Aktuelles

In dieser Rubrik stehen meist kürzere Mitteilungen und Stellungnahmen zu aktuellen Ereig­nissen, die zwischen den früher meist halbjährlich, jetzt eher jährlich erscheinenden Rundbriefen an­fielen. Da diese Kurzmitteilungen vom Zeitablauf oft rasch überholt sind, werden sie nach kürzerer Zeit gewöhnlich von anderen abgelöst. Was von den aktuellen Ereignissen langfristig festgehalten zu wer­den verdient, wandert dann in den jeweils näch­sten Rundbrief. Meist berichten wir in dieser Rubrik mehr im allgemeinen Zusammenhang psychiatrischer Mißbräuche als etwa zu Einzelfällen. Die jüngsten Einträge werden jeweils rot markiert.

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Anfang der 1970er Jahre – die deutsche Ärzteschaft war damals weithin noch wert-konser­va­tiv orientiert – war der Autor des folgenden Leserbriefs, Dr. Weinberger, der mit Abstand meistge­druck­­te Autor zu psychiatrischen Themen des Deutschen Ärzteblatts, das allen Ärzten des Landes allwöchent­lich zugeht. Dort brachte er dann lange Zeit nicht den kleinsten Leserbrief mehr unter. Dankbar re­gi­striert er, daß die „Zeitschrift der Ärzteschaft“ eine solche Zuschrift am 15.4.16 wieder ver­öf­fent­l­ichte. Darin geht es weniger um die aktuelle Zuwanderungs- und Asylpro­ble­matik selbst als um die viel beschworene diagnostische Zuverlässigkeit der „neuen (reformierten) Psychiatrie“.

Asylpaket II: Verantwortungsethik beachten

Dtsch Arztebl 2016; 113(15): A-724 / B-611 / C-603

Die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber scheitert nicht selten aus medizinischen Gründen (DÄ 11/2016: „Gesundheitsbedingte Abschiebungshindernisse: Asylpaket II schafft höhere Hürden“ von Petra Bühring und Heike Korzilius).

Hierzu F. Weinberger:

Um Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern zu verhindern, bemühen einige Gutach­ter, Psychiater, Psychologen seit langem vor allem die „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS). Und die Sprecherin der Psychiater-Fachgesellschaft DGPPN, Dr. Hauth, behauptet: „Die Diagnose von psychischen Erkrankungen ist heute genauso zuverlässig wie die soma­tischer Krankheiten.“ Das trifft in Teilbereichen zu, ist insgesamt aber eine Vorgaukelung falscher Tatsachen. Dass die psychiatrische Diagnostik „heute“ sicherer sei als früher, dazu verweisen viele Fachvertreter gern auf die ICD und das amerikanische DSM, die freilich auch nur eine diagnostische Konvention sind, gewiss eine breiter aufgestellte, als es früher etwa die „Würzburger Diagnosen-Tabelle“ von 1931 war. Dabei ist die Diagnose jener PTBS auch nach ICD und DSM immer noch dehnbar genug. Nicht von ungefähr erkennt der Ge­setz­geber sie als generellen Abschiebe-Verhinderungsgrund nicht mehr an – auf die Gefahr hin, vom Prä­sidenten der Bundespsychotherapeutenkammer eine „deutliche Vorein­ge­nommenheit gegen psychische Erkrankungen“ angehängt zu bekommen.

Wenn bei der Migrations- und Asylproblematik mit großen Teilen der Bevölkerung auch viele Ärzte in „Gesinnungsethik“ aufgehen, so sollte die „Verantwortungsethik“ nicht ganz aus dem Blick geraten. Nach Max Weber gebietet sie, „das Ganze“, unter anderem die Langzeit­folgen, zu beachten.

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F. Weinberger

Interview am 15.1.2016 bei RT Deutsch zum Psychiatriemißbrauch

(dazu erst das Video, folgend dann die schriftliche Textvorlage. Der zweite Teil des Manuskripts nachträglich eingefügt, weiter dann Ausschnitte der bei RT Deutsch eingegangenen Kommentare, die selbst wieder kommentiert werden.

Seit 40 Jahren versuche ich mit Mitstreitern in der „Ge­sell­schaft für Ethik in der Psych­ia­trie“ (GEP) Mißbräuchen des Fachs zu wehren. Gerade in jün­gerer Zeit sind dazu meh­rere auf­se­henerregende Fälle bekannt ge­worden. Teilweise hatte unsere Arbeit auch Erfolg:

Dem Ge­schäfts­­mann Eberhart Hermann hat 1994 der damalige Münch­ner Psychiatrieordi­nari­us Prof. Möller, ohne ihn untersucht zu haben, mit einem haltlosen Attest die Exi­stenz un­ter den Füßen weg­ge­zogen. Mit Müh und Not konnte Herrmann sich und seinen Waren­be­stand in die Schweiz retten und dort sein Geschäft neu aufbauen. Im Februar 2010 obsiegte er mit seinen Schmer­­zens­geld- und Scha­dens­er­satzforderungen beim Oberlandesgericht Mün­­chen, wozu auch un­sere Gut­ach­ten[1] beitru­gen. Die Münchner Medien berichteten – knapp. Die Ver­nich­­tung beruflicher Exi­sten­zen durch fal­sche Psycho-Gutachten trifft mitunter auch Psy­chiater-innen selbst.[2]

Weithin bekannt geworden ist der Fall Gustl Mollath. 2006 wur­de er ins Ir­ren­­haus gesteckt und siebeneinhalb Jahre lang dort festgehalten, offensichtlich weil er über große Geld­ver­schie­­­­bungen nicht sprechen soll­te. Ihm angelastete Tät­lich­keiten ge­gen sei­ne Frau, eine Ban­kerin, Geldverschieberin, waren nie be­wiesen worden. 2011 befand ich den Inter­nierten in ei­nem Fachgutachten als gesund und un­ge­fähr­lich. Der Vollstreckungsrichter verwarf es. Mollath mußte weiter brummen. Es ent­stand jetzt aber öffent­li­che Em­pö­rung, sodaß er im Au­gust 2013 wieder frei­kam. Das gan­ze Land lern­te ihn in der Fol­­ge am Fernsehen als mit persön­licher Note „normal tickend“ ken­nen. Den­noch drück­­­­te ihm ein baye­­­ri­sches Gericht im Wie­der­aufnahme­ver­fah­ren im August 2014 auf ein neu bei­­gezogenes, frag­wür­di­ges, fast lachhaftes Gutachten hin er­neut den Makel einer Geistes­stö­rung auf.

Kürzlich, im November brachte VOX eine umfängliche Sen­dung zum Fall Andrea Kuwa­lew­­sky. Der Frau war von einer Psychologin eine „Persönlichkeitsstö­­rung“¸ eigentlich nur der Ver­­­­dacht auf eine solche, ange­hängt wor­den. Mit dieser Begründung aber wur­den ihr ihre vier Kin­der ent­zo­gen und zu deren argem Leid in ein Kin­­der­heim ge­steckt. Ge­stützt auch auf ein Ge­gen­gutachten von mir und auf weitere Helfer konn­te die Frau ihre Kinder im August 2014 glücklich wieder nach Hau­se holen.

Im bekannten Fall der vier Frankfurter Steuerfahnder um Rudolf Schmenger fiel im De­zem­ber ein knackiges Urteil. Die vier hatten jah­re­lang er­folgreich ge­gen Steuerhin­ter­zieher er­mittelt, hat­ten dem Staat Mil­lionen an Rück­zah­lun­gen ein­­­­­­­­ge­bracht, den Finanz­instituten zahl­reiche Straf­ver­fahren. Politisch unerwünscht, hatten sie so am Fi­nanz­platz Frankfurt die ge­wohn­­­­ten Ge­schäfts­ab­läufe ge­stört. Im Auf­trag der Finanzver­waltung wur­den sie darob 2006 psych­ia­trisch be­gut­achtet, vom Gutachter Dr. Holzmann für para­noid befunden und zwangs­pen­sio­niert, so als habe alle vier mit einem Schlag die gleiche Gei­stes­krank­heit be­fallen. Die ge­wieften Beamten ver­standen sich weh­ren. Im Dezem­ber wur­de der Gut­achter jetzt ver­ur­teilt, ihnen ins­ge­samt 226.000 Euro Scha­­dens­er­satz zu zah­len. Und für das Land Hessen könnte die Sache noch teu­rer wer­­den.

Über diese und ähnliche Skandale berichteten die Medien, wenn überhaupt, so, als han­dele es sich doch nur um Einzelfälle, seien es auch vier auf einmal. In unserer GEP er­fuhren wir in den letzten 40 Jahren von vie­len ähnlichen Fällen und viele blieben ge­wiß ver­bor­gen. Re­form­­be­dürftiges im Justiz-System wurde jetzt über dem Fall Mol­lath er­kannt, im Novem­ber darüber der „Maß­regel­paragraph“ § 63 StGB refor­miert. An das Sy­stem Psy­chia­trie[3] aber rührte nie­mand. Das heißt, 1975 gab es, von Ame­ri­ka aus­ge­hend und auch medial lebhaft begleitet, mit einer En­quête der Bun­des­re­gie­rung, von ihr geleitet, durch­aus eine Psy­chiatrie­re­form. Nur hat diese das Fach zu Miß­­­bräu­chen, wie sie jetzt abliefen, erst rich­tig auf­gepeppt

Psychiatrie gibt’s seit 200 Jahren. Dabei gibt es seit langem zwei kri­tisch ein­ander ge­gen­­überste­hende Richtungen, die „klassische“, me­dizin-üblich „bio­logisch“ ori­en­tierte Psy­­­chia­trie und die mehr „psy­cho­lo­gisch“ seelisches Leid aus widri­gen Erlebnissen ableitende. Als ihr Kopf gilt Freud. 1970 brach­te die WHO eine der „klas­si­schen“ Psychiater-Mehr­heit ent­sprechende Dia­gno­sen­liste her­aus, die In­ter­na­tio­nal Classi­fication of Diseases (ICD), um damit die Psych­iater welt­weit auf eine ge­mein­same Spra­che festzulegen. 10 Jahre später, 1980, aber brach die ameri­ka­ni­sche Fachge­sellschaft APA mit einer eigenen Diagno­sen­liste, dem DSM, aus der WHO-Ge­mein­sam­keit aus. Seit langem auf Freud fixiert, der vielen Psy­chia­tern sonst als wis­sen­schaft­lich nicht so zuver­lässig galt, hielt die APA doch strikt, wenn auch mitunter kaschiert, an ihm fest. Sie ver­mehrte dazu die Zahl psych­iatrischer Dia­gno­sen. Zu Be­ginn meiner Berufs­tätig­keit gab es da­von 20, jetzt sind’s über 300![4] Und auch mit der Umbe­nen­nung alter Dia­gnosen gab APA deren In­­hal­ten – wer die Begriffe prägt, prägt ge­sell­schaftliche Wirklichkeit – unter neuen Namen eine neue Bedeutung. Eine arge Groß­zügig­keit, ja Schludrigkeit rissen in die Psycho-Fächer, Psych­iatrie und Psy­cho­logie, ein.

Wäh­rend etwa die bis­her so genannten „Psycho­pa­thien“ (Kurt Schnei­der, RB 1/15, Fn 16) le­diglich akzentuierte Charaktereigen­schaf­ten markierten, be­zeichnen sie jetzt un­ter dem neu­en Na­men „Per­sön­lich­keits­­störung“  klar seelische Krank­heiten. Wenn Per­sön­lich­keits­stö­run­gen von Gut­achtern bei Ge­richt Be­trof­fe­nen an­gehängt wer­den, haben sie jetzt für sie oft schlim­me Fol­gen. Und die neuen Dia­gnosen wer­den be­son­ders in fa­mi­lien­recht­­­­li­chen Ver­­­fah­ren häu­fig vergeben. All­ein­ste­henden El­tern­teilen etwa werden just unter die­ser neu­en „Kran­k­heits­­dia­gno­se“ häufig ihre Kin­der ent­zo­gen (s.o.). Ich habe als Gut­­ach­­ter meh­rere sol­cher Fälle kennen­ge­lernt. Auch Ex-Bundes­mini­ster Blüm weist in seinem Buch EIN­SPRUCH auf die so bewirk­te „Verwü­stung des Rechts“, spe­ziell des Fa­mi­lienrechts hin.

Unter der Hand aber zwang die APA mit dem DSM ihre Vorstellungen den Psy­ch­ia­tern der Welt in er­presse­ri­scher Wei­se auf. Wer in US-Fach­zeit­schrif­­ten pub­li­zie­ren woll­te – das wa­ren nun einmal die prestige­träch­tigsten, einfluß­reich­sten -, der mußte ihre Begriffe mit den ent­spre­­­­chen­den DSM-Codes be­nützen und damit ihren Positionen hul­digen. Das DSM wie die ICD kom­men alle paar Jahre bis Jahr­zehnte mit neuen Ver­sionen her­aus – die Zahl der Dia­gnosen steigt dadurch weiter -, wobei die WHO jetzt ihre ICD dem DSM anpaßt, sie den Ame­rikanern quasi nach­hinkt.[5] Von An­fang an wirk­te im Übrigen po­li­tischer Druck. Die Bun­desregierung, die eta­blier­ten Par­tei­en drückten mit ihrer Psy­ch­ia­trie-Enquête von 1975 ganz nach heutiger GroKo-Manier die neu­en Vor­lagen, de facto ame­­ri­ka­nisch-Freud­sche, viel­fach noch als realitätsfern ausgewiesene Kon­­­­zepte der deut­­schen See­len­heil­kunde auf. So be­stimm­en im Grund jetzt die APA, nach ihrer Selbstbeschreibung „Stimme und Gewissen der mo­dernen Psych­iatrie“, genauer ein Klün­gel aus­ge­wähl­ter „Wis­­sen­­schafts-Oli­gar­chen“ just aus dem Land, in dem sich da­mals selbst die spek­ta­ku­lär­sten Psy­cho-Skan­dale abspielten, wer bei uns fort­an als ge­stört, als krank, als ver­rückt gelten und da­mit recht­los ge­stellt, wie Schmen­­­ger zwangs­relegiert oder wie Mol­lath auf Jahre weg­ge­sperrt wer­den kann.

Wie diese Fälle jetzt hierzulande, bewegten jene Skandale seinerzeit die Be­völ­kerung der USA, 1982 etwa der Fall Osher­off, der die ange­se­hene Freu­dia­ner-Klinik Chest­­nut Lodge in Mary­land Strafzah­lungen von meh­reren hun­dert­tau­send Dol­lar ko­stete, 1983 der Skandal um den (vor­mals) „reputierten“ Freu­dia­ner-Arzt John Rosen, der wegen Ge­walt­tätigkeit gegen Pa­tien­t/inn/en dann seine Lizenz ver­lor, in den 1980er und 90er Jahren, fast bis zur Gegen­wart reichend, die „re­co­vered memory“-Bewegung, die, von frühen Posit­ionen Freuds aus­ge­hend, vieler Men­schen Leben rui­nier­te.[6] Gleichwohl gelang es der APA just in dieser Zeit mit ihrem DSM eine Art amerika­ni­schen Psy­cho-Im­pe­ria­lis­mus zu etablieren.

Die deutschen Psychiater spielten mit. Und die mainstream-Medien schwie­gen oder griffen allenfalls uns fach-intern übrig gebliebene Kri­tiker an. „Schwei­­gekartell“ vom Übelsten auf dem Psycho-Gebiet schon ab den 1970ern! Gut, daß es heute RT Deutsch gibt!

Das Folgende aus dem vorbereiteten Konzept anzusprechen, reichte die Zeit der In­terview-Aufnahme nicht. Da unsere Publikationen aus aller Welt von der GEP-Website abge­rufen werden, könnte das aber die Wie­dergabe des Konzepts hier ausgleichen.

Kurz einige Worte – wir sind hier doch bei einem russischen Staats­sen­der – zu Rußland[7]: Freud spiel­te dort in den vor- wie den ersten nachrevolutionären Jahren unter Trotzki / Lew Bron­­­stein, dem „Kriegskommissar“, dem „Schlächter der Kronstädter Matrosen“, ebenfalls eine her­ausragende Rolle. Der Mensch werde, so verkündeten seine Freudianer – ihre ex­al­tier­ten Töne begegneten uns bei unseren 68ern wieder – „un­ver­gleich­lich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewe­gungen wer­den rhyth­mischer und sei­ne Stimme wird musika­lischer werden. […] Der durch­schnitt­li­che Menschen­typ wird sich bis zum Ni­veau von Aristo­teles, Goethe und Marx erheben…“ Die Be­gei­ste­rung ließ aber bald nach[8], wohl weil sich der von Freud abge­leitete, von Trotzki ge­pushte „neue So­wjet­mensch“ rasch als Luft­nummer erwies. Ruß­land blieb stark und ist nach großer Krise, wenn ich’s recht se­he, durch die Ko-Existenz der ange­stamm­ten gei­sti­gen Kräfte und Wer­te in ihm, des ortho­doxen Chri­sten­tums auch in dessen sä­ku­larer Form als Sozia­lis­mus, alt ver­­wurzelten Pa­trio­tis­mus und wieder entdeckter Marktwirt­schaft, wie­der er­starkt. Vom ame­­ri­ka­ni­schen Neo-Mar­xis­mus, der mehr mit Freud und Trotz­ki als mit Marx zu tun hat und we­sentlich über die Psy­cho-Fä­cher die Auf­lösung tra­dierter Werte im We­sten be­sorgte, blieb Ruß­land jetzt ver­schont, wohl gefeit.

Von Psychiatriemißbräuchen wurde in den 1960er bis 80er Jahren häufig aus der So­wjet­uni­on Chrusch­tschows, dann Breschnews be­richtet. Nach der Wende erfuhren wir von solchen auch aus der Ex-DDR, wovon freilich abgewiegelt wurde, nicht zuletzt von Joachim Gauck. Der ein­zige Welt­politiker, der sich von diesen Fehl­prak­tiken öf­fentlich di­stan­zierte, war Michail Gor­­ba­tschow in sei­nem Buch AL­LES ZU SEI­NER ZEIT – MEIN LE­BEN (RB 1/13,2.9). In Deutsch­land, das ihm wie nie­­­­mandem sonst die Wieder­ver­eini­gung des Landes ver­dankt, kümmert das die wenig­sten. Schweigend nimmt man hin, wie ihn der Westen täuschte, wie entgegen heiliger Verspre­chen die NATO nach Osten vorrückte. Verständlich, daß  die Russen Gorbatschow sein Vetrauen auf diese mündliche Zusicherung heute verargen (Nachtrag 1.5. 2016 anläßlich der Ankündigung der Bundesregierung einer Truppenverlegung ins Baltikum). Für seine außer­­ge­wöhnliche moralische Lei­stung, dem Auf­zeigen schandbarer Miß­bräuche der Heil­kunde, hat Gorba­tschow nirgends Dank und Aner­­kennung er­fah­ren. Sei­en sie ihm von deutscher, von psychia­tri­scher Seite hier wenigstens abge­stattet.

Ein Wort an dieser Stelle noch zu den real-politischen Hintergrün­den des damals inter­na­tio­nalen Widerstands gegen die sowjetischen Praktiken. Unsere Vereinigung, Teil da­mals einer aus „ähnlichen“ Gruppierun­gen in ver­schie­denen Ländern beste­hen­den Asso­zia­tion, der IAPUP, war an ihm voll beteiligt. Mit der Zeit merkten wir jedoch, daß diese ande­ren Grup­­­pen auch von uns abweichende Ziele verfolg­ten und ihnen trübes Geld zuging. In die­sem Kreis, der dann ganz auf (amerikanisch-freud-marxistische) „Reform“ umschwenkte, hör­ten wir 1991, daß die Smith-Richard­­­son-Foun­da­tion, eine der Haupt-Geldquellen – unsere deut­sche Ver­­eini­gung war of­fen­sicht­­lich die ein­zige, die sich über die Jahre al­lein aus Mit­glieds­beiträgen nähr­te -, das Wort „Psy­chia­triemiß­brauch“ nicht mehr hören wolle. Laut Wikipedia un­ter­stützt die Foun­dation vor allem kon­ser­vative US-Po­l­itik! Wir ver­ließen IAPUP[9] rasch. Außer von uns war der sowjeti­sche Psycho-Miß­brauch hier­zulande nur von der FAZ ver­merkt worden. Jetzt aber – die Sowjetunion war 1991 in Auf­lösung, das Hauptziel der Geldgeber wohl er­reicht – tauch­­te be­sag­­tes Wort auch in der FAZ nie mehr auf, auch in Zusammenhang mit der DDR oder jetzt mit Mollath, Schmenger u.a. nie mehr. West­lichen Machthabern, die das Fach, wie sich bald zeigte, ähn­lich miß­brau­chen wie seinerzeit Chrusch­tschow[10] & Co., wollte wohl auch die FAZ das Spiel nicht verderben.

Das ist offen­sichtlich der Grund für den Mißbrauch der Heilkunde, daß Machthaber unter­schied­lich­ster Fär­bung auf unterschiedlichsten Ebenen sie allzu gern gebrauchen und wei­terhin ge­brauchen wol­len, um Oppositionelle, ggf. ganze Gruppen, ganze Lager,[11] die das Sy­stem hinter­fra­gen, zu „erle­di­gen“, sie in leichten Fällen etwa mit der Dia­gnose „Ver­schwö­rungstheoretiker“ zu diskreditieren, in „schwereren“, sie ganz aus dem Ver­kehr zu zie­hen, wo­bei sie ihre Hände noch in Unschuld waschen. Ärzte, Psy­cho­logen, „Sach­ver­ständige“ über­nehmen für sie die Drecksarbeit und versehen diese gar noch mit inter­na­tio­nal- „wissenschaftlichen“ Gütesiegeln. Im Fall Schmenger konnte der hessische Ge­­sund­heits­mini­ster Banzer sagen, das Holzmannsche Gutachten, das wohl auch sei­ne Staats­kasse dem­nächst noch einiges kosten wird, werde von DSM und ICD ge­deckt. So wäre, meinte er, alles in Ordnung.

Daß unseren Machthabern das Treiben in den Fällen Mollath, Schmen­ger u.a. miß­lang, heißt nicht, daß es ih­nen in vielen, wohl den mei­sten Fäl­len bisher nicht gelungen wäre. Über­all in der Psy­chia­trie und Psychologie, der Justiz und in an­deren Berufen finden sie Dienstbe­flis­sene, die ihnen an die Hand ge­hen. Daß die Medi­en mit­spielen, die viel be­schwo­re­ne „öf­fent­liche Kon­trolle“ nicht funk­tioniert, ist das Schlimmste. Psy­ch­iatrie ist Heilkunde ge­wiß, ist aber poli­tisch auch ein Macht­mittel ersten Ranges. Alternative Medien braucht es über RT hinaus hier be­sonders.

Nachdem sich die nationalen Bezüge zu Psychiatriemißbräuchen verändert, ja um­­gekehrt ha­ben – sie ereignen sich jetzt wohl eher im We­sten – und nachdem Rußland zu Beginn der So­wjet­zeit mit Freud selbst intensiv kon­­­­­frontiert war, ist zu hoffen, daß sich die russi­schen Psy­ch­ia­ter, im zeit­lichen Abstand jetzt unbefangen, mit den angeführten Problemen ein­gehender wieder be­fassen werden, nicht zuletzt wegen ihrer aktuel­len po­liti­schen Bedeutung. Daß „der Westen“ die Thematik einseitig in seiner Obhut hält, birgt zu viel Gefahr.

Im Grund berührt die in­zwischen 100 Jahre alte Auseinandersetzung um Freud[12] unsere GEP nur am Rand. Wir versuchen pri­mär kon­kreten Mißbräuchen des Fachs wie den an­fangs ange­führten zu wehren. Solche kommen lei­der un­ab­hängig von allen divergenten Lehr­mei­nun­­gen immer wieder vor. So beur­teilen wir die ver­­­schie­de­nen, oft konträren Rich­tungen der „Psy­cho-Fächer“ vor allem nach den Kri­terien:

  • Wie begegnen sie besagten, ihrem Heilauftrag zu­wider­lau­fenden Miß­bräu­chen? Und
  • Welche Erfolge haben sie konkret vor­zu­weisen?

Unter dicken Eisschichten nicht nur politischer Interessen, sondern auch professionellen Dün­kels war die Diskussion dieser Dinge innerhalb der Psychiater-, der Ärzte- und Psycho­lo­gen­schaft lange erstarrt. Nach­dem RT Deutsch sie in ihrer Dramatik jetzt in die all­ge­meine Öf­fent­lichkeit brachte, könnte es sein, daß sie auch bei Psychiatern und Psy­chologen wieder in Gang kommt. Dank dem Sender RT Deutsch, der das geschafft hätte.

Dr. med. Friedrich Weinberger, GEP

Endnoten:

[1] eines von Prof. Dr. Dr. K. Dieckhöfer, Bonn, eines von mir
[2] s. GEP-Rundbrief 1/15,3.5, der Fall Petra Kutschke
[3] Der Psychiater-Präsident Prof. Dr. W. Maier, Bonn, fand zum Fall Mollath nur, die Presse habe das Fach „zu Unrecht“ ange­schwärzt.
[4] Ältere Autoren schätzten die Zahl schizophrener auf 0,8% (J. Weitbrecht 1963), manisch-depressiver Er­kran­kung auf 0,6% der Bevölkerung (Th. Spoerri, 1970). Schon zur Zeit der Enquête bezeichnete u.a. die Bun­­des­re­gie­rung ein Drittel der Bevöl­kerung als psy­chisch krank und behandlungsbedürftig. Und uni­sono stießen die Medien ins gleiche Horn.
[5] Berger M., PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN – Klinik und Therapie, Urban & Fischer 2004, S. 48 ff.
Faust V., PSYCHIATRIE, ein Lehrbuch für Klinik, Praxis und Beratung, Gustav Fischer, 1995, S. 17 ff.
[6] z.B. Crews F., Follies of the Wise, 2006, Wilcoks R. Mousetraps and the Moon (2000) – um nur zwei Beispiele von Quellen zu nen­nen. Von den erhellenden Büchern ist auf Deutsch nichts erschienen. Das deutsche Lesepublikum hält man dumm.
[7] In den rasch bei RT Deutsch eingegangenen Kommentaren zur Sendung wurde prompt auch nach den seiner­zeit in Rußland abgelaufenen Mißbräuchen gefragt.
[8] Etkind A., EROS DES UNMÖGLICHEN, Kiepenheuer, 1993
[9] Sie wechselte ihren Namen danach mehrfach, heißt jetzt Global Initiative on Psychiatry (GIP), hat als NGO Verbin­dun­gen nach, teils Filialen in Kaunas, Sofia, Kiew, Tbilisi und Duschanbe und treibt dort „Psychiatrie-Re­form“ (s.o.), ein anschauliches Beispiel, wie „moderne Psychiatrie“ (s.o.), die hierzulande schon als Schritt­macher der amerikanischen Kultur­revolution diente, jetzt kulturpolitisch von allen Seiten Rußland umzingelt.
[10] Daß er den Stalinismus überwandt, bleibt sein Verdienst.
[11] Für sie hat man den Begriff „Verschwörungstheoretiker“ parat, mit dem man sie ähnlich als paranoid, als geistes­gestört erledigt.
[12] Über die alte Psychoanalyse sei die neue längst hinausgewachsen, sagen die Freudianer u.a. in Deutschland jetzt. Hier wird derzeit das „Lehr­buch der Psychody­na­mik“ des kürz­lich ver­­stor­benen Deutsch-Grie­chen Stavros Mentzos von 2009 hochgelobt. Es be­sticht durch eine teilweise schlüssig erscheinende Aufarbei­tung aktuell ge­han­delter psycho­dyna­mi­scher Konzepte. Wie Freud spricht Mentzos von Erfolgen, bleibt nur ihren Nachweis schul­dig. Aber prin­zipiell bleiben wir allen Ansätzen gegenüber offen, die Leid zu mindern versprechen. Sie müssen nur die Versprechen halten und dürfen nicht neue Gefahren heraufbeschwören.

 

Etliche Kommentare gingen zu dem Interview bei RT Deutsch ein
(meist, wie blog-üblich, anonym oder unter Psedonymen, so u.a.).

 „Frank“ etwa dankte für die Aufklärung. „Von dieser Art von Psychatriemissbrauch wusste ich bisher noch nichts.

 „Schulz“ fragte, ob „sich denn Russland um die Aufarbeitung der eigenen Psychiatriege­schich­te bemüht“ habe. Er kannte den oben nachgetragenen Teil meines Redekonzepts noch nicht, in dem ich dazu u.a. die Stellungnahme Gorbatschows herausstellte. Hätte es nur eine sol­che „Auf­ar­beitung der eigenen Psychiatriegeschichte“ von einem namhaften Vertreter Deutschlands gegeben!

Schulz spielte weiter auf das Buch von Sonja Süß „Politisch mißbraucht?“ an, „das … zu dem Ergebnis kommt, dass es keinen systematischen Mißbrauch in der DDR gab“. Be­schö­nigend behaupteten das der sei­nerzeit­ige Bun­des­beauftragte Gauck mit seiner Zut­rägerin Süß, als „Organ der (deut­schen) Ärzte­schaft“ das Deut­sche Ärzteblatt (RB 1/97,3) und nicht zuletzt der Spre­cher der vor­maligen IAPUP J. Bax, alias R. van Voren (RB 2/98,2), der sich auch heute noch als (alleiniger) Vorkämpfer gegen diese Mißbräuche ausgibt (Fußnote 9). Gegen al­les offi­zielle Vertuschen brach­te unser GEP-Rundbrief 1/09 zu Psychiatrie-Mißbräuchen in der DDR um­fängliche Belege heraus. Das aber sollte der Re­daktion von RT Deutsch heute beson­de­re Anerkennung einbringen, daß sie die­se Dinge als erstes und bisher einziges Medium in Deutsch­land  vor ein breites allgemeines Publikum brachte im Wis­sen, daß ihr Gesprächs­part­ner sei­ner­zeit der schärfste Kritiker der sowjetischen und DDR-Psychiatrie­mißbräu­che war. RT Deutsch bewies mit der Sen­dung mehr unverstellte Meinungsfrei­heit und Souveränität, als unsere deutschen angeblich freien Mainstream-Me­dien sie über Jahrzehnte boten!

 Monika Brunschwiler schrieb aus der Schweiz: „Zürich soll die Hochburg solchen Miss­brauchs sein, TAUSENDE pro Jahr in Zürich alleine, pro Tag in den CH Städten ca. 3 Personen durch die Polizei missbräuchlich weggesperrt, schon seit Jahrzehnten in der Schweiz normal ….“ Mit den Vereinen, deren Adressen Brun­schwiler dazu angab (http://polizeierfahrungbrunschwiler.weebly.com/uploads/1/6/8/6/16868954/1991__beobachter_jahr_2006_bericht_betr.__zwangspsychiatrie_.pdf und oder www.psychex.ch oder auch www.zopph.ch), konnten wir nie nä­heren Kontakt herstellen. Insofern legen wir für ihre Mit­tei­lun­gen keine Hand ins Feuer. Aus dem eigenen Land wissen wir, wie viel übertriebene, ja un­sin­nige Kritik von manchen antipsychiatrischen Vereinen vorgetragen und diese gar von staat­li­chen Instanzen gepäppelt werden, just um damit angemessener, notwen­di­ger Kritik das Wasser abzugraben und das System Psychiatrie mitsamt eingebauter Miß­­brauchs­möglichkeiten zu erhalten, wenn darauf zurück­gegriffen werden soll (RB 1/15,5.1). Ein eindrückliches Bei­spiel für kontraproduktive Psycho-Pseudo-Kritik bietet die mächtige Antipsychiater-„Kir­­che“ Sciento­logy, deren bekannt dicke Polster kaum nur aus Auditing-Entgelt stammen. Über den Fall Brunschwiler berichtet näher (und u.E. objektiv) https://www.google.de/?gws_rd=ssl#q=Monika+Brunschwiler+z%C3%BCrich.

Margit Menter (s. auch RB 1/15,5.2) meinte: Wo man in Deutschland hinschaue, „hat man die Fassade eines Potemkinschen Dorfes vor sich. Auf dem Ortsschild steht ‚Demokratie’ und hinter der Dorffassade verbirgt sich eine amerikanisch gesteuerte Bananenrepublik.“ Die Psych­ia­trie mache da keine Ausnahme. „Vordergründig ein hoher medizinischer Versor­gungsstand und hinter den Kulissen …“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Weinberger

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Aktuelle Mitteilungen
1.) zur BGH-Entscheidung in Gustl Mollaths Sache
2.) zu Ulvi Kulac
3.) zu Rudolf Schmenger

1.) Zur Sache Gustl Mollaths wurde am 8.12.2015 die Entscheidung des BGH bekannt gemacht – am gleichen Tag, an dem der Film Mollath – Und plötzlich bist du verrückt im BR-Fernsehen gesendet, der Fall damit vielen Menschen im Land bildhaft vor Augen gestellt worden ist. Mit der BGH-Entscheidung wurde das Urteil des Landgerichts Regensburg vom 14. August 2014 rechtskräftig. Auch die Anwendung des § 63 StGB durch das LG Regenburg war laut BGH rechtsfehlerfrei.

In Zeitungen und Blogs, u.a. im Beck-Blog http://blog.beck.de/2015/12/09/fall-mollath-bgh-verwirft-revision wurde vieles dazu wieder publiziert. Umfassend und auf den Punkt kommend der Kommentar von RA Oliver Garcia, Mannheim, der vordem schon wiederholt das Verfahren gegen Mollath in profunden Beiträgen kommentiert hat, anzuklicken unter http://blog.delegibus.com/2015/12/14/mollath-am-bgh/.

Zum Psychiater Nedopil, auf dessen Äußerungen bei Gericht wesentlich dessen Entscheidung fußt, meint Garcia: „… Die gutachterlichen Äußerungen des Sachverständigen Nedopil liefen darauf hinaus, daß er weder positiv noch negativ etwas Brauchbares über den Geisteszustand des Angeklagten zum Zeitpunkt der angeblichen Tat hat feststellen können….“ Garcia zweifelt, „ob sich aus der von Nedopil in allerlei Formulierungsvarianten auf den Richtertisch ab­geladenen Nichtdiagnose genug Stoff für die Anwendung … von § 20 StGB ableiten ließ…“ und folgert: „Damit ist die Annahme der Wahnbedingtheit gerade des Körperverletzungsgeschehens völlig aus der Luft gegriffen.“

Wurden Mollath weder die Körperverletzung an seiner Ex-Frau noch eine Geistesstörung wirklich nachgewiesen, geriet gerade der versuchte Nachweis letzterer zur Farce, so blieb an dem Mann doch der Makel der Gewalttat und besagter Störung hängen. Und die Vertreter des Staats­we­sens, die an seiner siebeneinhalb-jährigen Wegsperrung im Irrenhaus mitgewirkt haben, Psy­chiater, Polizei- und Finanzbeamte, Staatsanwälte, Rich­ter, nicht zuletzt eine Justizministerin, blieben unbeschadet. Völlig der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen blieb der Psychiatrie­mißbrauch, der sich hier abspielte. So funktioniert die Macht.

Am Schluß seiner o.g. tiefschürfenden Abhandlung rät auch Garcia Herrn Mollath, jetzt Ruhe zu geben, u.a. weil er sonst „in der öffentlichen Wahrnehmung Sympathien verspielen könn­e. Irgend­wann muß auch mal gut sein.“ Das Problem, daß sich der BGH mit dem „’unechten Freispruch‘ gerade nicht befaßt hat“, werde hoffentlich bei den zu erwartenden nächsten ein­schlägigen Fällen gelöst werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch die auf den Rechtsstaat.

2.) Korrespondenz zu Ulvi Kulac

mit Gudrun Rödel, die den geistig behinderten, fast 14 Jahre lang zu Unrecht psychiatrisch internierten Ulvi mit viel Engagement, ja Herzblut betreut und ihm zur Freiheit (in seinem Rahmen) zurückverholfen hat. Ulvi lebt glücklich und zufrieden jetzt in einem betreuten Wohnheim.

Weinberger an Rödel am 8.12.2015

… Dieser Tage ging mir ein Video zu, das Herrn Postel bei Ihrer zu Ulvis Freilassung am 31.7.2015 abgehaltenen Veranstaltung in Bayreuth in Aktion zeigt. Ich weiß nicht, ob Sie realisieren, daß und wie Sie damit zum Fortbestand krummer Verhältnisse in der Psychiatrie, zur Belu­sti­gung zwar des Publikums, letztlich aber zur Zerstreuung ernsthaften Interesses der Allge­mein­heit für die im psycho-justiziellen Bereich sich abspielenden Schreck­nisse beigetragen und solides Bemühen um ihre Abstel­lung, Abstel­lung auch der Über­heblichkeiten der hier Beschäftigten entgegengewirkt haben. Dachten Sie wirklich, eine  „ordentliche Psychia­trie, keine Scharlatanerie“, so Gustl Mollath, voranzubringen, indem Sie dem bekannten, heute mit Mollaths Ex-Ver­tei­di­ger Strate verbundenen Hochstapler und Betrüger Postel die Bühne be­rei­te­ten? Ich kann mich nur wundern. Etwas Grundsätzliches noch, aber Sie wissen es selbst: Bei aller Kritik an gar empörenden Unzuläng­lich­kei­ten in besagten Bereichen darf nie außer Acht geraten, daß es Justiz wie Psychiatrie grundsätzlich braucht.

Rödel an Weinberger am 11.12.2015

… Postel hatten wir zu einem Zeitpunkt nach Bayreuth eingeladen, als eine Freilassung von Ulvi noch sehr in Frage stand. Wir mussten jede Plattform nutzen, um in die Öffentlichkeit zu kommen. Dass seine Person sehr umstritten ist, war uns sehr wohl bekannt. Er hat diese Lesung für Ulvi – ohne Honorar – abgehalten. Aber seine Darstellung (wie übrigens auch in der Sendung am Mittwoch), dass er über zwei Jahre mit als Gutachter gearbeitet und Fremd­wör­ter ver­wendet hat, die es weder in diesen noch in anderen Bereichen der Medizin gibt und dass keiner gemerkt hat, dass er nur ein kleiner Postbote ist, regt schon sehr zum Nachdenken an.

Ich habe in der Sache Ulvi die Arbeit von fünf verschiedenen, zum Teil gar habilitierten psy­ch­ia­trischen Gutach­tern – Nedopil, Kröber, Wenske, Blocher und Leipziger – kennengelernt; sie waren alle katastrophal, ja geradezu niederschmetternd. (Sie bestätigen die Aussage im TV-Bericht vom Dienstag zum Fall Mollath (BR 8.12.2015 Mollath – Und plötzlich bist du verrückt): Einer schreibt vom anderen ab!)

Nedopil und Kröber haben die geistige Behinderung von Ulvi völlig außer Acht gelassen. Ulvi hat ihnen teilweise regelrechte Märchen erzählt; keiner von beiden hat einmal den Wahr­heitsgehalt überprüft. Nedopil hat Ulvi sogar seinen Studenten bei einer Vorlesung als den Mörder von Peggy Knobloch präsentiert bzw. regelrecht vorge­führt. Nedopil hatte die geistige Behinderung von Ulvi zwar zunächst eindeutig diagnostiziert; ein behinderter Mensch auf dem geistigen Niveau eines Zweitklässlers! Als es aber um die Frage der Verhand­lungs­fä­hig­keit ging, hat er sein eigenes Gutachten über den Haufen geworfen und Ulvi für verhand­lungs­­fähig erklärt und somit die Grundlage für den Prozess und seine Ver­urteilung gelegt!!!!

Blocher hat Ulvi zweimal begutachtet; in der Begutachtung nach dem Freispruch des Mordes in meinem Beisein erklärte er, dass Ulvi die ganzen Jahre in der Psychiatrie wegen des angeb­lichen Mordes an Peggy Knobloch untergebracht sei. Für seine anderen Handlungen hätte er höchstens ein bis zwei Jahre Therapie bekommen. Im schriftlichen Gutachten waren seine Aus­füh­run­gen – zu meinem und Ulvis Entsetzen – total entgegengesetzt; er erklärte ihn plötzlich für nach wie vor gefährlich (was dieser tatsächlich nie war!).

Von Dr. Leipziger ganz zu schweigen: in den jährlichen Berichten für die Strafvoll­streckungs­kammer wurden immer wieder Gründe erfunden, um eine Freilassung zu verhindern. So wur­de festgestellt, dass Ulvi auf seiner Station immer wieder sexuell auffällig sei. Mir liegen je­doch von seinen Kameraden die Unterschriften vor, wonach dies keinesfalls zutrifft, im Ge­gen­teil: Ulvi sei ein ganz ruhiger und lieber Zeitgenosse!

Sehr geehrter Herr Dr. Weinberger, all diese Vorkommnisse in meinen über 10 Jahre an­dau­ernden Re­cherchen bringen mich nicht nur zum Wundern, sondern lassen bei mir große Zwei­fel an der Psychiatrie aufkommen. Während meiner Besuche bei Ulvi in der Psychiatrie in Bayreuth haben sich viele Menschen Hilfe suchend an mich gewandt, die zum Teil bereits 10, 20 und sogar über 40 Jahre hinter Gittern sind ohne Lockerungen und völlig resigniert haben. Das kann und darf nicht länger hingenom­men werden; dagegen vorzugehen, das war auch der Grund meines Beitritts in die GEP.

Weinberger an Rödel am 14.12.2015

… Ihre „großen Zweifel an der Psychiatrie“, die Ihnen beim Fall Ulvi kamen, steigen uns seit 40 Jahren immer wieder auf. Sie sind es, über denen wir unsere GEP (vormals DVpMP) grün­deten. Ihre Aktivitäten wur­den in unseren Rundbriefen regel­mä­ßig do­kumentiert. Wer aber las sie?[1]

Weil wir den Jammer in den Psycho-Fächern aufzeigten, nichts übertrieben, aber auch nichts ausließen – um Ulvi kümmerten sich andere schon, Sie vor allem -, wur­­den wir von unseren hohen Ordinarien und (Fach-) Kol­legen über 40 Jahre aus­ge­grenzt bis verleumdet, von den Berufs­orga­nisationen, Be­rufs­ver­bänden, Fachge­sell­schaften, Ärztekammern vorneweg, wurden aber auch von der großen Schar sonstiger Psychis, Psychologen, Sozialarbeiter usw. heftig angefeindet. Auch viele selbsternannte „See­lenkenner“ hielten da mit. Im bekannten Fall Mollath sprang das auch auf Richter und an­de­re Ju­risten über, zu­letzt gar auf Mol­laths Ex-Vertei­di­ger Stra­te. Aus gewiß unter­schiedlichen Motiven schnitten oder diffa­mier­ten uns noch strik­ter aber unsere Po­li­tiker und durch die Bank die Me­dien. Als Anklä­ger, als Reformer der Psychiatrie wurden und werden außer Staats­psy­ch­­iatern nur 68er Chao­ten, Anti-Psychiater und Hoch­stapler vom Schlag des Herrn Po­stel ak­zeptiert. Gegen sie hoben sich die Nedopils, Kröbers, Pfäfflins dann günstig ab. Ihnen floch­ten Medien[2] und Po­li­ti­ker Ehrenkränze. Men­schen, die an Fol­­gen von Psy­cho­miß­bräuchen dahinkümmern, sind, wenn sie denn auf uns sto­ßen, oft er­staunt, daß es eine GEP überhaupt gibt. Ich ver­stehe gut, daß Sie bei so viel Indolenz im Land jede Plattform nutzen mußten, um in die Öffentlichkeit zu kommen.

Wohl weil es im staatlich (und überstaatlich) geordneten psycho-justiziellen Be­reich meist leidlich korrekt zugeht, glauben viele, es gehe hier grundsätzlich korrekt zu. Es men­schelt aber über­all. Um diese Er­kennt­­­nis nicht zu breitem Protest anschwellen zu lassen, hat das Sy­stem, so scheint es, Vorkehrun­gen getroffen. Offensichtlich des­­halb wur­den und werden ernsthafte Kritiker des Psychiatriemißbrauchs von den Me­di­en sy­stematisch tot­ge­schwie­gen, ge­ge­be­nen­falls gar diffamiert, werden zur Ablenkung auch Pseudo-Konflikte wie die zwi­schen Psychiatern und Psycho­the­ra­peu­ten forciert und hochgeschwemmt oder gar Instanzen unsinniger, anti­psy­ch­ia­trischer Kritik ge­päppelt, auf daß der von ihnen veranstaltete Lärm alle berechtigte Kritik wie etwa Ihre, liebe Frau Rödel, übertöne.

Schön daß Sie kürzlich zu uns gestoßen sind. Es gibt viel noch zu tun.

[1] Rings um den Globus werden unsere Publikationen sehr wohl gelesen, vor allem in Amerika, Frankreich, Rußland und China – wahrscheinlich freilich eher von Stellen wie der NSA. Psychiatriemißbräuche sind sicher weit verbreitet. Auch hier­zu­lande werden sie fleißig gelesen. Man tut offiziell nur so, als kenne man sie nicht.

[2] Wie sollten wir das Wort Lügenpresse nicht aufgreifen, wie nicht unsere Politiker hinterfragen, die das Psy­cho-System so unterhalten, wie es ist?

3. Zu Rudolf Schmenger und Kollegen,

den bekannten vier Steuerfahndern, die in Frankfurt jah­relang er­folgreich ge­gen Steuerhinterzieher er­mittelt hatten, wurde am 14.12.2015 ein neues Urteil bekannt (http://www.morgenpost.de/vermischtes/article206817657/Fuer-paranoid-erklaerte-Steuerfahnder-werden-rehabilitiert.html- modalMatthias Thieme).

Mit ihren Ermitt­lungen hatten die vier dem Staat Millionen an Steuerrück­zah­lungen und den Finanz­instituten etliche Strafverfahren beschert. Am Fi­nanz­platz Frankfurt aber hatten sie, politisch unerwünscht, die gewohnten Ge­schäftsabläufe ge­stört. Im Auftrag der Finanzver­waltung wur­den sie darob 2006 psych­ia­trisch be­gutachtet, hierbei für para­noid erklärt und in der Folge zwangspen­sio­niert, so als habe alle vier mit einem Schlag ein und die gleiche Geistes­krank­heit befallen. Die gewieften Beamten verstanden sich wehren. Jetzt, zehn Jah­re später, wur­de der Gutachter ver­urteilt, ihnen ins­ge­samt über 226.000 Euro Schadensersatz zu leisten. Und für das Land Hessen könnte die Sache noch teurer wer­den.

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Manche früher schon festgehalte Ausführungen sind es wert,

 auf Dauer auf unserer Webseite zu stehen, so die von Prof. Igor Schafarewitsch, einem russischen Mathematiker und Freund Andrej Sacharows, der in einem Aufruf vom 14.05.1978 gegen die Verhaftung des jüdischen Bürgerrechtlers Alexander Podrabinek und weiter gegen die damals in seinem Land verbreitete Psychiatri­sierung Oppositioneller, gegen ihre Internierung und Behandlung als Geistes­kranke, nachdrücklich protestierte – seine Worte standen bereits in unserem Rundbrief 3/78:

Wenn man im Menschen nichts anderes sieht als eine Mischung von sozialen oder biologischen Kräften, dann verlieren die Konzepte von Schuld und Strafe jede Be­deu­­tung, so wie sie bedeutungslos sind, wenn sie gegen eine Maschine angewandt werden. So wie ein kaputter Computer nicht vor Gericht gestellt und nicht bestraft, sondern repariert wird, so ist es notwendig, eine Person zu reparieren, die aufhört nach dem offiziellen Programm zu funktionieren. Für exakt diesen Zweck gibt es psychiatrische Spezialkrankenhäuser.

Diese Schlußfolgerung ist so unausweichlich, daß schon ein Früh-Materialist wie Weitling, ein Vorläufer und Lehrer von Marx, das Bild einer Zukunftsgesellschaft von Freiheit und Harmonie gemalt hat, in der es keine Gerichtsverfahren und keine Prozesse mehr gäbe, in der vielmehr alle von schlechten Leidenschaften Besessenen in Hospitäler gesteckt und die Unheilbaren auf speziellen Insel-Kolonien festgehalten würden. Dies eine typische, von einem schlimmen Phantasten geträumte Utopie. Um wieviel schauriger ist die Utopie, die das reale Leben ge­schaf­fen hat? Im (noch kleinen) Modell zeigt sie uns, was uns in nicht zu ferner Zukunft erwartet.

Eine Kostprobe davon ist gegeben, wenn Psychiater zwangseingewiesenen Patien­ten in offensichtlich aller Ernsthaftigkeit erklären, daß ihre religiösen Glaubens­überzeugungen oder ihre kritischen Haltungen dem Leben gegenüber, ihr Mangel an sozialer Anpassung, wie die Ärzte sagen, ein klares Symptom geistiger Er­kran­kung seien.

Die Weltanschauung, von der solche Ansicht stammt, ist nicht in Rußland geboren – sie wuchs und trieb Blüten auf westlichem Boden. Aus diesem Grund bin ich sicher, daß auch der Westen von der gleichen Gefahr bedroht ist, wenn vielleicht auch in anderer Weise – von der Perfektion der Techniken zur Mani­pulation des Denkens, von der Veränderung des Menschen in ein eindimen­sionales Wesen, das seiner inneren Freiheit beraubt ist…

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