Aktuelles

In dieser Rubrik stehen meist kürzere Mitteilungen und Stellungnahmen zu aktuellen Ereig­nissen, die zwischen den früher meist halbjährlich, jetzt eher jährlich erscheinenden Rundbriefen an­fallen. Da diese Kurzmitteilungen vom Zeitablauf oft rasch überholt sind, werden sie nach kürzerer Zeit gewöhnlich von anderen abgelöst. Was von den aktuellen Ereignissen langfristig festgehalten zu wer­den verdient, wandert dann in den jeweils näch­sten Rundbrief. Meist berichten wir in dieser Rubrik mehr im allgemeinen Zusammenhang psychiatrischer Mißbräuche als etwa zu Einzelfällen. Die jüngsten Einträge werden jeweils rot markiert.

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Nochmals zu Mollath

Kürzlich nahm der Historiker und Filmemacher Dr. Michael Vogt für Quer­-Den­ken.TV wieder ein Fernseh-In­terview mit mir auf (s. RB 1/16,2.1.3). Es dreh­te sich diesmal vor allem um die Psychoanalyse, bot aber auch Gelegenheit, noch­mals auf den Fall Mollath ein­zugehen, der ja in seiner Tragweite  nach dem Urteil des Landgerichts Regens­burg vor zwei Jahren noch längst nicht aus­dis­ku­tiert ist. Der ganze Strei­fen wird voraussichtlich erst im Spätherbst ausgestrahlt werden. Vorab aber sol­len die Aus­sagen zu Mollath erscheinen, da sie in dem vielleicht doch noch nicht erledigten Fall bedeutsam werden könnten.

Was die Psychoanalyse betrifft, sei aktuell vorerst auf den Disput verwiesen, den Dipl.Psych. Klaus Schlagmann jetzt mit einigen Freudianern auf dem INFC-De-Teil unserer Webseite führt. Ein solcher Disput in dichter Folge von Rede und Ant­wort ist selten genug. Meist äußern sich Freudianer und ihre Kritiker sonst auf getrennten Plattformen, nehmen erstere von den Positionen letzterer keine Notiz oder verfälschen sie, bleibt ein Dialog damit letztlich aus. Auf INFC-De / Schlagmann aber erscheinen Rede und Gegenrede jetzt im Zusammenhang unverstellt Schlag auf Schlag und damit (hoffentlich) gut verständlich und ergiebig.

Zu Mollath aber führte ich im Interview aus:

Ein Mann mit gewiß persönlicher Note, sonst gesund und unbe­scholten, landete 2006 auf Be­treiben seiner in illegale Geld­ver­schie­bungen verstrickten Ehe­frau, fünf Jahre nach einem handfesten Ehekrach, durch ein psychiatrisches Falsch­gutachten und ein dar­auf stützendes Urteil des Nürnberger Landgerichts für sie­beneinhalb Jahre im Irren­haus. Ich selbst be­gutachte ihn im April 2011 noch in der Bayreuther „Klap­se“ und befand ihn für ge­sund und un­ge­fährlich. Meine Gut­achten ge­nie­ßen bei Ge­rich­­ten sonst hohe Aner­ken­nung. Am 26.8.2013 hat es in diesem Fall gar das Bun­desverfassungsgericht – der Fall zog ja weite Kreise – hoch ge­würdigt. 2011 aber wischte es der Bay­reu­ther Voll­­streckungsrichter Kahler schnoddrig vom Tisch und ließ Mol­lath zwei Jahre lang wei­ter schmoren – rechts­wi­drig. Denn nach einem Ur­teil des BGH vom 15. Mai 2009 (IV ZR 57/08, NJW-RR 2009, 1192) sind Richter ge­halten, auch Par­teigut­ach­ten kor­rekt zu prüfen. Auf Um­­we­gen und mit Ver­zögerung führte meine Expertise letztlich doch zu Mol­laths Freilassung. Auf sie gestützt, setz­te näm­lich Herr Kas­pe­ro­witsch von den Nürn­­­ber­ger Nach­rich­ten im No­vem­­­­­ber 2011 einen zün­­den­den Artikel in seine Zei­tung, wor­auf et­li­che wei­tere Blätter an­spran­gen, der Skan­dal im Land bekannt wurde und breite Em­pö­rung auf­­­kam, in deren Fol­ge Mollath im August 2013 freikam.

Das Tollste aber pas­sierte ein Jahr später beim Wiederaufnahme­verfahren am Landgericht Re­gensburg. Es sollte vorherige Rechtsbrüche bereinigen, beging statt dessen aber neue. Viele teilen sich in sie, nicht zuletzt der Ver­tei­di­ger Dr. Strate, einst Spre­cher eines maoistischen Studenten­ver­bands[1], jetzt ein be­ken­nender 68er. Wie vor­dem am Landgericht Bayreuth tat man in Re­gens­burg trotz vorliegenden Be­schlus­ses des Bundesverfas­sungs­ge­richts wieder, als exi­stierte das wein­­ber­ger­sche Gutach­ten nicht, das Mol­lath drei Jahre vor­dem be­reits als ge­sund und un­ge­fähr­lich aus­ge­wiesen hatte und das in seiner Richtig­keit in­zwi­schen vom Ver­lauf wei­ter be­stä­tigt wor­den war. Man tat, als sei des­halb jetzt eine neue Be­gut­achtung not­wen­­­dig und be­stellte dazu den Münch­­­­­­ner Foren­siker Prof. Nedopil. Dieser, eben­falls Freudschem Aber­glauben ver­haftet, beob­achtete Mol­lath im Pro­zeß, be­hinderte ihn so in seiner Ver­teidigung und dich­tete ihm zuletzt in einer aben­­teu­er­lichen Kon­­struk­tion für einen Zeitpunkt vor­ 15 Jahren, rück­­­wir­kend also für den Mo­ment eines (an­geb­lichen) Übergriffs auf die Frau, eine mög­liche Gei­stes­stö­rung und damit Schuldun­fähigkeit an. In reichlich ver­quas­ten Wendungen wusch Nedopil damit all die vor­maligen Teil­ha­ber an dem Skan­­dal, Staatsanwälte, Rich­ter, Psych­ia­ter, auch eine CSU-Mi­ni­­sterin, weiß, weißer geht’s nicht, und zer­streute damit auch das öf­fent­­liche In­ter­esse an dem doch un­ge­heuerlichen Fall, das Interesse selbst vieler vor­­­maliger Un­ter­stüt­zer. Strate ließ es ge­schehen. Ob der be­greif­li­chen Unzu­­friedenheit sei­nes Mandanten spielte er jetzt noch den Gekränkten, schmäh­­te ihn vor Gericht und ließ ihn dort stehen, wo­hin ihn Poli­tik, Justiz und die 68er Psy­ch­iatrie von An­fang an hingestellt ha­tten, in die Rolle des Ge­walt­­täters und Ir­ren. Wie dieser nach dem Prozeß sagte[2], war Strate eben Teil des „Sy­­stems“. Einen Zeu­gen Wein­ber­ger wollte Mol­lath bei Gericht hören, partout aber sein Ver­tei­di­ger nicht. Daß Nedopil fachlich hinter­fragt würde[3], wußte er zu ver­hin­dern. Was sein Ex-Man­dant zu­rück­ge­won­nen hat, sei­ne Frei­heit, ver­dankt er sei­nem Freund Edi Braun, mir, Herrn Kas­pe­ro­witsch und einigen wenigen wei­teren Un­terstüt­zern.

In einem von ei­ner Ghost­­­writerin ge­schrie­be­nen Buch spielt sich Strate jetzt noch als sein Ret­ter, da­zu als Psy­ch­iatrie-Kri­tiker auf, um an­ti­psy­ch­ia­tri­schen 68er Un­sinn abzulassen[4] und mich, dessen aus­ge­wie­se­nen, kom­­­­pe­ten­ten Kri­ti­ker seit über 40 Jah­ren (!), zu dif­fa­mie­ren. Mei­ne, unsere GEP-Kri­tik an Freuds Pseu­do­­wis­sen­schaft nennt er „ir­ra­tional“. In ande­rer pein­licher Sa­che hängt Strate heute selbst ein Er­mitt­lungs­­ver­fahren an­. Nach dem Regens­burger Pro­zeß zer­streu­ten aber auch die Me­dien letztes, resistierendes In­ter­esse an dem Fall. DER SPIEGEL[5], DIE ZEIT und andere einfluß­reich­e Blät­ter fühl­ten sich von An­fang an kom­petent ge­nug, Mol­lath in die Ver­rück­ten­ecke ­zu stellen. So mies sind un­sere 68er und ihr System eben.[6]

Dr. med. F.  Weinberger
Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie

 

Endnoten:

[1] Partei­gän­­ger damals eines Mas­sen­mör­ders

[2] fest­ge­halten in dem Film MOL­LATH  – UND MOR­­GEN BIS DU VER­RÜCKT, der vom Baye­ri­schen Rundfunk am 8. August nochmals aus­­ge­strah­l­t wurde.

[3]  In einem anderen Fall mußte und konnte ich gutachtlichen Feststellungen Nedopils schon erfolgreich  entgegentreten.

[4] Forensisch-psychiatrische Gut­achten sind nach Strate „nichts als eine moderne Ausprägung archaischer  Stig­matisierungs­bedürfnisse.“ Und § 63 StGB gehörte abgeschafft, meint er.

[5]  Daß der Film wie Herrn Strate so auch anderen Schädigern Mollaths, Herrn Lapp etwa vom Nordbayeri­schen Kurier, Frau Lakotta vom Spiegel brei­ten Raum zur Verbreitung haltloser Ver­däch­ti­gungen gegen Mollath gab, ist ihm nachzusehen. Mit ihm schlossen A. Blendl und L. Stade ihr Studium an der Münchner Filmhochschule ab. Daß sie die Kabale um Mollath voll erfaßten oder gar in die Systemkritik einstiegen, konnte niemand erwarten.

[6] Die Psychiater-Fachgesellschaft DGPPN aber fand in dem Zu­sammenhang nur: „Be­richte über angezweifelte Gutachten und seltene Zwi­schen­fälle“ be­stimm­­ten „zu Unrecht das Bild (der Psychiatrie) in der Öffent­lichkeit“.

 

17.9.2016: Auf obigen Beitrag kamen aus Mollaths vormaligem Unterstützerkreis (UK) Zu­schrif­ten, die zeigen, wie der Fall mit all den Geschehnissen drum herum manche doch weiter be­­wegt, die Abhandlung seiner politisch-psych­iatrisch-psycho­logischen Bedin­gun­gen aber auch wei­ter­führende Gedanken anstößt

A. E. schrieb am 7.9.2016

Lieber Herr Dr. Weinberger,

danke für Ihre Aufdeckungen über Freud und die 68-er. Meine Eltern beschäftigten sich damit damals und ließen sie sich ohne Grund scheiden und zerstörten damit eine schöne junge Fa­mi­lie.

Freundliche Grüße,  A. E.

(dabei verlautete in o.g. Beitrag zu Mollath „über Freud und die 68-er“ gar nicht so viel. Die eigentliche Auseinandersetzung über sie kommt erst im Interview, das dem­nächst bei Quer-Denken.TV er­scheinen  wird. W).

R. R. aber schrieb am 14.9.2016

Sehr geehrter geschätzter Dr. Weinberger, 

ich bedanke mich für Ihre treffenden Zeilen und stimme Ihnen in allen Punkten zu. Man wur­de weder dem Opfer gerecht noch den vielen Unterstützern, die die Mißstände mit viel Auf­wand aufgeklärt haben.

Es wurde, wie in solchen Fällen üblich, alles unter den Tisch gekehrt. Dass Dr. Strate Mollath in Regensburg fallen ließ, hat aus meiner Sicht noch weitere Gründe. Der Fall Mollath hatte für ihn den Zweck erfüllt.

Er hatte sich einen Namen gemacht. Der Mohr (Mollath) hatte seine Schuldigkeit getan. Rechts­anwälte scheuen sich, sich  mit der Justiz anzulegen. Würden sie dies tun, laufen sie Gefahr, dass diese in zukünftigen Fällen ausgebremst werden. Rechtsanwälte sind nicht so unabhängig, wie sie sein sollten. Sie vertreten nicht nur ihren Mandanten, sondern wollen auch gleichzeitig loyal gegenüber der Justiz sein. Man kennt sich, schätzt sich und läßt auch Fehler der anderen Seite zu. Juristen argumentieren in solchen Fällen, wo viele Rechtsfälle bear­bei­tet werden, werden auch Fehler gemacht. Der Fall Mollath war für sie nur ein ent­schuld­barer Ausrutscher. Keiner der vielen Juristen sieht hier die tatsächliche Bedeutung des Falles.

 Es grüßt Sie recht herzlich und bedankt sich für die treffenden Zeilen
R. R. uk    

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Am 7.7.2016 fanden Pressekonferenzen zu Vor­fällen im pfälzischen Kinderheim Silz statt, die eine veranstaltet von Trägern und Bediensteten des Heims, die andere, unmittel­bar anschließend, auf Ini­tiative von Andrea Kuwalewsky, deren vier Kinder im November 2013, damals zwischen 12 und fünf Jahren alt, dort acht Monate lang zwangsuntergebracht waren (RB 1/14,4). Eine gerichtlich bestellte Psychologin hatte vordem die damals alleinstehende Frau, eine Polizistin, einer seelischen Erkankung verdächtigt und so die Kindsentziehung gestützt. An ihrer Konferenz nahmen jetzt von Seiten un­serer GEP teil RA Seitz, der sie seinerzeit rechtlich vertrat, sowie Dr. Weinberger, der sie Anfang 2014 psychiatrisch als fit begutachtet hatte.

Weinberger  erfuhr bei dieser Gelegenheit ihm bisher noch unbekannte Details: Als die Kinder im August 2014 nach einem Um­gangstermin mit der Mutter die Rückkehr ins Heim verweigerten und die Heim­­­er­zieher, um sie zu erzwingen, die Polizei riefen, erkannten die Ordnungshüter nach Einsicht in Weinbergers Gut­achten im Gegensatz zum vorher waltenden Familienrichter, welches Spiel da ablief. Sie fanden damit selbst jetzt keinen Grund, Gewalt gegen die Kin­der an­zuwenden und ließen diese mit ihrer Mutter, alle mit Freudentränen in den Augen, nach Hause zurückkehren. Das war das glückliche Ende dieses Dramas.

Frau Kuwalewsky wurde danach noch anderer Übergriffe im Heim ge­wahr und brachte sie zusammen mit ihrem jetzigen Anwalt Michael Langhans und weiteren Zeugen bei dem Termin zur Sprache. Hier ein Bericht des Pfalzexpress über die beiden Konferenzen und die dortigen (unterschiedlichen) Aussagen. Mehrere Medien berichteten, u.a. der SWR. Viele beklagen die Mißstände. In seinem Buch EIN­SPRUCH – Wider die Willkür an deutschen Gerichten schreibt Ex-Bundesminister Blüm: „Den stärk­sten Ab­stieg im Gerichtswesen hat  … das Familiengericht.“ Am psycho-justiziellen System aber prallen alle Klagen ab. Am ehesten kommt Rechtspflege noch durch die Öf­fent­­lich­keit in Gang. Erfreulich jedenfalls, daß einige Menschen, für die wir uns einsetzten, dieses Bemühen ihrerseits in eigener Regie tatkräftig fortsetzen. Da und dort werden wir gemeinsam vielleicht doch Erfolg haben.

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Manche früher schon festgehalte Ausführungen sind es wert,

 auf Dauer auf unserer Webseite zu stehen, so die von Prof. Igor Schafarewitsch, einem russischen Mathematiker und Freund Andrej Sacharows, der in einem Aufruf vom 14.05.1978 gegen die Verhaftung des jüdischen Bürgerrechtlers Alexander Podrabinek und weiter gegen die damals in seinem Land verbreitete Psychiatri­sierung Oppositioneller, gegen ihre Internierung und Behandlung als Geistes­kranke, protestierte – seine Worte standen bereits in unserem Rundbrief 3/78:

Wenn man im Menschen nichts anderes sieht als eine Mischung von sozialen oder biologischen Kräften, dann verlieren die Konzepte von Schuld und Strafe jede Be­deu­­tung, so wie sie bedeutungslos sind, wenn sie gegen eine Maschine angewandt werden. So wie ein kaputter Computer nicht vor Gericht gestellt und nicht bestraft, sondern repariert wird, so ist es notwendig, eine Person zu reparieren, die aufhört nach dem offiziellen Programm zu funktionieren. Für exakt diesen Zweck gibt es psychiatrische Spezialkrankenhäuser.

Diese Schlußfolgerung ist so unausweichlich, daß schon ein Früh-Materialist wie Weitling, ein Vorläufer und Lehrer von Marx, das Bild einer Zukunftsgesellschaft von Freiheit und Harmonie gemalt hat, in der es keine Gerichtsverfahren und keine Prozesse mehr gäbe, in der vielmehr alle von schlechten Leidenschaften Besessenen in Hospitäler gesteckt und die Unheilbaren auf speziellen Insel-Kolonien festgehalten würden. Dies eine typische, von einem schlimmen Phantasten geträumte Utopie. Um wieviel schauriger ist die Utopie, die das reale Leben ge­schaf­fen hat? Im (noch kleinen) Modell zeigt sie uns, was uns in nicht zu ferner Zukunft erwartet.

Eine Kostprobe davon ist gegeben, wenn Psychiater zwangseingewiesenen Patien­ten in offensichtlich aller Ernsthaftigkeit erklären, daß ihre religiösen Glaubens­überzeugungen oder ihre kritischen Haltungen dem Leben gegenüber, ihr Mangel an sozialer Anpassung, wie die Ärzte sagen, ein klares Symptom geistiger Er­kran­kung seien.

Die Weltanschauung, von der solche Ansicht stammt, ist nicht in Rußland geboren – sie wuchs und trieb Blüten auf westlichem Boden. Aus diesem Grund bin ich sicher, daß auch der Westen von der gleichen Gefahr bedroht ist, wenn vielleicht auch in anderer Weise – von der Perfektion der Techniken zur Mani­pulation des Denkens, von der Veränderung des Menschen in ein eindimen­sionales Wesen, das seiner inneren Freiheit beraubt ist…

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