{"id":58,"date":"2012-04-17T09:39:53","date_gmt":"2012-04-17T09:39:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/?p=58"},"modified":"2012-04-17T09:41:50","modified_gmt":"2012-04-17T09:41:50","slug":"freuds-wille-zur-macht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/freuds-wille-zur-macht\/","title":{"rendered":"Freuds Wille zur Macht"},"content":{"rendered":"<h2>NY Sun, 29. November 2006<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ronald W. Dworkin<\/p>\n<h1>Freuds Wille zur Macht<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ronald W. Dworkin M.D., Ph.D. praktiziert als Arzt in Baltimore seit 1989. 1995 dissertierte er zus\u00e4tzlich in politischer Philosophie. Er ist verheiratet mit einer Urenkelin von Pr\u00e4sident Th. Roosevelt.<\/p>\n<p>Dworkin ist Autor von \u201e<em>Artificial Happiness: The Dark Side of the New Happy Class<\/em>\u201c (Caroll &amp; Graf). Er ist Senior Fellow am Hudson Institute. \u00dcbersetzung (Weinberger\/<strong>B\u00f6hm<\/strong>) und Nachdruck des Artikels mit freundlicher Erlaubnis des Autors und der New York Sun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Legende sagt, da\u00df Freud, obwohl in den Philosophien seiner Tage bewandert, das Werk Nietzsches eifrig von sich fernhielt, um die Originalit\u00e4t seiner Ideen von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen frei zu halten. Nietzsche nahm von der menschlichen Seele an, da\u00df Werte Projektionen unausgesprochener Begierden und \u00c4ngste seien. Das kam Freuds Idee, die am Ende des 19. Jahrhunderts noch im Umbruch war,\u00a0 sehr nahe, die Wurzeln bewu\u00dften Verhaltens l\u00e4gen in unbewu\u00dften Begehren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre von Dr. Peter Kramers hervorragender neuer Biographie von Freud (Harper Collins, 213 Seiten, $ 21.95) meint man freilich, da\u00df Freud weniger \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse als seine Selbstentdeckung f\u00fcrchtete. Denn Dr. Kramers Freud ist praktisch die leibhaftige Verk\u00f6rperung von Nietzsches Willen zur Macht. Freud war nicht einfach nur unglaublich ehrgeizig. (Im Alter von 4 Jahren versicherte er seiner Mutter, nachdem er einen Stuhl kaputt gemacht hatte, da\u00df er zu einem gro\u00dfen Mann aufwachsen und ihr dann einen anderen Stuhl kaufen w\u00fcrde). Freud war, genauer gesagt, entschlossen, die Welt zu systematisieren, Ordnung ins Chaos zu bringen und seine Theorie vom Leben dem Leben selbst aufzudr\u00fccken \u2013 eine so durchdrungene Entschlossenheit, da\u00df einer seiner Kollegen sie \u201epsychisches Bed\u00fcrfnis\u201c nannte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Kritik an Freud, dem\u00a0 Systematiker, zieht sich durch Kramers Buch und\u00a0wird unterlegt durch Freud&#8217;s irritierende Neigung, ganze Theorien zur menschlichen\u00a0Natur\u00a0aus einer Handvoll pers\u00f6nlicher Beobachtungen abzuleiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus nur einigen wenigen F\u00e4llen sexuellen Mi\u00dfbrauchs theoretisierte Freud, da\u00df Hysterie aus solchen in der Kindheit erlebten \u00dcbergriffen herr\u00fchre und da\u00df diese allgemein verbreitet seien. Seiner Anklage fehlte jedoch die faktische Basis; die Vorstellung, da\u00df Eltern in ganz Europa ganz allt\u00e4glich die \u201eVaginas, Mundh\u00f6hlen und Endd\u00e4rme\u201c ihrer Kinder mi\u00dfbrauchten, strapazierte das Vorstellungsverm\u00f6gen. Seine Kollegen lachten zu Recht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Theorie vom Oedipus-Komplex baute Freud auf \u00e4hnlich grobe Verallgemeinerungen, n\u00e4mlich die, da\u00df alle Kinder ihre V\u00e4ter zu t\u00f6ten und mit ihren M\u00fcttern zu schlafen w\u00fcnschten. Ein paar fragw\u00fcrdige Patienten-Erlebnisse best\u00e4tigen jedoch kaum eine neue Erkenntnis \u00fcber die menschliche Natur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was sollen wir mit einem Mann machen, der sich laut Kramer den Menschen\u00a0\u00fcber eine Theorie\u00a0und nicht\u00a0 durch nat\u00fcrliches\u00a0Verst\u00e4ndnis\u00a0ann\u00e4herte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn der Wille zur Macht einen K\u00fcnstler bef\u00e4llt, ist die Folge oft spektakul\u00e4r und unterhaltsam und gefahrlos dazu, weil der K\u00fcnstler mit Farbe oder Ton niemanden verletzen kann. Wenn der Wille zur Macht aber einen Politiker bef\u00e4llt, kann das sehr gef\u00e4hrlich sein:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen im Griff von Fanatismus biegen Menschen und Ereignisse nach ihrer Theorie von gut und b\u00f6se. Man denke an Stalins gewaltsame Kollektivierung und an Hitlers Vorstellung von Lebensraum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freud liegt irgendwo dazwischen: Wenn er schreibt, \u201e<em>wir werden letztlich jeden Widerstand durch die unersch\u00fctterliche Natur unserer \u00dcberzeugungen besiegen<\/em>\u201c, h\u00f6rt er sich an wie ein Faschist oder ein Kommissar. Da Freud aber Arzt und kein Politiker war und keine Polizeigewalt besa\u00df, konnte er Menschen nur begrenzt verletzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Forschung brachte in den 80ern ein Beispiel seiner Art der Verletzung an den Tag. In der Art seiner \u00fcbereilten\u00a0Schlu\u00dffolgerungen sprach Freud\u00a0einem m\u00e4nnlichen Patienten (der bei Nachpr\u00fcfung des Falls wohl an einer bipolaren St\u00f6rung litt)\u00a0\u00a0latente\u00a0homosexuelle Neigungen zu. Er riet dem Mann, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und seine Geliebte zu heiraten und sagte dann dieser Geliebten, wenn sie nicht mitspielte, w\u00fcrde der Patient\u00a0m\u00f6glicherweise\u00a0niemals \u201enormal\u201c werden. Das Paar befolgte den Rat Freuds, der mehr ein Befahl war, und heiratete. Drei Jahre sp\u00e4ter waren sie wieder geschieden und ihrer beider Leben ruiniert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wiewohl das psychiatrische Establishment Freud heute weithin vom\u00a0 Sockel geholt hat [1], lebt seine Reputation als ein weiser Mann fort, teilweise auch\u00a0aufgrund seines immensen literarischen Talents.\u00a0\u00a0Es kursiert das\u00a0Ger\u00fccht, da\u00df Freud einmal zum Nobelpreis f\u00fcr Literatur vorgesehen war. So sch\u00f6n geschrieben sind seine B\u00fccher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber\u00a0Freud&#8217;s guter Ruf lebt haupts\u00e4chlich deshalb weiter,\u00a0 weil er immer noch mehr als Wissenschaftler denn als Philosoph angesehen wird. Weil das Wissen in der Wissenschaft kumulativ ist und jede Generation von Wissenschaftlern auf der Arbeit ihrer Vorg\u00e4nger aufbaut, wird Freuds Werk als Bestandteil des gro\u00dfen Geb\u00e4udes angesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist falsch. In der realen Wissenschaft haben Dinge Namen, weil\u00a0sie einen realen Wert darstellen\u00a0 \u2013 daher die Worte \u201eAtom\u201c oder \u201eMolek\u00fcl.\u201c In Freuds Psychoanalyse haben Dinge Wert, weil sie einen Namen bekommen haben \u2013 \u201eOedipus-Komplex\u201c, \u201eKastrationsangst\u201c \u2013 und nur weil gen\u00fcgend Leute von ihrem Wert \u00fcberzeugt waren. Wenn Wissenschaftler Atome oder Molek\u00fcle ignorierten, existierten diese Partikel und ihre vitalen Effekte immer noch. Wenn Freuds Konzepte ignoriert w\u00fcrden, w\u00e4re es mit ihrem Wert, ja ihrer Existenz f\u00fcr immer vorbei. Freuds Analyse ist keine Wissenschaft; sie ist eine Modeerscheinung, die g\u00e4nzlich vom \u00f6ffentlichen Beifall abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freud entdeckte nicht das Unbewu\u00dfte. Andere \u00c4rzte hatten vor ihm dar\u00fcber schon geschrieben. Er entdeckte auch keine Ph\u00e4nomene wie \u201eFreudsche Versprecher\u201c, \u201eVerdr\u00e4ngung\u201c oder \u201e\u00dcbertragung\u201c. Was er machte war: Er gab diesen mentalen Ph\u00e4nomenen Namen, machte sie zu Symbolen und ben\u00fctze die Symbole dann als Stra\u00dfenschilder und Grenzmarkierungen im weiten Unbestimmten der menschlichen Seele. Er war nur einer der Vielen, die versuchten, den Energie-Riesen Leben zu z\u00e4hmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ordnung aus Chaos. Wille zur Macht. Sie k\u00f6nnten die einzigen Gemeinpl\u00e4tze bez\u00fcglich der menschlichen Natur sein, die von der\u00a0ganzen Freud-Geschichte \u00fcbrig bleibt.<\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p>[1]\u00a0 Gilt f\u00fcr Amerika. In anderen L\u00e4ndern, so in Deutschland hofieren besagtes \u201eEstablishment\u201c und die \u201epolitisch-mediale Klasse\u201c den Betr\u00fcger Freud nach wie vor und f\u00fchren die Menschen irre (Weinberger).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>***<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/58"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=58"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/58\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/58\/revisions\/63"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=58"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=58"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.psychiatrie-und-ethik.de\/wpinfcde\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=58"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}