8222;the latent content is actually <em> constructed<\/em> during interpretation rather than <em>discovered<\/em> by it. No rules can be established for arriving at a correct interpretation because the absence of a second script prevents any from ever being formulated. What Freud actually did when he interpreted a dream was to use <em>the same material<\/em> &#8211; the patient&#8217;s and his own associatations &#8211; to construct <em>both<\/em> the dream thoughts <em>and<\/em> the rules for transforming them&#8220; (M. Macmillan 1997, S. 577.Hervorhebung im Original).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seiner Einleitung zur &#8222;Traumarbeit&#8220; schreibt Freud: &#8222;Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine \u00dcbertragung der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und F\u00fcgungsgesetze\u00a0 wir durch die Vergleichung von Original und \u00dcbersetzung kennenlernen sollen&#8220; (Bd. II, S. 280). Aber eben diese Vergleichung von Original und \u00dcbersetzung ist nicht m\u00f6glich. Die Schrift der Traumgedanken existiert nicht als eigener Text <em>vor<\/em> der \u00dcbersetzung. Deshalb kann es f\u00fcr das Projekt der Traumdeutung keine Regeln geben, wie Macmillan abschlie\u03b2end durch folgende Frage bemerkt: &#8222;is it possible to develop rules for revealing the meaning of a yet -to\u00a0 &#8211; existist second script when the meaning of the first also depends on them&#8220; (ebd. S. 578).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Bezug auf einen Aphorismus Kafkas hat H. Hieben die Psychoanalyse als &#8222;tautologische und zirkul\u00e4re Spiegelschrift einer Spiegelschrift in der Form eines <em>petitio principii<\/em>&#8220; bezeichnet (zit. n. J. Hagestedt 1988, S. 119). Bei der \u00dcbertragung der Freudschen Psychoanalyse und ihres Verfahrens auf die Erforschung literarischer Texte ist diese Charakteristik nicht weniger berechtigt. Von den oben dargestellten drei kritischen Punkten zur Deutung von Tr\u00e4umen entf\u00e4llt nat\u00fcrlich der erste, weil der literarische Text, anders als der Traum, kommuniziert und verstanden werden will. Aber bei der Ermittlung dessen, <em>was<\/em> er kommuniziert, melden sich dieselben Probleme wie bei der \u00dcbersetzung von Tr\u00e4umen, oder sie werden wo m\u00f6glich noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Vorg\u00e4ngen beim Tr\u00e4umen analog, fa\u03b2t man in der psychoanalytischen Literaturforschung, wie wir an der Interpretation von Heines &#8222;Loreley&#8220;-Gedicht gesehen haben, den literarischen Text auf als Kompromi\u03b2bildung zwischen Wunsch und Abwehr, als Produkt einer sekund\u00e4ren Bearbeitung prin\u00e4rproze\u03b2hafter Vorg\u00e4nge. Die Maskierung der unbewu\u03b2ten Phantasien, die dem Text zugrunde liegen, leistet hier die &#8222;Kunstarbeit&#8220; (Vgl. W. Sch\u00f6nau 1991, S. 20). Die eigent\u00fcmliche Sprache, die der manifeste Traum der &#8222;Traumarbeit&#8220; verdankt, also die Merkmale der Verdichtung, Verschiebung, R\u00fccksicht auf Darstellbarkeit usw., ist auch die Sprache der &#8222;Obenfl\u00e4chenstruktur&#8220; des literarischen Textes. Bei der Interpretation wird er, wie der Traum, in seine urspr\u00fcngliche Sprachgestalt bzw. &#8222;Tiefenstruktur&#8220; \u00fcbersetzt. Aber der Literaturwissenschaftler befindet sich dabei in einer noch schwierigeren Lage als der Traumdeuter. Wenn n\u00e4mlich, wie R. Wolf zur Traumanalyse bemerkt, &#8222;der entstellende Einflu\u03b2 der Traumarbeit&#8220; am Grad der Verst\u00e4ndlichkeit des Traums erkennbar ist und die Traumgedanken dem entsprechen in variierendem Ma\u03b2e bewahrt sind:\u00a0 &#8222;Je st\u00e4rker die Verst\u00e4ndlichkeit des erinnerten Traums ausgepr\u00e4gt ist, desto st\u00e4rker war der Einflu\u03b2 des Sekund\u00e4rvorgangs auf die Traumbildung und desto weniger ist der urspr\u00fcngliche Zusammenhang der Elemente gewahrt&#8220; (R. Wolf 1975, S. 426), wenn also der Zugang zu den latenten Traumgedanken von der Intensit\u00e4t der sekund\u00e4ren Bearbeitung abh\u00e4ngt, so leuchtet ohne weiteres ein, da\u03b2 es bei der Interpretation eines literarischern Textes ungleich schwieriger ist als bei der Traumdeutung, zum urspr\u00fcnglichen Sinnzusammenhang vorzusto\u03b2en. Sowohl zum Zweck der Verst\u00e4ndlichkeit und Kommunikation wie aus R\u00fccksicht auf Konventionen und Normen ist der literarische Text in weit h\u00f6herem Ma\u03b2e bearbeitet als der verst\u00e4ndlichste Traum und somit ist hier &#8222;der urspr\u00fcngliche Zusammenhang der Elemente weit weniger gewahrt&#8220; als dort. Wie kann der Literaturwissenschaftler die kompakte H\u00fclle der Form durchbrechen und zur &#8222;Tiefenstruikur&#8220; des Textes vordringen? Die g\u00e4ngige Antwort auf diese Frage lautet, da\u03b2 ihm das gelingt, wenn er auf jene Stellen im Text achtet, wo seine Sprache Risse, L\u00fccken. Br\u00fcche, Auslassungen und Inkoh\u00e4herenzen aufweist, weil hier intensive Gef\u00fchlsregungen sich zeitweilig der Zensur entziehen und die Kompromi\u03b2bildung von Triebwusch und Abwehr, die den literarischen Diskurs konstituiert, momentan aufgehoben ist. H. Schmiedt beschreibt ihre Funktion so: &#8222;Wo Bed\u00fcrfnisse zu stark werden oder Repressionsma\u03b2nahmen zu energisch, entstehen Risse in der Sprache, die f\u00fcr einen Augenblick den unverstellten Blick auf die zugrundeliegenden Konflikte freilegen, dann aber sofort wieder der Verh\u00fcllung unterliegen und den stetig labilen Proze\u03b2 der Kompromi\u03b2bildung [&#8230;] erneut in Gang setzen&#8220; (H. Schmiedt 1987, S. 31). F\u00fcr W. Sch\u00f6nau, der dem Leser, der sich in der psychoanalytischen Interpretation \u00fcben will, einige didaktische Ratschl\u00e4ge erteilt, handelt es sich bei den erw\u00e4hnten Textstellen um &#8222;die Bruchstellen, wo das Urgestein zutage liegt, wo es also den Prozessen der sekund\u00e4ren Bearbeitung nicht ganz gelungen ist, dieses zu verh\u00fcllen&#8220; (W. Sch\u00f6nau 1991, S. 109).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit den erw\u00e4hnten Merkmalen literarischer Texte sind wir durch die Wirkungs- bzw. Rezeptionsforschung seit langem vertraut. Es sind die sog. Leer- oder Unbestimmtheitsstellen im literarischen Diskurs, die f\u00fcr die Vielfalt von Rezeptionen fiktionaler Texte eine gewisse Rolle spielen, weil der Leser sie, je nach seinen Voraussetzungen, auf unterschiedliche Weise realisiert. Wie geht er bei der Behebung von Unbestimmtheit, z.B. einer Auslassung im Dialog zwischen zwei Figuren vor? Er sucht die fragmentarische Aussage zu vervollst\u00e4ndigen, indem er sie in ihrem sprachlichen bzw. au\u03b2ersprachlichen Kontext beurteilt und von seinem (vorl\u00e4ufigen) Textverst\u00e4ndnis her auf ihre m\u00f6gliche Bedeutung schlie\u03b2t. Kurz: er sucht die Unbestimmtheit durch Stellen der Bestimmtheit zu beseitigen. Sie bilden zusammen das Sinnpotential des Textes. Nur durch die Herstellung der Beziehung des &#8222;Teils&#8220; zum &#8222;Ganzen&#8220; ist diese Operation intersubjektiv kontrollierbar. Bei der psychoanalytischen Interpretation aber ist dem Leser diese M\u00f6glichkeit grunds\u00e4tzlich verschlossen. Hier sind ihm die fraglichen Merkmale des Textes &#8222;Bruchstellen&#8220; einer momentanen, <em>unverstellten <\/em> Einsicht in thematische Zusammenh\u00e4nge ( die dem Text zugrundeliegenden unbewu\u03b2ten Konflikte), die im \u00fcbrigen Text nicht, weil durch die &#8222;Kunstarbeit&#8220; verschl\u00fcsselt (Kompromi\u03b2bildung von Wunsch und Abwehr), nicht zur Sprache kommen. Die Unbestimmtheitsstellen werden hier anhand eines Textes bzw. Subtextes behoben, den es nicht gibt &#8211; au\u03b2er in der psychoanalytischen Theorie selbst. Der psychoanalytische Interpret befindet sich also in der eigent\u00fcmlichen Situation, da\u03b2 er seine Annahmen \u00fcber Sinn und Sinnzusammenh\u00e4nge am Text nicht belegen kann. Die l\u00fcckenlosen Textstellen, die uns sonst als Vergleichsgrundlage bei der Sinndetermination von Unbestimmtheit dienen, sind f\u00fcr ihn als Produkt der Kompromi\u03b2bildung von Wunsch und Abwehr gerade dadurch gekennzeichnet, da\u03b2 sie (wie der manifeste Traum) \u00fcber die &#8222;wahren&#8220; Zusammenh\u00e4nge keine zuverl\u00e4ssige Information geben. Ebenso wenig wie bei der Deutung von Tr\u00e4umen k\u00f6nnen wir bei der Interpretation literarischer Texte an den Br\u00fcchen, Auslassungen usw. als solchen &#8222;das Urgestein&#8220; erkennen und jenen Zusammenhang herstellen, den der Text auf der unbewu\u03b2ten Ebene angeblich hat. Hier wie dort verf\u00fcgen wir \u00fcber keine Regeln der Syntax oder Substitution, die f\u00fcr die Behebung von Unbestimmtheit erforderlich sind. Mit einem Wort: weil der Subtext nicht als Text vorliegt und auch am manifesten Text nicht rekonstruiert werden kann, haben wir keine M\u00f6glichkeit, die sprachlichen Entstellungen zu identifizieren und festzustellen, <em>was<\/em> im fragmentarischen Text ausgelassen ist.<\/p>\n<p>Kehren wir hier kurz zur\u00fcck zur eingangs zitierten Interpretation von Heines Loreley-Gedicht. An ihr ist deutlich erkennbar, was f\u00fcr die psychoanalytische Interpretation grunds\u00e4tzlich gilt: &#8222;Die unbewu\u03b2te Kommunikation&#8220; \u00f6dipaler Phantasien, die W. Sch\u00f6nau f\u00fcr den eigentlichen Sinngehalt des Gedichts h\u00e4lt und der, wie er meint, seine Faszination auf Generationen von Lesern erkl\u00e4rt, ist nicht eine Eigenschaft des Textes, die durch die Analyse seiner sprachlich-formalen Merkmale blo\u03b2gelegt wird. Wie der latente Inhalt bei der Traumanalyse, wird sie nicht nach Regeln vom Text abgeleitet, sondern w\u00e4hrend der Interpretation konstruiert. Der Interpret verwendet dasselbe Material &#8211; den Text und seine eigenen Assoziationen &#8211; um sowohl &#8222;die unbewu\u03b2te Kommunikation&#8220; wie auch die Regeln ihrer Transformation zu etablieren. Da\u03b2, wie ich oben bemerkte, jene Annahme \u00fcber die Sinnstruktur des Gedichts alles andere als evident ist, ist nicht ein zuf\u00e4lliger Mangel, sondern ein wesentliches Kennzeichen solcher Interpretation: Sie l\u00e4\u03b2t sich am Text weder begr\u00fcnden noch widerlegen. Er dient blo\u03b2 als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr psychoanalytische Theoreme, hier den \u00d6dipuskomplex, der, weil &#8222;unbewu\u03b2t&#8220;, an der Sprachgestalt des Gedichts nicht begr\u00fcndet werden kann. Das Kriterium der Kontrollierbarkeit von Aussagen, an dem sich die Interpretation auszuweisen hat, ist suspendiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gibt es f\u00fcr die psychoanalytische Erforschung von Literatur einen Ausweg aus der methodischen Aporie, die sich aus dem ihr zugrundeliegenden Denkmodell von &#8222;oben&#8220; und &#8222;unten&#8220;, vom &#8222;Manifesten&#8220; und &#8222;Latenten&#8220;, von &#8222;Oberfl\u00e4chenstruktur&#8220; und &#8222;Tiefenstruktur&#8220; literarischer Texte zwangsl\u00e4ufig ergibt? Mit Freud selber soll kurz auf eine m\u00f6gliche L\u00f6sung hingewiesen werden. Indem er an einer Stelle die Beziehung der &#8222;unbewu\u03b2ten Sachvorstellung&#8220; zu ihrem sprachlichen Ausdruck er\u00f6rtert, korrigiert er seine fr\u00fchere Auffassung durch folgende Bemerkung: &#8222;Wir glauben nun zu wissen, wodurch sich eine bewu\u03b2te Vorstellung von einer unbewu\u03b2ten unterscheidet. Die beiden sind nicht, wie wir gemeint haben, verschiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen psychischen Orten, auch nicht verschiedene Besetzungszust\u00e4nde an demselben Orte, sondern die bewu\u03b2te Vorstellung umfa\u03b2t die Sachvorstellung plus der zugeh\u00f6rigen Wortvorstellung, die unbewu\u03b2te ist die Sachvorstellung allein&#8220; (St. A. III, S. 160). F\u00fcr das textanalytische Verfahren erg\u00e4be sich aus dieser \u00dcberlegung zum Verh\u00e4ltnis von Wort und Sache, da\u03b2 der literarische Text auch f\u00fcr die psychoanalytische Interpretation verbindlich sein w\u00fcrde, da\u03b2 sie ihre Annahmen \u00fcber Sinn und Sinnzusammenh\u00e4nge an seiner Sprache begr\u00fcnden und sich der Forderung ihrer Pr\u00fcfbarkeit unterziehen m\u00fc\u03b2te. Wenn zwischen Wort und Sache, zwischen dem manifesten Ausdruck und seinem latenten Inhalt keine Differenz besteht, wenn sie vielmehr eine semantische Einheit bilden, wie Freud meint, so w\u00e4re das fragw\u00fcrdige Projekt der \u00dcbersetzung des Textes in seine &#8222;eigentliche&#8220; Sprache in der Tat aus dem Wege ger\u00e4umt und die psychoanalytische Literaturforschung w\u00fcrde allein in Bezug auf ihr besonderes <em>Erkenntnisinteresse<\/em> &#8211; die Erforschung psychosexueller Verh\u00e4ltnisse, emotionaler Bindungen, Identit\u00e4tsfragen usw. &#8211; ihren spezifischen Charakter erhalten. In methodischer Hinsicht aber, w\u00fcrde sie auf dem Boden der herk\u00f6mmlichen Hermeneutik stehen und den Text im Sinne jener Verfahrensweise erforschen, die von einer bestimmten Fragestellung (&#8222;Vorentscheidung&#8220;) her seine Bedeutung im fortschreitenden Proze\u03b2 des Lesens durch die Herstellung von internen und kontextuellen Beziehungen seiner Elemente ermittelt und allm\u00e4hlich zu einem ad\u00e4quaten Textverst\u00e4ndnis gelangt. Die Struktur des Textes w\u00e4re dann weder &#8222;tief&#8220; noch &#8222;oberfl\u00e4chlich&#8220;, sondern eine Sinnstruktur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die methodische Reorientierung, die aus Freuds Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Wort und Sache erfolgen k\u00f6nnte, w\u00fcrde indessen, wie bereits angedeutet wurde, f\u00fcr die psychoanalytische Literaturwissenschaft gro\u03b2e theoretische Unkosten zur Folge haben. Sie m\u00fc\u03b2te bereit sein, mit veraltetem Gedankengut aufzur\u00e4umen und in der theoretisch-empirischen Forschung von heute eine neue Grundlage ihrer Praxis zu suchen. Ob sie dann noch als eigenst\u00e4ndige Literaturwissenschaft \u00fcberlebt, ist allerdings fragw\u00fcrdig. Mit diesen Fragen werde ich mich abschliessend befassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W. Sch\u00f6nau beschlie\u03b2t den systematischen Teil seiner <em>Einf\u00fchrung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft <\/em>mit einigen Bemerkung zu der in letzter Zeit an Freuds Psychoanalyse ge\u00fcbten Kritik, die er aber durch den Hinweis auf &#8222;die Fortschritte in der Theoriebildung der letzten Jahre&#8220; als f\u00fcr die Psychoanalyse nicht besonders schwerwiegend zur\u00fcckweist: &#8222;Wenn Freud sich in verschiedenen Punkten geirrt hat, ist damit der Psychoanalyse als Forschungsrichtung nicht der Boden entzogen&#8220; (S. 112). Die Formulierung erweckt den Eindruck, da\u03b2 es sich dabei um blo\u03b2 marginale Punkte handelt, die f\u00fcr die Psychoanalyse als solche und damit die Literaturwissenschaft kaum von Bedeutung sind. Die gro\u03b2e Herausforderung an die psychoanalytische Literaturwissenschaft aber liegt darin, da\u03b2 Freud sich in den zentralen Punkten seiner Lehre geirrt hat und da\u03b2 sie in allen ihren wesentlichen Aspekten \u00fcberholt ist. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr jenes Werk, das Freud f\u00fcr sein opus magnum hielt und das f\u00fcr die psychoanalytische Literaturforschung von grundlegender Bedeutung ist: <em>Die Traumdeutung<\/em>. Zur Illustration ihrer Bedeutung sollen hier nur zwei repr\u00e4sentative Beispiele aus der psychoanalytischen Forschung angef\u00fchrt werden: Nach P. v. Matt hat Freud die alte Vermutung einer engen Verwandtschaft zwischen Traum und Dichtung durch die Entdeckung der ihnen gemeinsamen Gesetze wissenschaftlich best\u00e4tigt: &#8222;Wenn der Traum ein Geschehen ist, das nicht in chaotischer Weise abl\u00e4uft, sondern nach festen Gesetzen, und wenn die Literatur ein Geschehehn ist, das dem Traum seiner Natur nach verwandt ist, dann m\u00fcssen die Gesetze des Traums auch die Gesetze der Literatur sein&#8220; P. v. Matt 1988, S. 1). Wie diese &#8222;Gesetze&#8220; sich auf den verschiedenen Ebenen des Traums bzw. der Dichtung auswirken, erkl\u00e4rt uns W. Sch\u00f6nau: &#8222;Der manifeste Trauminhalt [&#8230;] entspricht dem Handlungsverlauf, der Oberfl\u00e4chenstruktur des literarischen Werkes. Der latente Traumgedanke [&#8230;] entspricht dem psychodramatischen Substrat&#8216; des Werkes. Das Traum<em>erlebnis<\/em> der Rezeption, die Traum<em>deutung<\/em> der Interpretation des Werkes. Die <em>Traumarbeit<\/em>, die Transformation des urspr\u00fcnglichen Traumgedankens durch die Mechanismen der Verschiebung, Verdichtung usw. unter dem Antrieb eines Wunsches, l\u00e4\u03b2t sich mit den unbewu\u03b2ten Anteilen der Kunstarbeit vergleichen, in der ebenfalls eine urspr\u00fcngliche Phantasie einem intensiven wiederholten Verwandlungs- und Bearbeitungsproze\u03b2 unterworfen wird&#8220; (W. Sch\u00f6nau 1991, S. 85).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da\u03b2 Freuds Traumlehre heute noch den Status einer g\u00fcltigen Theorie genie\u03b2t, oder gar als die epochal neue Wissenschaft vom Traum betrachtet wird, beruht wohl nicht zuletzt darauf, da\u03b2 sich ins allgemeine Bewu\u03b2tsein die Vorstellung eingepr\u00e4gt hat, da\u03b2 Freud hier &#8211; im Unterschied zu seinen neurophysiologisch orientierten Zeitgenossen &#8211; den Traum als ein rein psychologisches Ph\u00e4nomen erhelle, da\u03b2 er durch Selbstanalyse oder therapeutische Erfahrung das geheime R\u00e4derwerk der Seele aufgedeckt habe und intuitiv die Vorg\u00e4nge beschreibe, die sich beim Tr\u00e4umen tats\u00e4chlich abspielen. Das ist, wie man nachgewiesen hat, nicht der Fall. Seiner Traumlehre liegt vielmehr dieselbe neurophysiologische Theorie zugrunde, die in seiner nicht-publizierten Arbeit <em>Entwurf einer Psychologie<\/em> (1895) enthalten ist; das theoretische Modell ist mit nur wenigen Modifikation in der <em>Traumdeutung<\/em> wiedergegeben (St. A. S. 514). Nur wenn man diese Theorie &#8222;des psychischen Apparates&#8220; ber\u00fccksichtigt, ist Freuds Traumlehre \u00fcberhaupt begreiflich. Sie soll deshalb hier kurz skizziert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kernst\u00fcck dieser Gehirntheorie, die Freud durch seine Lehrer (Br\u00fccke, Meynert) vermittelt wurde, ist die Vorstellung vom Nervensystem als einem passiven Reflexapparat, der entweder durch \u00e4u\u03b2ere Stimuli, also Sinneswahrnehmungen, oder durch innere (somatische) Stimuli, darunter vor allem die Triebe aktiviert wird. Im Modell gibt es zwei Wege, auf die jene Stimulus-Energie geleitet wird: Sie findet entweder ihre Entladung in motorischer Aktivit\u00e4t, oder sie wird im psychischen Apparat gespeichert, um sp\u00e4ter entladen zu werden,\u00a0 z.B. in Tr\u00e4umen oder krankhaftren Symptomen. Au\u03b2er bei der Produktion von Energie inaktiv zu sein, ist das System passiv auch in dem Sinne, da\u03b2 es die Energiemenge nicht intern regulieren kann und deshalb verwundbar ist. Von \u00e4u\u03b2eren und inneren Stimuli st\u00e4ndig bombardiert und damit der Gefahr der \u00dcberladung ausgesetzt, bedarf das System immer wieder der Entladung, um seine Stabilit\u00e4t wiederherzustellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Rahmen dieser Neurophysiologie ist Freuds Wesens- und Funktionsbestimmung des Traums unschwer zu erkennen: Der Traum ist eine besondere Form der Entladung von innerlich gestauter Trieb-Energie, die das System zu ersch\u00fcttern droht. Der Kompromi\u03b2charakter dieser Entladung, d.h. die Transformation des urspr\u00fcnglichen Traumgedankens zu einem abgemilderten und damit f\u00fcr das Bewu\u03b2tsein annehmbaren Gebilde durch die &#8222;Traumarbeit&#8220;, erkl\u00e4rt sich aus dem Bem\u00fchen des &#8222;Apparates&#8220;, sich von Spannungen zu befreien oder sie auf einem m\u00f6glichst niedrigen Niveau zu halten. Im Sinne von Spannungsreduktion kann der Traum deshalb sinnvoller Weise als &#8222;der H\u00fcter des Schlafs&#8220; (Freud) bezeichnet werden, zumal wenn man bedenkt, da\u03b2 die triebhaften Impulse, die nach Freud beim Tr\u00e4umen besonders aktiv sind, den &#8222;Apparat&#8220; in einen hohen Erregungszustand versetzen. Die psychologische Komponente von Freuds Traumlehre &#8211; die ins Unbewu\u03b2te verdr\u00e4ngten verbotenen Triebw\u00fcnsche und ihre Transformation durch die &#8222;Traumarbeit&#8220; zur Bewahrung der Stabilit\u00e4t der Psyche &#8211; hat seine Theorie des Nervensystems zur Voraussetzung. Insofern als Freud seine Traumlehre auf die damals g\u00e4ngige Neurophysiologie gr\u00fcndete, kann man mit einem gewissen Recht sagen, da\u03b2 er &#8222;die Gesetze des Traums&#8220; entdeckte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber diese Theorie ist l\u00e4ngst \u00fcberholt. Vom Standpunkt der modernen Neurophysiologie kommentiert sie J. A. Hobson auf folgende Weise: &#8222;Most of the neurophysiological assumptions of this model proved to be incorrect as did the psychological constructs that derived from them [&#8230;] The nervous system has the metabolic means of producing its own energy (though it is dependent upon external fuel) and the genetical derived means of creating its own information (though it is dependent on external input for specific information about the outside world.) It is further capable of canceling both endogenous and externally provided energy and information &#8230; The erroneous\u00a0 notions that Freud maintained about energy sources in the nervous system made it impossible for him to recognize that the system might have intrinsic rhythms and sequential phases of activity, and that both might be internally programmed and internally regulated &#8230; Such a system (d.h. Freuds) is as vulnerable as it is dependent, being subject both to invasion by large sources of energy from the outside world an to the constant threat of disruption by internally stored energy &#8230; These ideas became crystallized in the concept of the dynamically repressed unconscious and were carried into the dream theory as the tendency for unconscious wishes to erupt during sleep when the repressive forces of the ego are relaxed. Freud&#8217;s nervous system is in constant need of checks and balances to deal with the threat of disruption from within and without, and his whole concept of psychic defense is related to this errorenous view of how the nervous system actually operates&#8220; (J. A. Hobson 1988, S. 62ff.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie seinerzeit Freud die Struktur seiner Traumtheorie von den ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Einsichten auf dem Gebiet der Gehirnforschung ableitete und ihr durch seine Trieblehre sein eigenes charakteristisches Gepr\u00e4ge verlieh, so hat\u00a0 J. A. Hobson auf der soeben beschriebenen neuen Wissensgrundlage in seinem Buch <em>The Dreaming Brain (1988)<\/em> eine Traumtheorie entwickelt, die uns vom Traum ein radikal anderes Verst\u00e4ndnis gibt und mit aller w\u00fcnschenswerten Klarheit zeig, auf welcher obsoleten Grundlage die psychoanalytische Literaturwissenschaft arbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ausgangspunkt von Hobsons Theorie ist die Erkenntnis, da\u03b2 das Gehirn ein auto-aktiver Organismus ist, der unabh\u00e4ngig von \u00e4u\u03b2eren Stimuli seine eigenen Daten\u00a0 generiert und endogene Prozesse in Gang bringt. Der Traum, oder genauer: jene Denk- und Wahrnehmungsvorg\u00e4nge, die wir &#8222;Traum&#8220; nennen, sind die unmittelbare Folgeerscheinung der Aktivierung vornehmlich der visuellen und motorischen Zentren im Gehirnstamm w\u00e4hrend des REM-Schlafes, wenn die n\u00e4chtliche Aktivit\u00e4t des Gehirns besonders gro\u03b2 ist. Solcherweise durch innere Vorg\u00e4nge determiniert, ist das Tr\u00e4umen &#8222;an integral part of vegetative life rather than a mere reaction to life&#8217;s vicissitudes&#8220; (J . A, Hobson 1988, S. 15). Wie der REM-Schlaf, in dem die weitaus meisten Tr\u00e4ume stattfinden, sich regelm\u00e4\u03b2ig (mit einem Intervall von etwa 90 Minuten), spontan und automatisch ereignet, so auch das Tr\u00e4umen. Auf die Phase der Aktivierung der visuellen und motorischen Zentren im Gehirnstamm folgt die Phase der Integration der erzeugten Daten durch die Gehirnrinde. Dabei dient ihr als <em>einziger<\/em> Bezugspunkt das im Ged\u00e4chtnis gespeicherte Material &#8211; W\u00fcnsche, Erinnerungen, Hoffnungen, Erwartungen, Ambitionen, emotionale Relationen usw. Kurz: die komplexe Lebenswirklichkeit des Tr\u00e4umenden. Der Traum wird somit nicht von psychologischen Motiven <em>ausgel\u00f6st<\/em>; die erzeugten Daten werden vielmehr mit ihrer Hilfe interpretiert, d.h. zu mehr oder weniger verst\u00e4ndlichen Vorg\u00e4ngen, Handlungssequenzen und Personenkonstellationen zusammengef\u00fcgt. Das bedeutet wiederum. da\u03b2 der Traum, an den wir uns beim Wachen erinnern, nicht die verschl\u00fcsselte Version des &#8222;eigentlichen&#8220; Traums ist. Er wird nicht durch die &#8222;Traumarbeit&#8220; in eine andere Sprache &#8222;\u00fcbersetzt&#8220;, er ist nicht die abgemilderte Form eines eines urspr\u00fcnglichen Traumgedankens. Der Traum ist die Denk- und Wahrnehmungsprozesse, die wir tats\u00e4chlich erfahren und deshalb <em>transparent<\/em>. Die Idee der Transformation des Latenten zum Manifesten &#8211; Freuds zentrale These &#8211; ist deshalb hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus der Tatsache, da\u03b2 unser Gehirn beim Tr\u00e4umen wie im wachen Leben st\u00e4ndig darum bem\u00fcht ist, Signale und Informationen zu verarbeiten, im Schlaf aber unter ung\u00fcnstigen Bedingungen arbeitet, erkl\u00e4ren sich alle spezifischen Eigenschaften des Traums, wie z.B. die visuellen und motorischen Halluzinationen, oder die oft seltsamen spatio-temporalen Verzerrungen der Traumszenen: abrupte Orts- und Personenwechsel, unvermittelte zeitliche \u00dcberg\u00e4nge, pl\u00f6tzliche Z\u00e4suren, sonderbare Kombinationen und Mischungen von Menschen und Handlungen usw. Uns interessieren hier besonders die zuletzt erw\u00e4hnten Merkmale des Traums, weil sie nach Freud geradezu die Signatur der Traumsprache sind (Verdichtung, Verschiebung Aufspaltung usw.). Aber w\u00e4hrend sie f\u00fcr ihn aus R\u00fccksicht auf den Tr\u00e4umenden zustande kommen und die Funktion des Traums als H\u00fcter des Schlafes begr\u00fcnden (Bewahrung der Stabilit\u00e4t seiner Psyche durch Spannungsreduktion), sind sie nach Hobson das Ergebnis einer mi\u03b2lungenen oder inad\u00e4quaten Integration der produzierten Signale durch die Gehirnrinde. Das hat seinen Grund zum einen darin, da\u03b2 im REM-Schlaf &#8222;multiple sensory channels simultaneously activated&#8220; werden (ebd. S. 213). Auf Grund dieser Hyperaktivit\u00e4t wird die Integration der Daten erheblich erschwert. Zum anderen erkl\u00e4rt sich die absonderliche Fremdheit des Traums daraus, da\u03b2 dem Gehirn die Beziehung zur Umwelt abgeschnitten ist. Es fehlt der Input von au\u03b2en, der die spezifische Traumerfahrung ordnen und strukturien k\u00f6nnte, wie es im Zustand des Wachens ununterbrochen geschieht. Mit Hobsons eigeen Worten: &#8222;dream bizarreness is thus the direct consequence of changes in the operating properties of the brain in REM-sleep&#8220; (ebd. S. 258). Aus der fehlenden Beziehung des Gehirns zur Au\u03b2enwelt im Schlaf erkl\u00e4ren sich auch andee strukturelle Eigenschaften des Traums, wie z.B. unsere unkritische Hinnahme der Traumszenen als wirklich und unser Unverm\u00f6gen, w\u00e4hrend des Tr\u00e4umens den Irrtum zu korrigieren. Darin weist der Tr\u00e4umde eine strukturelle \u00c4hnlichkeit auf mit mental kranken oder organisch gesch\u00e4digten Menschen: &#8222;The uncritical acceptance &#8230; of dream events as real is as devoid of insight as the most convincing delusional assertions of the schizofrenic, the manic depressive, or the organically impaired patients&#8220; (ebd. S. 9). Die &#8222;Zensur&#8220;, jene kritische, sichtende und ordnende Instanz, der wir unsere mentale Gesundheit und unsere normale Orientierung in der Welt verdanken, ist im Schlaf zeitweilig suspendiert.<\/p>\n<p>Wenn die moderne Traumforschung die Eigenschaften des Traums durch den Vergleich von Gehirnfunktionen im Schlaf und Wachsein ermittelt und dabei erhebliche Abweichungen feststellt, so hei\u03b2t das selbstverst\u00e4ndlich nicht, da\u03b2 Tr\u00e4ume keinen Sinn h\u00e4tten. Es spiegelt sich in ihnen die komplexe Erfahrungswelt des Tr\u00e4umenden wider. Sie sind als Quelle zur Einsicht ins eigene Innere sowie in unsere Beziehung zur Welt und anderen Menschen durchaus informativ, wenn auch darin nicht das tiefe, verborgene Geheimnis unserer Existenz zum Vorschein kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Gebiet der Traumforschung kan man also in den letzten Jahren &#8222;gro\u03b2e Fortschritte in der Theoriebildung&#8220; feststellen. Ironischerweise aber sind es Fortschritte, die der psychoanalytischen Literaturwissenschaft den Boden unter den F\u00fcssen wegziehen: die Analogie von Traum und Dichtung, auf die sie ihre Text- und Interpretationstheorie gegr\u00fcndet hat, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Es sind grundverschiedene Texte, weil sie ihre jeweilige Eigenart v\u00f6llig verschiedenen Entstehungsbedingungen verdanken: W\u00e4hrend der Traum als Teil unseres vegetativen Lebens jeder bewu\u03b2ten Kontrolle entzogen ist, ist das Kunstwerk intentional, vom Denk- und Sprachverm\u00f6gen des Autors, seiner sch\u00f6pferischen Phantasie und Empathie gesteuert. Da\u03b2 wir bisweilen literarische Strukturen und Diskurse als &#8222;traumhaft&#8220; oder &#8222;traum\u00e4hnlich&#8220; bezeichnen, darf \u00fcber die Tatsache des fundamentalen Unterschiedes zwischen Traum und literarischem Text nicht hinwegt\u00e4uschen (ohne da\u03b2 wir aus dem Grunde auf diese metaphorischen Ausdr\u00fccke verzichten sollten).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr die psychoanalytische Literaturwissenschaft ergibt sich aus den obigen Ausf\u00fchrungen zur Theoriebildung ein trostloses Fazit: Eine Literaturforschung, f\u00fcr deren Selbstverst\u00e4ndnis und Methode Freuds Traumlehre &#8222;grundlegend ist&#8220;, hat sich bereits im Ausgangspunkt als Wissenschaft disqualifiziert. Was sie zuwege bringt, hat keinen Erkenntniswert. All der intellektuellen Energie, die man in dieses Projekt investiert hat, mit dem Ziel, die Literaturwissenschaft zu erneuern (vgl. W. Sch\u00f6nau 1988, S. 8), ist verlorene M\u00fche. Dagegen demonstriert man hierdurch, wie man sich in seine eigene Begriffswelt eingekapselt und sich vom dynamischen Feld der Theoriebildung effektiv abgesondert hat. Die Literaturwissenschaft, der man zur neuen Einsicht verhelfen wollte, hat in Wirklichkeit einen schweren R\u00fcckschlag erlitten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus diesem statischen Zustand k\u00f6nnen theoretische Fortschritte innerhalb der Psychoanalyse selber nicht hinausf\u00fchren. Vielmehr f\u00fchrt ein Weiterdenken auf den alten Gleisen nur zu Reformulierungen oder Neuinterpretationen der fraglichen Probleme. Das hat, wie wohl kein anderer, M. Macmillan gezeigt, der in seiner umfassenden Studie \u00fcber Freuds Psychoanalyse ihre Geschichte bis in die Mitte der 1980er Jahre verfolgt hat. Aus der F\u00fclle von Belegen in seiner Untersuchung sollen hier nur einige wenige Beispiele angef\u00fchrt werden, die f\u00fcr die psychoanalytische Literaturforschung besonders wichtig sin:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Sublimierung.\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong> \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Freuds Definition von Sublimierung als der F\u00e4higkeit, das urspr\u00fcngliche Triebziel mit einem anderen, nicht-sexuellen, kulturell h\u00f6her gewerteten zu vertauschen, als Transformation der Triebenergie f\u00fcr andere Zecke, wie z.B. Kunst,\u00a0 wurde in der Psychoanalyse bald als problematisch empfunden, ohne da\u03b2 man \u00fcber den Begriff und seine Verwendung Klarheit gewonnen hat. Zur Diskussion bemerkt Macmilan: &#8222;Since the concept of sublimation came under scrutiny, absolutely no agreement has been reached\u00a0 about the behavior to which the mechanism refers or the underlying process on which it might be based&#8220; (M. Macmillan 1997, S, 486). Da\u03b2 man in dieser Frage keine Einigkeit erzielt hat, ist nicht verwunderlich. Dies beruht darauf, da\u03b2 die triebhafte Energie f\u00fcr andere Zecke nicht transformiert werden kann. Die primitive Vorstellung, da\u03b2 es im &#8222;System&#8220; nur eine Energiequelle g\u00e4be, die je nach Zweck umgewandelt werden k\u00f6nne, ohne an Intensit\u00e4t zu verlieren, hat man l\u00e4ngst korrigiert. Der Neurophysiologe R. W. White schreibt hierzu u. a. : &#8222;an instinctual drive does not function with its own <em>kind<\/em> of energy, but with neural energies released in particular <em> places<\/em> (centers) and organized in particular <em>patterns<\/em>. Energy can be called sexual, for instance, only by virtue of the fact that certain somatic sources or hormonal conditions activate certain nerve centers which in their turn acticvate a characteristic pattern of excitations in skin, genitals and elewheree [&#8230;] Agressive energy is differentiated from sexual by the places and the patterns that\u00a0 are central in the excitation. An ego interest, such as learning the skill necessary for an occupation, is neural in the sense that its places and patterns are not those of either eroticism or aggression&#8220; (R. W. White, 1963, S. 178, zit. n. M. Macmillan, ebd. S. 486).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Konsequenzen, die sich hieraus f\u00fcr die psychoanalytische Kreativit\u00e4tstheorie ergeben, die zum wesentlichen Teil auf das Konzept der Sublimierung gegr\u00fcndet ist, sind fatal. Die Energie, die sich beim Kunstschaffen entfaltet, ist nicht transformierte Triebenergie, sie hat ein anderes Muster und ist anderswo (in der Gro\u03b2hirnrinde) lokalisiert. Die k\u00fcnstlerische Kreativit\u00e4t ist nicht, wie Freud meinte und wie man in der psychoanalytischen Literaturforschung immer noch meint, &#8222;das Paradigma der Sublimierung&#8220; (vgl. R. Wolf 1975, S. 436, W. Sch\u00f6nau 1991, S. 9). R. Wolf macht \u00fcbrigens darauf aufmerksam, da\u03b2 Freud der Meinung war, das Sublimationsverm\u00f6gen sei ein &#8222;Problem der Biologie nicht der Psychologie&#8220;. Die Neurobilogie hat es im Sinne der zitierten Aussage von White gekl\u00e4rt: Man arbeit mit einem leeren Begriff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Narzi\u00dfmus.<\/strong><\/p>\n<p><strong> \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Im Sinne von Selbstliebe oder Bewunderung der eigenen Vollkommenheit ist dieses Konzept unvereinbar mit Freuds Strukturmodell der Psyche von 1925, weil nach Einf\u00fchrung des Todestriebes ein destruktives oder aggressives Element zum Ich geh\u00f6rt. Diese Unstimmigkeit hat man in der Psychoanalyse zwar empfunden, aber daraus nicht die Konsequenz gezogen, wie sie Macmillan so formuliert: &#8222;The correct problem for the ego-ideal, then, is that once Freud incorporated a death instinct in his theory, his original notion of primary and secondary narcisism should have been done away with altogether. A death instinct or other primary aggressive drive necessarely rules out the kind of narcistic state or mode of existence required to produce a completely or even predominately positive ego-ideal&#8220; (ebd. S. 494). Dieser innere Widerspruch hat die psychoanlytische Literaturforschung nicht gest\u00f6rt. Vielmehr hat er sich als &#8222;produktiv&#8220; erwiesen, indem man hier die Ansicht vertritt, da\u03b2 der Autor seine fehlende Vollkommenheit auf das heile bzw. vollkommene Kunstwerk \u00fcbertr\u00e4gt, das ihm als &#8222;Symbol der wiederhergestellten oder wiedergefundenen Vollkommenheit&#8220; gilt (W. Sch\u00f6nau 1991, S. 24) und ihm damit eine narzi\u03b2tische Best\u00e4tigung verleiht. Wie aber, so fragt man sich, kann der K\u00fcnstler ein Kunstwerk schaffen, das\u00a0\u00a0 seine Vollkommenheit wiederherstellt, wenn seine Psyche widerspr\u00fcchlich ist, aus zwei sich widerstreitenden Komponenten besteht? Sind sie dann nicht beide , K\u00fcstler wie Kunstwerk, gleicherma\u03b2en unvollkommen? Da\u03b2 man sich bei der Funktionsbestimmung von Literatur an der Gedankenfigur vom &#8222;heilen&#8220; und &#8222;heilenden&#8220; Kunstwerk orientiert, kann wohl nicht anders erkl\u00e4rt werden, als da\u03b2 man (unbewu\u03b2t?) die romantische Kunstmetaphysik fortschreibt &#8211; eine vielleicht etwas unerwartete Verbr\u00fcderung zwischen einer vermeintlich modernen, kritisch enth\u00fcllenden Wissenschaft und einer alten, religi\u00f6s begr\u00fcndeten Auffassung von Kunst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Die Frage der Identifikation<\/strong>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Identifikation des Kindes mit seinen Eltern im Prim\u00e4r- und beim \u00dcbergang zum Sekund\u00e4rproze\u03b2 (bei der Aufl\u00f6sung des \u00d6dipuskomplexes) und die Konflikte, die dabei entstehen und gel\u00f6st werden, sind in der Psychoanalyse von so fundamentaler Bedeutung, da\u03b2 diesbez\u00fcgliche Unklarheit sie in ihrem Kern ersch\u00fcttern mu\u03b2. Genau das aber ist der Fall. Zum Stand der Forschung bemerkt Macmillan: &#8222;The fact is there is no agreed-upon defintions of identification or of the related concepts of incorporation, introjection, and internalization at either the theoretical or clinical level&#8220; (ebd. S. 496). In der psychoanalytischen Kreativit\u00e4tstheorie aber geht man mit diesen Begriffen um, als bezeichneten sie bewiesene Tatsachen: Das konflikterf\u00fcllte Verh\u00e4ltnis von Mutter und Kind in den ersten Lebensmonaten, mit den f\u00fcr das Kind schweren Krisen (Trennungsangst, Wut, Depression) und ihre \u00dcberwindung durch die Identifikation mit dem &#8222;Aggressor&#8220; bzw. der &#8222;b\u00f6sen Mutter-Imago&#8220; und das dabei wiedergewonnene &#8222;Gef\u00fchl der Allmacht des Selbst&#8220; stellt &#8222;das Urmodell des Schaffens&#8220; dar (W. Sch\u00f6nau 1991, S. 8). Um den Eindruck echter Erkenntnis zu erh\u00e4rten, werden solche Spekulation in eine pseudowissenschaftliche Sprache gekleidet, wenn es z.B. hei\u03b2t, da\u03b2 die entscheidende Phase der Trennungsangst und ihrer Bew\u00e4ltigung durch Projektion und Introjektion &#8222;von vielen Forschern best\u00e4tigt wird&#8220; (ebd. S. 24). &#8222;Best\u00e4tigen&#8220; hei\u03b2t hier wohl nur, da\u03b2 man sich mit der vertretenen Ansicht einverstanden erkl\u00e4rt. Wie Macmillan nachgewisen hat, liegen keine Best\u00e4tigungen vor. Oder wenn man f\u00fcr die n\u00e4mlichen Vorg\u00e4nge den Eindruck umfassender, empirischer Untersuchungen erweckt, indem es hei\u03b2t: &#8222;bei manchen Kindern spielt sich dabei ein heftiger Konflikt ab&#8220; (ebd.). Warum nur bei &#8222;manchen&#8220;, wenn es sich um ein vermeintliches &#8222;Grunderlebnis&#8220; des S\u00e4uglings handelt? Aber diese Rhetorik, f\u00fcr die sich die Beispiele beliebig vermehren liessen, erf\u00fcllt eine wichtige Funktion: sie signalisiert, da\u03b2 man auf festem Boden steht und sich mit Fragen befa\u03b2t, \u00fcber die weitgehend Konsensus und Klarheit herrschen. So wird Theoriebildung zur blo\u03b2en Affirmation der bestehenden alten Widerspr\u00fcche, Inkonsequenzen und Ambiguit\u00e4ten und die scheinbar endlose Reihe von Deduktionen in &#8222;wenn-dann-Resonnements&#8220; der Ausf\u00fchrungen unerm\u00fcdlich weiter fortgesetzt, weil die Pr\u00e4missen der Schlu\u03b2folgerungen (die wenn-Komponente) der Kritik enthoben sind. (Vgl. die oben zitierte Aussage von P. v. Matt zum Verh\u00e4ltnis von Traum und Dichtung.) Nicht Fortschritte, sondern Status quo kennzeichnet die Lage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen es hier mit den erw\u00e4hnten Beispielen zum Stand der psychoanalytischen Forschung auf sich beruhen lassen. F\u00fcr weitere Information in dieser Frage, sei auf die sehr ausf\u00fchrliche Darstellung von Macmillan hingewiesen, besonders S. 484ff. und S. 519ff. Hier soll er nur mit seiner Konklusion noch einmal zu Wort kommen: &#8222;While the basic methodological deficiences remain, it will not matter how great an effort is made or which perspective is adopted. There is no way in which Freud&#8217;s original form of psychoanalysis or any modern derivation will ever lead to a satisfactory personality theory &#8230; After nearly one hundred years of psychoanalysis, psychoanalysts must begin all over again&#8220; (ebd. S. 519).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von vorne wieder anfangen. Das gilt in der Tat auch f\u00fcr die psychoanalytische Literaturforschung, wenn auch die ber\u00fchmten Worte Goethes, da\u03b2 &#8222;aller Anfang schwer&#8220; sei, f\u00fcr sie eine ganz besonders gro\u03b2e Herausforderung darstellen: Sie mu\u03b2 zur Kenntnis nehmen, da\u03b2 das Geb\u00e4ude, das sie mit Hilfe von Analogien, vornehmlich zu Freuds Traumlehre, errichtet und durch seine Pers\u00f6nlichkeitstheorie inhaltlich ausgestattet hat, bauf\u00e4llig ist und da\u03b2 sie sich von Grund auf neu aufbauen mu\u03b2. In methodischer Hinsicht m\u00fc\u03b2ten die oben zitierten Worte Freuds \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Wort und Sache f\u00fcr sie richtungsweisend sein. Sie w\u00fcrde dann die Scheinprobleme hinter sich lassen, die sich aus der Idee der Rekonstruktion der &#8222;unbewu\u03b2ten Kommunikation&#8220; des literarischen Textes ergeben und ihn als eine Sinnstruktur erforschen, die sich allein durch seine Sprache und ihre kontextuellen Bez\u00fcge konstituiert. Was ihre besonderen Erkenntnisziele anbelangt (Sexualit\u00e4t, emotionale Bindungen und Konflikte, Identit\u00e4tsfragen usw.) kann nur eine empirisch orientierte Grundhaltung eine qualitative \u00c4nderung im Sinne intersubjektiv pr\u00fcfbarer und korrigierbarer Ergebnisse herbeif\u00fchren. Von ihrer Bereitschaft, allgemeine wissenschaftliche Kriterien anzuerkennen, wird ihre Glaubw\u00fcrdigkeit abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An eine eigenst\u00e4ndige psychoanalytische Literaturwissenschaft aber w\u00e4re in absehbarer Zukunft nicht zu denken. Eine metapsychologische Theorie, die die obsolete Lehre Freuds ersetzen und als Basis einer eigenen Kreativit\u00e4ts-, Interpretations- und Texttheorie dienen k\u00f6nnte, liegt nicht vor. Da\u03b2 es sie je wieder geben wird, ist wenig wahrscheinlich. Daf\u00fcr hat der wissenschaftliche Fortschritt selbst gesorgt: Immer differenziertere und gegenstandsspezifische Erkenntnisse, wie sie f\u00fcr die Entwicklung etwa auf dem Gebiet der Neurophysiologie charakteristisch sind, k\u00f6nnen nicht durch Analogie auf andere Wissensbereiche \u00fcbertragen werden und die theoretische Grundlage ihrer Praxis bilden. Aus den heute verf\u00fcgbaren Einsichten in die komplexen psycho-physiologischen Vorg\u00e4nge, die sich beim Tr\u00e4umen abspielen, k\u00f6nnen wir nicht ein Erkl\u00e4rungsmodell f\u00fcr die Struktur und Interpretation literarischer Texte ableiten. Aber indem diese Forschung die Entstehungs- und Funktionsbedingungen ungleicher Formen von Textproduktion kl\u00e4rt, wie Traum und Dichtung, sch\u00e4rft sie das Bewu\u03b2tsein ihrer jeweiligen Eigenart und <em>verhindert <\/em>dadurch, da\u03b2 wir fruchtlosen Spekulation anheimfallen. In kaum einer Disziplin ist das n\u00f6tiger als in der psychoanalytischen Literaturwissenschaft.\u00a0 Die Suche nach dem Schl\u00fcssel, der alle T\u00fcren auf einmal erschlie\u03b2t, geh\u00f6rt der Vergangenheit an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\"> \u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong> Literatur<\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong> \u00a0<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman; font-size: x-small;\">Freud, S.: Studienausgabe. Hrsg. A. Mitscherlich, A. Richards, J. Strackey. Frankfurt a.M. 1972.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Hagestedt, J.: Die Entzifferung des Unbewu<\/span><span style=\"font-size: x-small;\">\u03b2ten. Zur Hermeneutik psychoanalytischer Textinterpretation. <\/span> <span style=\"font-size: x-small;\">Frankfurt a. M. 1988.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Hobson, J. A.: The Dreaming Brain. New York 1988.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Macmillan, M.: Freud Evaluated. Amsterdam 1997.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Matt, P von: Die Herausforderung der Literaturwissenschaft durch die Psychoanalyse. In: Amsterdamer Beitr\u00e4ge, Bd. 17, 1983, S. 1 &#8211; 13.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Schmiedt, H.: Regression als Utopie. Psychoanalytische Untersuchungen zur Form des Dramas. W\u00fcrzburg 1987.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman; font-size: x-small;\">Sch\u00f6nau, W.: Die Konturen einer psychoanalytischen Literaturwissenschaft werden sichtbar. In: Merkur, Heft 9\/10, 1988, S. 813 &#8211; 826.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Sch\u00f6nau, W.: Einf\u00fchrung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft. <\/span> <span style=\"font-size: x-small;\">Stuttgart 1991.\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>***<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49\/revisions\/50"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}