Zur Wiederein­führung der Psychoanalyse in Deutschland nach ’45

Freud, die Psychoanalyse und die Folgen waren über die Jahre oft Themen auch der  GEP-Rund­briefe. Nun kam der Wunsch auf, die umfänglichsten, jeweils spezielle Aspekte beleuchtenden Beiträge im deutschen INFC-Teil zusammenzustellen, um sie den speziell interessierten Lesern leichter und konzentrierter zugänglich zu machen. Freud spielt ja in alles Weitere von uns Behandelte hinein, ist vielfach Ursprung und Basis der von uns aufgezeigten Nöte. Der folgende Artikel stand erstmals in RB 1/10,3.

Warum Kritik an der Psychoanalyse? Eine kurzgefaßte Geschichte ihrer Wiederein­führung in Deutschland nach ’45 an Hand von Feststellungen anderer und persönlichen Erfahrungen

Immer wieder wird gefragt, warum wir über alle Schwierigkeiten hinaus, die die Kri­tik am Psychiatrie­mißbrauch, an dem der DDR in Sonderheit, an den Ver­brechen des Sozialismus gar allge­mein, über alle Ma­ßen schon einbringt, auch noch Kritik an der Psychoana­lyse üben, die doch selbst in psychiatriekritischen Kreisen heute als gute Alternative und in deutschsprachigen Ländern insgesamt als heh­re Heilkunde gilt.[1] Ihre Zurückweisung müsse uns so doch nur noch größere Schwierig­keiten einbringen.

Die Antwort: Weil auf dem Gebiet ein Schwin­­­del in den anderen greift – auch in der Psycho­analyse liegt Beugung der Wissenschaft mit fragwürdigen Folgen und damit Miß­brauch der Seelenheilkunde vor -, ist ei­nem Schwin­del und einem Mißbrauch nicht ohne den an­­de­ren zu weh­ren, ist jeglichem Mißbrauch des Fachs, jeglichem Schwin­del auf dem Gebiet mit gleicher Ent­schie­­­­den­heit entge­gen­zutreten. Nicht von un­gefähr hat es so die GEP in ihrer Sat­zung fixiert und hat es in der Auslegung ihrer Ver­einsziele von 1994 noch­mals bekräftigt (RB 2/94,8.5).

Fehlpraktiken hat es in der Seelenheilkunde gewiß auch ohne Freud genug gegeben, im braunen Terror weit Schlimmeres noch. Seit der russischen Revolution steht mit dem gar nicht so erfolglosen Trotz­ky­schen Versuch der Schaffung eines „neuen Sowjet­men­schen“ (RB 1/08,4.4) die Psychoanalyse gar am Anfang des umfänglichsten politischen Mißbrauchs der Seelen­heilkunde überhaupt. Mit der 68er Ver­qui­ckung von Psy­­­cho­ana­lyse und Marxis­mus hat sie das Denken auch in vielen west­lichen Ländern geprägt, vielleicht auch hier einen „neu­en Men­schen schon her­vor­gebracht, ei­nen, wie man­che fin­den, „politisch (korrekt)“ unbekümmert-unkritischen, die verbreitete Verharmlosung besagter Ver­bre­chen sym­pto­ma­­­tisch dafür. Nicht von un­gefähr hat Karl Jaspers (1883-1969) dem Kom­­mu­nis­mus, dem Nazis­mus (der Ras­sentheo­rie) und der Psychoanalyse einen ähn­­lich to­talitären Charakter zu­er­kannt (s.u.). Es ist gewiß ange­mes­­sen, auch der Ana­lyse weiter kritische Auf­merk­samkeit zu widmen. Auf Jaspers hat uns un­ser Mitgründer und langjähriger Eh­ren­prä­sident Walter Ritter von Baeyer im­mer ge­wiesen.

In englischsprachigen Län­dern ist die Psychoanalyse jetzt in freiem Fall. Hier­zulande wird sie weiter ge­stützt. Erst Ende November 2009 machte in Berlin eine neue private „Hochschule“ als „In­ternational Psycho­analytic University – IPU“ auf,[2] offen für (aus dem Lager der Sozial-Pä­da­go­gen, Sozialarbeiter usw. kommende) „Quer-Ein­steiger“ (RB 1/09,3.5). Gleichzeitig be­­­stärkte der Vor­sit­zende der KBV Dr. Köhler die Freu­dianer, „ihre Bedeutung für die Versor­gung (wessen?) in der Öf­fentlichkeit stärker zu vertreten“ und die „psychoso­mati­schen Gebührenziffern … stär­ker zu benüt­zen“ (DÄ 50/09), was un­ter gegebenen Bedingungen[3] fast einer Anstiftung zur Betrügerei gleichkommt. Sind doch die relevanten „Nachweise“ einer the­rapeutischen Wirkung der An­alyse als Augenwischerei ausgewiesen (RB 2/03, 5.2). Schon Breuers und Freuds erster, als Be­hand­lungs­erfolg ausgegebener Fall der Anna O. war ein Flop. Natürlich benützen viele Ärz­te die fetten Ziffern gern und finden nichts dabei, den Schwin­del da­mit weiter zu bestärken. KBV-Richtlinien gemäß (RB 2/07,5.4) erfinden sie Es-Ich-Überich-Kon­flikte als Ursache dieser oder je­ner „Störung“. Auch so läßt sich der Freudsche Geßler-Hut grüßen, der Psy­cho­ana­lyse (1), Psychosomatik (2), Tie­fen­psy­cho­lo­gie (3) Re­­verenz erwei­sen, 2 und 3 in aller Regel gleich 1.

In etwa gleich­zeitig waren Anfang der 70er der so­­wje­ti­sche Psychiatriemißbrauch, hierzulande aber die Psych­iatrie-Re­form und, in sie integriert, die Etablie­rung der Psychoanalyse in Gang ge­kom­men. In gleicher Weise und gleich­zeitig er­hob ich so gegen sie Einspruch. Aus­gie­big konnte ich diesen an­fangs noch im Deutschen Ärz­te­blatt publizieren. Es be­fand sich damals[4] noch nicht in 68er Hän­den. Diesem meinem, unserem Vor­gehen gegen Mißbräuche der Seelen(heil)kunde der verschiedenen Art begegneten von Anfang an von Seiten der Psy­cho­ana­ly­tiker schärfster Widerstand, der gleiche Aus­druck entgeisterter Mißbilligung, still (mitunter auch laut) kochen­der  Wut, wie ich ihn auch in der Mitgliederversammlung der DGPN 1972 in Wies­baden erlebt hatte (RB 1/88, S. 60). Sie hat­te ich aufgefordert – wer wagte es sonst? ­-, gegen den Mißbrauch des Fachs in der Sowjetunion vorstellig zu werden. Der Haß der Freudianer aber traf und trifft, wie häufig in Sekten, be­son­ders Re­ne­ga­ten,[5] sol­che, die etwa ein Berufsleben lang Psycho­the­ra­pie ausübten, gar „psychoana­lyti­sche Me­thoden be­nützten“ (Jaspers, s.u.), die die „psycho­somatischen Ge­büh­ren­zif­fern“ wie Freud­­schen Axiome jedoch mieden und da­mit dem auf­ge­stellten Geßler-Hut den Gruß verweigerten.

Immer ad personam gingen die Angriffe der Freudianer und brachten anfängliche Mitstreiter von uns ab. Auch die Ärzte-Ra­­bau­ken, die 1974 den Deutschen Ärztetag in Berlin und hier just die Psychia­trie-De­batte spreng­ten, rückten in ihrem vor der Kongreß­halle verteilten Pamphlet „Verkauft und ver­raten“ just die besagten, u.a. freud-kritische Publikatio­nen (Fn 12) – an Brisanz kamen sie den GEP-Rund­brie­fen gleich – ins nicht mehr Dis­ku­tab­le, Habermas-scher „Ausgren­zung vom Dis­­kurs“ entspre­chend. Ihre 68er Positionen und Ma­nieren fan­den zuneh­mend freilich Anklang in der ge­samten Ge­sell­schaft, den Me­dien und auch bei der Union, geballt dann in der Psychiatrie-Enquête.

Was wir nach der Vereinsgründung 1977 unter von Baeyers Aegide als DVpMP und ab 1999 dann als GEP ne­ben besagten The­­­men zum Psych­ia­trie­miß­brauch im Sozialismus vorbrachten, kam so bei der Ärzteschaft, ja der gesamten politischen Klasse nicht mehr an. Selbst die Opferverbände, [6] die doch den Op­­fern dienen sollten, wollten von diesem Mißbrauch in der DDR und sei­nen Opfern nichts mehr wissen. Primär folgen sie halt ihren Geldgebern, das heißt der Regierung.

Wie sich die Wandlung der Gesell­schaft, mit ihr die Wand­lung auch der Ärzteschaft und ihres Or­gans ins neo­­marxistisch-„politisch Kor­rekte“ ab­spielten, haben wir öf­ters schon beleuchtet. In den USA trug sich un­ter dem Einfluß der Psychoana­lyse ja Ähnliches zu (RB1/ 08,3). Ih­re (Wie­der-)Eta­blie­­rung nach 1945 in Deutschland mündete bei den 68ern und brachte die all­gemeine Korruption im Land auf den Weg, den Ver­riß „se­kun­dä­rer“, wenn nicht ganz primärer „Tugenden“ (Lafontaine), das Schönreden sexueller Übergriffe auf Minderjährige nicht zuletzt. DIE HOHE KUNST DER KOR­­RUP­TION, Hoffmann & Campe, 1989, pries der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, nach A. Mitscherlich Leiter des Sigmund-Freud-In­stituts in Frankfurt, beliebter Festredener der deutschen Ärzte. Natürlich kam Freud wie sei­nen Anhängern viel Mensch­li­ches entgegen. Angst in ihren vielfäl­tigen For­men mach­­te gewiß den größten Teil des „neurotischen Elends“ aus, dem abzuhelfen er billig versprach. Zwar half die Analyse gegen die Phobien, ge­gen krankhafte Angst, auch nicht,[7] weckte aber wenigstens Hoffnung, die sie bei ihrer langen bis un­endlichen Dauer nie einlösen mußte. Mit­unter halfen Spontanheilungen.

Daß die Psychoanalyse in den ersten Jahren nach 1945 an der Heidelberger Universität Fuß fassen konnte“, sei, schreibt Bormuth[8], „das Verdienst“ Viktor von Weizsäckers und Alexander Mitscher­lichs. Dieser, vor 1933 mit Ernst Jünger und Ernst Niekisch „national-re­volutio­när“ bewegt und von Hause aus gut betucht, war kri­tisch ge­worden, als er das NS-Sy­stem ab 1933 selbst un­gut zu spüren bekam, 1935 gar ein paar Monate Gestapo-Haft. Größtmöglich­en Abstand hielt von Baeyer von ihm.

Von Weizsäcker, ursprünglich von seinem Kommilitonen Kronfeld für Freud erwärmt, besuchte diesen 1926 in Wien. Von ihm erlebte er für eine erste an ihn anlehnende Ar­beit aber eher eine Ab­fuhr. So brach er 1933 den Kon­takt zu Freud ab, erwähnte ihn bis 1945 nicht mehr, warf selbst eines seiner Bücher ins Nazi-Feu­er und erklärte dafür den Antisemiten C.G. Jung zur „Säu­­le der Psycho­­thera­pie“. 1941 erhielt er einen Lehr­­stuhl für Neu­rologie in Breslau, an dem, heißt es, ein Mit­arbeiter Ge­hirne „euthanasierter“ Kinder sezierte. 1945 nach Hei­delberg zu­rückgekehrt, stellte er sich, die Psychoso­matik wieder aufnehmend, dafür „mit kom­pen­sa­to­ri­scher Leiden­­schaft“ hinter „den „kul­tur­kritischen Impetus der Psychoanalyse als notwen­dige ‚geistige Revolution’“. Mit Mitscherlich zusammen hängte er die Verbrechen der Nazi-Ärzte der natur­wis­sen­schaft­lich geprägten Medizin an[9] und propa­gierte ihre „Befrei­ung“ „von der Bevormundung durch die Naturwissenschaft“.

In Die geistige Situation der Zeit – 1931 hatte Jaspers an der Rassentheorie, am Marxismus und eben an der Psychoanalyse ähnlich totalitäre Züge ausgemacht. Dem folgenden Ter­ror entging er mit seiner jüdischen Frau nur knapp. Ihm, der als einer der wenigen überragen­den Gelehrten des Landes vor dem aufzie­hen­den Nazismus rechtzeitig gewarnt hatte, begegneten Mitscherlich und in seiner Begleitung von Weiz­säcker als die wahren Antifaschisten.[10] Als sie ihre Absicht, mit der Einrich­tung eines Instituts die freudsche Ideologie uni­­ver­sitär zu etablieren, immer deutlicher hervorkehrten, widersetzte sich ihnen Jaspers immer heftiger (s. 3.4). Die Herren aber unterliefen sei­ne und weitere Widerstände mit allerlei Tricks – verschleiernd firmierte ihr Institut erst etwa als „Abteilung für All­ge­meine Therapie“ – und übertölpelten schließlich die ge­­samte Fakultät und bald das ganze Land. Unterstützung kam aus Ber­­lin von den Resten des dortigen Göring-In­sti­tuts.[11] Besagte „Reform der Me­dizin“ aus dem Freudis­mus geht in ähnlicher Weise aber bis heute weiter – vgl. das jüngste Animieren von KBV-Boß Köhler (3.2). Ein großes Stück voran brachte sie vor allem die Psych­ia­trie-En­quête und ‑Re­form der 70er Jahre. An Jaspers’ War­nungen ging das Land wie vor 1933 vorbei. Jaspers verließ es 1948 und legte bald darauf die deutsche Staatsbürgerschaft ab.

Von Weizsäckers Psychosomatik versprach eine „anthropologische Vollkommenheit“, die dem Trotzky­schen „neu­en Sowjetmenschen“ kaum nachstand. „Psychotherapie or­­gani­scher Krankheiten“ sollte, schrieb er, mit der „Neu­pro­duktion eines Konfliktes auf gesellschaftlicher Ebene einhergehenOb Ehescheidung , politischer Um­sturz oder re­ligiöse Revolution – allemal wird der so Geheilte zum Geg­ner gewohnter Ordnung werden und sein Arzt von den Freun­den und Nutznießern der gewohnten Ord­nung miß­billigt werden… Die recht verstandene psychosomatische Medizin hat einen umstürzenden Charakter“ (Bormuth, S. 236.). Die Ärzteschaft mißbilligte sie freilich keineswegs. Sie wie die gesamte „politische Klasse“ unterstützten sie und die mit ihr einhergehende Kulturrevolution vielmehr nach­drücklich.[12] Ob die Ärzte draußen im Land ihr wirklich als Agenten des Wertewandels dienen wollten, wurden sie nie ge­fragt, wie ja auch der restlichen Bevölkerung der 68er Wer­­te­kanon vom Gender-Mainstreaming bis zur Milde für SED-Verbre­­cher eher übergestülpt wurde und wird. Die Ärzte wie viele andere taten nolens volens mit, wie ihnen eingetrichtert wurde.

Mit ihren Vorhaben aber kamen Mitscherlich & Co. voran vor allem, weil es in den USA Mächtige gab, die ähnlich kul­turrevolutionär gestimmt waren (RB 1/ 08,3). Amerika ist eben auch das Land, in dem ein Herbert Marcuse wirkte, ein G. Brock Chisholm (RB 2/00, 3.3) bald zum ersten Generalse­kre­tär der WHO avancierte, wo die Revolution der 68er ihren Ursprung nahm und Jahrzehnte zu­vor bereits ein Schiff voller Geld in Richtung Petersburg ausgelaufen war, Trotzky an Bord, um mit Lenin zusammen die Oktoberrevolution zu ver­anstalten. Mitscherlich hatte ’45 offensichtlich ein Gespür dafür, was unter der Fahne der Freiheit jetzt anstand. Es waren jedenfalls aktuelle po­li­ti­sche Klün­gel,[13] die der Psy­cho­somatik und mit ihr bald der 68er „Revolution“ zum Durchbruch verhalfen. Karl Jaspers, Hannah Arendt und viele andere immer noch dem ho­hen jüdisch-christ­li­chen Menschenbild verhaf­te­te Ideali­sten, nicht zuletzt auch von Baey­er und wir wur­den kontinuierlich ausgebremst und ausgegrenzt. Die Entwicklung merkwürdig verschlafen haben unsere Kirchen.

Nur um nochmals ansichtig zu machen, wie deutsche Psychiater von Weltgeltung gegen Freud argumen­tier­ten, was speziell Jaspers dem hier behandelten Mitscher­lich-von-Weiz­sä­cker­­­schen Vorge­hen entgegensetzte und was die deutsche Ärzteschaft danach lässig vom Tisch wischte und bis heute ignoriert, einige Zitate (teil­weise in RB 2/00, 3.3 schon wiedergegeben):

Emil Kraepelin[14] aus Dementia praecox and Para­phrenia (aus dem Englischen rückübersetzt):

„… Überall treffen wir den charakteristischen Grundzug der Freudschen Untersuchungsmethode, die Prä­senta­tion willkürlicher Annahmen und Kon­strukti­o­nen als Fakten, die ohne Zögern zum Bau neuer und immer höher aufgetürmter Luftschlösser genommen werden, wie auch die Tendenz, von einzelnen Beobachtungen aus zu maßlosen Generali­sierungen zu ge­lan­gen. Ich muß letztlich bekennen, daß ich beim be­sten Willen dem Gedankenfluß dieser ‚Meta-Psych­iatrie’ nicht folgen kann…“

Aus Karl Jaspers’ Zur Kritik der Psychoanalyse[15]

„… Freud der überragende Kopf. Das Gewicht seines We­sens, die Radikalität, mit der er bis zum Absurden geht, sein Bezug auf die Krisis eines verlo­ge­nen Zeitalters, sein Stil und seine Eigenwilligkeit wirken stärker, als irgendeiner der Nachfolger es vermochte. … Es ist längst durch Kritiken gezeigt worden, was in seinen Schilderungen, Deutungen, Thesen Erkenntnis­be­deu­tung hat, was pseudowissen­schaftliches Verfahren, was in der Folge nicht etwa Fortschritt einer haltbaren Theorie, sondern bloßer Wandel der Einfälle des Autors ist. Freud nimmt nicht teil am Sinne moderner Wissenschaft. Er bewirkt mit seinen Entschleierungen selber neue Verschleierungen….

Heute gibt es innerlich unabhängige Psychotherapeuten, die den Menschen lieben und ihm helfen möchten. In je einmali­ger persönlicher Gestalt tun sie vernünftig das Mögliche. Sie benutzen auch psychoanalytische Methoden, ohne ihnen zu verfallen. Sie organisieren und technisieren nicht, was für immer Sache der geschichtlichen Kommunikation einzelner Men­schen bleibt. Sie sind naturwissen­schaftlich klares Erkennen gewöhnt und haben es stets als die Grundlage aller Therapie gegenwärtig. Von ihnen soll hier nicht die Rede sein…

Die Weise der therapeutischen Wirkung (der Psychoanalyse) ist fragwürdig. Man weiß, daß alle psy­chotherapeutischen Verfahren in der Hand wirksamer Persönlichkeiten Erfolge haben, durch die Jahr­tau­sende hindurch. Man sieht, daß psychoanalytische Verfah­ren ebensoviel Erfolge und Mißerfolge haben wie andere Me­thoden. Die Befriedigung mancher Patienten an der eingehen­den Beschäftigung mit ihnen und ihrer gesamten Biographie ist nicht gut als Heilung zu bezeichnen. …Was hier Therapie heißt in der Unbe­stimmt­­­heit und Be­liebigkeit des Sinns von Heilung, ist an dem Worte eines namhaften Psychoanalytikers von 1933 zu er­ken­nen: die größte psychotherapeutische Handlung sei die Wirkung Adolf Hitlers…“ – nach Bormuth (S.252) Aus­spruch des Psychoanalytikers (Hans von) Hattingberg.

„Es erwächst (aus der Psychoanalyse) der Anspruch eines Totalwissens vom Men­schen, von seiner eigentlichen Substanz, die noch vor der Scheidung in Leib und Seele liegt. Diese Totalisierung der Menschenauffassung ist wissenschaftlich unmöglich. Sie ist als Denkstruktur dem Totalitarismus in der historisch-sozio­logi­schen Auffassung analog. Sie beruht auf der Verwechslung von Erkennbarkeit und Freiheit. Freiheit, zum Gegenstand ge­macht, ist nicht mehr Freiheit.

Krankheit wird zur Schuld. Was in begrenzten Bereichen ein möglicher Standpunkt gegenüber Krankheitserscheinun­gen ist – in keinem Falle ein ärztlicher Stand­punkt – das wird mehr oder weniger deutlich auf alle Krankheiten aus­gedehnt. Eine falsche und in ihren Folgen inhumane Philoso­phie verdirbt den Sinn und das Ethos ärztlichen Helfens.

Es entsteht, mehr oder weniger bewußt, eine Vorstellung von menschlicher Vollkommenheit, die Ge­sundheit genannt wird. Die Einheit des Menschen, die Einheit der Wissenschaft, die Einheit der Medizin werden pathetisch betont – aber ge­meint als Unterwerfung unter die fragwür­digen Glaubensge­halte der schlechten, schwankenden, in verwirrenden dialek­tischen Kreisen unklar sich bewegenden Philosophie (Freuds)… Man fragt sich, ob die Psycho­analyse der Weg sei zur Reife…  Oder ob hier nicht vielmehr durch verkehrten, bodenlosen Glauben, der sich fa­natisch festhält, der Weg verlegt wird zum eigent­lichen Menschsein…

Das medizinische Kleid für unmedizinische Anschau­un­gen, das ärztlich-therapeutische Kleid für un­ärztliche Be­handlungs­methoden im Umgang mit Leiden und Nöten schafft eine Ver­wirrung der Grund­haltung, die den Boden bereitet für eine Orthodoxie…

… Blickt man auf alle diese Er­schei­nungen… und sieht man dann, wie et­wa auf dem Wiesbadener Internistenkongreß 1949 solche Dinge ernst genommen wurden, so kann man wohl in Stau­nen geraten.. Das Maß der Anerken­nung in der Diskussion seitens der Nichtanalytiker, die Vorsicht, als ob etwas daran sein könne,[16] die Sorge, bei radikaler Verwerfung der Unwissenschaft als befangen zu gelten, zeigt, wie tief die Wirkung dieser Glau­bens­weisen geht. Es könn­te hier, wo mit der Wissenschaft zu­gleich Freiheit und Menschlichkeit und der Ernst des Un­­bedingten bedroht sind, eine Reaktion zur notwendigen Selbstbesinnung führen…“

Von Weizsäcker, Mitscherlich (der ihn bald ab­hängte) und Co. bewiesen fraglos Geschick, Jaspers’ Widerstän­­digkeit zu überwinden. An seinen Mahnungen ging Deutsch­land wieder vorbei,[17] ebenso an denen vieler an­derer Freud-Kritiker, die sich bald, auf neue Entdeckungen Freudscher Flunkerei ge­stützt, zu­nehmend in aller Welt zu Wort meldeten. Hierzu­lande wurde derweil aus­gegrenzt, wer an Freud nicht glaub­te. Selbst für Opferverbände gilt heute als psychiatrisch nur oder doch be­son­ders kompetent, wer wie die Damen Süß (2.2) und Ebbing­haus (2.1) dem Freudschen Aberwitz anhängt, am besten den 68ern rund­heraus (RB 2/09,1). Diesen galt ja die DDR à priori als das bessere Deutschland.

1973, als die analytisch reichlich schon mitbestimmte Psych­­­ia­trie-En­quête, von der CDU/CSU angefor­dert, vom Bun­­­destag in Gang gesetzt, schon fortgeschritten war und ihr Zwi­­­­schen­be­richt bereits vorlag, toppte die damalige Bun­des­gesund­heitsmi­nisterin Focke (SPD) das Unterneh­men, in­dem sie der Enquête-Kom­mis­sion noch ei­nen Extra-Trupp von Ana­ly­ti­kern aufsetzte. Deren Wortführer war jetzt Horst-Eber­hard Richter, Mit­scher­­lichs Nachfolger als Direktor des Sigmund-Freud-In­stituts in Frank­furt, SPD-Wahl­kämp­fer, Vor­mann des Freud-(Mar­­x)ismus jetzt in Deutschland (s.o.).[18] Nicht zuletzt über dem psy­cho­analy­ti­schen Auf­satz geriet der anderthalb tausend DIN-A-seitige En­quête-Be­richt 1975 in seiner sprachli­­chen Öde, seiner Verblasenheit und seiner po­litischen Verdrücktheit – über Institutsambulanzen ver­folgte er breiteren staat­lichen Zugriff auf das Fach, über die Psycho­­therapie Zu­griff auf jedermann – zu einer neu­en Peinlich­keit der deutschen See­lenheil­kun­de.

Immerhin war es ja die Zeit, in der jenseits des großen Teichs – davon erfuhren wir freilich erst später – ein ganz anderer Trend schon eingesetzt hatte. Zu Aufstieg und Fall Freuds in den USA standen in RB 1/08,3, stützend auf das Buch von E. Fuller Torrey FREUDIAN FRAUD, schon einige Ausfüh­rungen. Ein weiteres in­zwi­schen er­schienenes Buch verbreitert die Spur, das Buch des Psychiatrie-Profes­sors an der McGill University in Montreal Joel Pa­ris THE FALL OF AN ICON (University of Toronto Press, 2005). Es  zeigt, wie in Nord-Ame­rika bereits in den 70er Jahren die Ablösung von Freud innerhalb der Psychiater-Zunft vorankam. Hierzulan­de erwärmten sich derweil die Seelen-Exper­ten, die Ärzteschaft insgesamt, ja die gesamte „politische Klas­se“, auch die Union für ihn (und Marx) erst richtig. Persönliche Erfahrun­gen einflechtend, führt Pa­ris ein Beispiel an, das die un­­ter­schiedliche Auf­­nahme des „Freud-Marxismus“ in der der (Seelen-)Heil­kunde beidseits des Atlantiks verdeutlicht.

Auf der Höhe der Revolte lud die McGill-Klinik Herbert Marcuse zur Diskussion, zu seiner fachlichen Unterstützung dazu noch den Psychiater „Ro­bert“. Die Versammlung wurde von einer Gruppe Maoisten gestürmt, die die Diskussion mit Zwischenrufen störten. Marcuse klagte das Fach an, auf der Seite des „Establishments“ zu stehen. Der alt verdiente Klinikchef (Dr. Lehmann) hielt da­gegen, die Revolutio­näre versprächen nach der Revolution kommende Sahne, lieferten sie aber nie. Robert stand auf, rief: „Ich geb’ euch eine“ und spritzte Leh­mann mit Sahne voll. Als ihn McGills De­kan zu stoppen ver­suchte, gab’s ihm „Robert“ ebenso. Marcuse verteidigte ihn. Die Maoisten brüllten und drohten, die Ar­beiter-Klas­­­­­­se zum Aufruhr zu führen. Lehmann sorgte für Beru­hi­gung, indem er einräumte, vielleicht ein fal­sches Wort gesagt zu haben. „Aber lassen Sie uns jetzt die Diskussion fortsetzen“ – wie’s dann auch geschah.

7  Als in Berlin 1974 ein ähnlicher Haufen in den Deutschen Ärztetag brach (RB 1/01,6.9), ließ die Ärztetagsleitung die eben lau­fende Psychiatrie-Diskussion – kurz war  ich da noch zu Wort gekommen – in lauter Marschmu­­sik un­terge­hen und schloß sich in der Folge ohne viel Auf­he­bens den linken Chaoten an, die Psychotherapie, in der es Ein­fühlung und Offenheit braucht, der Freudschen Dogmatik überlas­send, dafür andere jetzt ausgrenzend.

Paris schildert, wie die der Freud-(Marx)-Bewe­gung entsprungenen „Sozialpsychiater“ selbst in den USA eine Zeitlang die Oberhand gewannen und gar das National Institute for Mental Health (NIMH) vereinnahmten. „The hijacking of a national research centre to pro­mote an agenda of social change seems incredible. The institution… reflected the ‚Zeitgeist’“ (weitere Zi­tate s. nachfolgenden Kasten). „Die“ Psychiater waren da­mals in aller Welt ver­sessen, die deutschen zu­dem von „kompensatori­scher Lei­denschaft“ erfüllt, die Gesellschaft zu verändern und sie (zu­min­dest rhetorisch) von al­l ihren Gebre­chen zu heilen. „Psychis“, die Kar­riere ma­­chen woll­­ten, wa­ren da­mals allesamt „Sozialpsychiater“ – solche, denen die Psy­ch­­iatrie der DDR auch heute noch als „positiv und be­wah­­­renswert“ gilt (RB 1/09,2.7).[19] Neben Psychoanalytikern und Po­liti­kern wa­ren sie die treiben­­de Kraft hinter der Reform. Wer ein noch so dürftiges Pa­pier­chen zum En­­quête-Be­richt bei­trug, hat­te bereits das Ticket für einen psych­ia­trischen Chef­arzt­posten in der Tasche. Das „unfreie System der Planwirtschaft“ legte da in seiner „Ver­korkstheit“ (Philipp Rösler) im Gesundheitswesen los.

8   Effizienz-orien­tier­te und damit Freud-kriti­sche Psych­­­iater lösten in Amerika derweil, so Paris, die lang auch dort do­mi­nierenden Freudianer ab.[20] Einige von ihnen wech­­selten gar selbst zur exakten Wissenschaft über und wur­de auf deren Seite zu Pionieren wie etwa Aaron Beck. Zur Depression ent­wickelte er die (angeb­lich) ef­fi­zi­enz­erprobte Kogniti­ve Therapie.[21] Wissenschaftler und Phantasten wirk­en demnach auch in der Neuen Welt heute noch neben einander. So gibt es auch dort er­heb­liche Reste von Freud-Gläubig­keit und –Gel­tung. Daß die angesehene amerikanische Ärzte-Zeit­schrift JAMA kürzlich den Beitrag[22] zweier deut­scher Psy­chologen, der die Wirksamkeit der „Tie­fenpsy­cho­logie“ angeblich (!) aus­weist, ist wohl sym­ptomatisch. Der Para­digmen­wech­sel verlaufe insgesamt, so Paris, fried­­lich. Die Sache aber sei entschie­den.

Ihr Sündenregister fliegt den Analytikern und den lange mitgelaufenen US-Psych­iatern nun um die Ohren. Der Schriftsteller E. Dolnick[23] etwa er­innert, wie sie Eltern, in Sonderheit „schizophrenogenen“ Müttern kranker Kinder zu all ihrem Un­glück auch noch die Schuld an deren Leiden aufluden. Dolnick wie Paris meinen beide halb ent­schuldigend jedoch, die Psychiater hätten es halt nicht bes­ser gewußt.[24]

Auf die geschichtliche Entwicklung verweisen auch deutsche Psychiater jetzt gern, nachdem sie die Psychoanalyse über Jahrzehnte Platz greifen ließen. Sie stellen diese und solide Wissenschaft jetzt einmal nach und das nächste Mal neben einander, stellen er­stere als zu­mindest historisch interessant, im Handumdrehen dann aber auch als therapeutisch relevant und somit ebenbürtig hin.[25] Sie geben den Schwindel damit immer noch als honorig-emp­feh­lens­­werte Therapie-Alternative aus, ja benützen den guten Ruf ärztlicher Wissenschaft, um Schwindel zu be­stär­ken. Das Ergeb­nis ist, daß zur Anwendung kommen­de Psychotherapien zu drei Vierteln weiterhin freud-ori­entiert sind (RB 1/06,7.3).

Auch in Ame­rika aber lautet die Anklage nicht nur sanft auf hi­storischen Irrtum, sondern rundweg auf Lüge und Be­­trü­gerei (Torrey, FREUDIAN FRAUD – 3.6). Uns steht in jedem Fall ein entschiedenes Urteil zu: Ohne daß unsere einschlägig über Jahre erhobenen Anklagen je ge­prüft worden wären, wur­den und werden wir ausgegrenzt,  die Freudsche Schwin­del­wissen­schaft aber von obersten Ärztevertre­tern, KV-Boß Köh­ler u.a., weiter be­stärkt, Hil­fesu­chende weiter verschaukelt, Zwangs­­­­bei­träge der Kran­kenversicherten, Millionen-, Milliardensummen in den Sand ge­setzt und das ganze Land irrege­führt.

 

Endnoten:

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  1.   Es gibt auch solche, die unsere Kritik am Psychiatriemißbrauch und unsere Freud-Kritik gegen einander auszuspielen versuchen. Von Anfang an ließen es Gegner an Angriffen  (und Unsinnigkeit ihrer „Argumente“) nicht fehlen. Wir bleiben die einzige Grup­pe im Land, die den Mißbrauchsopfern über mehr als dreißig Jahre kompetent und selbstlos beigesprungen ist. Keine Unterstellung soll uns hin­dern, es weiter zu tun, wie es recht und sinnvoll ist.
  2.   „University“ nennt man das Unternehmen hochstaplerisch, weil das deutsche Wort Universität doch für echte Universitäten steht. Auch das ein Trick, Adepten mit akademischen Aus­sichten zu locken und ihnen Geld abzuknöpfen, Studiengebühr € 32.000. DIE WELT vom 29.11.09 textete gleichwohl: „Die Psychoanalyse hat jetzt eine eigene Universität.“ Echte deutsche Professoren aber machen mit, Käche­le etwa (RB 2/07, 6.1) und Freyberger (RB 2/09,7.2).
  3.   In den Gebührenordnungen der Ärzte steht für je­de erbrach­­te Leistung eine Ziffer und für diese dann ein Geldwert, für Freudsche Leistungen fraglichen Heil-Werts ein extra ho­her Geldwert. Will ein Therapeut sie in Anspruch nehmen, muß sich nur zuvor in jedem Behandlungsfall in einem Gutachten als An­hänger der Freudschen Schwindel­lehre bekennen. Gegen alle Verlockungen ging ich selbst diesen Köder-Ziffern mein Be­rufsleben lang aus dem Weg.
  4. Gegen den Mißbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion nahm ich erstmals in DÄ 38/1972 Stellung  (Replik an den da­maligen Bonner Ordinarius Prof. G. Huber: „Soziale oder so­zia­lisierte Psychiatrie?“). Gegen die Machart der Psychiatrie-Reform richtete sich insbe­son­dere mein Beitrag „Achillesferse Psychiatrie oder: Der Countdown einer Sozialisie­rung“ in DÄ 50/1973. Der Beitrag Vom ’Fach’ und ‚Fach­arzt’ für Psycho­­­the­ra­pie in DÄ 40/75 richtete sich gegen die weitere Etablierung des Psychoanalyse-Schwindels. Der linken Psy­cho-Szene widersprechend – eine andere gab’s damals nicht mehr -, lösten die Beiträge schon viel Empörung aus. Daß im April 1976 noch unser Aufruf zur Gründung unserer Ver­eini­gung in einer ganzseitigen (6000 Mark teuren) An­zeige erscheinen konnte, müssen wir dem Blatt zugute hal­ten. In DÄ 8/85 erschien als Titelgeschichte ein letzter großer Bei­trag von mir: „Zeitenwende in der Me­­dizin?“ (gekürzter Nach­druck in RB 4/99,5).
  5. In RB 1/09, Fn 61 berührte ich meine eigene tiefenpsychologische „Ausbildung“ 1964-66 in Berlin. Ein glück­li­ches Schicksal, die Möglichkeit nämlich, meine fachärztliche (psychiatrisch-neurologische) Weiterbildung an der Univ.-Nerven­klinik in Mün­chen ab­schließen zu können, befreite mich aus ihr. Es dauerte aber noch länger, bis die irritierendsten freudschen Verbildungen abgestreift waren.
  6. DER STACHELDRAHT (für Freiheit, Recht und Demokratie!) 8/09 berichtete über den Kongreß der UOKG am 24.10. 09 und dabei über die Ausführungen der Psychiaterin Ebbinghaus. Daß ihr Leugnen des systematischen Psychiatriemißbrauchs von einer anderen Psychiaterin vor etwa hundert Zuhörern offen als Lüge markiert wurde (RB 2/09,2.1), unterschlug die Zeitschrift. Selbst Opfer-Organe glätten die Geschichte, spielen kommunistische Verfolgung herunter. Darüber sind innerhalb angesehener Opfervereine inzwischen Schlammschlachten aufgekommen.
  7. Die Psychiatrie hat die Angst, die „normale“ wie die krank­hafte, die verbreitetste seelische „Störung“ unter den Menschen überhaupt (RB 1/05,3), lange nicht wahrge­nom­men. Die Soziale Phobie wurde erst in den 1970ern identifiziert und damit (verhaltens-) the­rapeu­tisch und medikamentös effektiv angehbar.
  8. Bormuth M., KARL JASPERS UND DIE PSYCHO­ANA­LYSE, frommann – holzboog, 2002 – s. auch RB 2/07, Fn32
  9.   Fälle politischer Anpassung sind in der Fa­milie mehrfach bekannt geworden.
  10. Infam genug unterstellte Mitscherlich in der Einführung in seine zehnbändige Freud-Studienausgabe, „daß jeder, der intellektuelle Einwände gegenüber der Psychoanalyse oder ihrer richtigen Auslegung hege, sich selbst fragen müsse, ob er nicht zuletzt nur antisemitischen Vorurteilen Folge leiste“, ungeachtet der Einwände auch vieler jüdischer Gelehrter, nicht erst der von Han Israels, RB 1/07, 5.1-2).
  11.   Die Einrichtung des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie unter der Leitung des Hermann Göring-Vetters Matthias habe, so Bor­muth (S. 171), zu bester Nazi-Zeit die (vordem) unterschiedlichen Schulen der Psychotherapie zusammengeführt und so ihre „professionelle Kon­solidierung und Etablierung“ vorangebracht.
  12.   Einzelne richtige Beobachtungen und Schlußfolgerungen einzelner Freudianer und Marxisten hellen  ihre insgesamt ne­gativen Bilanzen nicht auf. In noch so miesen Systemen sind mitunter auch nützliche Dinge entstanden – z.B. Autobahnen.
  13.   Letztlich waren es das Geld der Rockefeller-Stiftung und „der politische Druck des Justizministers Carlo Schmid“, die 1950, schreibt Bormuth, zur Eröffnung der „FreudKlinik“ an der Heidelberger Universität führte.
  14. aus „Einführung in die Psychiatrische Klinik“ (1916): Zu Freud  „läßt sich mit Bestimmtheit aussprechen, daß die Heilerfolge … in keiner Weise über das durch andere Suggestivverfahren Erreichbare hinausgehen.“
  15.   Aus Rechen­schaft und Ausblick Piper, München, 1951. – ähnliche Ausführungen u.a. in Jaspers’ „Kleinen Schule der Philosophie“ von 1964. Zeit seines wissenschaftlichen Lebens ist Jaspers  der Pseudowissenschaft entgegengetreten, versuchte er dem Ungeist zu wehren.
  16.   Schritt um Schritt hat die Ärzteschaft seit dem Kongreß, dem Anlaß der Philippika Jaspers’, alle „Vorsicht, als ob etwas daran sein könne“, fahren lassen. Aus vol­­len Zügen und ungehemmt gab sie der  Schwin­delwissenschaft bei.
  17.   Für ihre Hilfe zu seinem Buch dankte Bormuth s.o.) u.a. der Österreichischen Karl Jaspers Gesellschaft. Auch die­se freilich läßt von der Freud-Kritik ihres Namenspatrons, die diesem doch sein ganzes wissenschaftliches Leben lang ein erstrangiges Anliegen war, nichts mehr verlauten. Das heiße Ei­sen scheint auch ihr zu heiß zu sein.
  18.   laut DÄ 19/08 ein weiterer „Pionier der Psycho­so­ma­tik, Wegbereiter der psychoanalytischen Familientherapie, an­er­kannter Sozialphilosoph, Leitfigur der Friedens­bewe­gung“ usw. usf., kurz: „ein unbequemer Vor­denker
  19. Über den psychia­tri­schen Universitätsbetrieb Bonns hat der deutsch-amerikanische „Sozialpsychiater“  Prof. Karl Koehler im Antipsychiatrieverlag ein Büchlein, eine Groteske herausgebracht: GUMPEL­MANN, 2004, von Zoten triefend.
  20. Bei Aufgabe der Psychoanalyse wird die Psychiatrie das Psychotherapeutische nie aufgeben (können). So viele Sün­den ihr auch anhängen, wird sie weiter frequentiert bleiben. An wen sonst sollen sich die Kranken denn wenden?
  21.   Das ist etwas anderes, als etwa großartige For­schungs­arbeit zu leisten und, auf die Meriten gestützt, dann nach Art Eric Kandels wieder Freud-Kult zu betreiben.
  22.   Leichsen­ring F, Rabung S. Effective­ness of long-term psychodynamic psychotherapy – a meta-ana­lysis. JAMA 2008; 300:1551-65. Die Arbeit ist reichlich verschlüs­selt und so­mit kaum überprüfbar. Sie  suggeriert aber allein mit ihrem Erscheinen in der angesehenen JAMA Stimmigkeit. Dar­an ist de facto gar nichts. Im Beitrag „Zur Wirksam­keit der Psychotherapie“ haben wir in RB 2/02,5.2. die fehlende Stich­haltigkeit der bis dahin vorgelegten Ef­fi­zienz­nach­wei­se ausgebreitet. Selbst wenn nachträglich noch reelle Nach­­weise kämen, gilt unverändert, daß über Jahrzehnte den Be­handlungen jede ernsthaft wissenschaftliche Grundlage ab­ging, sie letztlich betrügerisch waren.
  23. Dolnick Edward, Madness on the Couch: Blaming the Victims in the Heydays of Psychoanalysis, Simon & Schuster, 1998.
  24. Auch moderne Freud-Nachfolger wie J. Bowlby, P. Fonagy u.a. verunsichern Kinder, Eltern und Gesellschaft wahrscheinlich mehr, als sie sie bestärken.
  25.   so etwa Dr. Fric und Prof. Dr. med. Dipl.Psych. G. Laux in NeuroTransmitter 1/2010, in dem Beitrag „Mulitmodale Behand­lungskonzepte für die „Sor­genkrankheit“. Andere versuchen derweil heimlich sich von Freud davonzustehlen (NPZ 1/10 etwa findet: Verhaltenstherapie nützt auch oh­ne Ursachen­klärung.)  Unter dem gleichen Etikett „Psychotherapie“ und immer zum gleichen Preis verkaufen die Herrschaften unterschiedlichste Inhalte, ihre Wirksamkeit nie näher diskutierend. Gern ziehen sie bei passender Gelegenheit aber Freud unter dem Ladentisch wieder hervor.

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