Aktuelles und Grundsätzliches

 In dieser Rubrik stehen meist kürzere Mitteilungen und Stellungnahmen zu aktuellen Ereig­nissen, die zwischen den früher meist halbjährlich, jetzt eher jährlich erscheinenden Rundbriefen an­fallen. Da diese Kurzmitteilungen vom Zeitablauf oft rasch überholt sind, werden sie nach kürzerer Zeit gewöhnlich von anderen abgelöst. Was von den aktuellen Ereignissen langfristig festgehalten zu wer­den verdient,  wandert dann in den jeweils näch­sten Rundbrief. Meist berichten wir in dieser Rubrik mehr  im allgemeinen Zusammenhang psychiatrischer Mißbräuche als etwa zu Einzelfällen. Die jüngsten Einträge werden jeweils rot markiert. 

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Am 7.7.2014 hat das Wiederaufnahmeverfahren für Gustl Mollath begonnen. Am 14.8.2014 endete es mit dem Urteil. Hier unsere Stellungnahme:

Nach dem Urteil

Denker II_07

Auf der diesjärigen Tagung der GAG in Gießen (s. RB 1/13,4) am 6.9.2914 – DIE RICHTER UND IHRE DENKER – legte Gustl Mollath erstmals seine Erfahrungen mit dem Psychiatrie-Mißbrauch und seine Schlußfolgerungen vor einer öffentlichen Versammlung von Psychologen, Psychiatern, Betroffenen  und Nicht-Betroffenen dar, wie sie seit nunmehr vier Jahrzehnten ähnlich von uns immer wieder vorgetragen werden. Als Videos sind hier abrufbar das Einführungsreferat von Prof.  A. Christidis sowie die Ausführungen von Prof. K. Dieckhöfer und von Gustl Mollath.

Das Urteil des Landgerichts Regensburg vom 14.8.2014, der Kammer unter dem Vorsitz von Elke Escher, fiel aus, wie es nicht wenige vorausgesagt haben.

Es sprach wie sein Vorläufer 2006 Mollath frei, teilweise diesmal etwa von der Anklage der Reifenstechereien und von den Taten am 31.5.2002 gar aus „tat­säch­lichen Grün­den“, zum Teil aber auch nur „aus rechtlichen“. Die von der Frau angezeigten Tätlich­keiten am 12.8.2001 befand das Gericht aber als erwiesen, mit so triftigen Argumenten Dr. Stra­te deren Glaub­würdig­keit in seinem Schlußplädoyer auch erschüttert hatte. Mollath selbst erklärte dem Gericht sein „Nur-Ab­weh­ren“ von Übergriffen der Frau nicht näher und dieses fand seine Er­klärung der ärztlich attestierten Verletzungsfolgen mit einem „Sprung aus dem fahrenden Auto“ als unschlüssig. Damit blieb die Urhe­ber­schaft für diese Tätlichkeiten an ihm hängen. Ob sie „lebensgefährliche Körper­ver­letzungen“ darstellten, dafür blie­ben die Beweise dünn. Dem Gericht aber genügten sie.

Psychiatrisch noch fragwürdiger blieb die gerichtliche Zuerkennung einer möglichen Schuldun­fähigkeit Mollaths, die sich auf die Aussage des Sachverständigen Prof. Ne­dopil stüt­zt. Sie ist wissenschaftlich unhaltbar. Eine punktuell nur auf ein bestimmtes Datum, etwa den 12.8.2001, eingegrenzte Schuld­un­fähigkeit gibt es nur in Ausnahmesituationen. Eine solche steht hier nicht zur Diskussion. Schuldunfähigkeit resultiert in der Regel aus schwerer, chronischer Krankheit wie etwa der vordem (falsch) diagnostizierten wahnhaften Stö­rung. Nedopils angeblich für den 12.8.2001 „nicht ausschließbare Schuldunfähigkeit“ übernahm das Gericht wohl nur, um Mollath die „Beschwer“ und damit die Revisionsmöglichkeit gegen das Urteil zu nehmen.

Das Gericht blieb hinter den Erwartungen Dr. Strates zurück (s. sein Schrei­ben an uns “Vor dem Urteil”), von Mollath selbst mit her­beigeführt. Strate erklärte danach jedoch, er “halte das Urteil insgesamt für sehr ordentlich begründet.” Sein großes Verdienst bleibt, daß das WAV überhaupt zustan­de kam und Mollath damit ein Leben in Freiheit wieder offen steht. Daß Strate Mollaths Sache mit größtem Aufgebot an Zeit und geistiger Präsenz betrieb und das als hoch renommierter Strafverteidiger auch noch für Gottes Lohn, dafür kann Anerkennung nicht genug sein.

Das Zerwürfnis zwischen Mollath und dem Anwalt, das zuerst am 23.7.2014, nochmals am 28.7. zu Tage trat – es endete zum Glück dann versöhnlich -, wäre u.E. nicht nötig gewesen. Es hatte auf den Aus­gang des Prozesses wohl auch kaum Einfluß. Dr. Strate blieb ja bis zuletzt als Pflicht­verteidiger an Mollaths Seite. Einzelne der gefallenen Aus­drücke waren unnötig. Mollaths Beweisanträge waren nur zu verständlich. Bei aller Limi­tierung des Verfahrens auf die Anklagepunkte von 2006 war sein Begehren, auch von ihm benannte Zeugen und Gutachter möchten Gehör finden, gerade auf dem Hin­tergrund, daß das Gericht erneut einen von ihm vehement abgelehnten Sachver­stän­di­gen aufbot, nur zu berechtigt. Nichts von dem, was Nedopil bei Mollath an Ver­dachtsmomenten nannte, belegte „Psy­cho­patholo­gi­sches“, belegte Krankheit. Indem er wie dann auch das Gericht solches gegen Molalth anführten, betrieben sie haltlose „Psycho-Verdächtigung“.

Daß die „Psychiatrie-Kiste“ (Strate), die doch die Hauptmittel und -Methoden enthält, mit denen Mollath über siebeneinhalb Jahre zuge­setzt worden war, bei Gericht verschlossen ble­iben sollte, mußte dieser als Zumutung nehmen. Um so gewichtiger bleibt ein Satz, mit dem Dr. Strate am Schluß seines Plädoyers am 8.8.2014 den psychiatrischen Sach­ver­halt auf den Punkt brachte: “Dieser Fall war für die Psychiatrie ein Fiasko“.

Die Medien hatten bei aller umfangreichen Publizistik über den Fall Mollath die psychia­trische “Kiste“ konsequent zugehalten. Und auch manche seiner „besten“ Unter­stützer hielten es so. Einige von ihnen richteten auf uns, die wir schon von unserer Satzung her in diese Kiste speziell hineinleuchteten, gar böse Angriffe. Allein über besagtem „Zer­würfnis“ rückten wie die Medien viele von Mollath ab. Rasch war er jetzt wieder der„uneinsichtige Geist“, die „schwie­rige, bis­weilen queru­lato­rische Per­sön­lichkeit“. Er, der wegen der Dauer-Prä­senz des Psych­iaters Nedo­pil im Prozeß kaum den Mund auftat, habe „den Gedulds­faden seines Anwalts bis zum Zerreißen strapaziert“ (NN vom 2.8.14).

Das vielfach „salomonisch“ genannte Urteil brachte Mollath große Erleichterung, schonte auffallend aber die Täter, die Ex, die Bank, die Richter, die Schlechtachter, kurz: das „System“ und seine maßgeblichen Träger und Exekutoren. Genau das haben einige vorausgesehen. War das ganze WAV ein abgekartetes Spiel mit im Voraus bereits feststehendem Ergebnis? Hier was Mollath selbst zum Urteil sagte: https://www.youtube.com/watch?v=ixpBNDK8sBg

Wenn das WAV den Zweck verfolgte, Ruhe in die Bevölkerung zu bringen, so wird es das Ziel mit dem Urteil wohl nicht so leicht erreichen. Der Fall war und ist in vielerlei Hinsicht so skandalös, daß das Echo, so uneinheitlich es jetzt auch ist, so schnell nicht abklingen wird. Ob besagtes “Fiasko” in dem Fach noch ein wenig (Selbst-)kritik, Selbst-Reflexion aufkommen läßt und, wenn nicht hier, dann zumindest in der Öffentlichkeit, bleibt abzu­warten. Daß unser Gutachten vom 30.4.2011, durch das der Fall überhaupt erst ins Rollen kam, und damit die Bruchstellen der Psychiatrie, durch die ihre Mißbräuche überhaupt erst möglich werden, in den Medien wie jetzt bei Gericht überhaupt nicht zur Sprache kamen, zeigt, welch hohes Interesse am Verschlossen-bleiben der “Psychiatrie-Kiste” bei der “Obrigkeit” weiter besteht.

Dr.  Weinberger, GEP                                     16.8.2014

Wie am 22.8. bekannt wurde, hat Mollath Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt. Es vertritt ihn jetzt der Münchner Strafverteidiger  Adam Ahmed.

Der Verlauf des Verfahrens läßt sich kontinuierlich auf verschiedenen Webseiten verfolgen, auf der Site seines Verteidigers Dr. Strate selbst (hier inzwischen auch sein Schlußplädoyer vom 8.8.2014), auf scoop.it, auf dem Beck-Blog des Strafrechtlers Prof. Henning  E. Müller, auf Flucht und Ausreise, auf NürnbergWiki von M. Riebe sowie dem Blog der OSTAin a.D. Gabriele Wolff. Dort jetzt auch  weitere Kommentare zum Urteil. Die fachlichen Aspekte des Falles beleuchtet auch unser Mitglied Petra Kutschke. Als Psychiaterin, die selbst mit ärztlichen, psychiatrischen Gremien und Behörden ungut zu tun hat, unterzieht sie Leipzigers Gutachten hier einer breiten, durchdringenden Methodenkritik.

Unsere Webseite stellt Mollaths Fall nachdrücklich in Zusammenhang mit den Entwicklungen des Fachs insgesamt. Wie in allen Publikationen fließen bei den verschiedenen Webseiten natürlich die persönlichen Einstellungen der Autoren mit ein wie bei den Leitmedien die der Verlagsherren (weshalb unterschiedliche Autoren / Medien zur Kenntnis zu nehmen, ratsam ist). Niemand hat die ganze Wahrheit im Alleinbessitz. Je mehr Menschen sich von unterschiedlichen Seiten über den Fall Mollath hinaus um die offenen Fragen in Justiz, Psychiatrie und Psychologie kümmern, desto größer ist die Chance, daß der unerhörte Fall Mollath und mit ihm besagte Fragen gelöst werden.

Was in dem unerhörten Fall Mollath für unser spezielles Gebiet abfällt, hat Dr. Strate in seinem überragenden  Schlußplädoyer am 8.8.2014 in dem Satz, zusammengafaßt: “Dieser Fall war für die Psychiatrie ein Fiasko“. Ob es in dem Fach jetzt – 40 Jahre haben wir vergeblich gemahnt -  ein wenig (Selbst-)kritik, Selbst-Reflexion aufkommen läßt und, wenn nicht hier, dann zumindest in der Öffentlichkeit, bleibt abzuwarten.

Eine weitere Erklärung dazu unter: Fall Mollath vor dem Urteil, ergänzt zuletzt noch mit Bildern und einem klärenden Wort von Dr. Strate. Was nach dem Urteil vom 14.8.2014, von unserer Seite zu sagen ist, war rot gedruckt oben schon zu lesen (18.8.14).

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Am 3.5.2014 fand in München wieder die Jahreshauptversammlung der GEP unter reger Anteilnahme der aus Nah und Fern angereisten Mitglieder und Gäste statt.

Zum Vortand neu hinzu gewählt wurden

Frau Kristina Kause, Schwabach, als Schatzmeisterin, Nachfolgerin unseres verstorbenen Gründungsmitglieds Christine Gattinger

sowie

Dipl.Psych. Klaus Schlagmann, Psychotherapeut in Saarbrücken (s. „Über uns“). Mit Schlagmann zusammen wurde Mitte Juni neu die Rubrik Psychoanalyse als Diskussionsforum etabliert.

In seinem Rechenschaftsbericht zur Versammlung nahm Dr. Weinberger Stellung zu verschiedenen aktuellen Problemkreisen, so zur
– Situation im Fall Mollath
– zum System des Psychiatriemißbrauchs allgemein
– zu psycho-justiziellen Übergriffen im famlienrechtlichen Bereich
– zu Psychiatrisierungen durch die Arbeitsverwaltung
– zu Entwicklungen in der Psychotherapie
– zu Korrelationen von Politik und Psycho-Fächern u.v.m.

Der umfängliche Jahresbericht (im Anhang dazu eine Korrespondenz, leider eher ein Schlagabtausch mit der Fachgesellschaft DGPPN kann hier eingesehen werden. Zu einzelnen daraufhin eingetroffenen Repliken nimmt hier nochmals ein Schhreiben an unsere Mitglieder und Freunde erläuternd Stellung.

U.a. kommt da der Fall der Polizeiinspektorin Andrea Kuwalewsky aus Neustadt /W. zur Sprache, der, wie sie bei der Versammlung mitteilte, im letzten November ihre vier Kinder entzogen und diesen der Tort der gewaltsamen Heimunterbringung angetan wur­den – auslösend das lausige Gut­ach­ten einer Psychologin, gegen das alle Gegengutachten, u.a. meines, und alle anwaltlichen Eingaben bisher machtlos blieben. Zurück zur Mutter strebend, sonst Suizid ankündigend, ist der Älteste, Maximilian (13), aus dem Kinderheim am 13.6.14 entwichen zurück zu seiner Mutter gekommen. Das Jugendamt hatte diesmal Einsicht und beließ es dabei. Der Familienrichter verfügte am  20.6. jedoch erneut eine Inobhutnahme des Jungen, gestützt auf o.g. Psychologen-Gutachten. Als Max von dem Beschluß erfuhr, riß er sich auf der Straße los und flüchtete. Lange galt er als vermißt. Eine weitere Darlegung des Falles ist hier abrufbarAus einem Attest vom 19.8. mag die letzte dramatische Zuspitzung des Falles hervorgehen, die sich dann zum Glück löste.

“Obengenannte habe ich am 25.3. und nochmals am 10.4.2014 eingehend psychiatrisch unter­sucht. Es kamen dabei keine Zweifel an ihrer psychischen Gesundheit und damit auch an ihrer Erziehungsfähigkeit für ihre vier Kinder auf. In einem anschließend verfaßten psychiatrischen Gutachten vom 15.5.2014 habe ich Frau K. als insgesamt psychisch stabil beurteilt. Auf Grund des Betreibens des ört­li­chen Jugendamtes waren die Kinder der Frau im November 2013 entzogen worden. Der älteste der Kinder, Maximilian (12) konnte nach dramatischen Ereignissen – die Inter­ventionen des Amtes wirkten sich für ihn schon lebensgefährlich aus – zu seiner Mutter zurückkehren. Die jüngeren Ge­schwister, Benjamin, geb. 2.4.2004, Johanna, geb. 22.11.2005 und Tillmann, geb. 15.5.2008, aber werden weiterhin im Katholischen Kin­der­dorf Maria Regina in Silz gehalten, 50 km vom Wohn­ort der Mutter entfernt.

 Ich habe in meinem o.g. Gutachten eindringlich schon hingewiesen, daß die Entfernung der Kinder von ihrer Mutter eine unerhörte, m.E. durch nichts gerechtfertigte seelische Be­lastung für die Mutter wie insbesondere die Kinder darstellt. Nach seelenheilkundlicher Erfahrung wird sie ihnen zum Schaden gereichen, gefährdet sie ihre weitere seelische Ent­wicklung in höchstem Grad.

 Wenn ich jetzt von der Mutter höre, daß Benjamin, Johanna und Tillmann in ein noch weiter entferntes Heim nahe Kassel verlegt werden sollen, just um sie dem mütterlichen Einfluß noch weiter zu entziehen, dann kann ich darin nur einen amtlichen Akt seelischer Grau­sam­keit erkennen, dem jede sachliche Grundlage fehlt. Für alle daraus erwachsenden Schäden werden die mit der Familie befaßten Behörden verantwortlich sein.”

Am 20.8.2014  durften auch die drei jüngeren Kinder endlich zu ihrer Mutter zurück. Wie Frau Kuwalewsky das geschafft hat, dazu ein Bericht des Pfalz-Express hier.

http://kindesentzug2013kuwalewsky.files.wordpress.com/2014/08/familienbild.jpg

Seit Jahren erreichen uns immer wieder Mitteilungen über “psycho-justitielle” Übergriffe gerade auf familienrechtlichem Gebiet. Eine Übersicht gibt die Anfang 2014 erschienene Masterarbeit von Stephanie Termeer Die Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen durch das Jugendamt.

Weil wir aber gerade von Erfolgen unserer Bemühungen sprechen – die Durst­strecken waren über die Jahre oft lang -, sei noch ein anderer Fall vorge­stellt, der Fall des Rechtsanwalts Peter Putzhammer aus Isen. Gegen ihn hatte ob seiner juristisch spitzfindigen, mitunter schon groben, un­an­geneh­men Ein­gaben in einem anderen Streitfall ein bayerisches Amtsgericht im März 2012 ein Be­treu­ungs­verfahren eröffnet und sich mit der Frage, ob da nicht „zu­mindest eine par­tielle Ge­schäftsunfähigkeit“ vorläge, an Prof. Nedopil ge­wandt. Von diesem ließ sich der Anwalt aber nicht untersuchen, so daß N. ein Akten­gut­achten erstellte. Gespreizt, wie sich Psycho-Spitzenvertreter gern geben, be­jah­te dieser die Frage halb, zum Glück aber, da die Exploration fehlte, nicht ganz, so das Ge­richt eine weitere Ex­pertise anforderte, dem Angeklagten jetzt aber die Wahl des Gut­ach­ters über­ließ. Auch in Bayern gibt es eben noch faire, nach Recht und Gesetz urtei­lende Richter. Die Wahl des An­ge­klag­ten fiel auf mich. Ich un­ter­suchte ihn Ende 2012, erkannte in ihm eine in­takte, streitbare, fachlich dabei gut beschla­gene Persönlich­keit, in dem Vorgutachten da­geg­en grobe Feh­ler. Im Fe­bruar 2013 lieferte ich ein entspre­chendes Gutachten ab. Dieser Tage erhielt ich von dem Probanden die Nachricht, daß das Gericht „mit Beschluß vom 5.8.2014 das Ent­mündi­gungs­verfahren“ gegen ihn eingestellt habe. Es gibt noch Richter, die auch Gutachten zu beurteilen vermögen.

Apropos Erfolge. Sie wurden in erster Linie von den Betroffenen selbst errun­gen, indem sie wie E. Her­rmann und R. Hoff­mann den Schlägen des krummen Psycho-Sy­stems geschickt auswichen, sie wie P. Putzhammer gekonnt parierten und/oder sie wie G. Mollath und die vier Kinder Kuwalewsky und ihre Mutter tapfer erduldeten, Widerstand leisteten und nicht zer­brachen. Wir gaben nicht mehr als Hilfestellung und sie in unter­schied­lichster und keines­wegs immer unbestrittener Weise.

 Herr Putzhammer etwa schrieb zu obiger Erfolgsmeldung: „Ich würde diesen Richteratrappen na­türlich nicht so den Bauch pinseln.“ Und manch andere, die wir vor der „Psychiatrisierung“ (= Entrechtung, Entehrung, mitunter gar Internierung) bewahrten, kamen uns noch gröber. Wir bleiben ja auch vielen viel schuldig. Die meisten derer, die sich um Hilfe an uns wendeten, konnten wir nicht beistehen, weil es einfach zu viele waren, manchen auch, weil ihr Fall so lag, daß wir für unsere Möglichkeiten keinen rechten Ansatz sahen. Manche kommen zum Glück ja auch ohne unser Tätigwerden aus. So kam nach sieben Jahren Internierung im BKH Taufkirchen am 14.8.2014 Ilona Haslbauer ohne unser Zutun in Freiheit.

 Und noch eines: Die Arbeit der GEP wird ehrenamtlich erbracht. Wo aber in Ein­zelfällen in üblicher Weise erstellte Gutachten angefordert werden, sind diese kosten­pflich­tig, schon weil sie sich anders à priori als Gefälligkeitsgutachten selbst disqualifizierten. Rück­blickend glaube ich, für die Ziele der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Gottes Lohn die gute Hälfte meiner Lebens­­arbeits­kraft eingebracht zu haben. Ähnlich meine Mitstreiter. Daß viele Bemühungen erfolglos blieben, viele im Kreis nicht nur der Kollegen, des „Establishments“, sondern auch bei Be­troffenen und ihren Unterstützern aus unterschiedlichsten Motiven Argwohn und Animosität auslösten, mußte hingenommen werden. Es menschelt halt überall.

Dr. Weinberger

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Die Zustände in bayerischen psychiatrischen Krankenhäusern scheinen mitunter  so zu sein – der Fall  Mollath hat anhaltende Aufmerksamkeit für sie zum Glück auf­kommen lassen -, daß auch der Bayerische Rundfunk nachhakt, am 9.2.2014 hier etwa so.

Es werden halt auch bayerische Psychiater  von ihren (oberen) Fachvertretern, Fachjournalen tüchtig ein­geseift. Da berichtete DNP 2014; 15 (2) unter der Überschrift „Psychiatrie ohne Zwang – zu schön um wahr zu sein“ von dem Heidenheimer Chefarzt Dr. Zinkler – Antipsy­chiater stellten ihn auf dieser Website schon als Vorbild dar -, der auch gerichtlich genehmigte Zwangs­be­handlungen (mit Psychopharmacis) seit Mitte 2011 nicht mehr durchführe. Nur sei die Zahl der Fixierungen in seinem Haus erheblich gleichzeitig angestiegen. Zugenommen hat in der Zeit von 10/11 bis 2/13, als es auf Grund von BGH-Ur­tei­len in Baden-Würt­temberg keine Zwangsmedikation gab, auch die Zahl ag­gres­siver Handlungen unter Mitpatienten um 44%. Einem Vortrag beim DGPPN-Kongreß 2013 entsprechend, berichtet der Artikel auch aus den liberalen Nieder­landen von Zwangmaßnahmen dort, u.a. von Fixierungen bis zu 8.015 Stunden, wogegen wohl die 60 Tage (= 1440 Stunden) Fixierung, die Mollath u.a. kürzlich einem Krankenblatt des Bezirks­kran­kenhauses Taufkirchen entnahm, fast nicht aus dem Rahmen fallen. Wie leicht verblassen Gräßlichkeiten in wissenschaftlichen Bei­trägen! Wer möchte nicht laut aufschreien? Wie schwierig die Behandlung psychisch Kranker mitunter ist, darüber gebe sich niemand Illusionen hin. Das alles rechtfertigt aber Intransparenz und Übergriffe nicht. Sie kommen vor, wo Men­schen Mächtigen ausgeliefert, Kontrolle un­zureichend und Kritik erschwert sind.

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Auf Initiative der Münchner Medizin-Studenten kam der Fall Mollath am 13.12.2013 im Hörsaal der Chirurgischen Klinik der LMU, München erstmals vor ein Anteil nehmendes medizinisches Auditorium. Es referierten und diskutierten mit den großenteils studentischen Teilnehmern von ärztlicher Seite Dr. Hanna Ziegert, Prof. Dr. Dr. Klemens Dieckhöfer und Dr. Friedrich Weinberger (deren Referate verlinkt), von juristischer Seite Ministerialrat Dr. Wilhelm Schlötterer und Oberstaatsanwalt Dr. Karl als Vertreter des bayerischen Justizministeriums. Eindrückliche Worte sprach Gustl Mollath selbst. Zwei Berichte über die Veranstaltung aus unterschieliicher Perspektive sind hier abrufbar.

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Nachwehen des Falles Gustl Mollath
(Beitrag vom 28.11.2013, am 8.1., nochmals 3.2.2014 überarbeitet und gestrafft)

Für Mollaths Freilassung (am 6.8.2013) konnten sich Unterstützer einsetzen und sie schließ­lich durchset­zen, weil ihm nach den ver­nich­ten­den Ex­per­tisen der Professoren Krö­ber und Pfäfflin rasch, de­tailliert und kom­petent ein anderes Gut­achten, meines, psychische Gesund­heit und Un­gefähr­lichkeit bescheinigte.

Um so verwunderter waren wir in der GEP ob der Vorbehalte, die uns aus Teilen des „engeren“ Unter­stützerkreises, mehr noch dann aus dem „weiteren“ Kreis „neuer“ Unterstützer be­geg­neten. Dass es unter den Unterstützern von Opfern eines Psychiatriemißbrauchs mehr In­ter­­esse für das Fach gebe, als in der übrigen Bevölkerung, dass unter ihnen mehr Unterschei­dungs­ver­mögen wäre für das, was hie unum­gäng­lich, da aber an unrechtsträchtigen Fehl­steue­rungen abstellbar und dringend abzustellen ist, war eigentlich nie zu erwarten. Dafür schwirren zu viele Illusionen in der Öffentlichkeit über das, was im Fach hie unum­gänglich und da un­rechts­träch­ti­ge Fehlsteue­rungen sind. Daß eine Oberstaatsanwältin [1] hie Mollaths Sache juri­stisch–kriminologisch in hervorragender Weise weiter verfolgt, da gleich­zeitig aber den satten, in weiten Teilen der Welt bereits überwundenen Un­fug der Psycho­ana­lyse hochlobt und den (Freud-kritischen) Gutachter herunterreißt, der Mollath mit zur Freiheit verhalf, zeigt ein weiteres Mal den Wirrwarr an, der in der Öf­fent­­lichkeit über die Psy­cho-Fä­cher weithin herrscht. Leicht kann er von interessierten Mächtigen über die Medien weiter aufrecht­erhal­ten, ja vergrößert werden.

Aus diesem Wirrwarr heraus passierte es, dass sich in einem dieser Unterstützerszene ent­sprungenem Buch (STAATS­VER­SAGEN AUF HÖCHSTER EBENE) zwei Psychiater mächtig jetzt zu Wort kommen, die seinerzeit keinen Finger für Mollath rührten. Der eine,Dr. Torhorst schreibt (so M. Riebe auf NürnbergWiki), der Fall Mollath zeige, „daß die Psychia­trie in Kompli­zenschaft mit der Justiz Menschen mit psychischer Erkrankung be­nach­teilige (S. 127), so als sei Gustl Mollath psychisch krank und träfe der Vorwurf der Benachteiligung pri­mär nicht sie. Und der Nervenarzt Dr. Rauch­fuss „betrachtet Gustl Mol­lath als psychisch kranken Straftäter, der therapeutische Angebote abgelehnt habe (S. 131). …” Welch haltlose Verun­glimpfung durch „Psychis“ jetzt noch – und das in einemUnterstützer-Buch“.

Daß jetzt vor allem „neuere“ Mollath-Unterstützer von uns, der GEP, abrückten, hat allem An­schein nach den Grund, dass sie wie Wolff und viele andere im Land auf der Freud-Schiene lau­fen. Nur an­dere Psy­chia­ter, die wie ich ge­gen die Sachverständigen Leipziger, Kröber, Pfäfflin  ange­treten wären und ge­gen Staats­anwälte und Gerichte die psychische Gesundheit Mol­laths aus­gewiesen hätten [3], oder die wie Prof. Dieckhöfer besagten Schlecht­achtern mit der not­wen­digen Klarheit und wis­sen­schaftlichen Autorität entgegen­getre­ten wä­ren, ha­ben die Un­ter­stüt­­zer (die ursprünglichen, denen die Aufgabe der Suche gestellt war) nirgends gefunden, zumindest nicht, solange Mol­lath un­be­kannt war. Das war sein Glück, dass er, selbst unermüdlich Hilfe suchend, von der GEP schließlich erfuhr, wo man, wenn es sein muß, der „crème de la crème“ der Psych­iater paroli zu bieten gelernt hat. Nicht von unge­fähr stehen Dieckhöfer und ich wie vordem auch von Baeyer mit ande­ren zusammen in der DVpMP/GEP seit Jahrzehnten allein gegen das Psy­cho-Establish­ment, was manchen dieser (neuen) Unterstützer heute gar zum Feixen Anlaß ist.

Freud, auf den der heutige Wirrwarr in der Seelenheilkunde wie der Gesellschaft großenteils zurückgeht, gilt hierzulande – OSTAin a.D. Wolff ist keine Ausnahme – immer noch als ge­nialer See­­lenarzt, in großen Teilen der Welt inzwi­schen eher als großer Schrift­steller, ansonsten als großer Scharlatan. Eine um­fängliche Lite­ratur liegt international dazu vor, auf deutsch die Bücher von D. E. Zim­mer TIEFEN­SCHWIN­DEL, von H. Israels DER FALL FREUD, von H. Hemminger & V. Becker WENN THE­RA­PIEN SCHADEN, von H. Selg SIGMUND FREUD – GENIE ODER SCHARLATAN, von C. Eschenröder, HIER IRRTE FREUD, von K. Schlagmann, ÖDIPUS KOMPLEX BETRACHTET. In ersterem Buch ist schön auch zu sehen, welches Ge­zeter hierzu­lande über die hereinbricht, die es wagen, Freud in Frage zu stel­len. Meist freilich werden sie „nur“ totgeschwiegen.

Kam das Thema Freud mit dem Disput mit Wolff kurze Zeit in Aufwallung, breitete sich bald wieder lähmendes Schweigen darüber aus. Erstaunlich ist ja für viele, dass und wie es die Medien trotz grundgesetzlich verankerter Informationsfreiheit über Jahrzehnte verstehen, dieses und andere wich­ti­ge Themen gänzlich auszuklammern, der Psychiatriemißbrauch eines da­von. Noch aber ist nicht aller Tage Abend. Hat es im Fall Mollath zwei Jahre ge­dauert, bis Politik und Justiz wieder zu Recht und Wahrheit fanden, sieht es so aus, als wolle es noch­mals so lange dauern, bis auch die Psychiatrie dazu gelangt. Die Verbie­gungen rei­chen hier noch viel tiefer, aber auch sie kommen zunehmend ans Licht.

Dr. Weinberger            


[1] Aus­löser des heißen Disputs mit OSTAin  Gabriele Wolff war unser Beitrag  Zur Wissenschaftlichkeit der Psychiatrie (“Psycho-Fächern”) in RB 1/13,7. Wo ungedeckte Hypothesen, fälschlich als Wissenschaft gehan­delt, in die Diagnostik ein­dringen, wird diese grundsätzlich verdorben. Im Fall Mollath brauchte es da keinen beken­nenden Freudianer Pfäfflin mehr, um den “Diagnosen” Leip­zigers oder Kröbers noch eine schlechte Pro­gnose für Mollath draufzusetzen.

 

Hier Weinbergers Ausführungen in Nürnberg am 27.7.2013:

 Wie das Thema Mollath / Psychiatriemißbrauch unter Ärzten diskutiert wurde und wird, dazu anbei ein kleiner Überblick. Wie ungezügelt Politiker zur Durchsetzung ihrer Ziele, welcher auch immer, auf  die Psychiatrie zugreifen, dafür gab SPD-Chef Gabriel im April 2011 ein eindrückliches Beispie (Video).  Daß die Psychiatrisierung als patentes Mittel der Einschüchterung nicht nur hierzulande vorkommt, auch dazu jetzt ein Beispiel (Video). Diese eindrücklichen Videos und auch das nächste stammen von Rainer Hoffmann, der selbst von Psychiatrisierung bedroht wurde – wir haben ihm (s.E. ungenügend) geholfen (RB 1/13, 2.2.1), ihr zu entkommen. Auch unter un­seren Schutzbefohlenen gibt es schwierige Naturen. Hoffmann, ein IT-Freak, stellt wichtige, für unsere Sache mitunter relevante Bei­träge jetzt in die Website Flucht und Ausreise, so auch das folgende Video.

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  Einige früher schon wiedergegebene Aussagen sind es wert, auf Dauer festgehalten zu werden, so

Prof. Igor Schafarewitsch,russischer Mathematiker,ein Freund Andrej Sacharows, in einem Aufruf vom 14.05.1978 anläßlich der Verhaftung des jüdischen Bürgerrechtlers Alexander Podrabinek, der  gegen die damals in seinem Land verbreitete Psychiatri­sierung Oppositioneller, ihre Internierung und Behandlung als Geistes­kranke, nachdrücklich protestierte – seine Worte standen bereits in unserem Rundbrief 3/78:

Wenn man im Menschen nichts anderes sieht als eine Mischung von sozialen oder biologischen Kräften, dann verlieren die Konzepte von Schuld und Strafe jede Be­deu­­tung, so wie sie bedeutungslos sind, wenn sie gegen eine Maschine angewandt werden. So wie ein kaputter Computer nicht vor Gericht gestellt und nicht bestraft, sondern repariert wird, so ist es „notwendig“, eine Person zu reparieren, die aufhört nach dem offiziellen Programm zu funktionieren. Für exakt diesen Zweck gibt es psychiatrische Spezialkrankenhäuser.

Diese Schlußfolgerung ist so unausweichlich, daß schon ein Früh-Materialist wie Weitling, ein Vorläufer und Lehrer von Marx, das Bild einer Zukunftsgesellschaft „von Freiheit und Harmonie“ gemalt hat, in der es keine Gerichtsverfahren und keine Prozesse mehr gäbe, in der vielmehr alle „von schlechten Leidenschaften Besessenen“ in Hospitäler gesteckt und die „Unheilbaren“ auf speziellen Insel-Kolonien festgehalten würden. Dies eine typische, von einem schlimmen Phantasten geträumte Utopie. Um wieviel schauriger ist die Utopie, die das reale Leben ge­schaf­fen hat? Im (noch kleinen) Modell zeigt sie uns, was uns in nicht zu ferner Zukunft erwartet.

Eine Kostprobe davon ist gegeben, wenn Psychiater zwangseingewiesenen „Patien­ten“ in offensichtlich aller Ernsthaftigkeit erklären, daß ihre religiösen Glaubens­überzeugungen oder ihre kritischen Haltungen dem Leben gegenüber, ihr „Mangel an sozialer Anpassung,“ wie die Ärzte sagen, ein klares Symptom geistiger Er­kran­kung seien.

Die Weltanschauung, von der solche Ansicht stammt, ist nicht in Rußland geboren – sie wuchs und trieb Blüten auf westlichem Boden. Aus diesem Grund bin ich sicher, daß auch der Westen von der gleichen Gefahr bedroht ist, wenn vielleicht auch in anderer Weise – von der Perfektion der Techniken zur Mani­pulation des Denkens, von der Veränderung des Menschen in ein „eindimen­sionales“ Wesen, das seiner inneren Freiheit beraubt ist… 

 

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5 responses to “Aktuelles und Grundsätzliches”

  1. Menschenrechtler (E. Stephany)

    Erich Stephany 23.August 2014

    Die fragwürdige, unkritische Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung über das WA-Verfahren:

    Nachdem die Journalisten Herr Przybilla und Herr Ritzer sehr umfassend und kritisch ein Jahr lang über den Fall Mollath berichtet hatten, wurde die Berichterstattung über das WA-Verfahren durch den langjährigen erfahrenen Gerichtsreporters Hans Holzhaider
    v o r d e r g r ü n d i g objektiv fortgesetzt.
    Am Donnerstag, den 14.Aug.2014! berichtete Herr Holzhaider mit dem bildzeitungsreifen Titel: “Der seltsame Gust Mollath” sehr ausführlich über das fragwürdige Marathon-Plädoyer des Oberstaatsanwalts Meindl.
    Zwei Tage v o r dem Urteil verstieg sich der SZ-Journalist mit einer fettgedruckten Überschrift mit der Aussage:
    “Der Mensch hat ein Recht auf Schrullen, aber nicht auf das Durchstechen von Reifen”. Eine üble Vorverurteilung, die dann durch den Freispruch von der Sachbeschädigung bestätigt wurde!
    Eine Berichterstattung über das überzeugende Plädoyer des Herrn Dr. Strate erfolgte nur mit den Worten: Gerhard Strate stellte die Ex-Frau und deren Schwägerin, die zweite Belastungszeugin als Lügnerinnen dar; die Belege, die er dafür aufführen konnten.
    blieben dürftig. Nach der Urteilsverkündigung setzte Holzhaider seine Gerichtsreportage ausschließlich im Bayern-Teil am Samstag den 16.8.2014 mit dem Artikel “Die Passion ist zu Ende” fort.
    Er berichtete über die Einschätzung von Dr. Strate mit seinen Worten:
    “Das ist ein sorgfältig begründetes Urteil, das geht a b s o l u t n Ordnung”.Klasse finde er, wie das Gericht den Vorwurf der Sachbeschädigung auseinandergenommen habe. “Völlig klar” werde aus der Urteilsbegründung, dass das Urteil des LG Nürnberg mit dem
    Mollath in die Psychiatrie eingewiesen wurde, ein Unrechtsurteil gewesen sei: “Die Psychiatrisierung hätte nicht stattfinden dürfen.”.

    Wenn auch die Berichterstattung den Anschein erweckt objektiv zu
    sein, ist sie durch die obigen Aussagen ausgesprochen einseitig, unkritisch und
    m a n i p u l a t i v. Insbesondere durch die unzureichende Berichterstattung über das Verteidigerplädoyer. Damit wurde der offensichtliche Belastungseifer der Ex-Frau verschwiegen und der Gesamtzusammenhang im Fall Mollath geht insbesondere
    in der Berichterstattung über das Urteil m.E. bewußt verloren. Leserzuschriften über das WA-Verfahren wurden nur über die Zwangsbeobachtung durch Prof. Nedopil veröffentlicht.
    Die sublim tendenziöse Berichterstattung durch Herrn Holzhaider hat m.E. das Urteil publizistisch vorbereitet und ist der renommierten Süddeutschen Zeitung nicht würdig.
    Herr Heribert Prantl hat zumindest die gesellschaftspolitische
    Bedeutung von Herrn Mollath im deutschlandweiten Teil gewürdigt.

  2. Mischa

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich würde mir wünschen, es gäbe Journalisten, Gutachter, Studenten, die den Gutachter selbst mit all seinen Konzentrationsschwächen, Gähnen, Müdigkeit minutiös begutachtet.

    Was ich außerdem nicht verstehe ist, wie leicht die kausale Grundvoraussetzung von Krankheit und Straftat über Jahre (und unzähliger unverbrecherischer Tage, Monate, Jahre) hinweg aufrecht erhalten wird.
    Ebenfalls ärgerlich: Der Richter beurteilt letztlich selbst, und könnte auch jetzt schon ohne oder mit Gutachten feststellen, dass keine Anzeige und keine Straftat gegen Mollath vorliegt – selbst wenn er jetzt krank wäre.

    Ach ja, falls es dieselbe Krankheit wäre, dann wäre sie wohl kaum geneigt jetzt noch kausale Erklärungskraft zu haben.

  3. Bockmann Joachim

    Tipp für Betroffene und Angehörige (relativ neue Judikatur!!):

    Betreuungsgerichtliche Genehmigung der Zwangsmedikation
    22. Februar 2012 @ 06:56 | Familienrecht

    Die betreuungsgerichtliche Genehmigung einer Zwangsmedikation ist derzeit mangels einer wirksamen gesetzlichen Ermächtigungsgrundlage nicht möglich.

    Die Zwangsbehandlung eines Untergebrachten ist, wie jeder andere Grundrechtseingriff, nur auf der Grundlage eines Gesetzes zulässig, das die Voraussetzungen für die Zulässigkeit des Eingriffs bestimmt. Dies gilt nicht nur für die materiellen, sondern auch für die formellen Eingriffsvoraussetzungen1. Das Betreuungsrecht enthält in §§ 1904 ff BGB keine Regelungen bzgl. der materiellen Voraussetzungen der Durchführung einer Zwangsbehandlung. Auch das Verfahrensrecht des FamFG enthält keinerlei Vorschriften über die formellen Eingriffsvoraussetzungen. Damit fehlt dem Betreuungsgericht jegliche Befugnis zur Genehmigung einer Zwangsbehandlungsmaßnahme.
    Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts stellt die medizinische Zwangsbehandlung einen Eingriff dar, der nicht nur die körperliche Integrität der Betroffenen als solche, sondern in besonders intensiver Weise auch das geschützte Recht auf Selbstbestimmung berührt.

    Die Gabe von Neuroleptika gegen den natürlichen Willen der Betroffenen stellt einen besonders schweren Grundrechtseingriff dar.

    Das Bundesverfassungsgericht weist in der oben genannten Entscheidung ausdrücklich darauf hin, dass auch die Einwilligung des für einen einsichts- und einwilligungsunfähigen Untergebrachten bestellten Betreuers der Maßnahme nicht den Eingriffscharakter nimmt, der darin liegt, dass sie gegen den natürlichen Willen der Betroffenen erfolgt.

    Im vorliegend vom Amtsgericht Ludwigsburg entschiedenen FAll verweigert die Betroffene seit ihrer Aufnahme in die psychiatrische Abteilung des Klinikums L. jegliche Medikamenteneinnahme. Zwar ist die Betroffene krankheitsbedingt nicht einsichtsfähig und ihre Weigerung, die Medikamente einzunehmen, ist daher nicht das Ergebnis einer freien Willensbildung.

    Das Bundesverfassungsgericht weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Gabe von Neuroleptika gegen den natürlichen Willen des Patienten einen besonders schweren Grundrechtseingriff darstellt, unabhängig davon, ob die Betroffene einwilligungsfähig ist. Sobald feststeht, dass sie sich mit natürlichem Willen gegen die Gabe von Neuroleptika wendet, stellt die Medikamentenabgabe gegen ihren Willen einen besonders schweren Grundrechtseingriff dar.

    Wie ausgeführt, kann dieser Grundrechtseingriff nur dann erfolgen, wenn zuvor vom Gesetzgeber die formellen und materiellen Voraussetzungen in einer klaren und bestimmten gesetzlichen Regelung niedergelegt wurden. Daran fehlt es im Bereich des Betreuungsrechts, so dass das Betreuungsgericht die beabsichtigte Zwangsmedikation nicht genehmigen konnte.

    Dabei übersieht das Gericht nicht die Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 1. Februar 20062. Dort hatte der Bundesgerichtshof zwar, in Anlehnung an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, die „Freiheit zur Krankheit“ betont, jedoch ausgeführt, dass nach dem Betreuungsrecht Zwangsbehandlungen nicht grundsätzlich verboten seien. § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB ermögliche die Zwangsbehandlung einwilligungsunfähiger Betroffener gegen deren natürlichen Willen während der stationären Unterbringung. Weiter ist der Bundesgerichtshof der Auffassung gewesen, dass dem Betreuungsrecht damit eine generelle Rechtsgrundlage dafür zu entnehmen sei, dass der Betreuer auch gegen den natürlichen Willen des Betreuten in eine medizinische Maßnahme einwilligen könne. § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB könne sinnvoll nur dahin ausgelegt werden, dass der Betreute die notwendigen medizinischen Maßnahmen, in die der Betreuer zu seinem Wohl eingewilligt habe und derentwegen der Betreute untergebracht werden durfte, unabhängig von seinem möglicherweise entgegenstehenden natürlichen Willen während der Unterbringung zu dulden habe. Aufgrund dieser Entscheidung hatte das Betreuungsgericht die Genehmigung zur Zwangsmedikation am 14. Januar 2011 erteilt.

    Diese Entscheidung des Bundesgerichtshofs war vom Bundesverfassungsgericht in dem oben zitierten Beschluss vom 23.03.2011 berücksichtigt worden. Nach Auffassung des Betreuungsgerichts kann der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs nach der nunmehr vorliegenden Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nicht mehr gefolgt werden.
    Da es bei der Zwangsmedikation um einen schwerwiegenden Grundrechtseingriff geht, kann die Möglichkeit der Zwangsmedikation nicht im Wege der verfassungskonformen Auslegung § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB entnommen werden, sondern es bedarf einer klaren und bestimmten gesetzlichen Reglung, in der die materiellen und formellen Voraussetzungen der Zwangsbehandlung vom Gesetzgeber bestimmt werden.
    Da es daran mangelt, war der Antrag auf betreuungsgerichtliche Genehmigung der Zwangsmedikation zurückzuweisen.
    Amtsgericht Ludwigsburg, Beschluss vom 18. Mai 2011 – 8 XVII 257/2011

    BVerfG vom 23.03.2011 – 2 BVR 882/09↩
    BGH, NJW 2006, 1277 ff.↩

    Dies ist ein Artikel aus der Rechtslupe: [http://www.rechtslupe.de]
    URL des Artikels: http://www.rechtslupe.de/familienrec…ikation-338786

  4. Karsten Zühlke

    Sehr geehrter Herr Dr. Weinberger,

    Sehr geehrte Freunde und Förderer der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie e.V.,

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    seit der Überwindung meiner über 30 jährigen partiellen Amnesie im Zusammenhang mit meiner zwangsweisen Unterbringung als gerade 16 jähriger, pol. Gefangener (§213 StGB DDR) in dem weltweit als die Hölle von Ueckermünde bekannten „HEILKLINIKUM“, den heutigen AMEOS-Kliniken, befasse ich mich mehr oder weniger freiwillig mit dem pol. initiierten Missbrauch der Psychiatrie.
    Ich danke und beglückwünsche Sie zu ihrem „neuen“ Internetauftritt. Er ist in gewisser Weise ein Quantensprung und wird bereits rein optisch den ohnehin wertvollen Inhalt aufwerten.

    Bitte erlauben Sie mir, Ihnen meine persönliche Achtung und meinen Respekt zu erklären.

    Gleichzeitig erlaube ich mir die Hoffnung, dass sich noch weitere Fachleute konstruktiv in die –oftmals leider auch noch heute hochgradig ominösen- Geschehnisse konstruktiv einbringen.
    Mit freundlichen Grüßen

    Karsten Zühlke

  5. WInston Smith

    Sehr geehrte Damen und Herrn,

    Was sich am 13.2.2012 im Landtag Baden-Württemberg abgespielt hat, sollten Sie sich unbedingt zu Gemüte führen:

    http://www.youtube.com/watch?v=9vjnHK-5vIk

    MdL. Manfred Lucha – selbst Leiter eines sozialpsychiatrischen Dienstes hatte die von der CDU-Vorgängerregierung vorgenommenen Kürzungen der Zuschüsse für die SPDi’s wieder rückgängig gemacht.
    Mit seinem Einzug in den Landtag wurde die Landeskasse zum Selbstbedienungsladen für die Psycho-Branche. Zu der Anhörung im Landtag hatte Lucha all seine “Amigos” geladen, die sich dann auch höflich für den von Lucha angeordneten Geldsegen bedankten. Allerdings waren auch jede Menge Psychiatrie-Erfahrene, sowie der Rechtsanwalt Schneider-Addae-Mensah, der das wegweisende Urteil gegen psychiatrische Zwangsbehandlung vor dem Bundesverfassungsgericht erstritten hatte, anwesend. Diese Gruppe bot Lucha und seinen Leuten ordentlich Paroli.

    Auch im Sozialministerium von Baden-Württemberg spielt sich ähnliches ab. Hier sollt ein neues “Landespsychiatriegesetz” ausgearbeitet werden. Zu den Sitzungen eingeladen waren Vertreter all derjenigen, die an der Psychiatrie und ihrem Umfeld verdienen, also z.B. Vertreter von Psychiatrien, sozialpsychiatrischen Diensten, Psychologenverbände Diakone und Caritas usw. Mit anderen Worten: All diejenigen, die in diesem Umfeld verdienen, sollten für sich selbst ein maßgeschneidertes Gesetz machen dürfen. Die Liste der Teilnehmer habe ich übrigens hier…

    Mfg.

    Winston Smith

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