Kritik der Psychoanalyse

Karl Jaspers

Zur Kritik der Psychoanalyse

Nachdruck zuerst in Münchner Ärztliche Anzeigen Nr. 24 / 1978 mit Genehmigung des Piper Verlages, München, aus Karl Jaspers, Rechenschaft und Ausblick, Reden und Aufsätze 1951, S. 260 ff.  Anlaß zum Nachdruck waren die seinerzeit laufenden Diskussionen um die Einführung eines „Facharztes für Psychotherapeutische Medizin“ in die ärztliche Weiterbildungsordnung. 1992 wurde er Realität, heute unter der Bezeichnung des Facharztes „für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“.

Karl Jaspers war in Deutschland über Jahrzehnte der gewichtigste Gegner dieser Entwicklung. Nicht nur seiner epochalen ALLGEMEINEn PSYCHOPATHOLOGIE von 1913, sondern auch seiner politischen Haltung wegen bleibt er eine Lichtgestalt der Seelenheilkunde in Deutschland und der Welt. Jaspers hat als Psychiater wie als Philosoph Marxismus, die Rassentheorie (Nazismus) und die Psychoanalyse über sein ganzes wissenschaftliches Leben hindurch mit gleicher Folgerichtigkeit und gleichem Nachdruck bekämpft, vor allem aber rechtzeitig – vgl. sein Buch DIE GEISTIGE SITUATION DER ZEIT (1931).

F. Weinberger, 03.11.2004

 

Es ist kaum möglich, von der Psychoanalyse als einer Einheit zu reden, es sei denn, daß alle Psychotherapeuten, die sich ihrer bedienen, an Freud sich orientieren – in orthodoxer Gefolgschaft oder in kritischer Ablehnung. Es ist kein Zweifel, daß Freud der überragende Kopf ist. Das Gewicht seines Wesens, die Radikalität, mit der er bis zum Absurden geht, sein Bezug auf die Krisis eines verlogenen Zeitalters, sein Stil und seine Eigenwilligkeit wirken stärker, als irgendeiner der Nachfolger es vermochte. Alle grundlegenden Erkenntnisse stammen von ihm. Seine Befangenheit in naturwissenschaftlichen Begriffen, ohne eigentlich  naturwissenschaftlich zu forschen, seine Abhängigkeit vom psychologischen Denken der Art Herbarts gehören dem Manne des 19. Jahrhunderts. Seine eigentümliche Kälte, ja sein Haß beflügeln die Weisen seiner Untersuchung. Es ist längst durch Kritiken gezeigt worden, was in seinen Schilderungen, Deutungen, Thesen Erkenntnisbedeutung hat, was pseudowissenschaftliches Verfahren, was in der Folge nicht etwa Fortschritt einer haltbaren Theorie, sondern bloßer Wandel der Einfälle des Autors ist. Freud nimmt nicht teil am Sinne moderner Wissenschaft. Er bewirkt mit seinen Entschleierungen selber neue Verschleierungen. Er macht in der Geistesgeschichte aufmerksam auf unbeachtete Möglichkeiten, aber kommt immer schnell zu ahnungslosen, ja frechen Gedanken (wie im Mosesbuch u. a.).

Heute gibt es innerlich unabhängige Psychotherapeuten, die den Menschen lieben und ihm helfen möchten. In je einmaliger persönlicher Gestalt tun sie vernünftig das Mögliche. Sie benutzen auch psychoanalytische Methoden, ohne ihnen zu verfallen. Sie organisieren und technisieren nicht, was für immer Sache der geschichtlichen Kommunikation einzelner Menschen bleibt. Sie sind naturwissenschaftlich klares Erkennen gewöhnt und haben es stets als die Grundlage aller Therapie gegenwärtig. Von ihnen soll hier nicht die Rede sein.

Vielmehr möchte ich wieder einmal hinweisen auf einen, wie es scheint, immer stärker werdenden Zug innerhalb der psychoanalytischen Bewegung, auf das, was den Glaubenscharakter in diesem Denken ausmacht. Dieser Glaube wird möglich und gefördert durch einige sachliche Irrtümer, von denen folgende formuliert seien:

1. Es wird verwechselt das Sinnverstehen mit dem kausalen Erklären. Sinnverstehen vollzieht sich in Gegenseitigkeit der Kommunikation. Kausalität ist sinnfremd, in Distanz als ein Anderes zu erkennen. Durch Verstehen bewirke ich nicht, sondern appelliere an Freiheit. Durch kausales Erklären werde ich fähig, in gewissem Umfang rational berechenbar einzugreifen in das Geschehen im Sinne erwünschter Ziele. Verwechsle ich aber die Verstehbarkeit von Sinn im Raume der Freiheit und die kausale Erklärbarkeit, so taste ich die Freiheit an. Dann behandle ich sie wie ein Objekt, also ob sie erkennbar da sei, wodurch ich sie erniedrige. Und dazu versäume ich kausale Möglichkeiten, die wirklich bestehen.

2. Die Weise der therapeutischen Wirkung ist fragwürdig. Man weiß, daß alle psychotherapeutischen Verfahren in der Hand wirksamer Persönlichkeiten Erfolge haben, durch die Jahrtausende hindurch. Man sieht, daß psychoanalytische Verfahren ebensoviel Erfolge und Mißerfolge haben wie andere Methoden. Die Befriedigung mancher Patienten an der eingehenden Beschäftigung mit ihnen und ihrer gesamten Biographie ist nicht gut als Heilung zu bezeichnen. Während in der eigentlichen Medizin durch die Erkenntnisse der letzten anderthalb Jahrhunderte gewaltige, fast märchenhafte Heilerfolge möglich geworden sind, so daß sich das Leben des abendländischen Menschen um durchschnittlich 20 Jahre verlängert hat, sind die psychotherapeutischen Erfolge allem Anschein nach nicht größer geworden. Sie können es der Natur der Sache nach kaum werden. Was hier Therapie heißt in der Unbestimmtheit und Beliebigkeit des Sinns von Heilung, ist an dem Worte eines namhaften Psychoanalytikers von 1933 zu erkennen: die größte psychotherapeutische Handlung sei die Wirkung Adolf Hitlers.

3. Was man Neurose nennt, ist nicht charakterisiert durch die verstehbaren Inhalte der Erscheinungen, sondern durch den Mechanismus der Übersetzung von Seelischem in Körperliches, von Sinn in sinnfremdes leibliches Geschehen oder in psychische Erscheinungen von Zwangsneurosen, Schizophrenien u. a. Nur eine prozentual geringe Zahl von Menschen leiden an diesen Mechanismen, an dieser Begabung oder diesem Verhängnis, daß eigene geistige Vollzüge, Akte ihrer Freiheit, ihnen in leiblichen und psychischen Umsetzungen als ein Fremdes begegnen, dessen sie nicht Herr werden. Die meisten Menschen dagegen verdrängen, vergessen, lassen unerledigt, leiden und dulden das Äußerste, ohne je dadurch zu leiblichen oder psychischen Umsetzungen zu kommen.

Diese und andere Irrtümer sind als solche wissenschaftlich faßlich. Hier läßt sich untersuchen, unterscheiden, prüfen. Anders liegt es bei den psychoanalytischen Grundanschauungen, die man Glauben nennen darf. Dieser Glaube ist charakterisiert durch folgende Züge:

1. Alles, was dem Menschen und im Menschen geschieht, hat Sinn. Die Verabsolutierung des Bedeutens und die Nivellierung dieses Bedeutens auf eine einzige Ebene von Sinnverstehen bedeutet eine „Weltanschauung“, der alles Symbol wird, aber von der Art des Symbols, das deutbar ist. Von faktischen hysterischen Symptomen und anderen greifbaren Krankheitserscheinungen wird das Deuten auf alle Krankheiten, auf die gesamte Biographie des Menschen ausgedehnt. Dabei ergeben sich endlose Möglichkeiten des Deutens und Umdeutens, des entgegengesetzten Deutens, des Weiterdenkens und Überdeutens, das kein Ende hat und Kriterien für richtig und falsch verliert. Erkennbarkeit, in das Fließen der endlosen Deutung und Umdeutung gebracht, ist nicht mehr Erkennbarkeit.

2. Es erwächst der Anspruch eines Totalwissens vom Menschen, von seiner eigentlichen Substanz, die noch vor der Scheidung in Leib und Seele liegt. Diese Totalisierung der Menschenauffassung ist wissenschaftlich unmöglich. Sie ist als Denkstruktur dem Totalitarismus in der historisch-soziologischen Auffassung analog. Sie beruht auf der Verwechslung von Erkennbarkeit und Freiheit. Freiheit, zum Gegenstand gemacht, ist nicht mehr Freiheit.

3. Krankheit wird zur Schuld. Was in begrenzten Bereichen ein möglicher Standpunkt gegenüber Krankheitserscheinungen ist – in keinem Falle ein ärztlicher Standpunkt -, das wird mehr oder weniger deutlich auf alle Krankheiten aus-gedehnt. Eine falsche und in Ihren Folgen Inhumane Philosophie verdirbt den Sinn und das Ethos ärztlichen Helfens.

4. Es entsteht, mehr oder weniger bewußt, eine Vorstellung von menschlicher Vollkommenheit, die Gesundheit genannt wird. Die Einheit des Menschen, die Einheit der Wissenschaft, die Einheit der Medizin werden pathetisch betont – aber gemeint als Unterwerfung unter die fragwürdigen Glaubensgehalte der schlechten, schwankenden, in verwirrenden dialektischen Kreisen unklar sich bewegenden Philosophie.

5. Es ist eine verborgene, fanatische und zerstörerische Tendenz am Werk. Sie wird selten ausgesprochen, deutlich aber einmal von Viktor von Weizsäcker. Er hat die „Sorge…, daß wenn einmal die psychotherapeutische Auflösung und Heilung einer schweren Organkrankheit gelingt, im Gefolge ein Zustand auftreten kann, der an eine Psychose grenzt. …, wenn die Krankheit also gleichsam eine Materialisierung des Konflikts ist, dann ist mit ihrer Spiritualisierung auch der Konflikt wieder da… die gelungene Psychotherapie ist dann eine Neuproduktion eines Konflikts. – Wenn aber der Konflikt nun zu vorher unerhörten Gedanken, zu größeren Taten führt, dann wird es eine Umwelt geben, welcher das gar nicht gefällt. Ob Ehescheidung, politischer Umsturz oder religiöse Revolution – allemal wird der so Geheilte zum Gegner gewohnter Ordnung werden und sein Arzt… mißbilligt werden. Was ich hier ausspreche, ist zur Hälfte Prophetie, zur anderen Hälfte aber Beschreibung von bereits Geschehendem.“ – „Die recht verstandene psychosomatische Medizin hat einen umstürzenden Charakter… Aber allerdings, wo das Leben ein sinnvoller Widerspruch ist, da soll es, da muß es auch die Therapie sein… Therapie, d.h.: ärztliches Handeln beteiligt sich am Krankheitsvorgang, begleitet ihn, vermischt sich mit ihm, wirkt mit am Verlauf.“

Was hier vorliegt, ist offenbar. Wer es nicht sieht, für den bedürfte es der Interpretationen, die hier viel zu lang geraten müßten.

In diesen Glaubensmotiven liegt eine Wahrheit, aber eine in solchen Formen verkehrte Wahrheit. Es ist die Wahrheit, daß für den Arzt – wie für jeden Beruf im Umgang mit Menschen – es nicht genügt, das wissenschaftlich Erkennbare gelernt zu haben und anzuwenden. Die sittliche Persönlichkeit des Arztes bedeutete von jeher mehr. Was die Idee seines Berufes ist, in der die anwendbare Wissenschaft nur als ein Werkzeug dient, das ist nicht selber Gegenstand der Wissenschaft, sondern Sache der Selbsterziehung in innerem  Handeln im Raum von Philosophie und Religion. Wenn etwa Th. Bovet von der „Psychohygiene“ spricht und sagt: „Wer sie lehrt, muß sie persönlich verkörpern“, dann meint er wohl dies und sagt manches Gute. Er spricht von Beratung und Hilfe in seelischer Not und meint: man „kann niemanden weiterbringen als man selber steht“, – oder „wer die Ehe nur als eine spezielle Form neben anderen möglichen Formen betrachtet, der hat von der Ehe nichts oder wenig verstanden und taugt nicht zum Seelen-Hygieniker“ – oder: „wer den religiösen Glauben als Suggestion oder Illusion abtut, soll sich nicht mit Psychohygiene befassen“.

Man fragt sich, ob die Psychoanalyse der Weg sei zur Reife, zum Lebensgehalt, zum wahren Glauben zu gelangen. Oder ob hier nicht vielmehr durch verkehrten, bodenlosen Glauben, der sich fanatisch festhält, der Weg verlegt wird zum eigentlichen Menschsein, das sich durch Bezug auf Transzendenz gewinnt.

Der Glaube von Psychoanalytikern kann mit skeptischen Wendungen auftreten, wenn etwa Jung seine Ansichten nur als „Vorschläge und Versuche zur Formulierung einer neuartigen naturwissenschaftlichen Psychologie“ betrachtet. Denn er ist der Meinung, „daß die Zeit zu einer Gesamttheorie… noch längstens nicht gekommen ist“, hält diese also grundsätzlich als mögliches Ziel fest und entwirft in der Tat ständig Schemata einer solchen für ihn denkbaren Gesamttheorie.

Das medizinische Kleid für unmedizinische Anschauungen, das ärztlich-therapeutische Kleid für unärztliche Behandlungsmethoden im Umgang mit Leiden und Nöten schafft eine Verwirrung der Grundhaltung, die den Boden bereitet für eine Orthodoxie. Was mit dem Bannstrahl Freuds gegen abtrünnige Schüler begann, bedeutet eine in der Sache gelegene Tendenz. Diese Tendenz ist stärker geworden. Was möglich werden wird, deute ich an: Psychoanalytiker grün den seit Jahrzehnten Gesellschaften. Diese erstreben das Recht zur Verteilung von Diplomen auf Grund der Organisation eines Lehrbetriebs. Sie appellieren wie Sekten an Solidarität. Nicht wissenschaftlich bestimmte Diskussion auf dem Boden einer alle verbindenden Vernunft, sondern eine – in ihren Formulierungen fließende, aber in der Haltung kenntliche – Totalanschauung vereinigt die Glieder.

Schon ist der Schritt zur Züchtung von psychoanalytisch orthodoxen Psychotherapeuten in Sicht durch einen radikalen Unterschied in den Voraussetzungen einer ärztlichen und der geplanten psychoanalytischen Approbation: Die ärztliche Approbation erteilt auf Grund von Kenntnissen und Fertigkeiten, die ich mir im wissenschaftlichen Bewußtsein allgemeingültig durch Erkennen, an der Hand jederzeit wiederholbarer Beobachtungen und Experimente, erworben habe. Dagegen soll die Approbation als Psychoanalytiker darüber hinaus die sog. Lehranalyse voraussetzen. Das ist ein Vorgang durchaus analog den Exerzitien, in denen nicht durch allgemeingültiges Erkennen, sondern durch Einübung in der Behandlung des eigenen  Bewußtseins die Wahrheit erworben wurde. Die Lehranalyse prägt die Glaubensanschauungen im Zusammenhang mit dem eigenen Dasein so tief ein, daß sie, im Falle des Gelingens, verläßlich festsitzen und den so Gezüchteten zu einem geeigneten Glaubensmitglied der geplanten Zunft machen. Ein argentinischer Entwurf der Ausbildungsvorschriften, in einer deutschen analytischen Zeitschrift mit offenbarer Zustimmung abgedruckt, gibt darüber Aufschluß: Zulassung auf Grund des Lebenslaufs und der Rücksprache mit zwei Lehranalytikern, also Eignungsprüfung – Minimum von 350 Sitzungen der Lehranalyse – Mitarbeit an einer von einem Mentor geleiteten Studiengruppe – wenn reif, Zulassung zu 2 Kontrollanalysen in einem Jahr, d. h. Analysen des angehenden Analytikers an 2 Patienten unter Kontrolle eines Erfahrenen schließlich Berichte des Lehranalytikers, des Kontrollanalytikers und des Mentors – aber nun das Kennzeichnendste:

Wenn nach Ansicht des Lehranalytikers die Lehranalyse nicht in zufriedenstellender Weise fortschreitet, kann der Lehranalytiker einmal gewechselt werden – wenn es wieder scheitert, rät man von Fortsetzung der Laufbahn ab -, d. h. es hat sich gezeigt, daß der Betreffende nicht begabt zu dem notwendigen Glauben ist. Durch Wiederholung in den langen Analysen wird der Glaube fest, brauchbar ist der so Einschulbare. Zwar ist nie von Gehorsam die Rede, aber er ist die verborgene Forderung, die schon Freuds Bannstrahl bedeutete. Die Qualifikation wird verwirkt durch ernstlichen Zweifel und Frage, durch die Freiheit der Vernunft.

Hier ist – freilich ohne Bewußtsein seiner Bedeutung – ein außerordentlicher Schritt getan. Die Lehranalyse kann wissenschaftlich nicht als methodisch einwandfreie Erkenntnisquelle gelten – obgleich bei ihr Erfahrungen stattfinden, die wissenschaftliches Interesse gewinnen können. Aber die Lehranalyse muß der Vernunft als würdelos erscheinen. Der existentielle Prozeß der Selbstdurchleuchtung und der Selbstwerdung im inneren Handeln, die Freiheit selber ist im Ernst nicht möglich vor einem anderen Menschen, es sei denn in der Lebensgemeinschaft existentieller Kommunikation, in der jeder er selbst wird, indem der andere er selbst wird. Was am Leitfaden der hohen philosophischen Überlieferung von den Stoikern, Augustin bis zu Kierkegaard und Nietzsche, an der Hand der Dichter und Weisen allein durch eigenen Vollzug erworben werden kann, das muß verlorengehen in einem technisierten Prozeß der Analyse durch einen sog. Sachkenner. Hier gibt es für das Urteil keine Halbheit. Es handelt sich nicht mehr um Wissenschaft, sondern um Vernunft und Freiheit selbst (ganz abgesehen von der Fülle von Albernheiten, die in der psychoanalytischen Literatur mitschwimmen und denen nicht ausgesetzt zu werden, niemand gewiß sein kann, der sich auf wirkliches Mitmachen als Objekt einer Lehranalyse einläßt).

Eine Frage wird durch diese Forderung der Lehranalyse – und nur durch sie – unausweichlich: Kann eine Hochschule, welche freie Forschung pflegt, allen Erkenntnismöglichkeiten, also auch der Psychoanalyse ihren Raum öffnen, damit in freier Diskussion und objektiv prüfbarer Leistung bewährt werde, was da herauskomme, – kann eine Hochschule, die dabei nur eine Voraussetzung macht, die der Liberalität und Wissenschaftlichkeit und Unbefangenheit ihrer Glieder, kann sie Institute errichten, die für ihre Zöglinge zur Bedingung eine Lehranalyse machen in mindestens 300 oder 150 oder wieviel Sitzungen? Mir scheint: nein, solche Institute sind nur zulässig ohne die Bedingung, wenn auch mit der Erlaubnis der Lehranalyse. Hier ist eine Grenze erreicht. Die Hochschule könnte auch kein Institut brauchen, das durch buddhistische Meditationstechniken in Stufen der Bewußtseinsverwandlung höhere, übersinnliche Erkenntnisse schaffen wollte. In dieser Frage scheint mir Klarheit unerläßlich. Jedem, der es will, ist es erlaubt, es zu versuchen und an sich eine Lehranalyse machen zu lassen. Aber es kann nicht Bedingung werden, ohne den Sinn der wissenschaftlichen Forschungshaltung zu verkehren. Wo die Lehranalyse zur Bedingung eines Forschungsweges gemacht wird, ist die freie Wissenschaft verneint. Übrigens hat Freud an sich keine Analyse machen lassen.

Die Lehranalyse ist, wie alle Experimente am Menschen, keine indifferente Sache. Zwar ist sie keine Gefahr für Leib und Leben, aber Gefahr für die Reinheit, Freiheit und das Hell der Seele. Wo das Experiment am Menschen, an sich selbst, zur Bedingung einer Approbation gemacht wird, da ist die Humanität verletzt. Zwar ist noch Freiheit, denn niemand braucht ja jene Approbation zu erstreben und kann heute noch ohne sie Psychotherapie treiben. Aber die Gesinnung ist sichtbar. Und zweifellos würde aus dieser Gesinnung ärztliche Psychotherapie ohne jene autoritäre Approbation untersagt werden, wenn sie die staatliche Macht dazu hätte.

Blickt man auf alle diese Erscheinungen, von denen ich nur an wenige erinnert habe, und sieht man dann, wie etwa auf dem Wiesbadener Internistenkongreß 1949 solche Dinge ernst genommen wurden, so kann man wohl in Staunen geraten. Das Maß der Anerkennung in der Diskussion seitens der Nichtanalytiker, die Vorsicht, als ob etwas daran sein könne, die Sorge, durch radikale Verwerfung von Unwissenschaft sich zu blamieren, zeigt, wie tief die Wirkung dieser Glaubensweisen geht. Es könnte hier, wo mit der Wissenschaft zugleich Freiheit und Menschlichkeit und der Ernst des Unbedingten bedroht sind, eine Reaktion zur notwendigen Selbstbesinnung führen.

Denn seit 100 Jahren ist wohl das ärztliche Wesen unter Vergessen seiner Berufsidee bei gewaltiger Steigerung des technischen Könnens immer mehr an dieses bloße Können verfallen. Nun ist für den Arzt beides notwendig:

1. die Naturwissenschaft und das durch sie begründete Können und damit das klare methodische Bewußtsein von den kausalen Wirkungen und ihren Grenzen, das saubere Denken und Handeln im Rahmen des durch Wissenschaft Möglichen;

2. aber muß dieses Können Werkzeug bleiben, das unter Führung des Ethos des Arztes steht. Nicht in den naturwissenschaftlich begründeten Mitteln, wohl aber in der Weise ihrer Anwendung, im Einverständnis mit dem Kranken und in seiner Mitwirkung liegt das grundsätzlich Andere der Aufgabe, Tiere oder Menschen zu behandeln. Dieses Andere ist nicht Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, sondern Sache der sittlich reif werdenden humanen Persönlichkeit. Die echte Wissenschaftlichkeit und diese Persönlichkeit aber sind untrennbar. Die Wissenschaftlichkeit selber wird unzuverlässig, wenn die letztere versagt. Die Persönlichkeit genügt nicht, wenn sie das Werkzeug nicht beherrscht: gute Leute, aber schlechte Musikanten sind nicht zu brauchen.

Die Psychoanalyse in denjenigen ihrer Erscheinungen, an die hier gedacht wurde, ist ruinös für das eigentlich ärztliche Wesen. Aber sie ist wie ein Fanal zur Beschwörung der ärztlichen Selbstbesinnung. Man darf diese Selbstbesinnung sich nicht zu leicht machen. Die Unwahrheit des alles echte Arzttum zerstörenden Gegners wird nicht bekämpft durch selbstzufriedene Wissenschaftlichkeit, sondern nur durch das Ganze des Ethos, in dem auch die Wissenschaftlichkeit selber erst zuverlässig wird.

 

5 responses to “Kritik der Psychoanalyse”

  1. Michel Onfray: Anti Freud – Besprechung « norberto42
  2. ADHS als "Erbkrankheit"? - Seite 5 ADHS Erwachsenen Forum

    […] (1913) (Eine sehr gute Zusammenfassung von Jaspers Kritik an der Psychoanalyse findet ihr hier: Kritik der Psychoanalyse, Husserl, Logische Untersuchungen Band 1, Widerlegung des Psychologismus (1900), Heidegger, Sein […]

  3. Stefan Finke

    Interessant! Vieles von Jaspers‘ Kritik an der Psychoanalyse würde man aus heutiger Sicht wohl verwerfen – Freuds hermeneutischer Verstehensansatz hat inzwischen längst seine eigenen wissenschaftlichen Meriten erworben, und Jaspers‘ Alternativentwurf eines Gottesbezugs (eine Glaubensrichtung treibt der anderen den Teufel mit dem Beelzebub aus) ist sicher ebenso angreifbar.
    Eines aber bleibt schlagend, ein verkürzter Dreiwortsatz, mit dem Jaspers den Finger auf die Wunde legt: „Krankheit als Schuld.“
    Oder, inzwischen fast volkstümlich geworden („nice girls don’t get raped“), in der Erweiterung: Schicksalsschläge überhaupt als Schuld; als suche der Neurotiker sich das Unglück selbst.
    Eine solche verquere Haltung erklärt natürlich auch die vernichtende Arroganz der Psychoanalytiker gegenüber ihren Therapieopfern.
    Victim Blaiming – das dürfen wir der Psychoanalyse nicht verzeihen.

  4. Wolfgang Paul

    Psychoanalyse hat mit Naturwissenschaft nichts zu tun und damit auch nichts mit der Medizin. Von einem Glauben wie dem Buddhismus unterscheidet sie sich nur durch die Verwendung von Worten aus der Naturwissenschaft, nicht die einzige „Ideologie“, die das missbräuchlich macht.
    Naturwissenschaft definiert sich als unpersönliche und objektive „Beobachtung“ von „Natur“ und ihre Sprache ist die kontextfreie Logik und Mathematik.
    Bekanntlich gibt es auch Hypothesen in der Naturwissenschaft. Nur dürfen sie nur dann „wissenschaftlich“, wenn sie prinzipiell empirisch überprüfbar sind (Popper).
    Diese Grenze hat Freud und die Psychoanalyse längst überschritten. Da ist nichts überprüfbar!
    Was möchte man bitte objektiv „beobachten“ aus einer vergangenen Kindheit, an die man sich selbst nicht mehr erinnern kann???
    Eigentümlich für den Mensch ist sein großes „Kausalitätsbedürfnis“, die berühmte „warum“-Frage, bei der ein echter Naturwissenschaftler immer sehr bescheiden ist, frei nach Sokrates: ich weis dass ich nichts weis. Der Psychoanalytiker nutzt, oder missbraucht diesen Wunsch, er weis alles.
    Gelegentlich äußert er sich auch ungefragt, wie das Glaubensverkünder so an sich haben.
    Das Wort „Heilung“ ist daher ganz besonders mit Vorsicht zu verwenden.
    Wenn ich einem Patient erkläre, dass sich in ihm ein tödlicher Krebs gebildet hat, erkläre ich ihm gleichzeitig, weil die Frage immer kommt, dass er daran ganz sicher „unschuldig“ ist, das ist wichtig. Gelingt dann eine Entfernung dieses Gewebes (Routineeingriff), geht er in aller Regel gestärkt in sein weiteres Leben. Realitätsnähe ist langfristig immer ein Vorteil. Menschliches Leben ist NICHT naturwissenschaftlich berechenbar; was viele nicht verstehen, nicht aus Mangel an Wissen.
    Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten.
    Ich bin nicht der einzige, der Psychoanalyse NICHT anerkennt, aber „gefühlt“ in einer noch abnehmenden Minderheit.

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