Auszüge aus den Rundbriefen 90 bis 93

Auszüge aus den Rundbriefen (nachträglich in die Abfolge der seit 1977 ins Netz gesetzten Rundbriefe gestellt, die Originaltexte jetzt kursiv gedruckt)

 

Unsere Rundbriefe, die über 40 Jahre unserer Vereins­tä­tig­keit berichten, konnten erst ab Mitte der 1990er Jahre auf Personal Com­putern ge­schrie­ben und damit abgespeichert werden. Die früheren Rundbriefe mußten so nachträglich gescannt und dann in die Abfolge der Rundbriefe eingefügt wer,den um eine durchge­hen­de Chronologie der Ereignisse und unserer Dokumenta­tion festzuhalten – wichtig insbesondere für die, die daran die Thematik wissenschaftlich wie­ter aufarbeiten (wollen). Immer noch aber standen jetzt davon wichtige Teile aus, u.a. die Rund­briefe von 1990 bis 93. Aus ihnen stellen wir wenigstens einige der wichtigsten Berichte im Folgenden zusammen, die u.a. die Hintergründe unserer damaligen Trennung von IAPUP sowie die unterschiedlichen Schlußfolgerungen zur Sprache bringen, die damals u.a. von zwei­  seiner Haupt­kron­zeugen gezogen wurden, den Psychiatern Glusman und Korjagin. Die Darlegungen erscheinen insgesamt jetzt (2017) um so bedeutsamer, als einige der Hinter­gründe der Auseinandersetzungen um diesen Mißbrauch erst jetzt voll zu Tage getreten sind (was im nächsten Rundbrief 1/17 noch breiter dargelegt werden soll).

  1. Im Rundbrief 1/1990 brachten wir die Dankesrede von Dr. Semjon Glusman (heute meist: Semen Hlusman) für die 1992 erfolgte Verleihung der Ehren­mit­glied­schaft in der DGPN, der deutschen Psychiaterfachgesellschaft. Für Glus­man, der 1972 wegen eines Gutachtens zugunsten des mißbräuchlich psychia­trisierten Generals Grigo­ren­ko zu langjähriger Haft und Verbannung verurteilt worden war, hat­ten wir Ende der 1970er eine Petition gestartet, die unsere Fach­kol­legen aus­nahms­­weise zahlreich unterstützten. 1989 lernten wir Glusman beim WPA-Kongreß in Athen kennen, von wo er schnurstracks in die USA ge­flogen und unter die Fittiche der APA genommen wurde. Seine weiteren Ein­lassungen zum The­ma wurden vom Mainstream international hoch gelobt, von anderen nicht so sehr, u.a. von seinem, unserem Fachkollegen Dr. Kor­jagin, der sehr ähn­liche Verfol­g­­ung erlitten hatte, vom Mainstream aber ab­ge­hängt wur­de – vgl. seine Stellung­nahme weiter unten. Auch unter den aller ersten Op­ponenten des Psychiatriemißbrauchs divergieren also die An­sichten und Schlußfolgerungen darüber. Hlusman ist literarisch aktiv und ist heute Präsident einer Ver­eini­gung ukrai­ni­scher Psychiater. Im Fol­gen­den Glusmans Rede an die DGPN von 1992.

Sehr verehrte Damen und Herren

Nacheiner apokryphen Erzählung hinkt der Teufel, seit er sich, vom Himmel zur Hölle  geworfen, im Sturz das Bein brach. Leider ist dies nur ein hübsches Märchen. Wie die Ge schichte gezeigt hat, ist das einzige Stigma des Teufels und seines Werkes das Böse. Andere Erkennungszeichen gibt es nicht. Und Böses kann recht gefällig aussehen und selbst die Sprache zeitgenössischer Wissenschaft sprechen.

Die Psychiatrie hat wie alle Medizin eine gewisse Konstante als Grundlage, die von beiden, Arzt wie Patient, gespürt wird. Eine zeitlose Konstante, die zutreffend Essenz des Wesens der Medizin genannt wird. Und ihre Basis ist der berühmte Hippokratische Eid: “Keinen Schaden zufügen!“ Aber wir sehen, wie recht Goethe hatte, als er sagte, daß es keine Tugenden gibt. die nicht in Laster, und keine Laster, die nicht in Tugenden verwandelt werden können. Arzte, die berufen sind zu helfen, zu verteidigen, mitzufühlen, wurden in Produkte des Teufels verwandelt, in Bringer von Bösem. Der Mißbrauch der Psychiatrie in meinem Land ist ein Beispiel dafür. An eleganten, lächelnden Professoren der Medizin war, wie Sie sich alle urinnern, kein Stigma des Hinkens. War das der Grund, daß meine deutschen Kollegen (wie übrigens alle anderen auch…) damals in ihnen nicht die Brut des Teufels erkannten?

Heute wird das Böse beim Namen genannt. Glücklicherweise können, wie Faust sagt, freie Seelen das Böse nicht ertragen. In der Psychiatrie erwachsene Unmenschlichkeit ist heute noch nicht Geschichte, denn beide, ihre Opfer wie die Henker, leben noch. Sie leben in den gleichen Städten, begegnen sich in den 5traßen.

Die Opfer sind nicht mehr eingesperrt. Sie, die nur sich selbst haben, die in Armut leben, die Gesundheit zerstört, jeder Lebensperspektive beraubt, hören jedoch das Wichtigste nicht. Keine verantwortliches Instanz sagt ihnen oder der Welt: Den Mißbrauch der Psychiatrie gab es tatsächlich. Er wurde bewußt ausgeführt, absichtlich und sorgsam gesteuert.

Genau deshalb haben wir nicht das Recht, von Sieg zu sprechen. Die Ruinen rauchen. Flammen sind nicht zu sehen, aber in der Kohle ist noch Glut. Das Ubel lebt, weiß Gott, es ist  immer noch lebendig und höchst gefährlich. Vielleicht ist es nicht mehr gefährlich für die, die es wagen, unabhängige Persönlichkeiten zu sein. Aber es ist gefährlich für junge Menschen, die heute in meinem Land den Beruf des Psychiatern erwählen. Weil das Böse ihr einziger Lehrmeister ist. Die Berliner Mauer fiel, aber vor der sowjetischen Psychiatrie hängt immer noch der Eiserne Vorhang.

In den schwierigen Jahren des Widerstands gegen das Ubel, als jedes wahre Wort Jahre im Gefängnis, im Lager oder in der psychiatrischen Anstalt kostete, waren wir nicht allein. Wir wußten, daß hier in der freien Welt fremde Menschen versuchen, den Gefangenen des GULAGs zu helfen, Menschen, denen es gut ging, die zufrieden mit ihrem Leben waren und sich um uns kümmerten. Und unter diesen fremden Menschen gab es Psychiater. Das ist erstaunlich. Das ist wunderbar. Das gab uns die Kraft. in den kalten, feuchten Isolationszellen, im Hunger, während der unbeschreiblich qualvollen Gefangenentransporte Mensch zu bleiben.

[ch danke Ihnen! Im Namen aller Opfer, der toten und der lebenden, danke. Solidarisch widerstehen wir dem Bösen; in gegenseitigem Verstehen geben wir diesem kleinen, vielfältig verbundenen Planeten eine Uberlebenschance.

Ricardel Huch nahm als betagte Schriftstellerin, die den Tod nahen fühlte, in ihrem Band „Herbst­feuer“ von dieser Welt voll innerer Dankbarkeit Abschied. Aber auch hier an der Schwelle des Todes beschwor sie: Kein Lügner soll je ein vorteilhaftes Bild vom Bösen zeichnen und die Verdammten aus ihrer Verdammung entlassen können.

Das Böse wird sich nicht behaupten. Es ist nur durch das Gedächtnis verwundbar. Wir werden uns erinnern, nicht aber rächen.

Danke für lhre Aufmerksamkeit                               Dr. Semjon Glusman

 

  1. Im Rundbrief 2/91 hatten wir unseren Mitgliedern vor allem unsere Trennung von IAPUP anzuzeigen, die manche von ihnen irritieren mochte. Wir schrieben:

 

IAPUP und DVPMP

Mit den Veränderungen der politischen Lage, vor allem dem (jetzt) doch zu konstatieren­­den Abklingen des Mißbrauchsproblems (in der Sowjetunion, das dennoch nicht abgeschlossen ist), haben sich auch in den spezifisch damit beschäftigten Vereinigungen und ihren Beziehungen zueinander Änderungen ergeben.

Zum IAPUP-Meeting im März 1991 in Genf kam Generalsekretär Drs. van Voten (bürgerlich: Bax) mit dem Vorschlag einer Namensänderung für den internationalen Verband. Mehr als sein alter, Gegenpositionen betonender Namen es anzeigt, sei der Verband zu fördernden Aktivitäten übergegangen (Ubersetzung westlicher Fachliteratur, Organisation von Fachkongressen in osteuropäischen Ländern etc.) Gerade die aus seiner bisherigen Tätigkeit entstandenen Verbindungen legten solches heute nahe. Wir haben diese Wendung mit unterstützt (s. RB 1/91).

Jedoch sind in der Folge verstärkt Probleme an den Tag getreten, die sich bereits vor Jahren ankündigten, die wir wiederholt auch schon in den Mitgliederversammlungen angesprochen haben, die nunmehr aber zum Bruch mit der „Internationalen“ führten.

Auf den Nenner gebracht, ist der Trennungsgrund eine vom Generalsekretär Drs. van Voten seit rund drei Jahren zunehmend an den Tag gelebte Eigenmächtigkeit, die wir nicht nur als vereinbarungswidrig und unserer unabhängigen Gruppe unwürdig erachteten, sondern angesichts der genannten neuen, fördernden (Reform-) Vorhaben als finanziell unübersehbar und untragbar. Trotz der Auseinandersetzungen, die es darüber jetzt gegeben hat, bleibt aber bestehen: über lange Jahre hatten wir in der „Geneva Initiative on Psychiatry“ (so der .jetzige Name von IAPUP) wirksame Verbündete. Daß die Verbindung gehalten hat, bis unsere wichtigsten Ziele, ein Nachlassen der Mißbräuche und eine Verstärkung des Widerstandes gegen sie in vielen unserer Fachgesellschaften , erreicht waren , hinterläßt Befriedigung….

Was uns an der Verbindung zu IAPUP seit 1980 lange festhal­ten ließ, war der Umstand, daß unser Kampf gegen besagten Mißbrauch im internationalen Verbund größere Wirksamkeit ver­sprach, als wir sie allein er­zielen konnten. Ich hatte damals immer noch primär eine nerven­ärztliche Praxis zu füh­ren. Bax war, sagte er, „Student“. Er brachte aus Amerika das nötige Geld bei, das der Kampf gegen den Mißbrauch nun einmal kostete und das erst recht seine weitergehenden Bemühungen kosteten, die nicht mehr un­sere waren. So wurde mit den Jahren die Trennung fällig. 1991 hatten wir keinen Grund mehr, Bax’ veränderten Zielvorgaben zu unterstützen. Das machte vereinsintern flüchtig Probleme. Zwei unserer damaligen Vorstands­mitglieder unterstützten GIPs US-gesponsertem „Reform- und Förder­kurs“, der FAZ-Korres­pon­dent C.-E. Lan­gen und Dr. Bieber, ein Fach­kolle­ge. Nach dem Tod von Baeyers 1987 wech­selten die beiden 1991 zu Bax. Ent­schieden stütze uns bei der Trennung die Psychologin Dr. von Baeyer-Kat­­te, die Witwe unseres vormaligen Ehrenpräsidenten, die durch ihn über die Ränke Be­scheid wußte, die bei der „offiziellen“ Psychiatrie und deren „Förderern“ so liefen (und laufen). Das Aus­maß der Intrigen dort trat uns selbst erst mit den Jahren in vollem Um­fang vor Augen, so wie wir es im Rundbrief 1/17 weiter darlegen werden. W.

Während gar der neu-linke Stern vom 8.5.91 den Psych­ia­trie­miß­brauch der DDR u.a. mit dem ein­drück­lichen Ge­­ständ­­­nis ei­nes der Haupt­ak­teure unter­mau­erte, spiel­ten es andere her­unter. Bax aber scheute sich nicht, die Welt mit DDR – no systematic ab­use irrezu­füh­­ren und damit die Op­­­­­­fer neu zu de­mütigen. Das ge­samte Estab­lish­ment aber plapperte Bax’ Unwahrheit nach.

  1. In Rundbrief 2/92 brachten wir abschließende Feststellungen von Dr. Korjagin Vergeben und Vergessen, gerichtet an die offizielle Psychiatrie, dazu aber auch an viele, die sich hoch ver­dienstvoll gegen den Mißbrauch des Fachs eingesetzt haben, Korjagins hohem Anspruch zuletzt aber dennoch nicht genügten. Wir stellen diesen wie die vorausgegangenen Ausschnitte aus den Rundbriefen von 1990 bis 93 im Nachhinein (2017) ins Netz, um vor einer demnächst möglichen Einstellung unserer Vereinsarbeit die gewichtigen Feststellungen von Leuten einige der Nachwelt zu erhalten, die im Widerstand gegen diesen Mißbrauch eine entscheidende Rolle spielten. Natürlich stimmten auch sie nicht in allen Punkten überein. W.

 

Dr. Anatolij Korjagin

Vergeben und Vergessen

Bedauerlicherweise hat der Mißbrauch der Psychiatrie in aller Welt nur eine unbedeutende Zahl von Psychiatern näher berührt. Sicher hat jeder das eine oder andere von ihm gehört oder gelesen. Aber frage sich jeder von ihnen selbst, ob er auch nur einige wenige Stunden seines Lebens dafür aufgewendet hat oder ob er zumindest einige seiner Kollegen benennen kann, die anders als er selbst handelten. Die Verteidigung der Ehre ihres Berufs war der überwälti­genden Mehrheit der achleute keine weitere Aufmerksamkeit wert.

Diejenigen. die aktiv Position bezogen, teilten sich in zwei diametral entgegengesetzte Gruppen: Die einen nahmen die Fakten. die mittlerweile weltweit bekannt sind, emst und verurteilten sie, während die anderen, ungeachtet der Fakten, die Schuldigen in Schutz nahmen. Skeptiker mit ausgeklügelten „Wenns“ gesellten sich beiden Gruppen zu.

Heute braucht niemand mehr überzeugt zu werden. Nur einige besonders Faule mögen jetzt noch die gesetzlosen Handlungen der offiziellen Psychiatrie gegen Personen ignorieren, die sich den Machthabern widersetzen – nicht nur im Sowjetland. sondern auch in Rumänien. der Tschechoslowakei, in Cuba und anderen sozialistischen Domänen. Als die Fassade der kom­mu­nistischen Bastion bröckelte, drang Licht in die Folterkammern und beleuchtete gewisse geschäftige Figuren in weißen Kitteln. Was geschah nun, als das bislang Zweifelhafte sicher wurde? Rannten alle, den Opfern zu helfen und den Verbrechern Handschellen anzulegen? (2) Keineswegs. Einen paradoxen Effekt gab es: Die Opfer wurden flugs vergessen. und selbst von denjenigen war kein Erinnern mehr an irgendwelche Verbrechen zu hören. die aller Welt beteuert hatten, sie würden umgehend ein Tribunal für  Mengeles würdige Nachfolger ver­an­stalten.

Wie das? Der Grund muß im Zerfall der früheren UDSSR, dem Sturz der früheren Macht des totalitären Regimes gesehen werden. Als politische Konsequenz des erfreulichen Ereignisses griff man hauptsächlich zur Theorie der „Schuld des Systems“, um damit vergangene und gegenwärtige Ereignisse in diesem Land zu erklären. Alle Unglücksfälle und Mißstände in der früheren Sowjetunion, auch in ihren Folterkammem, liegen bei dem falschen soziopolitischen System. Wer unmittelbar an den gesetzlosen Handlungen und Schrecken sich beteiligt hatte, wurde nun selbst Opfer des Sowjetsystems genannt. Lästerlich genug werden die Opfer mit denjenigen gleichgestellt, die sie vordem gefoltert oder getötet hatten. Die selbe alte Ge­schich­te hörten wir zuvor schon. Aber nicht immer war den Nebelwerfern gestattet gewesen, so weit zu gehen. Deutsche Nazis hätten von solcher Verteidigung nur träumen können. Der Zwillingsbruder des sowjetischen Bolschewismus, Hitlers Nazismus, war infolge des Kriegs­ausgangs dem Untergang geweiht. Als Ergebnis der Desintegration der früheren UdSSR wünscht der Westen auf ihrem Territorium aber kein Chaos. (3) Deshalb die doppelte Buch­führung. Deshalb sind Menschenrechtskomitees in westlichen Ländern nicht länger an der Sache des Psychiatriemißbrauchs in den Ländern des ehemaligen Ostblocks interessiert. Die schlichte Theorie der „Menschenrechts- und Freiheitskämpfer“ heißt heute: Mißbräuche werden zusammen mit dem Verschwinden des Systems verschwinden, das sie hervorgebracht hat.

Das System. das gegenwärtig in territoriale Einzelstücke zerfällt, existiert jedoch in diesen Stücken weiter, wenn vielleicht auch in reduzierter und modifizierter Form. Es tut dies, indem Vertreter der Psychiatrie – von ihren vergangenen Verbrechen wie auch von möglichen zu­künf­­tigen Vergehen entlastet – weiterhin Unrecht tun. Sie sind Opfer, und es ist nicht so leicht Stereotypien, die schließlich im Lauf vieler Jahre ausgebildet wurden, zu verändern. Der Autor hat Aberdutzende von Briefen von Leuten aus den verschiedenen Mitgliedsstaaten der GUS bekommen, von Leuten. die von unabhängigen Psychiatern für psychisch gesund be­ur­teilt worden sind. Sie haben ihm von illegalen psychiatrischen Untersuchungen und Hospi­ta­li­sierungen berichtet, von Bedrohungen durch Psychiater und durch das KGB, durch öffentliche Gesundheitsbehörden, die sich weigern, sie zu rehabilitieren, von quälenden Erfahrungen bei der Arbeitsuche, von widerrechtlichen Entlassungen und anderen gesellschaft­li­chen Beein­trächtigungen, materielle Not, ja Elend einschließend

Öffentliche Organisationen, die sich vordem den Themen des Psychiatriemißbrauchs auf dem früheren Gebiet der UdSSR gewidmet hatten, haben de facto diese Aktivität eingestellt oder geben ihm nur mehr spärlichste Aufmerksamkeit. Offensichtlich sind die Sponsoren nicht bereit, Projekte zu finanzieren, die nicht im regierungspolitischen Trend liegen. Was kann von anderen erwartet werden, wenn selbst die frühere IAPUP sich ihres Namens schämt und ihn in eine abstrakte „Genfer Initiative“ abwandelt, von ihm nur einen traurigen kleingedruckten Un­tertitel übriglassend. Ihrem gegenwärtigen Arbeitsstil nach wird sie sich – fast vorhersehbar – in einen niederländisch-ukraini­schen Druckereibetrieb umwandeln und belehrende Literatur psychiatrischen Zuschnitts unter Ukrainem vertreiben5. Enge Kontakte mit den offiziellen Vertretern des Gesundheitswesens in der früheren Sowjetrepublik zu pflegen, ist die Orien­tierung der „Genfer Initiative“ – nicht der Zweck, sagen wir. Der Säuberung der ukrainischen Psychiatrie von den Verbrechem des psychiatrischen Spezialkrankenhauses von Dnjepro­petrowsk, sondern der Zweck der Kooperation. Die Opfer des psychiatrischen Terrors erfah­ren von solcher Annäherung keinen spürbaren Nutzen. Was aber die nationalen psychiatri­schen Gesellschaften betrifft, so scheinen sie die Angelegenheit des Psychiatriemißbrauchs gleich nach dem Athener Kongreß begraben zu haben in der Annahme. das Kapitel ein für alle Male erledigt zu haben. Gewiß forderte die APA nach Bekanntwerden des Birley-Re­ports (s. RB 2/91 FW) eine Überprüfung der Mitgliedschaft der Allunionsgesellschaft im Weltver­band für Psychiatrie. Aber sie tat dies, als diese praktisch schon auseinandergefallen war.

Die Bedingungen und Vorbehalte, unter die ihre Aufnahme beim Weltkongreß in Athen (s. RB 2/89 FW) gestellt worden war, sind von der offiziellen Sowjetpsychiatrie nie emst genommen worden. Sie fährt fort, alle Anschuldigungen gegen sie abzustreiten. Von Ihren ausländischen Helfershelfem bedient, nützen die führenden Sowletpsychiater frech die Theorie von der „Schuld des Systems“ aus, reduzieren die ganze Angelegenheit auf jene bekannten „möglichen individuellen Fehler“ und berufen sich auf den „Faktor Subjektivität im Diagnostizieren“. Sie konnten sich um so unverwundbarer fühlen, als viele nationale Psychiatergesellschaften miteinander wetteifem, östliche Psychiaterdelegationen einzuladen. ohne in Mißbräuche verwickelte Individuen auszuschließen. Nur einmal ist es der öf­fent­lichen Meinung Amerikas zur Schande der APA 6 gelungen, solch einen Besuch abzublocken. Auf der Gästeliste standen Psychiater, die mit den Strafinstitutionen zusammengearbeitet hatten.

Die Führer der Sowetpsychiatrie hatten in direkter Kooperation mit dem KGB versucht. Die Unabhängige Psychiatrische Gesellschaft (IPA) aufzuspalten und sie durch eine analoge. aber kooperationswillige, sich nur ihren Namen aneignende Gesellschaft zu ersetzen. Offizielle psychiatrische Institutionen weigerten sich. die Kompetenz der psychiatrischen Beurteilungen irgendeines IPA-Experten anzuerkennen. Nach dem territorialen Zerfall der Sowjetunion sind psychiatrische Gesellschaften in den (einzelnen) Republiken aufgetaucht, die das Prädikat „unabhängig“ annahmen, ihre früheren Strukturen wie auch ihre personelle Besetzung jedoch beibehielten. So haben wir jetzt eine Estnische und eine Ukrainische Unabhängige Psychia­trische Gesellschaft. Auch innerhalb Rußlands fand eine Aufsplitterung statt. Nach der IPA wurde eine St. Petersbuger Psychiatrische Gesellschaft gegründet. Und am 26.10.1991 ging aus der Allunionsgesollschaft die Allrussische Gesellschaft der Psychiater hervor. Erstere, jetzt eine Föderation der Psychiater sich nennend, gibt übrigens vor, fortzubestehen. Alle die neugegründeten Körperschaften repräsentieren nichts anderes als einen Wiederaufguß der gleichen alten sowjetischen Psychiatriefunktionäre, den neuen territorialen oder nominalen Kriterien angepaßt. Unter den Mitgliedern dieser Organisationen gibt es immer noch Perso­nen, die direkt für psychiatrische Mißbräuche in der Vergangenheit verantwortlich sind oder solche heute verüben. Nur die IPA, die sich als erste von der Sowjetpsychiatrie abhob, führt in ihrer Geschäftsordnung die Bestimmung. die einen Psychiater aus der Mitgliedschaft aus­schließt, der sich in Vergangenheit oder Gegenwart in Mißbräuche verstrickt hat. Das ist es, worauf ihre Unabhängigkeit, ihre gänzliche Unter­schiedlichkeit von anderen ex-sowjetischen Psychiatriegesellschaften von allem Anfang an mußten. Die früheren Nomenklatura-Psych­iater haben in der Regel weiterhin führende Positionen in den neuen Stellen des öffentlichen Gesundheitswesens. einschließ­lich der Psychiatrie inne. Ihre Macht, ihre finanzielle Ent­scheidungsgewalt und ihre enge Ver­bin­dung mit dem Strafsystem, Komplizen ihrer Ver­brechen, erlauben ihnen, den Fluß der Enthüllungen zu unterbrechen und jeden wirklichen Wandel innerhalb der früheren Sowjetpsychiatrie zu verhindern.

Nachdem sie einer der Gründe für die Vernachlässigung des Schicksals der Opfer der Strafpsychiatrie ist, bedarf die gegenwärtige Haltung früherer Dissidenten, heutiger Demokraten besonderer Aufmerksamkeit. Diese Leute plappern gern von „Schuld des Systems‘, von „Schuld von allen und jedem“ etc. Was die gestrigen Partokraten und Speichellecker betrifft, die gewohnheitsmäßig mit den Wölfen heulen, ist die Sache klar. Sie sind auf Selbstrecht­fertigung aus. Aber wie kann man diejenigen verstehen, die für das Recht der Verteidigung der Menschenwürde einen Preis bezahlt haben, wenn sie sich heute in einer Weise benehmen. die all ihren früheren Einsatz auslöscht? Was ist z.B. der Wert von Sergej Kowaljows vor früheren politischen Gefangenen geäußerten Befürchtung. Folge einer seiner Meinung nach nicht wünschenswerten Bekanntmachung der Namen von Denunzianten (des KGB) wäre, daß die demokratische Gruppe des russischen Parlaments eine große Zahl ihrer Mitglieder ver­löre? Eine feine Gesellschaft, in der sich dieser frühere Gewissensgefangene jetzt befindet und die er so ängstlich zu erhalten suchte Oder Wladimir Bukowski. der vor dem Teleobjektiv mit dem Boß eines gewissen kriminellen Amtes Hände schüttelt und mit ihm bezüglich der Nutz­losigkeit einer Veröffentlichung der Namen der Geheimagenten einiggeht. Ein Held fürwahr! Semjon Glusman. dessen Namen mit der Geschichte des General Grigorenko ver­­­­bunden ist, hat ihn bereitwillig sowjetischen halboffiziellen Organen zur Verfügung ge­stellt, die einen Teil der früheren Allunionsgesellschaft als Ukrainische Psychiatrische Ge­sellschaft zu reorganisieren sich anschickten. Mit dem Zusatz „unabhängig“. Die gesamte psychiatrische Nomenklatura der ukrainischen Gebiete wandelte sich zusammen mit Glusman in aktive Gründer und Mitglieder der neuen Organisation einschließlich des Chefpsychiaters des ukrainischen Innenministeriums. Warum soll man da die Strafärzte der Vergangenheit be­mühen. Bis jetzt ist es uns nicht zur Kenntnis gekommen, daß die von Glusman angeführte Ethikkommission die Frage einer Nicht-beitrittsfähigkeit von belasteten Personen etwa aus dem Psychiatrischen Sonderkrankenhaus von Dnjepropetrowsk zu einer „unabhängigen“ Ge­sellschaft aufgeworfen hätte. Vielleicht, weil Glusman, andere, uns beschwören, „nicht Rache zu nehmen“ (RB 1/90 FW)

Das Thema der Nichtzulässigkeit von „Rache“ gegen sowjetische Parteiapparatschiks. KGB-Of­fi­ziere, Strafpsychiater und andere, die für während der Sowletperiode der Geschichte be­gangene Verbrechen verantwortlich sind, wird von den gleichen Vorkämpfem der „Stabi­lität“ vorgetragen und von jedem als primitive Spekulation verwendet, der denkt, er wäre nicht auf der Höhe der Zeit, wenn er nicht Banalitäten nachschwätzte, die an jeder Straßenecke zu hö­ren sind. Die Publikation der Verbrechen des Regimes und der Namen der darin verstrickten Personen muß als erstes die Entfernung dieser Individuen aus öffentlichen und wirtschaft­li­chen Domänen zur Folge haben, die ihnen Macht  über die Gesellschaft auf allen Ebenen verleihen. Psychiatrie als ein wichtiger Zweig der medizinischen Wissenschaft ist gewiß eine dieser Domänen. Heute kann jeder Schuldige sagen: „Ich werde es nicht wieder tun, nur blamiert mich nicht vor der Gesellschaft und laßt mir alles, was ich habe.“ Aber wer garantiert, daß diese Schurken. wenn sie nicht zur rechten Zeit exponiert und aus dem Ver­kehr gezogen werden, nicht Ihre früheren Aktivitäten mit neuer Energie wieder  aufneh­men werden, wenn morgen die Tyrannis erneut ihr Haupt erhebt? Wir können eher das Gegenteil garantieren. Niemand. der seine Sinne beisammen hat. kann jedenfalls erklären, warum eine Mutter mehrerer Kinder „mit aller gesetzlichen Konsequenz“ für einen kleinen Laden­dieb­stahl verurteilt werden soll, während an Leuten, die Alexander Mironow im psychiatrischen Krankenhaus von Kasan umbrachten, „keine Rache genommen werden soll.“

Die gegenwärtige Lage der Opfer psychiatrischer Willkür in der früheren UdSSR ist furcht­bar. Besonders die Zahl derer, die keine berühmten Namen als politische Dissidenten tragen: Sie sind administrativer Verfolgung ausgesetzt. In Verzweiflung wenden sie sich erst an die sowjetischen Behörden, die keinen Finger für sie rühren, dann. den Spuren ihres Gedächt­nisses folgend, an frühere Dissidenten oder an westliche Organisationen. Aber diese früheren Vorkämpfer für die „Beleidigten und Verwundeten“, die infolge solcher Wohltätig­keit in der Vergangenheit zu Ruhm und finanzieller Ausstattung ihrer Organisationen ge­kom­men sind, haben sich heute von den Opfern des Regimes abgewandt, dessen Untergang sie nicht als allgemeine Freude, sondern eher als anbrechende Apokalypse auffassen.

Was ist zu tun? Wie können wir Menschen helfen. die durch ihr Leiden mehr als ein Recht auf Hilfe verdient haben? Es gibt dafür nur ein einziges Mittel: alles nur mögliche für jedes einzelne Mißbrauchsopfer versuchen zu tun. Die IPA führt Listen über solche Leute und ist in der Lage, die Arbeit der Hilfeleistung und -verteilung zu leisten. Diesem Team von Enthu­sia­sten ist zu wünschen, daß sie ehrenhaft die ethischen Vorstellungen einlösen, die in der Satzung ihrer Organisation niedergelegt sind.

Anatolij Korjagin        Zürich, 23. Februar 1992

 

 

 

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