Freuds Eroberung des Katholizismus


Freud, die Psychoanalyse und die Folgen waren über die Jahre oft Themen auch der  GEP-Rund­briefe. Nun kam der Wunsch auf, die umfänglichsten, jeweils spezielle Aspekte beleuchtenden Beiträge im deutschen INFC-Teil zusammenzustellen, um sie den speziell interessierten Lesern leichter und konzentrierter zugänglich zu machen. Freud spielt ja in alles Weitere von uns Behandelte hinein, ist vielfach Ursprung und Basis der von uns aufgezeigten Nöte. Der folgende Artikel unter dem Titel „Die Gewinne der Freudianer beidseits des Rheins, ihr Zerrinnen heute beidseits des Atlantiks“ stand erstmals in GEP-Rundbrief 1/05, Kapitel 5

Bei den vielen irrlichternden Geistesgrößen in den westlichen Gesellschaften erweist sich die katho­lische Kirche oft noch als Fels in der Brandung , gewinnt sie in der Diskussion der mensch­lichen wie gesellschaftlichen Probleme auch bei nicht kirchlich Gebundenen darob zunehmende Aufmerksamkeit und Wertschätzung..Andererseits scheint es oft, als ginge die Welle des Zeitgeists auch über sie hinweg. Eines der inter­­essantesten Kapitel ist das zunehmende Eindringen des Freudismus, einer der wirkmächtigsten anti­christlichen Ideologien, in die Kirche. In RB 2/02.1 beleuchteten wir, wie sich das in Deutschland abspielte [1]. Bénesteau beschreibt in MENSONGES FREUDIENS (S. 311 ff) wie es in Frankreich und letztlich international ablief. Folgend ein Auszug:

„… Die Eroberung des Katholizismus, des kirchlichen Milieus durch die Freudianer geht zumguten Teil auf die Umtriebe der Maryse Choisy [2] zurück. Lange stand der Freudismus ob seines offen antireligiösen, vor allem antikatholischen und kulturfeindlichen Inhalts auf den Index, besonders unter Pius XII. Dieser begann gar eine Disziplinierungsaktion im Klerus, der sich allzu bereitwillig von den Sirenenklängen des neuen säkularen Dogmas einlullen ließ. Wie Maryse Choisy in ihren Memoiren von 1925-1939 schreibt – ihr Untertitel: „Sur le chemin de Dieu on rencontre d’abord le diable (Auf dem Weg zu Gott trifft man erst einmal den Teufel)“ –, mußte sie zuerst zum  Kom­­mu­nismus schwingen [3] , bevor sie im Zuge ihrer Begegnung mit Pierre Teilhard de Chardin 1936 zum Katholizismus konvertierte.

Mit religiöser wie psychoanalytischer Prominenz sich umgebend, verbreitete sie durch ihre Zeitschrift PSYCHÉ die Idee einer heiligen Allianz und kreierte darüber hinaus, um ja weit genug auszuholen und ja nicht eine Richtung außer Acht zu lassen, die ’Alliance Mondiale des Réligions’. Sie orga­ni­sier­te im April 1953 einen Kongreß katholischer Psychotherapeuten in Rom. Als Frucht davon kam sie in Begleitung des Lacan-Analytikers Serge Leclaire zu einer Privataudienz beim Heiligen Vater, an der auch Jacques Lacan , der neue Großmeister (der Bewegung in Frankreich – W), teilnahm, der endlich den Fischerring küßte (RB 2/02,1).

Man mußte jedoch auf Johannes XXIII., den Nachfolger Pius’ XII., warten, um ein wirkliches Nach­lassen der Wachsamkeit der katholischen Autoritäten zu erreichen. Zu dieser Zeit war es nun soweit, daß eine große Zahl von Jesuiten dem Freudismus zuneigte, nachdem dieser in die Religion eingedrungen war und beide Dogmengebäude begannen, in einander zu fließen. Einige (Priester) konnten in der Soutane direkt vom Beichtstuhl weg zwischen zwei Messen in der Sakristei ihre „Kuren“ (Lehranalysen – W) machen und in weniger Zeit, als es zur Segnung des Weihwassers brauchte, in Weihrauchschwaden vom Vaterunser zum (Freudschen) Penis-Neid gleiten.

Zu Beginn der 60er Jahre führte Pater Gregoire Lemercier sechzig Benediktiner-Mönche zu einer Gruppenanalyse zusammen, die von zwei offiziellen Analytikern der IPA in einem mexikanischen Kloster in der Nähe von Cuernavaca geleitet wurde. ‚Zwei Jahre später verließen Lemercier selbst und 40 Mönche den Orden, um sich zu verehelichen oder (noch komfortablere) sexuelle Beziehungen einzugehen“ [4] Andere verließen die Kirche, um ihre integren Seelen dem „göttlichen“ Freudismus zu überantworten, z.B. Francois Roustang, ein Jesuitenpater ursprünglich bis zu seinem Treffen mit Serge Leclaire. Diesem verdankt er sein Ausscheiden aus dem Orden, dann seine Heirat und zeitweilige Vermählung mit dem Lacanismus, von dem er sich auch wieder scheiden ließ, um sich, als er von der Analyse gleichfalls enttäuscht war, der Hypnose zu ergeben.

Mitte der 50er Jahre nahmen nach einer ersten Untersuchung von Moskovici 75% der katholischen Publikationen eine sehr positive Haltung zum Freudismus dahingehend an, daß er mehr praktizierenden Fa­mi­lien (60%) zusagte als nicht praktizierenden oder indifferenten (34%). 20 Jahre später wie­derholte Moskovici die gleiche soziologische Studie zum Thema … und zeigte dabei ein noch substantielleres Eindringen der freudschen Idee in das Gemeinwesen und die Kultur. Aus ihrer dominanten Position heraus trug diese Idee jedoch nur teilweise zum opportu­­nisti­schen Wiederaufleben des Kommunismus nach Stalins Tod bei…

Freud sah in den Riten und Gedanken des Christentums Hinweise auf eine an die Zwangsneurose heranreichende psychische Pathologie. Was die Psychoanalyse stört, ist ein Glaube, der nicht Psycho­analyse ist. Sind doch Analytikern irrationale religiöse Glaubensrichtungen und Ideologien, Marxismus inbegriffen, wenn nicht vom Freudismus imprägniert, analytischer Interpretation bedürftig, wenn sie schon nicht behandelbar sind. Die russischen Opponenten gegen das kommunistische Re­gime wurden zu Geisteskranken erklärt (zu „asymptomatischen Schizophrenen“) und erhielten die ‚verdiente’ Behandlung…“

 

Endnoten    (↵ returns to text)

  1. Noch kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Wien nannte Freud die katholische Kirche „meinen wahren Feind„. In Deutschland sorgten für seine Akzeptanz im katholischen Milieu besonders Albert Görres und natürlich Christa Meves. Verschleiernd sprach sie statt von Psychoanalyse stets von „Tiefenpsychologie“.
  2.  Bénesteau schildert sie als Hanna Dampf in allen Gassen, die sich im richtigen Moment am richtigen Ort ein fand, um Verbindungen mit wichtigen Personen zu knüpfen, eine Journalistin, die leichten Zugang zu den Mächtigen und Berühmten hatte, zu Staatsleuten, Gelehrten, katholisch Prominenten, Ärzten, Schauspielern, Schriftstellern, zu „all denen, von denen man spricht, damit das Volk zuhört.“ 1946 gründete sie „PSYCHÉ – Revue internationale de Psychoanalyse et des Sciences de l´ Homme“, die seit 1947 auch in Deutschland erscheint, hier u.a. von A. Mitscherlich begründet als „Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“.
  3.  Zuerst schwang Choisy zum Okkultismus, gründete AROT, L’Association pour la Rénovation de l’Occultisme Traditionel. Ein Okkultist war freilich mit anderen Psychoanalytikern auch Freud selbst.
  4.  Roudinesco E. & Plon M., DICTIONAIRE DE PSYCHANALYSE, Fayard, (1997) 241

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