Zur Bestätigung Freud’scher Deutungen

Max Scharnberg, Uppsala, Schweden

Zur Bestätigung Freud’scher Deutungen

Vorwort des Herausgebers

In Deutschland blüht die Psychoanalyse allerorts. Zum 150. Geburtstag Freuds hält die Katholische Akademie in Bayern am 28./29 April 2006 eine große Festveranstaltung ab. Hans Küng predigt seit langem: „Kein Zurück hinter Freud“.  Die evangelische Kirche ist auf den Blender vordem schon abgefahren. In der „Seelenheilkunde“ ist Freud heute schlechthin sakrosankt. Die Psychoanalyse ist neue Staatsreligion geworden.

Dr. Max Scharnberg, bis vor kurzem als Ass.Professor an der Erziehungswissenschaftlichen Abteilung der Universität Uppsala, Schweden, tätig, bekleidet seit Jahren einen hohen Rang im Kreis der wissenschaftlichen Freud-Kritiker. Er hat dazu teils auf schwedisch, teils englisch vier Bücher geschrieben (s. Einleitung zur INFC-Site). Wir freuen uns, hier einen neuen, gewichtigen Beitrag von ihm auf deutsch vorstellen zu können. Dem oft nur ungefähr mit Freud und seinen Jüngern Vertrauten werden deren Gedankengänge hier an vielen Beispielen, einigen auch von Freuds „berühmten Fällen“, genauer vorgestellt und, ins Einzelne gehend, kritisch hinterfragt.

                                                           Friedrich Weinberger

 

Zusammenfassung

 

1958 fand am New York University Institute of Philosophy eine Konferenz statt, an der hervorragende Psychoanalytiker und Philosophen teilnahmen. Thema war Art und Grad der Rationalität psychoanalytischer Theorie und Methodik. Die Ausführungen wurden in einem Buch veröffentlicht: Sidney Hook, Psychoanalysis, Scientific Method, and Philosophy (1959). Die Philosophen brachten viele entschiedene Einwände vor. Sie blieben gleichwohl zurückhaltend, weil sie davon ausgingen, dass die Analytiker guten Glaubens waren. Sie entdeckten darum die zentralen und – bewussten Lügen von Heinz Hartmann nicht, des Vaters der Ich-Analyse, der damals auf Seiten der Freudianer als überragender Theoretiker galt.

 

Alle seine Kollegen stimmten auch darin mit ihm überein, dass

(a)    Psychoanalytiker über jeden Patienten so viele konkrete Beobachtungen machten, dass Nicht-Analytiker sich so große Mengen gar nicht vorstellen könnten,

(b)    jede Deutung auf sehr viele Beobachtungen gegründet sei,

(c)    diese Beobachtungen mit der psychoanalytischen Methode erreicht worden seien,

(d)    die psychoanalytischen Deutungen der vielen, vielen Einzelheiten allem überlegen seien, was mit anderen Theorien erreicht werden könnte,

(e)    die Voraussagen durch Verfahren bestätigt würden, die auch Nicht-Analytiker als rational ansähen,

(f)      die Psychoanalytiker sich hüteten, ihre Patienten zu beeinflussen,

(g)    es deshalb gesichert sei, dass die Reaktionen der Patienten – u.a. ihr letztendlicher Glaube an die Deutungen – nur aus ihrem Inneren herrühren könnten.

 

Hartmann führte zu diesen Punkten keine konkreten Beispiele an. Er ließ nur zwei Worte fallen: „Bonaparte“ und „sechs“ (letzteres die Nummer seiner Referenz) – womit er das seines Erachtens beste Beispiel nannte, das er während 60 Jahren wissenschaftlicher Betätigung in der einschlägigen Literatur gefunden hatte. Er gab jedoch keine weitere Information darüber, welche Beobachtungen und welche Deutungen da beschrieben und wie diese bestätigt worden sind.

 

In Notes on the Analytic Discovery of a Primal Scene, dem von Hartmann anvisierten Text, beschreibt Marie Bonaparte (1945) eine Psychoanalyse bei Freud, wobei die weiteren Einzelheiten rasch verraten, dass es sich um ihre eigene Analyse handelte. Eine Überprüfung des Inhalts deckte einiges auf, was Hartmann verbarg, nämlich:

 

(1) Sämtliche Beobachtungen wurden ohne besondere Methodik gemacht. Es sind Beobachtungen, die jedem Laien direkt möglich sind.

(2) Es sind extrem wenige Beobachtungen.

(3) Bonaparte hatte von einem nahe an einander liegenden Ehepaar geträumt. Als sie selbst sieben Jahre alt war, schrieb sie eine kleine Geschichte mit dem Titel „Der Mund-Bleistift“.

(4) Alle Deutungen stützen auf eine bis allenfalls vier banale Beobachtungen.

(5) Die Deutungen sind reich an Einzelheiten.

(6) Sie sind völlig willkürlich und oft absurd.

(7) Freuds Deutung war, dass Bonaparte im Alter von zwei Jahren sexuellen Verkehr und Fellatio (vgl. „Mund-Bleistift“) beobachtet hatte.

(8) Freud wie auch Hartmann, Bonaparte und Ernest Jones u.s.w. vermochten nicht zu unterscheiden, welche Deutungen wirklich auf psychoanalytischer Theorie fußten, welche dagegen auf privaten Vorurteilen. Freud leitete „aus der Theorie“ noch ab, dass das Paar, das Bonaparte beobachtete, ihr Onkel und ihre Amme war.

(9) Der Onkel war jetzt 82 Jahre alt. Bonaparte ging und erzählte ihm, was sie von Freud gelernt hatte, und bearbeitete ihn, bis er „gestand“.

(10) Dies das angeblich „wissenschaftliche Verfahren“, das die „Bestätigung“ brachte.

(11) Bonaparte schreibt ausdrücklich, dass sie sich gegen die Deutungen Freuds heftig wehrte. Dieser aber fuhr fort, ihr seine Deutungen aufzuzwingen, bis ihr Widerstand überwunden war.

 

Hartmann wagte nicht, die Wahrheit zu sagen. Offensichtlich war ihm bewusst, dass die Philosophen sein Beispiel zerpflücken und abweisen würden, wenn er ihnen erzählte, welch konkrete Tatsachen hinter ihm steckten. Andere Erklärungen für sein Vorgehen als bewusste Lüge sind ausgeschlossen.

 

Es wird in dem Beitrag weiter dokumentiert, dass Hartmanns Ausführungen üblichem psychoanalytischen Vorgehen entsprechen. Ferner wird gezeigt, dass alle psychoanalytischen Deutungen nach dem Prinzip der kausalen Ähnlichkeit gewonnen werden: Die Ursache ähnelt der Wirkung. Im Titel der genannten Geschichte ähnelt „Der Mund-Bleistift“ (Wirkung) fraglos der angeblichen, aber nicht wirklich gemachten Beobachtung von Fellatio (Ursache).

 

Dies wird auch an mehreren von Freuds bekannten Fällen weiter ausgeführt.

 

 

Inhaltverzeichnis

I             Wie nach Heinz Hartmann psychoanalytische Deutungen konstruiert und verifiziert werden

 

II          Marie Bonapartes Beispiel von Konstruktion und Bestätigung der Deutungen

 

III          Stützen sich Bonapartes Deutungen auf eine „riesige Menge von Beobachtungen“?

 

IV          Freuds, Bonapartes, Jones’ und Hartmanns Unvermögen, zwischen psychoanalytischen Deutungen und  privaten Vorurteilen zu unterscheiden

 

V          Scheinbestätigung von Bonapartes Deutungen

 

VI          Das Prinzip der kausalen Ähnlichkeit

 

VII         “Die riesige Menge von Beobachtungen” im „dritten Verführungsartikel“

 

VIII       Die „Bestätigungen“ von Deutungen in „Zur Ätiologie der Hysterie“, einige Lügentechniken und Lügenindikatoren

 

IX          “Die Psychoanalytiker beeinflussen ihre Patienten nicht ”

 

X          Schlussbemerkungen

 

 

Kapitel I

 

Wie nach Heinz Hartmann psychoanalytische Deutungen konstruiert und verifiziert werden

 

1958 fand eine Konferenz am New York University Institute of Philosophy statt, um Art und Grad der Rationalität der psychoanalytischen Theorie und Methode zu erörtern. Hervorragende Psychoanalytiker und Philosophen nahmen daran teil. Ihre Ausführungen wurden in einem Buch publiziert: Sidney Hook, Psychoanalysis, Scientific Method, and Philosophy (1959).

 

Die Philosophen brachten viele entschiedene Einwände vor. Sie blieben dennoch eher zurückhaltend infolge ihrer Annahme, dass die Psychoanalytiker guten Glaubens waren. Sie entdeckten daher einige fundamentale Lügen in den Aussagen Heinz Hartmanns, des Vaters der sog. Ich-Psychoanalyse, nicht, die der Ausgangspunkt dieses Artikels sind. Ich werde sie „das zentrale Zitat“ nennen:

 

„Die Daten, die in der psychoanalytischen Situation [a] mittels der psychoanalytischen Methode gesammelt werden, sind [b] hauptsächlich Verhaltensdaten; und ihr Ziel ist eindeutig die Erforschung menschlichen Verhaltens. Die Daten bestehen meistens aus dem verbalen Verhalten des Patienten, schließen aber auch andere Arten von Aktivität ein: sein Schweigen, seine Körperhaltung und seine Bewegungen, insbesondere seine Ausdrucksbewegungen. […]

“The data gathered in the psychoanalytic situation with [a] the help of the psychoanalytic method are [b] primarily behavioral data; and the aim is clearly the exploration of human behavior. The data are mostly the patient’s verbal behavior, but include other kinds of action. They include his silences, his postures, and his movements in general, more specifically his expressive movements. […]

 

Bezüglich der Daten ist es schwierig, außerhalb des eigentlichen analytischen Prozesses einen Eindruck zu geben von [c] der Menge von Beobachtungsdaten, die schon in einem einzelnen Fall gesammelt werden. Oft verweist man auf die verhältnismäßig kleine Anzahl von Fällen, die von der Psychoanalyse untersucht wurden und neigt dazu, [d] die sehr große Anzahl von tatsächlich gemachten Beobachtungen, auf welche wir in jedem einzelnen Fall die Deutungen eines Aspekt des Charakters, der Symptome (u.s.w.) eines Patienten gründen.

[Fußnote:] Es beinhaltet also im Hinblick auf Forschung jeder einzelne Fall Hunderte von beobachteten [e] Regularitäten in [f] Hunderten von Hinsichten. […]

 

As to the data, it is hard to give, outside the analytic process itself an impression of [c] the wealth of observational data collected in even one single ‘case’. One frequently refers to the comparatively small number of cases studied in analysis and tends to forget [d] the very great number of actual observations on which we base, in every individual case, the interpretations of an aspect of a person’s character, symptoms and so on.

[Footnote:] Thus every single clinical ‘case’ represents, for research, hundreds of data of observed [e] regularities, and in [f] hundreds of respects.” […]

 

Dadurch, dass einige Variable in der psychoanalytischen Situation, wenn auch nicht völlig unveränderlich, [g] so doch so unveränderlich, wie die Situation es eben gestattet, gehalten werden, wird es leichter, [h] die Bedeutung anderer Variablen zu bestimmen, die in das Bild einfließen. Das Beispiel, das am besten untersucht ist, ist was man [i] die Passivität des Analytikers nennt […]. Ich behaupte nicht, dass die Psychoanalyse eine experimentelle Wissenschaft ist. Aber es gibt Situationen, in denen sie [j] dem doch nahe kommt.“ […]

“By keeping certain variables in the analytic situation, if not constant, [g] as close to constancy as the situation allows, it becomes easier to evaluate [h] the significance of other variables that enter the picture. The best-studied example of this is what is called [i] the ‘passivity’ of the analyst, […] This is not to claim that psychoanalysis is an experimental discipline. However, there are situations where it [j] comes close to it.” […]

 

„Es gibt genug Beweismaterial für die Aussage, dass unsere Beobachtungen in der psychoanalytischen Situation, in Zusammenhang der psychoanalytischen Erfahrung und Hypothesen gesetzt, [k] Voraussagen ermöglichen – Voraussagen verschiedener Grade von Präzision oder Reliabilität, die aber [l] allen anderen in der Persönlichkeitspsychologie versuchten in der Regel überlegen sind. Auf Grund der Betonung des genetischen Gesichtpunkts sind viele Voraussagen das, was ’Voraussagen der Vergangenheit’, d.h. Rekonstruktionen vergangener Begebenheiten genannt worden ist. Sie können [m] oft bis in überraschende Einzelheiten hinein bestätigt werden (Bonaparte, 6).“

“There is sufficient evidence for the statement that our observations in the psychoanalytic situation, set in the context of psychoanalytic experience and hypotheses, [k] make predictions possible – predictions of various degrees of precision or reliability, but [l] as a rule superior to any others that have been attempted in the psychology of personality. Due to the emphasis on the genetic viewpoint, many predictions are what has been called ‘predictions of the past’, that is, reconstructions of the past [m] which can often be confirmed in astonishing detail (Bonaparte, 6)”.

(Heinz Hartmann: Psychoanalysis as a Scientific Theory, 1959, S. 21f., kursiv MS)

 

Viele Psychoanalytiker und andere Anhänger ihrer Theorie haben Gleiches oder Ähnliches veröffentlicht:

 

“Freud war in den Naturwissenschaften bewandert und darum ein überzeugter Empiriker. Er war auch ein sorgfältiger und scharfer Beobachter; wegen seiner sorgfältigen Darstellung der Beobachtungen und der Verallgemeinerungen, die er aus ihnen ableitete, ist es ein Vergnügen, einige seiner Schriften zu lesen. Auf Grund just dieser Betonung sorgfältiger Beobachtung hat er seine Thesen mehrmals umformuliert; er versuchte immer bessere Wege zu finden, ihren Beziehungen unter einander Rechnung zu tragen. Die Daten waren nicht fehlerhaft. Die entscheidenden Reaktionen seiner Patienten kamen tatsächlich vor. Man braucht nicht seine Aussage zu bezweifeln, dass die Patienten ihm von Verführung während ihrer Kindheit und ihrem auf ihre Eltern gerichteten sexuellen Begehren erzählten. Vielmehr waren seine Umformulierungen neue Versuche, die Tatsachen besser zu erklären. […]

“Trained in the natural sciences, Freud was a confirmed empiricist. He was also a careful, keen observer, and some of his work is a delight to read because of his careful reporting of observations and the generalizations derived from them. It is precisely because of this emphasis on careful observation that he reformulated his propositions several times, trying to find better ways to account for their interrelationships. The data were not in error. The crucial responses did occur in his patients. One need not question his statements that patients told him of childhood seductions and sexual longings for parents. Rather his reformulations were attempts to explain the data better. […]

 

Die Beobachtungen waren umfassend. […] Man kann Freuds glänzende Fähigkeit als Beobachter kaum in Frage stellen. Er baute seine Theorien auf diese Masse von Beobachtungsdaten. Das geht aus den umfassenden Krankengeschichten hervor, die er schrieb. Er fing mit Tatsachen an und baute seine Theorie induktiv auf, im Gegensatz zu Verfahren, bei denen man mit theoretischen Formulierungen beginnt und danach die Beobachtungsdaten deduziert, die bei Stimmen der Theorie herauskommen müssten. […]”

The observations were extensive. […] There is little question about the brilliance of Freud’s observational skills. He developed his theories out of this mass of observational data. The extensive case studies he presents reveal this. He started with data, and inductively developed the theory, rather than beginning with theoretical formulations and deducing the observational data which should appear if the theory were correct. […] ”

 

(Donald H. Ford & Hugh B. Urban: Systems of Psychotherapy, 1963, Ss. 148, 174; kursiv MS)

 

Freud und viele seiner Nachfolgern behaupteten, dass die Theorie absolut wahr und unerschütterlich bewiesen sei. Erst als die Resultate der modernen Freud-Forschung aus den 1990er Jahren zu bekannt wurden, gaben sie solche Behauptungen teilweise auf. Ihre heutige Strategie ist, nach grössten momentan erreichbaren Vorteilen zu lavieren, die Theorie entweder weiter zu vertreten oder nur zu implizieren oder sie gar in Abrede zu stellen.

 

Einige Beispiele propagandistischer Superlative:

 

“Wir sind im Besitz der Wahrheit.“

„We possess the truth.”

(Sigmund Freud in einem Brief an Ferenczi, hier rückübersetzt und zitiert nach Percy Bailey: Sigmund the Unserene, 1965, S. 89)

 

„Die Psychoanalyse lässt es nicht zu, mit anderen Auffassungen in eine Reihe gerückt zu werden. Mit ihnen auf das gleiche Niveau gestellt zu werden, weist sie zurück. Die universelle Gültigkeit, die die Psychoanalyse für ihre Theorien in Anspruch nimmt, macht ihre Begrenzung auf irgend eine bestimmte Sphäre unmöglich.“

“Psychoanalysis does not permit itself to be ranged with other conceptions. It refuses to be put on an equal basis with them. The universal validity which psychoanalysis postulates for its theories makes impossible its limitation to any special sphere.”

(Anna Freud: Psychoanalysis of the Child, 1931, hier rückübersetzt und zitiert nach Percy Bailey: Sigmund the Unserene, 1965, S. 90).

 

“Bis heute ist keine andere wissenschaftliche Psychologie aufgetaucht, die sich mit der Folgerichtigkeit und Strenge messen kann, mit der Freud die Erforschung der menschlichen Persönlichkeit als System verfolgte.“

“So far, no other scientific psychology has been evolved that can match the consistency and rigor with which Freud pursued the investigation of man’s personality as a system.”

(Kurt Eissler: Medical Orthodoxy and the Future of Psychoanalysis, 1965, S. 57)

 

“Wir können nicht die Vielfältigkeit und Fruchtbarkeit bestätigender Beispiele übersehen.“

“We cannot overlook the multiplicity and pregnancy of supporting instances.”

(Bert Westerlundh: Aggression, Anxiety and Defence, 1976, S. 1)

 

[Als Antwort auf Janets Kritik, psychoanalytische Deutungen seien willkürlich:]

„Diese Aussagen sind völlig wertlos, denn er [Janet] weiss einfach nicht, dass die Deutungen das ganze Gegenteil sind. Sie sind auf objektiven Prinzipen gegründet, die nichts mit individueller Meinung zu tun haben, sondern nur mit den Fakten selbst.“

“The statements are quite worthless, for he simply does not know that the interpretations are the very reverse of this, being based on objective principles that have no reference to individual opinion, but only to the evidence of the facts themselves.”

(Ernest Jones: Professor Janet on Psychoanalysis: A Rejoinder, 1914, S. 406)

 

“Kristalline Klarheit” ist das Wort, mit dem Daniel E. Miller Freuds Schriften lobt – in Psychoanalytic Theory of Development: a Re-Evaluation, 1973, S. 500.

 

„Dora, die sich nach diesem Ideal [= Wahrheitsliebe] sehnte, muss Freuds beachtliche Integrität und seine zielbewusste Suche nach Wahrheit in seiner Arbeit hochgeschätzt haben.“

“Dora, yearning for this ideal [= love of truth] must have appreciated Freud’s remarkable integrity and his single-minded search for truth in his work.”

(Jules Glenn: Freud’s Adolescent Patients: Katharina, Dora and the „Homosexual Woman“, 1980, S. 34)

 

Wir wollen auch noch einige der Hartmannschen Behauptungen im zentralen Zitat herausgreifen, sie klären und vergleichen. Man merke sich, dass sämtliche Behauptungen auf ein und der selben Seite stehen.

 

Heinz Hartmanns Behauptungen (B‑)

B‑1        Jede psychoanalytische Deutung stützt sich auf eine so große Menge von Beobachtungen, dass Nicht-Analytiker sich kaum vorstellen können, dass irgend ein Wissenschaftler so viele sammeln würde.

 

B‑2        Von jedem Patienten [abgesehen von unbedeutenden Ausnahmen, z.B. Patienten, die sehr schnell die Behandlung abbrechen] sammeln die Psychoanalytiker riesige Mengen von Beobachtungen.

 

B‑3          Psychoanalytische Deutungen können einschließlich erstaunlicher Einzelheiten bestätigt werden. Solche Bestätigungen werden durch Methoden gewonnen, die nicht-psychoanalytische Wissenschaftler als vernünftig und uneingeschränkt vertretbar anerkennen.

 

B‑4        Die meisten Tatsachen, die die Psychoanalytiker sammeln, sind Beobachtungen äußeren Verhaltens.

 

B‑5        Die Beobachtungen in der psychoanalytischen Situation werden mit der psychoanalytischen Methode gewonnen.

 

B‑6        Ein Psychoanalytiker beobachtet an jedem Patienten eine Reihe von empirischen Regularitäten. Und jede dieser Regularitäten stützt auf Hunderte von Beobachtungen. [Hartmann gibt keine Information über die Anzahl solcher Regularitäten. Liegt die Zahl näher bei “6”, 60 oder “600”?]

 

B‑7          Psychoanalytiker beobachten an jedem Patienten „Hunderte von Hinsichten“ (“respects”). [Hartmann erklärt nicht, welche Beziehung die Hinsichten zu den Regularitäten haben.]

 

B‑8          Psychoanalytiker sind bemüht, alle Variablen der psychoanalytischen Situation konstant zu halten. Dies gelingt ihnen auch in sehr hohem Mass.

 

B‑9        Der Psychoanalytiker ist vor allem in dem Sinn passiv, dass es ihm in höchstem Grad gelingt, den Patienten nicht zu beeinflussen.

 

B‑10          Wegen der Unveränderlichkeit der Variablen in der psychoanalytischen Situation kommt die Psychoanalyse bisweilen nahe an eine experimentale Wissenschaft heran.

 

B‑11          Infolge der Unveränderlichkeit des Einflusses der psychoanalytischen Situation einschließlich des Psychoanalytikers kann als feststehend gelten, dass die Reaktionen des Patienten nicht von einer Beeinflussung herrühren können.

 

 

 

 

 

Kapitel II

Marie Bonapartes Beispiele von Konstruktion und Bestätigungen psychoanalytischer Deutungen

 

Leicht kann eine Kleinigkeit im „zentralen Zitat“ übersehen werden. Sie wurde auf besagter Tagung von allen anwesenden Philosophen tatsächlich auch übersehen, nämlich das kurz hingeworfene „Bonaparte, sechs“. Hartmann meinte damit, ein eindrucksvolles Beispiel von Ableitung einer psychoanalytischen Deutung einschließlich erstaunlicher Einzelheiten könne in Marie Bonapartes achtseitigem Artikel Notes on the Analytic Discovery of a Primal Scene (1945) gefunden werden, ein Beispiel auch der Bestätigung dieser Deutung.

 

Wäre das wahr, hätten die psychoanalytische Theorie und Praxis fraglos wissenschaftlichen Wert. Dann könnten wir auch bezüglich anderer Mängel toleranter sein. Folglich gibt es gewichtige Gründe, Bonapartes Artikel näher anzuschauen.

 

Marie Bonaparte (1882-1962) war Prinzessin von Griechenland und Dänemark. Ihr Urgroßonkel war Napoléon der Dritte. Niemand, den Freud zum Psychoanalytiker ausbildete, brachte im Voraus so hohes Ansehen wie sie mit. Sie war wohl die einzige Person, die für Freud 1938 von der Gestapo die Erlaubnis zur Ausreise aus Österreich erlangen konnte. Weiter ist sie die Person, die Freuds Briefe an Wilhelm Fliess, als Freud sie vernichten wollte, gerettet hat. – Theoretische Innovationen lagen ihr nicht. Sie hatte aber immer eine gute Beziehung zu den Ich-Analytikern.

 

Sie unterzog sich zwei Unterleibsoperationen im Glauben, dass Chirurgie ihre Frigidität heilen könnte.

 

In seiner Freud-Biographie schreibt Ernest Jones:

 

“Der vorrangige Grund, aus dem Freud anfangs abgeneigt war, den Rat seines Arztes zu folgen [Wien zu verlassen], war, dass er seine Arbeit fortsetzen wollte, so lange Marie Bonaparte in Wien bleiben konnte. Nach ihrer Rückkehr nach Paris drängte sie übrigens ihren alten Stallknecht zu gestehen, dass er, als sie knapp ein Jahr alt war, in ihrer Gegenwart wiederholt Verkehr mit ihrer Amme hatte. Er [Freud] hatte diese Episode zu ihrer großen Überraschung aus dem analytischen Material erraten. Sie waren beide über die Bestätigung ganz aufgeregt. Er schrieb ihr: „Jetzt werden Sie verstehen, wie Widerspruch oder Anerkennung ganz gleichgültig sein können, wenn man selbst ganz sicher ist. Das war ich. Und das war der Grund, warum ich Hohn und Unglauben ertragen habe, ohne gar bitter zu werden.“

“The main reason why Freud had at first been reluctant to accept his doctor’s advice [that he should leave Vienna] was that he wished to continue his work so long as Marie Bonaparte could stay in Vienna. Incidentally, it was on her return to Paris that she induced her old groom to admit that he used to have intercourse with her nurse in her presence when she was just under a year old. Freud had to her great astonishment divined this episode from analytic material, and they were both excited at the confirmation. He wrote: ‘Now you understand how contradiction and recognition can be completely indifferent when one knows oneself to possess a real certainty. That was my case, and it was why I have held out against scorn and disbelief without even getting bitter’.”

Ernest Jones: Sigmund Freud. Life and Work, Band III, 1957, S. 129

 

Bonapartes Artikel steht veröffentlicht im ersten Band des Jahrbuches The Psychoanalytic Study of the Child. Herausgeber dieses Bandes waren Anna Freud, Ernst Kris and Heinz Hartmann. Es ist ausgeschlossen, dass sie nicht wussten, dass Bonaparte selbst die Patientin war.

 

Die nächsten sieben Zitate aus Bonapartes Artikel stehen alle auf fast derselben Seite (119 oder 120). Aus dem Anfangsteil werde ich vier separate Zitate vorstellen:

 

„Eine Frau, zweiundvierzig Jahre alt, geht in Psychoanalyse. In der vierten Woche ihrer Analyse träumt sie eines Nachts, dass sie sich in einer kleinen Hütte befindet, die auf einer grasbewachsenen Erhebung in einem Schlosspark, nahe einem See liegt. Sie betrachtet intensiv ein verheiratetes Paar, das sie kennt, und das ganz nahe an einander in seinem Bett liegt.

“A forty-two-year-old woman is undergoing analysis. In the fourth week of her analysis the patient one night dreams that she is in a small cot on the grassy slopes of a park, near a lake, looking intently at a married couple whom she knows lying quite near in their bed.”

 

Dieses erste Zitat gibt alle Beobachtungen wieder, auf die Freud seine Deutungen gründete:

 

„Der Analytiker behauptet, dass sie während ihrer Kindheit sexuelle Szenen gesehen haben musste und der Traum aus unbewussten Erinnerungen von dem herrühren müsste, was sie da sah. Sie musste nicht nur solche Szenen im Dunkel gehört haben, wie es Kindern oft widerfährt, sondern musste sie bei hellichtem Tageslicht gesehen haben.“

“The analyst asserts that she must have seen sexual scenes in her childhood, that the dream must derive from an unconscious reminiscence of what she saw. She must not only have heard those scene in the dark, as is so often the case with children, but she must have seen them in full daylight.” (Kursiv im Original)

 

Das folgende Zitat gibt die Reaktion der Patientin auf diese Deutung wieder zusammen mit der Erwiderung des Psychoanalytikers:

 

„Anfangs akzeptierte die Patientin diese Deutung ihres Traumes nicht; sie reagierte gegen sie sogar heftig; aber der Psychoanalytiker blieb beharrlich bei seiner Behauptung.“

“The patient did not at first accept this interpretation of her dream, she even reacted violently against it, but the analyst persisted in his assertion.”

 

Danach aber wird die Deutung etwas breiter ausgearbeitet:

 

„Die Mutter der Patientin starb, als das kleine Mädchen gerade geboren worden war. Sie hatte aber eine Amme. Und der Analytiker meinte, dass sie Szenen zwischen dieser Amme und irgend einem sexuellen Partner beobachtet haben musste.“

“The patient’s mother had died when the little girl was born but she had a wet nurse, and the analyst suggested that she must have observed scenes between that nurse and some sexual partner.”

 

Unstrittig ist, dass Bonaparte ihre eigene Analyse bei Freud beschreibt.

 

Das Folgende ist die früheste Erinnerung, die sie während der Behandlung vorgebracht hat. Wir wissen nicht, ob sie diese Erinnerung vor oder nach dem Traum erzählte.

 

 

„Sie sitzt sehr niedrig auf einem kleinen Stuhl oder einer kleinen Kiste im Zimmer der Amme. Die Amme steht vor dem Spiegel auf dem Kamin, in dem das Feuer brennt. Das Kind sieht die Amme intensiv an. Die Amme schmiert ihr schwarzes Haar mit Pomade ein. Die Pomade befindet sich in einem kleinen Topf, der auf den Marmor des Kamins steht. Die Pomade ist schwarz. Das Kind findet sie widerlich. Die Amme hat ein langes gelbliches Gesicht und sieht aus wie ein Pferd.

“She is sitting very low, on a small chair or a small box, in her nurse’s room. The nurse is standing in front of the looking-glass of the chimney, in which the fire burns; the child is looking at her intently. The nurse is smearing her own black hair with pomade. The pomade, in a little white pot, is on the marble of the chimney; that pomade is black. The child finds that disgusting. The nurse has a long yellowish face and looks like a horse.”

 

Weitere Beobachtungen:

„Gerüchte, die der Patientin zu Ohren kamen, kursierten in dem Haushalt, dass die Amme einen Geliebten hatte, der Stallmeister der Pferde des Vaters der Patientin war“ [= des unehelichen Halbbruders des Vaters.]

Rumors had been going in the household, rumors which the patient had heard, that her nurse had had a lover, the master of her father’s horses.”

 

Die Amme verließ die Familie, als Marie drei Jahre alt war. Eine Photographie, die Marie Freud vorlegte, zeigt aber, dass sie keineswegs ein Pferdegesicht hatte. Ihr Gesicht war angenehm rund. Daraus folgert Freud, dass ihr „pferdartiges Aussehen“ etwas anderes ausdrücken musste nämlich, dass sie „wie ein Pferd von einem Pferdemann geritten“ worden ist. Die gelbe Farbe ihres Gesichts muss davon herrühren, dass Pferdezähne gelb sind.

 

Freud erklärt:

“Das Feuer drückt das Feuer sexueller Liebe aus”. – Der Kamin ist ein Symbol der Ausleerungskanäle des Körpers. – Die schwarze Pomade ist ein Symbol von Kot.

 

Weitere Deutungen Freuds:

„Zweifellos ist schon das Haar der Amme vom niederen zum oberen Teil des Körpers verschoben. Hier geschieht eine Kondensation von Schamhaaren und Kopfhaaren.“

“No doubt the hair itself of the nurse is displaced from the lower to the higher part of the body. Here occurs a condensation of pubic hair and hair on the head.”

 

Als Marie ungefähr sieben Jahre alt war, schrieb sie mehrere kurze Geschichten. Der Titel von einer war „Der Mundbleistift“. Über den Inhalt wird nichts berichtet. Der Titel wird völlig isoliert gedeutet: Die Amme und der Onkel hatten Verkehr und Fellatio geübt.

 

Alle sexuellen Akte aber wurden bis zu Maries Alter von zwei Jahren bei Tageslicht ausgeübt, danach im Dunklen. Begründung: Alle Kinder lernen genau im Alter von zwei Jahren sprechen. Nach diesem Alter, aber nicht früher, hätte Marie das Paar verraten können.

 

Kein Mangel an Einzelheiten hier. Wie aber wurden die Deutungen bestätigt?

 

Der Onkel war 82 Jahre alt, als ihn Marie mit dem konfrontierte, was sie von Freud gelernt hatte. Er verneinte alles. Aber Marie drang über Monate hinweg unentwegt auf ihm ein. Und schließlich gab er alles zu. Er gestand, dass er und die Amme bei hellem Tageslicht Koitus und Fellatio ausgeführt hatten, aber nur bis zu Maries Alter von zwei Jahren, darnach nur im Dunklen.

 

Bonaparte und Hartmann erklären, das beschriebene Verfahren sei der wissenschaftliche Weg, auf dem die Wahrheit von Deutungen bestätigt werden könne. Auf S. 125 schreibt Bonaparte:

„Mehrere Faktoren mussten zusammenarbeiten, um dieses Resultat zu erreichen.“

(“Several factors had to work together in order to achieve this result”).

 

Zu ihnen rechnet sie „den wissenschaftlichen, fast zwanghaft die Untersuchung verfolgenden Unternehmungsgeist der Patientin” (“the scientific, almost compulsively enterprising spirit of investigation of the patient”).

 

 

 

Kapitel III

Stützen sich Bonapartes Deutungen auf eine „riesige Menge von Beobachtungen?

 

Wenden wir uns jetzt Hartmanns elf Behauptungen in obiger Aufstellung zu (B-). Er behauptete, eine Unmenge von Beobachtungen sei für jede psychoanalytische Deutung kennzeichnend. Offensichtlich hat er von allen während der vorausgegangenen 60 Jahre verfassten psychoanalytischen Schriften gerade Bonapartes Artikel ausgewählt, weil er ihn hier für besonders beweiskräftig hielt.

 

Hartmann sagt, es kämen nachträgliche Bestätigungen von Deutungen „oft“ vor. Wenn dem so wäre, warum haben er oder andere Psychoanalytiker dann solche Bestätigungen nicht veröffentlicht? In der ganzen Literatur lässt sich kaum ein zweites Beispiel finden.

 

Wie soll ferner, wenn die Psychoanalytiker bis 1958 überzeugende Verifizierungen gefunden hätten, erklärt werden, dass manche von ihnen einige Jahrzehnte später behaupteten, es sei gar nicht das Ziel von Deutungen, wahr zu sein. Nach W. Loch (Some Comments on the Subject of Psychoanalysis and Truth, 1977) sind die Deutungen kaum mehr als eine besondere Art von Trostlügen. Und nach dem schwedischen Analytiker Ludvig Igra (Objektrelationer och psykoterapi, 1997) geben die Deutungen nicht Wahrheit, sondern „Erleichterung“ und „intellektuellen Genuss“.

 

In Kapitel V werden wir eine Reihe von den Deutungen sehen, die Freud seiner jungen Patientin Dora vorsetzte. Man muss sich wirklich fragen, wie ein Psychoanalytiker tickt, wenn er glaubt, derartige Deutungen hätten der Patientin Erleichterung oder intellektuellen Genuss bereiten können.

 

Bis in die letzten Jahrzehnte hinein schwankten die Psychoanalytiker zwischen zwei einander ausschließenden Standpunkten:

(a)    Die publizierte Literatur enthält nachhaltige klinische Beweise für die Wahrheit der Theorie.

(b)   Die psychoanalytischen Beobachtungen sind so esoterisch, dass es unmöglich ist, sie in Wort und Schrift darzustellen.

 

Aber falls die Mehrzahl der Beobachtungen äußeres Verhalten schildert, müsste es doch leicht sein, sie in Wort und Schrift darzustellen. Auch Bonapartes Traum und die Erinnerungen daran sind unproblematisch zu schildern.

 

Die allermeisten Beobachtungen der psychoanalytischen Literatur geben wieder, was die Patienten gesagt haben. Aussagen über die Art der Stimme, der Mimik, der Gesten und der Körperhaltung kommen zwar vor, aber doch nur vereinzelt.

 

Ein Punkt ist hier näher noch zu klären. Worte, die mit „beobacht-“, oder auf englisch mit „observ-“, beginnen, kommen in dem zentralen Zitat, in dem unmittelbar folgenden Zitat von Ford & Urban, und in allen Bonaparte-Zitaten insgesamt zwölf Mal vor. Der Begriff „Beobachtung“ (observation) schließt bei Hartmann, Ford, Urban und Bonaparte aber Patientenberichte, Traumberichte und Traumbilder in gleicher Weise ein.

 

Angeblich wurden die Beobachtungen (einschließlich Traumbilder, Traumszenen, Bestandteile des Traumberichts) in Bonapartes Artikel mit der psychoanalytischen Methode gewonnen. Das gilt besonders für diejenigen, die als Grundlage der Deutungen dienen. Angeblich hätten sie ohne diese Methode nicht gewonnen werden können.

 

Jeder Laie jedoch kann solche Beobachtungen machen. Es gibt so etwas wie psychoanalytische Beobachtungen (auch von Traumbildern und Traumberichten) überhaupt nicht. Nirgendwo in der psychoanalytischen Literatur findet man eine Beobachtung oder ein Muster von Beobachtungen, die nicht ganz alltäglich sind. Übliches Verfahren der Analytiker ist, wenige und dabei meist reichlich oberflächliche Beobachtungen wiederzugeben. Und der Grund, dass gerade diese Beobachtungen (auch oder gar besonders von Traumbildern, Traumszenen, Traumberichten) ausgewählt werden, ist, dass sie gebraucht oder missbraucht werden können, um vorher konzipierte Deutungen zu beweisen oder den Schein eines Beweises zu erzeugen.

 

Bonapartes Traum besteht aus 31 Wörtern. Er kann als aus nur einer oder aus maximal acht (Traum-)Beobachtungen zusammengesetzt aufgefasst werden: [a] Die Patientin befindet sich in eine kleine Hütte [b] auf einer grasbewachsenen Erhebung [c] in einem Schlosspark [d] nahe einem See. [e] Sie betrachtet intensiv [f] ein verheiratetes Paar, das sie kennt, [g] das ganz nahe bei einander [h] in einem Bette liegt. Nur die vier letzten Details sind in die Deutung eingegangen. Überdies muss [f] das Wort „verheiratetes“ unbeachtet bleiben. Der Onkel und die Amme waren ja nicht verheiratet.

 

Vor dem Alter von zwei Jahre kann das menschliche Gehirn keine dauernden Erinnerungen speichern. Obendrein können aus dem, was einem Kind später erzählt wird, Scheinerinnerungen entstehen.

 

Zurück aber zu der hier anstehenden Deutung: Die Patientin sagt nicht, dass die Amme ein Pferdegesicht hatte. Sie spricht zwar von einem langen Gesicht. Aber es wird nicht klar, ob dieser Zug spezifisch zur erinnerten Situation gehört. Ein langes Gesicht ist nicht notwendig ein Pferdegesicht. Schon der Beobachtungswinkel eines niedrig sitzenden Kindes kann den Eindruck eines langen Gesichtes ergeben. Die Photographie ist also belanglos. Vielleicht hatte die Amme lange Haare. Vielleicht hielt sie sich beim Einschmieren der Pomade beide Hände unter dem Haare, so dass ihr Haar einem Rosschweif ähnelte.

 

Weil, wie das Photo zeigte, die Amme kein Pferdegesicht hatte, zieht der Psychoanalytiker den Schluss, sie sei „wie ein Pferd geritten“ worden.

 

Erinnerungen von Farben sind besonders unsicher. Auch könnte ihr Gesicht infolge Kerzenbeleuchtung „gelblich“ gewesen sein.

 

Wie viele „Beobachtungen“ wurden registriert, um zu beweisen, dass die Amme „wie ein Pferd geritten“ wurde? Drei: (a) die gelbe Farbe ihres Gesichts; (b) eine unbestimmte Ähnlichkeit mit einem Pferd; und (c) die Photographie (die das „Pferdegesicht“ ausschloss).

 

Die Deutung „Tageslicht“ gründet auf drei „Tatsachen“: (A) Alle Kinder lernen zu sprechen, wenn sie genau zwei Jahre alt sind. (B) Marie könnte das Paar verraten, wenn sie zu sprechen gelernt hat. (C) Das Paar ging nie ein Risiko ein.

 

Jede der folgenden fünf Deutungen gründet nur auf einer einzigen Beobachtung: (a) Das Feuer im Kamin bedeutet Feuer sexueller Liebe. (b) Der Kamin ist ein Symbol des Anus. (c) Die schwarze Pomade bedeutet Kot. (d) Die Haare auf dem Kopf der Amme sind eigentlich ihre Schamhaare. (e) Der Titel „Der Mundbleistift“ beweist, dass die Amme und der Onkel Fellatio betrieben.

 

Fassen wir zusammen. Die tatsächliche Anzahl von „Beobachtungen“, auf welche die psychoanalytischen Deutungen gründen, ist: 4‑3‑3‑1‑1‑1‑1‑1,

 

Hartmanns Behauptung (B‑1), jede psychoanalytische Deutung stütze sich auf einer riesigen Menge von Beobachtungen, ist gerade in seinem gezielt ausgewählten Beispiel offensichtlich falsch. Offensichtlich ist auch: Hartmann konnte nicht in gutem Glauben gesprochen haben.

 

Kapitel IV

Freuds, Bonapartes, Jones’ und Hartmanns Unvermögen, zwischen psychoanalytischen Deutungen und privaten Vorurteilen zu unterscheiden

 

Die Kapitelüberschrift gibt einen in allen psychoanalytischen Schriften aufscheinenden Grundzug wieder – jedoch mit einer geringfügigen Ausnahme, nämlich den Schriften, die ganz ohne Beobachtungen auskommen.

 

Könnte die Amme“ wie ein Pferd geritten“ worden sein, jedoch von einem anderen Mann, keinem „Pferdemann“?

 

Maries Vater war der Besitzer der Pferde. War er kein „Pferdemann“? Gleichgültig, ob die Amme und der Onkel eine Liebesbeziehung hatten oder nicht, könnten nicht auch – wenn schon – sie und Maries Vater in deren Gegenwart sexuell verkehrt haben, sie und der Onkel aber anderswo?

 

Außerdem lernen nicht alle Kinder im Alter von genau zwei Jahren sprechen.

 

Eine große Überraschung ist auch der Grad von Rationalität, den Freud, Bonaparte, Hartmann und Jones, ausgerechnet sie, ausgerechnet hier unterstellen. Ist es ausgeschlossen, dass die Amme und der Onkel (oder jene und der Vater), als Marie etwa schon drei Jahre alt war, bei entsprechender Gelegenheit, wenn der Trieb drängte und das Kind sein Mittagsschläfchen machte, die Chance zur Liebe wahrgenommen haben?

 

Auf Grund des Titels „Der Mundbleistift“ könnte sich mit der Theorie decken, dass Marie Vorstellungen von Fellatio hatte. Auch wenn wir großzügig beigäben, dass sie die Fellatio beobachtet hätte, könnte das, bevor sie jene kleine Geschichte schrieb, nicht (a) in jedem Alter und (b) entweder im Dunklen oder bei hellem Tageslicht stattgefunden haben? Könnte es außerdem nicht (c) irgendein Paar gemacht haben?

 

Es gibt nicht einmal spekulative Gründe für die aufgestellte Deutung. Freud hat sie nicht, wie Jones erklärt, aus analytischem Material „vorausgeahnt“ („divined“). Wäre die psychoanalytische Theorie wahr, hätte Freud sie in dilettantischer Weise angewendet. Seine Deutungen können nur zutreffen, wahr nur sein, wenn ein wundersamer Zufall mit hereinspielte.

 

Fassen wir zusammen: Die psychoanalytische Theorie könnte bestenfalls enthüllen, dass Marie Vorstellungen von sexuellem Verkehr und Fellatio hatte. Die Theorie kann vor allem aber nichts aussagen über die Identität des Liebespaares oder über Maries Alter.

 

Zu einer angemessenen Untersuchung unseres Gegenstands gehört nicht nur zu prüfen, welche Deutungen aus einer Theorie wirklich abgeleitet werden können, sondern auch welche Deutungen die Psychoanalytiker glauben, aus ihrer Theorie abgeleitet zu haben. Es ist wichtig, festzuhalten, dass Freud, Bonaparte, Jones und Hartmann meinten, die Identität des Liebespaar folgte aus der Theorie.

 

 

 

 

 

Kapitel V

 

Scheinbestätigung von Bonapartes Deutungen

 

Dass Freud, Jones, Bonaparte und Hartmann auf solch „einhämmerndes“ Verfahren zurückgriffen, um das einzige Beispiel einer „Bestätigung“ der psychoanalytischen Theorie vorweisen zu können, ist erhellend genug.

 

Fraglos hätte es Hartmann es nie gewagt, den Philosophen auf der Konferenz 1958 zu erzählen, welche Deutungen in Bonapartes Artikel beschrieben sind, noch wie sie gewonnen, noch wie sie bestätigt wurden. Deshalb nur sein kurzes „Bonaparte, sechs“.

 

Wie lange kann sich ein Stallmeister und unehelicher Onkel erlauben, einer Prinzessin zweier Länder zu widersprechen und zu sagen, dass sie gänzlich irrte? Manche 82-jährige Menschen sind so stark nicht. Außerdem war Marie Bonaparte erst wenige Jahre vorher ernstlich psychisch krank gewesen. Der Onkel mochte gedacht haben, ihre neuen Vorstellungen wären vielleicht ein residuales Krankheitssymptom; man sollte ihr deshalb nicht unbedingt widersprechen.

 

Bezüglich dessen, was man durch einhämmernde Bearbeitung erreichen kann, kann ich die Autorität eines berühmten Psychoanalytikers anführen:

 

“Am Anfang einer Psychoanalyse treffen unsere Deutungen unsere Patienten als etwas vollkommen Absurdes. Und unaufhörlich widerlegen sie sie mit logischen Argumenten. Von den hohen Zinnen der Logik und des gesunden Menschenverstands blicken sie mitleidsvoll auf uns nieder, ironisch und manchmal sogar, was unsere Intelligenz betrifft, die Hoffnung aufgebend. […] Das Einzige, was sie zurückbringt, ist die Konstanz, mit welcher wir unseren Standpunkt verteidigen. […] Es ist eine Erfahrungstatsache, dass im allgemeinen Leben jede Behauptung, die mit innerer Überzeugung vorgetragen wird, wie absurd auch immer sie mag sein, Menschen aus ihrer Fassung bringen kann.“

“At the beginning of analysis our interpretations strike our patients as completely absurd and they constantly counter them with logical arguments. From the exalted pinnacles of logic and common sense, they look down upon us compassionately, ironically and sometimes actually in despair of our intelligence. […] The only thing which takes them back is the consistency with which we defend our point of view. […] It is a fact of experience that in life in general any assertion which is made with inner conviction, however absurd it may be, is disconcerting.”

 

(Edmund Bergler: [Beitrag zum] Symposion on the Theory of the Therapeutic Results of Psycho-Analysis, 1937, Ss. 152f.)

 

Bergler räumt ausdrücklich ein, dass mit dieser Technik einem Patienten falsche ebenso leicht wie wahre Deutungen eingeredet werden können.

 

Nach dem Verlagstext auf der Rückseite von Berglers Homosexuality: Disease or Way of Life? (1962) gehörte er ab 1927 zum Stab der Freud-Klinik in Wien. Er war deren stellvertretender Direktor von 1933 bis 1937. Von 1942 bis 1945 war er Dozent am psychoanalytischen Institut in New York. Er hätte diese Stellungen nicht innegehabt, wenn seine Auffassung von denen Freuds und anderer prominenter Analytiker sehr abgewichen wäre.

 

In den therapeutischen Dialogen in Freuds und Berglers Schriften finden wir recht grobe Überredungstechniken aufgeführt. Und durchgehend zielten die Behandlungen beider Analytiker darauf, die bewussten Überzeugungen des Patienten durch andere bewusste Überzeugungen zu ersetzen, so viel beide auch vom Unbewussten sprechen. Ihr faktisches Verfahren gründet auf der Prämisse, dass sie sich um unbewusste Phänomene nicht zu kümmern brauchen.

 

 

Nirgendwo in der Krankengeschichte etwa des berühmten Falles Dora kann man einen Hinweis dafür finden, dass Freud irgendetwas anderes zu beeinflussen versuchte als ihre bewussten Überzeugungen. Und in seinem Brief vom 03.01.1897 schildert er sein wahrlich brutales Vorgehen bei einer anderen Patientin, die nicht glauben wollte, dass die Ursache für ihr Mund-Ekzems die Fellatio ihres Vater war, als sie selbst noch in der Wiege lag:

 

„…Sie leidet an Ekzem um den Mund und nicht heilenden Einrissen der Mundecken… Bei Nacht läuft ihr anfallsweise der Speichel zusammen, wonach die Einrisse auftreten. (Ganz analoge Beobachtung habe ich bereits einmal auf das Saugen am Penis zurückgeführt.) […] Habemus papam! Als ich ihr die Aufklärung entgegenschleuderte, war sie zuerst gewonnen. Dann beging sie die Torheit, den Alten selbst zur Rede zu stellen, der auf die ersten Anbahnungen entrüstet ausrief: Soll ich das gar gewesen sein? und mit heiligen Eiden seine Unschuld beschwor. Sie befindet sich nun im heftigsten Sträuben, gibt an, ihm zu glauben […] Ich habe ihr das Wegschicken angedroht“ [offensichtlich für den Fall, dass sie die Deutung nicht glaube].

(Jeffrey M. Masson: Sigmund Freud, Briefe an Fliess 1887‑1904, 1999, Ss. 232f. Freuds kursiv. – „Habemus papam“ heißt hier „Da haben wir den Vater“! – Anmerkung des Buch-Kommentators).

 

Nach dieser Schilderung stimmt Freuds Technik völlig mit Berglers Technik überein.

 

Die „Ich-Analytiker“, darunter Heinz Hartmann, waren für Freuds Krankengeschichten voller Bewunderung, vor allem für den Fall des Wolfsmannes. Freud erklärte die Neurose dieses Patienten als Auswirkung davon, dass er im Alter von 18 Monaten [angeblich] den Koitus seiner Eltern beobachtete. Der spätere Psychoanalytiker A. Esman gab folgende Charakterisierung der Ich-Analyse. Auch Patrick Mahony stimmt in Cries of the Wolf Man (1984, S.53) mit ihr überein:

 

“Manie, Depression, Paranoia, Hebephrenie, Phobie, Hysterie, Zwangsneurose, Charakterstörung, Lern-Schwierigkeiten, Asthma, Kopfweh, Kriminalität, sie alle wurden als Folge einmaliger oder mehrfacher Beobachtungen der Urszene erklärt [= des elterlichen Koitus]. Man wird zu fragen bewegt, ob wir es da nicht mit einer der Situationen zu tun haben, in der es einer Theorie gelingt dadurch, dass sie alles erklärt, nichts zu erklären.”

“Mania, depression, paranoia, hebephrenia, phobia, hysteria, compulsive neurosis, character disorder, learning disturbance, asthma, headache, delinquency – all have been explained as reactions to single or multiple exposures to the primal scene. One is moved to wonder whether we are here confronted by one of those situations in which a theory, by explaining everything, succeeds in explaining nothing.”

(A. Esman: The Primal Scene: A Review and a Reconstruction, 1973, Ss. 64f.)

 

Die Ich-Analytiker, die doch vorgeben, Freud „weiterentwickelt“ zu haben, bekümmerte es nicht, dass das Gehirn des Menschen in diesen Alter gar nicht so weit entwickelt ist, um Erinnerungen auf Dauer zu fixieren. Sie übertrugen Freuds Koitus-Deutung mechanisch auf ihre eigenen Patienten. Es ist deshalb nicht überraschend, dass Hartmann ein Beispiel der „Beobachtung“ von Koitus und Fellatio für seine hier zur Diskussion stehende Ausführung gewählt hat.

 

Marie „betrachtete intensiv“ das Paar im Bette. Bonapartes Worte sind: „looking intently“. Das könnte im Fall des Wolfmanns eine Beziehung haben zu dem dort bei Freud stehenden Ausdruck „das aufmerksame Schauen“. Als der Wolfmann knapp vier Jahre alt war, hatte er einen Angsttraum von Wölfen, die auf dem Nussbaum vor seinem Fenster saßen. Der Traum wird in der Krankengeschichte (Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, GW‑XII:54/SE‑XVII:29) und in dem kurzen Artikel Märchenstoffe in Träumen (GW‑X:5/­SE‑XII:283f.) in genau den gleichen Worten berichtet.

 

 

Der Wolfsmann lebte lange genug, dass es einem Nicht-Analytiker, nämlich der Journalistin Karin Obholzer gelang, ihn aufzuspüren. 1980 veröffentlichte sie das Buch Gespräche mit dem Wolfsmann, das weitgehend aus Interviews mit ihm besteht. Von dem sogenannten Wolfstraum sagt er, dass die Tiere keine Wölfe, sondern Hunde und auch keine sieben waren, sondern fünf. Auf einer Seite in Freuds Krankengeschichte (GW‑XII:55/­SE‑XVII:30) ist eine Illustration wiedergegeben, die der Wolfsmann selbst gezeichnet hat: Auf ihr sitzen auf den Ästen eines Baumes fünf Tiere.

 

Freud lag, wie aus seiner Darstellung ersichtlich wird, viel daran, seine Deutung zu belegen, dass sich hinter dem Traum die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein versteckte.

 

Ein wiederkehrender Grundzug in Freuds methodischem Vorgehen ist, dass er auch seine eigenen Beobachtungen entstellt, wenn er seine Deutungen beweisen will. So geschieht es auch hier. “Das aufmerksame Schauen, das im Traum den Wölfen zugeschrieben wird, ist vielmehr auf ihn [= den Wolfsmann] zu schieben” (GW‑XII:61/­SE‑XVII:35.) Nirgendwo in der Krankengeschichte steht jedoch, dass der Wolfsmann erzählte, die Tiere hätten aufmerksam auf ihn geschaut.

 

Der Wolfmann sagt auch nicht, die Wölfen seien bewegungslos gewesen. Im Traum war er in Angst, dass sie ihn im nächsten Augenblick anfallen und ihn auffressen würden. Freud aber erfindet das Traumdetail der „Bewegungslosigkeit (die Wölfen sitzen regungslos da, schauen auf ihn, aber rühren sich nicht)“. Und dann deutet er das mittels Umkehrung als „heftigste Bewegung“, nämlich Koitus.

 

Marie spricht vom Haupthaar der Amme. Aber nach Freud galt ihr wirkliches Interesse dem Schamhaar. Nur infolge Abwehrmechanismen hat Marie angeblich den Trauminhalt nach oben zum Haupthaar verschoben. Für diese Deutung gibt Freud nicht einmal das Minimum von Begründung, wie für die anderen Deutungen.

 

 

In Doras Krankengeschichte finden wir ein paralleles Beispiel von Verschiebung. „Herr K.“ war der Ehemann der Geliebten von Doras Vater. Als Dora 13 Jahre alt war (nicht 14, wie Freud schreibt), küsste sie Herr K. unter Anwendung von Gewalt. Sie kämpfte sich frei. K. war drei mal so alt wie sie. Nach dieser Begebenheit hatte Dora ein andauerndes Druckgefühl in ihrer Brust (Bruchstücke einer Hysterie-Analyse, GW‑V:187f./­SE‑VII:29).

 

Wenigstens ein Jahr schon vor der Kussattacke litt sie an Hustenattacken, die drei bis sechs Wochen anhielten. Ihre beiden Eltern litten an einer Lungenkrankheit, die eine hereditäre Komponente hat. Die Mutter starb später daran. Freud aber zieht die Möglichkeit einer erblichen, somatischen Ätiologie gar nicht in Betracht. Er beachtet nur, dass der Husten wie sexueller Verkehr rhythmisch ist und wie die Fellatio eine Beziehung zum Mund hat. Auf diese Ähnlichkeiten baut er die Deutung, dass die Hustenattacken durch Doras unbewussten Wunsch verursacht worden waren, am Penis des Herrn K. zu lutschen.

 

Freud übersieht u.a., dass Herr K. einen starken Druck auf Doras Brustkorb ausüben musste, um sie an der Flucht zu hindern. Könnte sein Druck nicht auch Ursache von dem sein, was Freud wie die Ich-Analytiker „einen halluzinatorischen Druck“ nannten?

 

Freud erklärt, Dora habe sich über dem Kussangriff unmittelbar in Herrn K. verliebt. Sie hätte den Druck seines erigierten Glieds gegen ihren Unterkörper gespürt. Sie wagte jedoch nicht, sich ihre Gefühle einzugestehen. Sie fürchtete, Herr K. könnte ihre Vagina ekelhaft finden, weil sie [angeblich!] im Alter von acht Jahre masturbiert hatte. Darum habe sie den gefühlten Druck „vom Unterkörper auf den Oberkörper“ verschoben (GW‑V:188/SE‑VII:29).

 

Oben wurde das Zitat des Psychoanalytikers Jules Glenn angeführt: „Dora, die sich nach diesem Ideal [= Wahrheitsliebe] sehnte, muss Freuds beachtliche Integrität und seine zielbewusste Suche nach Wahrheit in seiner Arbeit, geschätzt haben.“ (Kursivdruck MS).

 

Das Zitat kann nicht unkommentiert bleiben. Es stellt die Wahrheit auf den Kopf. Aber noch so spät wie 1980 hatte die Psychoanalyse eine so starke Stellung, dass Glenn in dieser falschen, propagandistischen Darstellung kein Risiko erkannte.

 

Freud wurde wütend, als Dora die Therapie nach elf Wochen abbrach. Dieser Abbruch war für ihn ein Akt unglaublicher, ihn beschädigender Bosheit. „Wer wie ich die bösesten Dämonen, die unvollkommen gebändigt in einer menschlichen Brust wohnen, aufweckt, um sie zu bekämpfen, muss darauf gefasst sein, dass er in diesem Ringen selbst nicht unbeschädigt bleibe“(GW‑V:272/­SE‑VII:109, kursiv MS).

 

Er schrieb und veröffentlichte die Krankengeschichte offensichtlich, um sich zu rächen. Er führte viel Information darin an, die für das psychologische Verständnis bedeutungslos ist, aber sicherstellte, dass Dora von vielen Menschen erkannt wurde. Um sie zu kompromittieren, fabrizierte Freud zum Beispiel, dass sie homosexuell sei – zu jener Zeit eine extreme Schmähung.

 

Einer der fünf Beweise, die er dazu vorlegte, sieht so aus: „Als Dora bei den K.s wohnte, teilte sie das Schlafzimmer mit der Frau; der Mann wurde ausquartiert.“(GW‑V:222/SE‑VII:61)

 

Der Beweis ist absurd genug. Es wird aber noch schlimmer, weil Freud eine Reihe von Tatsachen verschweigen, verbergen muss, um seine Behauptungen [scheinbar!] zu begründen.

 

Man kann, was er da verschweigt, jedoch auf anderen Seiten auffinden. Das Ganze spielte sich während einer Woche im Sommer 1898 ab. Dora war damals 15 Jahre und acht Monate alt. Sie und ihr Vater waren in das Sommerhaus der Familie K. in den Alpen gefahren. Geplant war, dass Dora den ganzen Sommer dort bleiben und die zwei Kinder der K.s versorgen sollte. Ihr Vater würde nach einer Woche zurückfahren. Das Sommerhaus war zu klein, dass sechs Personen darin bequem wohnen konnten. Sowohl Herr K. wie Doras Vater wohnten deshalb in einem Hotel. Sie waren gute Freunde. Sie hatten sich lange nicht gesehen und wussten, dass sie sich nach dieser Woche für Monate nicht wieder treffen würden. Vielleicht hatten sie auch die gleiche Auffassung davon, wie Männer ihre Abende verbringen und wann sie schlafen gehen sollten. Das Hotel war auch wegen der halb kaschierten Zusammenkünfte von Doras Vater mit Frau K. nötig, zu welchen ihr Gatte taktvoll seine Augen verschloss, während er die selben Augen auf die Fünfzehnjährige warf. Gab es eine „vernünftigere“ Ordnung als die, dass Dora und Frau K. das Schlafzimmer teilten?

 

In Das Unbewusste (GW‑X:265/­SE‑XIV:166) schreibt Freud dazu: „Sie [= die Annahme des Unbewussten] ist notwendig, weil die Daten des Bewusstseins in hohem Grade lückenhaft sind sowohl bei Gesunden als bei Kranken.“ In Wirklichkeit wiederholt sich immer das selbe Muster: Durch Verbergen offenkundiger Tatsachen muss Freud, um Raum für seine Deutungen zu erhalten, Lücken schaffen.

 

 

 

Kapitel VI

Das Prinzip der kausalen Ähnlichkeit

 

Offensichtlich sind die Aussagen Freuds und seiner Nachfolger darüber, wie sie ihre Deutungen konstruieren, absichtlich falsch. Ist es aber möglich, die Regeln aufzufinden und explizit zu formulieren, die sie wirklich anwendeten? Nun, in The Non-Authentic Nature of Freud’s Observations, 1993, Band II, Kap. 36, habe ich sieben dieser Regeln und Grundsätze herausgearbeitet.

 

Nur der erste soll hier näher dargestellt werden. Das Prinzip der (kausalen) Ähnlichkeit besagt, dass eine Ähnlichkeit zwischen Ursache und Wirkung vorliegt. Will man die Ursache eines Symptoms (oder irgendeines Phänomens) aufdecken, muss man eine Begebenheit finden oder erfinden, die dem Symptom (oder des Phänomens) ähnelt.

 

Das Prinzip ist keine psychoanalytische Innovation. Freud hat es aus mythologischem Denken und traditionellem Aberglauben übernommen. Man kann aus den letzen 2000 Jahren willkürlich viele Beispiele angeben. Die drei folgenden Beispiele sind aus Schriften genommen, die seinerzeit als wissenschaftlich angesehen wurden.

 

Im zwölften Jahrhundert schreibt Hildegard von Bingen in „Naturkunde“ (1959, S. 125), dass Taubheit geheilt werden kann, wenn man das noch warme Ohr eines Löwen auf das taube Ohr eines Menschen legt.

 

1621 erklärt Robert Burton in Anatomy of Melancholy (1927, S. 187), die Ursache der Hasenscharte sei, dass die Mutter vor einem Hasen erschrak.

 

„Psychische Heilkunde“ (I‑II, 1817‑1818) war seinerzeit ein sehr geschätztes Fach- und Lehrbuch. Im Kapitel Von dem Einflusse der Phantasie der Mutter auf die Körperbildung der Leibesfrucht schreibt Albert Matthias Vering (Band I, S. 42) von einer Frau, die ein Kind ohne Arme gebar, und erklärt es damit, dass sie während der Schwangerschaft vor einem Bettler ohne Arme erschrak. Vering spricht von der „Menge der Beobachtungen, welche in den Werken so vieler großer und glaubwürdiger Männer älterer und neurer Zeit […] aufgezeichnet sind“.

 

Um 1890 war das Prinzip der Ähnlichkeit in dem Hintergrund gedrängt worden. Dann aber wurde es von Freud wieder aufgenommen und zu einem Grundstein der Psychoanalyse entwickelt. Es bekam so zu erneuter wissenschaftlicher Respektabilität.

 

Sämtliche psychoanalytischen Deutungen korrespondieren mit diesem Prinzip. Husten, Ekzem um den Mund und eine kleine Geschichte namens „Der Mundbleistift“ „sind“ durch wirkliche oder phantasierte Fellatio verursacht. Noch einmal stehen wir vor Deutungen, die nur durch Dazukommen eines ganz wundersamen Zufalls zutreffen können.

 

Das Prinzip der Ähnlichkeit und die Ausdeutung isolierter Details ohne Berücksichtigung der Zusammenhänge passen gut zu einander.

 

 

 

 

 

Kapitel VII

“Die riesige Menge von Beobachtungen” im „dritten Verführungsartikel“

 

Kapitel III war der Frage gewidmet, ob sich die Deutungen Freuds in Bonapartes Fall wirklich auf sehr viele Beobachtungen stützen, d.h. ob sie mit Hartmanns Behauptung in Tabelle (B‑2) übereinstimmen. Nirgendwo hat Freud aber nachdrücklicher die riesige Menge von Beobachtungen beteuert, als im „dritten Verführungsartikel“ (s.u.). Wir werden jetzt genauer untersuchen, ob das stimmt.

 

Das oben angeführte Zitat von Ford & Urban (Kap.1) stimmt mit Hartmanns Behauptungen überein, nach denen Freuds Schriften angeblich zeigen, dass er

(a)    ein überzeugter Empiriker und ein glänzender Beobachter war, der

(b)   umfassende und richtige Beobachtungen machte und

(c)    dessen Theorie auf empirisch gestützten Regularitäten aufbaut.

Angeblich wird das aus seinem dritten Verführungsartikel und aus seinen Krankengeschichten ersichtlich.

 

Freuds sogenannte drei Verführungsartikel wurden alle 1896 veröffentlicht:

 

Der erste heißt: Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. (GW‑I:­377-403)

Der zweite wurde auf französisch abgefasst und steht, nicht übersetzt, in Gesammelte Werke: L’Hérédité et l’étiologie des Névroses. (GW‑I:405‑422). In the Standard Edition steht er in englischer Übersetzung: Heredity and the Aetiology of the Neuroses. (SE‑III:141‑156)

Der dritte Verführungsartikel heißt: Zur Ätiologie der Hysterie. (GW‑I:423‑459). Er breitet Freuds „Verführungstheorie“ aus und erklärt sie als umfassende Erklärung dieser psychischen, psycho-somatischen Störung.

 

 

Der dritte Verführungsartikel ist auch in The Assault on Truth von Jeffrey Masson (1984) als Anhang aufgeführt. Dieses Buch wurde in viele Sprachen übersetzt. Millionen haben es gelesen. Während der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die Verführungstheorie sowohl in der akademischen Welt wie in den Massenmedien ständig debattiert. Alle Diskutanten stimmten darin überein, dass Freuds frühe Patienten ganz von selbst von sexuellen Übergriffen erzählten. Nur in einem Punkt waren sie uneinig. Manche meinten, dass Freud leichtgläubig war, als er anfangs diese Erzählungen glaubte. Andere meinten, er sei, als er später die Erzählungen als Phantasien verwarf, feige gewesen.

 

Wie Ford & Urban 1963 übersahen alle Teilnehmer an diesen Debatten, was Freud in allen drei Verführungsartikeln klar zum Ausdruck brachte, nämlich, dass die Patienten überhaupt nichts von sexuellen Erlebnissen berichteten. Es war Freuds Deutung, dass sie solche Erlebnisse erfahren hatten.

 

Wie erwähnt, berichtet Freud im Brief vom 3.1.1897 Fliess vertraulich, dass und wie er Deutungen selbst erfand und brutale Überredungstechniken anwandte, um sie den Patienten aufzuzwingen.

 

Ford & Urban plagiierten die Kunstgriffe, die Freud seinen offiziellen Darlegungen zufolge anwandte, als sie schrieben, dass er seine Theorien aus einer Menge von Beobachtungen induktiv ableitete und er später seine Theorie nur änderte, um die gleichen Beobachtungen besser zu erklären.

 

Weil das auch viele Leser und Kommentatoren Freuds verkannten, ist es angebracht, diesen dritten Verführungsartikel „Zur Ätiologie der Hysterie“ näher zu prüfen. Freud versicherte hier, er habe die wahre Ursache der Hysterie entdeckt. Außerdem habe er die einzig mögliche Behandlungsmethode entwickelt.

 

Durch einen Trick schaffte es Freud, das fast vollständige Fehlen klinischer Beobachtungen zu verbergen. Er gab vor zu schwanken, ob er erst – so fragt er in GW‑I:439/SE‑III:203 „sich selbst“ – sein tatsächliches Material „ausbreiten“ oder besser zuerst der „Masse von Einwänden und Zweifel […] begegnen“ und danach die Beweise anführen solle? Er tut so, als sei es ziemlich bedeutungslos, welche Alternative er wählte. Er beginnt mit den Einwänden, denn, wie er sagt, wenn die Einwände zerlegt sind, dann können wir „um so ruhiger beim Tatsächlichen verweilen.“ Er reiht dann eine Menge von Einwänden auf, gibt Pseudo-Antworten darauf und beendet den ganzen Artikel, bevor er irgend etwas zu den Beweisen ausgeführt hat!

 

Die Beobachtungen im dritten Verführungsartikel („Zur Ätiologie der Hysterie“) sind ausnahmslos oberflächlich und ohne wirklichen Belang. Auch sind es überhaupt nur sehr wenige Beobachtungen. Aber weil sie über den ganzen Artikel verstreut sind, schaffen es viele Leser nicht, ihrer Seltenheit, ihrer Banalität und ihrer mangelnden Beweiskraft gewahr zu werden.

 

Deshalb ist es kein unnötiger methodischer Kniff, den in dem Artikel angeführten zwölf weiblichen und den sechs männlichen Patienten – Freud stützte die Gültigkeit seiner Verführungstheorie just auf sie – einmal Namen zu geben und sämtliche Beobachtungen und Deutungen über jeden Patienten so in getrennten Biographien zusammenzustellen und sie so besser verfolgbar zu machen. Ich habe die erfundenen Namen alphabetisch angeordnet: Alice, Beatrice, Christina, Desirée, Elsa, Florence u.s.w., Michael, Nathan, Otto u.s.w.

 

Merken wir uns, dass die aller umfassendste Biographie zu „Alice“ gehört. Und im Fall von Alice sieht die Unmenge der Tatsachen und Schlüsse so aus:

 

Symptome: „Hauptsymptome der Neurose“ waren „eigentümliche schmerzhafte Empfindungen in den Genitalien“ und Selbstvorwurfe, weil sie das Verhalten des Knaben während der auslösenden Begebenheit geduldet hatte.

Auslösung des Symptoms: […] „ein ihr befreundeter Knabe streichelte zärtlich ihre Hand“ und drängte „seinen Unterschenkel an ihr Kleid“, während sie nebeneinander bei Tische saßen, wobei „seine Miene sie erraten ließ, es handle sich um etwas Unerlaubtes“. Alice hat sich „die entsetzlichen Vorwürfe macht, weil sie [das] geduldet“ hat.

Alter bei der Auslösung: Pubertät. Alice war eine junge Dame.

Ursprüngliche kausale Begebenheit: [Überhaupt keine Information.] [Für eine kausale Begebenheit ist es eine Grundbedingung, dass sie sich im Alter von zwei bis vier Jahren abspielten. Spätere Erfahrungen können ein Symptom auslösen, aber es nicht verursachen.]

Weitere Bemerkungen: Freud sagt explizit, dass die ursächliche Begebenheit „mit so viel Mühe“ „aus dem Erinnerungsmateriale“ „entdeckt und herausgezogen“ wurde. Die Patienten berichteten, schreibt er, nicht „spontan“ von ihren sexuellen Erlebnissen, sondern die „Erinnerungen“ wurden „Stück für Stück“, „unter dem kraftvollsten Druck des analytischen Verfahrens und gegen einen enormen Widerstand“ gewonnen.

(GW‑I:436, 437, 418, 455/­SE‑II:200f., 217f., 153, 217)

 

Diese klinischen Daten stehen in Zur Ätiologie der Hysterie verstreut an vier unterschiedlichen Stellen. Ich habe in The Non-Authentic Nature of Freud’s Observations, 1993, Band I, Ss. 137‑139, sämtliche Daten aller Patienten zusammengestellt. Hier wird ersichtlich, dass Freud von 11 der 18 Patienten außer über deren Geschlecht überhaupt keine Informationen gab. Eigentlich ist es noch schlimmer. Denn es ist aus Freuds Artikel auch unmöglich zu erkennen, ob Alice und Beatrice die gleichen Personen sind wie Desirée und Elsa. Falls sie identisch sind, gibt es über 13 Patienten überhaupt keine Information.

 

Der zentralste Bestandteil von Freuds Theorie ist das Postulat eines Zusammenhangs zwischen den gegenwärtigen Symptomen und den [angeblichen] kausalen Erlebnissen im Alter von zwei bis vier Jahren. Sehr merkwürdig ist da, dass nur von zwei Patienten (Florence und Michael) sowohl die Symptome wie die kausale Begebenheit erwähnt werden. Wie man aber aus der Biographie von Alice sieht, räumte Freud ein, dass er alle Begebenheiten konstruierte. Die Patienten erinnerten sie nicht. Aus anderen Quellen, etwa Freuds Briefen an Fliess, wissen wir auch, dass kein Patient ein sexuelles Ereignis aus der Kindheit erinnerte – und dass auch kein Patient geheilt wurde.

 

 

Felix Gattel war Psychiater in Berlin. Er scheint der erste Berufsvertreter gewesen zu sein, den Freud in seiner Methode ausbildete. 1897 kam Gattel nach Wien, um zu lernen, wie man Patienten psychoanalysiert. In Krafft-Ebings Sexualklinik untersuchte er auch aufeinander folgend 100 Patienten.

 

Richard von Krafft-Ebing ist vor allem durch sein bahnbrechendes Buch Psychopathia sexualis (1886) bekannt, in welchem er auf Grund von Krankengeschichten sexuelle Abnormitäten, aber auch Geschehen wie klitorischen Orgasmus und weiblichen Genuss beschrieb. Bis zu seinem Tod 1902 erschienen zwölf Ausgaben.

 

Gattel veröffentlichte alle hundert Biographien in einem Buch Über die sexuellen Ursachen der Neurasthenie und Angstneurose (1898). In The Non-Authentic Nature of Freud’s Observations, Band II habe ich in den Kapiteln 38‑43 sämtliche Biographien methodisch, gründlich analysiert. Auch sind alle Biographien von Patienten, denen Gattel die Diagnose „Hysterie“ gab, und zudem das Protokoll einer (1897 ausgeführten) psychoanalytischen Behandlung wiedergegeben.

 

Viele gravierende Irrtümer scheinen da auf. Einige sollen vorgestellt werden. An sich ist Gattel nicht wichtig. Wichtig ist Freuds Reaktion auf seine Theorien und Resultate. Sie gibt bedeutsame Auskunft über die Natur von Freuds eigener Forschung.

 

Im Gegensatz zu Freud kann Gattel aber nicht verdächtigt werden, Beobachtungen fabriziert zu haben. Seine Beobachtungen sind auch nicht ganz so trivial wie die Freuds. Gattel zieht jedoch, wenn ein Patient je masturbierte, direkt den Schluss, dass Masturbation die Ursache seiner Krankheit sei. Er kümmert sich nicht darum, ob die Symptome viele Jahre vor der Masturbation auftauchten oder viele Jahre nach deren Ende. Er fand auch eine erstaunliche Korrelation zwischen Masturbation und Magenbeschwerden. Wir wissen, dass es eine solche Beziehung nicht gibt und müssen so für letztere andere Erklärungen annehmen. Gattel fragte Patienten, die masturbierten oder angaben, masturbiert zu haben, viel häufiger als andere nach Magenbeschwerden. Oder er fragte Patienten mit Magenbeschwerden viel häufiger als andere nach Masturbation. Oder beides. Wenn aber Masturbation vorlag, war seine Diagnose immer “Neurasthenie”.

 

Wenn der Patient „kein Geschlechtsleben“ hatte, zog Gattel immer den Schluss, seine sexuelle Abstinenz sei die Krankheitsursache. Die Diagnose war dann immer „Angstneurose“. Gab es aber Perioden mit Masturbation und andere Perioden mit völliger Abstinenz, sah er die Krankheit als gemeinsame Wirkung beider an und seine Diagnose war sowohl „Angstneurose” wie “Neurasthenie”.

 

“Hysterie” aber ist die Wirkung früher sexueller Erlebnisse. Mit wenigen Ausnahmen erwähnte Gattel als einzig relevante Erlebnisse Erektionen, sexuelle Träume oder nächtliche Samenergüsse, die der Patient „in frühem Alter“ hatte. Es ist nicht erkennbar, welches Alter Gattel als „früh“ ansah. Da er aber einmal einen Achtjährigen als kleines Kind bezeichnet, hatten seine hysterischen Patienten vielleicht keine ganz ungewöhnlichen Erfahrungen.

 

Ein einziger Patient war von einem 15-jahrigen Mädchen verführt worden, als er drei Jahre alt war. Gattel sah eine kausale Erfahrung auch darin, dass ein vierjähriger Knabe an die Geschlechtsteile eines nur wenig älteren Mädchens gegriffen hatte.

 

Die Diagnose “Hysterie” stellte Gattel stillschweigend in zwei weiteren Fallkategorien, nämlich jedes Mal,

(a)    wenn der Patient viele Symptome hatte; und jedes Mal,

(b)   wenn der Patient einen physischen Unfall erlebt hatte, aber keine nachfolgenden physische Schäden gefunden werden konnten.

Hier sollte man sich merken, dass trotz unstrittig enormer Vorschritte der Neurologie während der letzten hundert Jahre auch heute posttraumatisch noch lange nicht alle physischen Schäden entdeckt werden können.

 

Es gibt auch in Gattels Biographien letztlich sehr wenige Details. Den folgenden Fall findet man auf S. 30f.:

 

Johanna K., Verkäuferin.

Alter: 20.

Dauer der Krankheit: 8 Jahre.

Heredität und frühere Erkrankungen: Vor 8 Jahren Sturz auf den Kopf.

Subjektive Beschwerden: Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, allgemeine Angst.

Somatischer Befund: Keiner.

Sexualbeziehungen: Menstruation bei 13, frühe Entwicklung oder Vorkommen von Brüsten und Schamgegend, sexuelle Träume und häufige sexuelle Erregung beim Anblick von Männern. Nicht möglich herauszufinden, ob sexuelle Erlebnisse in ihrer frühen Kindheit vorliegen.

Diagnose: Hy.? An. [= Hysterie? Angst Neurose]

(Layout MS)

 

Die Symptome fingen also mit 12 Jahren an, ein Jahr vor der ersten Menstruation. Gattels Schluss ist nichtsdestoweniger, dass sexuelle Abstinenz die erstrangige Ursache der Beschwerden war. Das Fragezeichen nach „Hy.“ bedeutet, dass der Sturz auf den Kopf möglicherweise eine sekundäre Ursache war: ein physischer Unfall, der keinen physischen Schaden hinterließ.

 

Freud schätzte Gattels Biographien außerordentlich. Er lud ihn zu einem Ferienaufenthalt in Italien ein. Er erwartete aber auch, dass er als Mitverfasser von Gattels Buch genannt würde. Als das nicht geschah, wurde er sehr zornig. Er beschuldigte Gattel des Plagiats. In einem noch nicht veröffentlichten Brief unbekannten Datums schrieb Freud: “Es ist für mich sehr ärgerlich, ihm zu sagen, dass, selbst wenn er diese Sachen weiter verfolgt hätte, er sie möglicherweise nicht als seine eigene Arbeit veröffentlichen könnte –  It is very distressing for me to tell him that even if he had pursued these matters further, he cannot possibly publish them as his own work.” (Hier zitiert nach Sulloway: Freud – Biologist of Mind, 1979, S. 515, rückübersetzt). Sulloway führt auch Fliess’ Zeugnis an, dass Freud Gattel als Plagiator ansah.

 

Nach Freuds Auffassung waren Biographien wie die von Johanna K. Plagiate seiner eigenen Entdeckungen. Diese Beurteilung gibt unzweideutige Information über die Natur von Freuds eigenen Beobachtungen sowohl 1896 als auch später. Es sind extrem wenige, extrem äußerliche, banale und ohne jeden Beweiswert. Wenn Freud meint, seine Schlüsse (Deutungen) würden von solchen Beobachtungen bestätigt, beweist er schlechte Urteilskraft.

 

Andere Umstände verraten dies ebenso. Am 15.02.1901, also sechs Jahre später, schreibt Freud an Wilhelm Fliess:

 

“… Das dritte, was ich begonnen, ist etwas ganz Harmloses; die reine Wasserkocherei der armen Leute. Ich sammelte die Notizen über die Neurotiker in der Ordination, um zu zeigen, was eine notwendig flüchtige Beobachtung von den Beziehungen zwischen Vita sexualis und Neurose enthüllt, und um Bemerkungen daran zu knüpfen. Also etwa dasselbe, womit sich Gattl seinerzeit so unbeliebt in Wien gemacht hat. Da … die Ordination sehr spärlich geht, habe ich bis jetzt erst sechs Nummern […] beisammen […]” (kursiv MS, Freuds fehlerhafte Buchstabierung von Gattels Namen)

J. M. Masson, Sigmund Freud, Briefe an Wilhelm Fliess, 1999, Ss. 480

 

 

Falls Freud 1896 die Wahrheit berichtete, hätte er schon zu dieser Zeit seine Beobachtungen gesammelt.

 

Er stellte aber 1896 die Art der (angeblichen und selbst gesammelten) Erinnerungen auch dar als „Szene, die“ der Kranke „mit allen zu ihr gehörigen Empfindungen zu durchleben schien“ (GW‑I:441/­SE‑III:205). Was Gattel von Johanna K. und den anderen Patienten berichtet und was er, Freud, in o.g. Zitat selbst berichtet, ist aber weder Szene, noch Durchleben, noch eine Zustand mit allen zu der Szene gehörigen Empfindungen.

 

 

 

 

 

Kapitel VIII

 

Die „Bestätigungen“ von Deutungen in „Zur Ätiologie der Hysterie“, einige Lügentechniken und Lügenindikatoren

 

Vorgeblich erhielt Freud „einen wirklich unantastbaren Beweis für die Echtheit der sexuellen Kindererlebnisse“ dadurch, dass außenstehende Personen die Realität dieser Begebenheiten bezüglich zweier Patienten, nämlich Christinas und Desirées, bezeugten (GW‑I:442f./­SE‑III:206). Der entscheidende Punkt ist hier, dass seine Darstellung „Lügenindikatoren“ beinhaltet, bezüglich Desirées sehr starke Indikatoren. (In den folgenden Zitaten werde ich kursiven Druck zur Verdeutlichung einfügen.)

 

Vorgeblich erzählte Christinas Bruder Freud „wenigstens“ [!] Sexualerlebnisse mit ihr, jedoch „nicht die frühesten“ [!] Selbst wenn das wahr wäre, berichtete er also weder ursächliche noch verdrängte noch wiederaufgedeckte Erlebnisse, wie Freud sie wiederaufgedeckt zu haben vorgab. Auch wird nichts über die Art der Erlebnisse gesagt. Der Bruder berichtete bestenfalls von anderen Erlebnissen aus der „späteren Kindheit“ der Schwester.

 

Anderswo (GW‑I:449/­SE‑III:212) schreibt Freud, dass infolge seiner klinischen Erfahrung, sexuelle Erlebnisse nach dem Alter von acht Jahren keine psychische Schaden bewirken könnten. Was aber meint Freud, wenn er von der „späteren Kindheit“ spricht? Das Problem ist die Authentizität und die kausale Bedeutung von Erlebnissen im Alter von zwei bis vier Jahren. Was der Bruder „bestätigte“, muss also völlig irrelevant sein.

 

Der Bruder bestätigte „die Tatsache“ [!] von „weiter zurückgreifenden [!] sexuellen Beziehungen“. [Warum spricht Freud von „zurückgreifenden“ und nicht von „zurückliegenden“?] Anderswo (GW‑I:435/­SE‑III:199) behauptet Freud, er habe sämtliche verdrängten und kausalen Erlebnisse wiederaufgedeckt. Würde er solch irrelevante (kausal nach seiner eigenen Theorie nichts beweisende) Beweise anführen, wenn er wirklich sexuelle Erlebnisse aufgedeckt hätte, bei denen der Bruder eine Rolle spielte?

 

Zu den klassischen Lügentechniken gehört, unbestimmte, unbestimmbare Formulierungen zu benützen, die kaum etwas aussagen. Denn dadurch verpflichtet sich der Lügner eigentlich zu nichts und seine Darstellung ist immun gegen Einwände.

 

Wenden wir uns jetzt Desirée zu, der anderen Patientin, für die Freud vorgab, durch das Zeugnis von außenstehenden Personen die Bestätigung sexueller Kindheitserlebnisse erhalten zu haben (GW‑I:442f./­SE‑III:206). Merken wir uns, dass Freud solche Bestätigungen von zwei Patienten insgesamt erhielt, dass Christina die eine Patientin war und dass es folglich Raum nur für einen weiteren Patienten außer Christina gibt.

 

Desirée und Else hatten an derselben Begebenheit teilgenommen. Der dritte Teilnehmer wird als “die nämliche männliche Person” beschrieben. Dieser Ausdruck – nicht geradeaus ein Mann, sondern eine Person männlichen Geschlechts – ist eigenartig. Es scheint, dass Freud etwas verbergen wollte und deshalb unbestimmt ließ, ob dieser Teilnehmer ein Kind oder ein Erwachsener war.

 

Sowohl Desirée wie Elsa waren Freuds Patienten. Desirée hat [angeblich] von einer sexuellen Begebenheit berichtet, die sie und Elsa und “eine männliche Person” einschloss. Elsa hat [angeblich] von der selben Begebenheit berichtet. Elsa hat dadurch Desirées Erzählung bestätigt. Und damit hat Freud die Bestätigung von Desirées Erzählung gewonnen.

 

Nun gut. Aber falls beide Patientinnen von der selben Begebenheit erzählten, dann hat nicht nur Elsa Desirées Bericht bestätigt, sondern Desirée hat zugleich Elsas Bericht bestätigt. Es ist logisch notwendig, dass beide Patientinnen beide Berichte gegenseitig bestätigten.

 

Und genau das ist es, was Freud übersieht. Er glaubt, dass in dieser Situation Elsa Desirées Erzählung bestätigen könnte, ohne dass Desiree zugleich Elsas Erzählung bestätigte.

 

Sehr viele Menschen, auch sehr viele Lügner, sind mit den kleinsten, unauffälligen Zügen der Wirklichkeit nicht vertraut genug. Unter anderem sehen sie an den Details vorbei, die noch hinzukommen würden, wenn ihre Kernbehauptung zuträfe. Meistens sind sie nicht in der Lage, die vollständige Situation zu erfinden, die wahr sein könnte.

 

Freuds Kernlüge ist, dass Desirées Bericht bestätigt wurde. Aber er hat nicht vor Augen, dass diese Kernlüge impliziert, dass die Berichte beider Patientinnen sich gegenseitig bestätigen würden. Er müsste folglich Bestätigung außer von Christina von zwei Patienten, d.h. insgesamt von drei Patienten, erhalten haben.

 

Freud würde nicht einen so wirklichkeitsfremden Fehler gemacht haben, hätte er an reale Berichte gedacht, die reale Patienten erzählt hatten. Der vorliegende Fehler beweist, dass er konfabulierte, ohne authentische Umstände bedacht zu haben.

 

Unzählige Freud-Leser haben diesen Fehler offensichtlich nie bemerkt.

 

Weiter: Steht irgendwo in Freuds Text, dass alle achtzehn Patienten, oder wenigstens einer von ihnen geheilt wurden? Nirgendwo steht das. Statt dessen überlässt uns Freud die folgenden drei Sätze (S‑):

 

S‑1         Jedes Symptom jedes der achtzehn Patienten wurde durch ein verdrängtes Erlebnis sexueller Verführung verursacht, das sich im Alter von zwei bis vier Jahren zugetragen hatte. (GW‑I:435, 449/­SE‑III:199, 212)

S‑2         Jedes verdrängte Erlebnis jedes Patienten wurde in Beziehung zu jedem Symptom wieder erinnert. Jeder Patient erinnerte ursächliche Erlebnisse aus dem Vorschulalter wieder. (GW‑I:448/­SE‑III:211f.)

S‑3         Wenn das verdrängte ursachliche Erlebnis wiedererinnert wird, verschwindet das mit diesem Erlebnis verbundenes Symptom. (GW‑I:448/­SE‑III:211f.)

 

Eine logisch notwendige Folge aus diesen drei Sätzen ist, dass sämtliche Symptome bei sämtlichen Patienten verschwanden. Jedoch stellt Freud diese logische Implikation ausdrücklich nie vor.

 

Er sagt, dass jedes hysterische Symptom von einem verdrängten Erlebnis aus der Vorschulalter stammt und dass er jedes verdrängte Erlebnis wieder aufdeckte. Nichtsdestoweniger sagt er auf einer anderen Seite folgendes:

 

S‑4         Jeder hysterische Patient hat sowohl Symptome, die aus dem Vorschulalter stammen als auch andere Symptome, die nicht aus dem Vorschulalter stammen. (GW‑I:449, 451/­SE‑III:212, 214)

 

Offensichtlich kann sich Freud nicht von einer Seite zur nächsten an seine eigenen Lügen erinnern.

 

Wir erhalten keine Auskunft darüber, wie man die beiden Symptom-Kategorien unterscheiden könnte. Ist die Art der Symptome mit und die ohne infantile Wurzeln völlig, teilweise oder niemals dieselbe?

 

Freud denkt in dem „dritten Verführungsartikel“ nicht an sexuelle Übergriffe Erwachsener, sondern vor allem an sexuelle Spiele zweier Vorschulkinder. Er berichtet jedoch nicht, wie viele seiner Patienten als Kinder nur „Spiele spielten“.

 

Zwei Kinder können sexuelles Spiel betreiben, ohne dass ein Erwachsener beteiligt ist. Dann ergriff, so Freud, eines der Kinder die Initiative. Er bringt nun zwei Verallgemeinerungen vor, die zwar nur für die Initiatoren gelten sollen, angeblich aber bei seiner ganzen Gruppe von achtzehn Patienten bestätigt wurden. Das ist alles aber unstimmig, ja unmöglich:

 

S‑5         Jedes Kinder-Sex-ohne-Erwachsene „initiierende“ Kind [also Knaben sowohl als Mädchen] war vordem von einem Erwachsenen verführt worden. (GW‑I:452/­SE‑III:215)

S‑6         Einige von den Kinder-Sex-ohne-Erwachsene initiierenden Knaben waren von Erwachsenen früher nicht verführt worden. (GW‑I:445/­SE‑III:208)

 

Wenn Freud auch nur einen einzigen Patienten geheilt hätte, wäre sein Einsatz viel größer gewesen, als aus all den hölzernen Behauptungen in dem dritten Verführungsartikel (Zur Ätiologie der Hysterie) erkennbar wird. Dann hätte er einen solchen Patienten einigen seiner Kollegen vorstellen können. Er hätte dokumentarisch die früheren Symptome, das Verschwinden derselben und die Wiedererinnerungen während der Behandlung belegen können. Insbesondere hätte er die enge zeitliche Beziehung zwischen dem Aufkommen der Wiedererinnerungen und dem Verschwinden der Symptome zu belegen vermocht. Manche nehmen den Umstand, dass Freud die Verführungstheorie bald, wenn auch nie vollständig, aufgab, als Entlastung für ihn. Er ging aber nur von einer Lüge zur nächsten über. Er blieb ein Lügner.

 

Es ist nicht vorstellbar, dass Freud sich dessen nicht bewusst war. Die Tatsache, dass er es, statt einen geheilten Patienten vorzustellen, vorzog, leere Phrasen zu dreschen, kann kaum anders gedeutet werden, als dass keiner der Patienten geheilt wurde, was Freud ja letztlich in den Briefen an seinen Intimus Fliess vertraulich mehrmals auch eingestand  (Z‑):

 

Z‑1       “…Wenn uns beiden [= Freud und Fliess] noch einige Jahre ruhiger Arbeit vergönnt sind, werden wir sicherlich etwas hinterlassen, was unsere Existenz rechtfertigen kann. In diesem Bewusstsein fühle ich mich stark gegen alle Sorgen und Mühen des Tages. […] Ich habe die Überzeugung, dass ich die Hysterie und Zwangsneurose definitiv heilen kann, gewisse Bedingungen der Person und des Falles zugegeben.” [2.4.1896]

Z‑2      “…Gib mir noch zehn Jahre und ich mache die Neurosen und die neue Psychologie fertig …” In dem selben Brief gibt Freud seiner Hoffnung Ausdruck, dass er in einigen Wochen bis Monaten (Ostern 1897) den ersten Patienten seines Lebens geheilt haben werde. „Vielleicht habe ich bis dahin einen Fall zu Ende gebracht…“ [3.1.1897]

Z‑3      Freud erreichte die Heilungen nicht, mit denen er gerechtet hatte. Er ist jetzt davon überzeugt, dass alles, was verdrängt worden ist, für immer verdrängt bleibt. „…Ich glaube an meine Neurotica nicht mehr … Die fortgesetzten Enttäuschungen bei den Versuchen, eine Analyse zum wirklichen Abschluss zu bringen, das Davonlaufen der eine Zeitlang am besten gepackten Leute, das Ausbleiben der vollen Erfolge […] Ich könnte mich sehr unzufrieden fühlen. Die Erwartung des ewigen Nachruhms war so schön…“ [21.9.1897]

(J.M. Masson, Sigmund Freud – Briefe an Fliess, S. Fischer, 1999, Ss. **190, 231f., 281f., kursiv MS)

 

Z‑1 wurde geschrieben neunzehn Tage, bevor Freud am 21.04.1896, 40-jährig, vor dem Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien den „dritten Verführungsartikel“ vortrug. Schon am 05.02.1896 sandte er die beiden ersten Verführungsartikel ab, in welchen er behauptete, dreizehn hysterische Patienten geheilt zu haben. Falls seine Behauptungen über therapeutisches Gelingen wahr wären, hätte er schon etwas geleistet, was Nachruhm rechtfertigte. Er würde dazu nicht mehr viele weitere Jahre benötigen. In dem privaten Brief aber drückt er nur seine subjektive Überzeugung aus, dass er unter gewissen Umständen Hysterie werde heilen können.

 

Z‑2 und Z‑3 wurde geschrieben 8½ und 17 Monate nach dem genannten Vortrag.

 

Wenn kein Patient geheilt wurde, musste Freud mit der Gefahr rechnen, dass einige Patienten später andere Ärzte aufsuchen würden. Diese würden erkennen, dass sie zu den Patienten gehörten, die Freud angeblich vollkommen geheilt hatte.

 

Um einem Aufkommen seiner Lügen vorzubeugen, baute Freud eine „Rettungskonstruktion“ in seinen Text ein.

 

Eine häufige Lügentechnik ist, sowohl die wahre wie die falsche Information in der selben Schrift unterzubringen. Die falsche Information kann wiederholt werden und auf ins Auge fallenden Stellen stehen. Bei der wahren Information genügt es, sie nur ein Mal anzuführen. Sie kann an verborgener Stelle stehen

(a)   als Nebenbemerkung bei Behandlung eines anderen Themas;

(b)   in einem Nebensatz; und

(c)   in so dunklen Formulierungen, dass die meisten Leser oder Zuhörer gar nicht merken, was gesagt wurde.

 

Würde ein Leser die Falschheit der Haupt-Information ausfindig machen und den wahren Stand der Dinge hervorheben, dann kann der Verfasser erwidern, ihn träfe der Einwand nicht. Er selbst habe ja genau dasselbe wie der Kritiker schon gesagt.

 

Freuds Theorie ist, dass jedes hysterische Symptom durch Verdrängung eines im Alter von zwei bis vier Jahre erlebten sexuellen Erlebnisses verursacht sei.

 

„Wenn Sie [= die Zuhörer oder Leser] meine Behauptung, die Ätiologie auch der Hysterie läge im Sexualleben, der strengsten Prüfung unterziehen, so erweist sie sich als vertretbar durch die Angabe, dass ich in etwa achtzehn Fällen von Hysterie diesen Zusammenhang für jedes einzelne Symptom erkennen und, wo es die Verhältnisse gestatteten, durch den therapeutischen Erfolg bekräftigen konnte.“ (GW‑I:435/­SE‑III:199, kursiv MS)

 

Es gibt mehr als einen Fehler in diesem Satz. Ich will aber nur einen hervorheben. Gewiss ist Freuds Formulierung auf den ersten Blick sonderbar und schwer verständlich. Was sagt er eigentlich?

 

Er spricht von seiner Theorie, dem Zusammenhang zwischen Symptomen und kausalen Erlebnissen. Er sagt erst, diese Theorie sei bezüglich aller achtzehn Patienten bestätigt worden, sagt aber nichts darüber, wie sie bestätigt wurde.

 

Er fügt dann aber doch hinzu, dass die Theorie daneben in einer bestimmten Weise bestätigt wurde, nämlich durch den aus ihr hervorgehenden therapeutischen Erfolg. In dieser Weise wurde die Theorie jedoch nicht für alle achtzehn Patienten bestätigt, sondern nur, „wo es die Verhältnisse gestatteten“.

 

Mit anderen Worten: „Die Verhältnisse gestatteten es nicht“, dass die Theorie bezüglich aller achtzehn Patienten „durch den therapeutischen Erfolg bestätigt wurde“.

 

Das kann nur bedeuten, dass für alle achtzehn Patienten therapeutischer Erfolg nicht vorlag.

 

Freuds eigentümliche Formulierungen sind Zeichen eines virtuosen Lügners. Die in ihnen verborgene Information wird sehr wenigen Lesern oder Zuhörern auffallen.

 

 

 

 

 

Kapitel IX

“Die Psychoanalytiker beeinflussen ihre Patienten nicht”

 

Von den elf Behauptungen Hartmanns in obiger Aufstellung haben wir die ersten sieben widergelegt. Jetzt sind die vier letzten an der Reihe.

 

Ihr gemeinsames Thema ist: Die Psychoanalytiker beeinflussen ihre Patienten gar nicht oder kaum. Die psychoanalytische Situation sei (fast) konstant und mit einer experimentellen Situation vergleichbar. Wegen dieser Konstanz kämen alle Reaktionen des Patienten unabhängig vom Verhalten des Psychoanalytikers zustande und rührten ausschließend aus dem Inneren der Patienten.

 

Die Doktrin der Nicht-Beeinflussung hat u.a. mit der Tatsache zu tun, dass die meisten Patienten letztendlich an die Deutungen der Analytiker glauben. Die Doktrin wurde schon von Freud aufgestellt. Er hat sie 1895, 1896 und 1937 in fast denselben Worten ausgesprochen:

 

“Man überzeugt sich dabei mit Erstaunen, dass man nicht imstande ist, dem Kranken über die Dinge, die er angeblich nicht weiss, etwas aufzudrängen oder die Ergebnisse der Analyse durch Erregung seiner Erwartung zu beeinflussen. Es ist mir kein einziges Mal gelungen, die Reproduktion der Erinnerungen oder den Zusammenhang der Ereignisse durch meine Vorhersage zu verändern und zu fälschen.” (GW‑I:300/­SE‑II:295)

 

“Dass der Arzt dem Kranken derartige Reminiszenzen aufdränge, ihn zu ihrer Vorstellung und Wiedergabe suggeriere, ist weniger bequem zu widerlegen, erscheint mir aber ebenso unhaltbar. Mir ist es noch nie gelungen, einem Kranken eine Szene, die ich erwartete, derart aufzudrängen, dass er sie mit allen zu ihr gehörigen Empfindungen zu durchleben schien.” (GW‑I:441/­SE‑III:204f.)

 

“Die Gefahr, den Patienten durch Suggestion irre zu führen, indem man ihm Dinge ’einredet’, an die man selbst glaubt, die er aber nicht annehmen sollte, ist sicherlich maßlos übertrieben worden. Der Analytiker müsste sich sehr inkorrekt benommen haben, wenn ihm ein solches Missgeschick zustoßen könnte; vor allem hätte er sich vorzuwerfen, dass er den Patienten nicht zu Wort kommen liess. Ich kann ohne Ruhmredigkeit behaupten, dass ein solcher Missbrauch der ’Suggestion’ in meiner Tätigkeit sich niemals ereignet hat.” (GW‑XVI:48f./­SE‑XXIII:262).

 

Diese Doktrin ist jedoch völlig unvereinbar mit Bonapartes Bericht und Artikel. Das oben angeführte Bonaparte-Zitat soll hier mit einem deutlicheren Lay-Out wiederholt werden:

 

[a]„Anfangs akzeptierte die Patientin diese Deutung ihres Traumes nicht; sie [b] reagierte gegen sie sogar heftig; aber der Psychoanalytiker [c] fuhr in seiner Behauptung beharrlich fort.“

“The patient did [a] not at first accept this interpretation of her dream, she even [b] reacted violently against it, but [c] the analyst persisted in his assertion.”

 

Die Techniken Freuds wie später Bonapartes, Zustimmung zu erreichen, unterschieden sich kaum. Auch Hartmann postulierte die Doktrin der Nicht-Beeinflussung und bestand im gleichen Atemzug auf der Indoktrination als einer wissenschaftlichen Methode!

 

 

 

 

 

Kapitel X

Schlussbemerkungen

 

Wenn ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen überhaupt keine Beobachtungen, Theorien, Methoden, Ideen, Argumente oder therapeutische Resultate hervorbrachten und es dennoch zu großem Prestige bringen wollen, kann es eine raffinierte, propagandistische Technik sein, sich großer Mengen und der Originalität gemachter Beobachtungen, Theorien, Methoden u.s.w. zu rühmen.

 

Psychoanalytische Beobachtungen wie auch eine psychoanalytische Beobachtungsmethode geben es nicht. In den psychoanalytischen Schriften kommen nur Beobachtungen, Traumbilder und Traumberichte vor, die jedem Laien zugänglich sind. Das Verfahren der Psychoanalytiker ist, wenige einfache Tatsachen zur Stützung für Deutungen auszusuchen, die schon vorher konstruiert worden waren, weil diese Tatsachen sowohl gebraucht als auch missbraucht werden können.

 

Zur Zeit der Ich-Analytiker, d.h. in den 1950er bis 70er Jahren, schien es, dass die Psychoanalyse am leichtesten Prestige gewinnen könnte, wenn sie vorgab, sie habe im Grunde denselben Charakter wie die übrigen wissenschaftlich-psychologischen Theorien. Die Ich-Analytiker waren nicht die ersten, die die These fabrizierten, Freud sei ein glänzender Beobachter gewesen; das hatte dieser selbst oft genug behauptet. Die Ich-Analytiker waren aber die Ersten, die erfanden, dass Freud seine Theorien auf dem Boden seiner Beobachtungen induktiv aufgebaut habe.

 

Zwei grundsätzliche Einwände werden oft und wurden so auch bei der anfangs vorgestellter Konferenz übersehen. Die Deutungen, die da angeblich verifiziert worden waren, waren überhaupt nicht aus der psychoanalytischen Theorie abgeleitet worden. Auf Grund der Tatsache, dass Bonaparte im Alter von sieben Jahren eine kleine Geschichte mit dem Titel „Der Mund-Bleistift“ verfasst hatte, konstruierte Freud die Deutung, dass Bonaparte über Fellatio nicht phantasiert, sondern diese Sexualvariante gesehen hatte.

 

Insofern haben die hier vorgebrachten Deutungen eine verstehbare Beziehung zur Theorie. Es ist kein Fehler der Theorie, dass sie bestimmte Personen nicht identifizieren kann. Dagegen machten Freud, Bonaparte, Jones und Hartmann einen schweren methodologischen Fehler, als sie glaubten und behaupteten, ihre Identifikationen aus den Theorie abgeleitet zu haben.

 

Die meisten Teilnehmer oder Leser des Kongress(-Bericht)es haben die aufgestellten konkreten Behauptungen nicht kontrolliert, etwa, dass die Psychoanalyse bessere Voraussagen machen könne als andere psychologische Theorien, die sehr wohl verifiziert sind. Der Hauptgrund kann nur sein, dass viele Leser weder bezüglich der Größe noch der Grobheit der Freudschen Lügen Verdacht schöpften.

 

 Für seine linguistische Unterstützung danke ich dem Herausgeber der deutschen

INFC-Site, Herrn Dr. Weinberger.   Max Scharnberg

 

 

Literatur-Verzeichnis

 

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